ADB:Seifritz, Max

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Artikel „Seifriz, Max“ von Karl von Stockmayer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 310–313, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Seifritz,_Max&oldid=- (Version vom 19. November 2019, 17:27 Uhr UTC)
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Seifriz: Max S., Dirigent, Componist und Violinspieler. S. wurde geboren zu Rottweil in Württemberg am 9. October 1827. Noch nicht sechs Jahre alt erhielt er den ersten Violinunterricht von seinem Vater. Das früh erwachende Talent des Knaben erregte das Interesse einflußreicher Personen, durch deren Vermittlung ihm unentgeltlicher Unterricht im Singen, Geigen und Clavierspielen zu Theil wurde, so gut er eben in dem kleinen Städtchen zu beschaffen war. Bei der Gemeinde der Rottweiler Stadtkirche hielt er sich in Gunst als Chorknabe und Solo-Alt beim Sonntagsgottesdienst. Im Jahre 1838 faste der Magistrat den Entschluß, den unbemittelten elf Jahre alten Knaben dem fürstlich hohenzollernschen Hofcapellmeister Thomas Täglichsbeck in Hechingen zur Ausbildung im Violinspiel anzuvertrauen und ihm die Kosten für sechs Jahre mit der Bedingung späteren Heimzahlens vorzuschießen. Nach einem Jahre schon war S. so weit vorgeschritten, daß er als Volontär in der fürstlichen Hofcapelle mitwirken konnte. Im J. 1841 trat er als Solospieler auf und um weniges später wurde von ihm eine Messe für Chor, Soli und Orchester in der Hofkirche zu Hechingen und eine Symphonie (Es dur) in einem der Hofconcerte zur Aufführung gebracht. Nach Ablauf des sechsjährigen Stipendiums wurde er von dem Fürsten Friedrich Wilhelm Konstantin von Hohenzollern-Hechingen als Hofmusiker und erster Violinspieler im J. 1844 förmlich angestellt. In den nun folgenden Jahren beginnender Reife componirte S. ein Violinconcert, das Melodram „Woinarowsky“ (Gedicht von Chamisso), eine Messe (Es dur) und eine Concertarie, die ihm bei einem damals vom Fürsten erlassenen Preisausschreiben lobende Anerkennung eintrug. Die politischen Unruhen des Jahres 1848 brachten das Musikleben am fürstlichen Hofe zu einem vorläufigen Stillstand. Täglichsbeck wurde zeitweilig [311] pensionirt, den Mitgliedern der Capelle ein Urlaub auf unbestimmte Zeit zu Theil. Der Fürst entsagte durch Uebereinkunft vom 7. December 1849 mit der preußischen Krone seiner Regierung zu deren Gunsten und zog sich auf seine Privatgüter nach Schlesien zurück. S. ging in die Schweiz, verblieb einen Winter in Zürich und wirkte dort am Stadttheater und in den Abonnementconcerten als erster Geiger und Solospieler, auch mitunter als Dirigent der kleineren Opern und Singspiele. Einige von seinen Compositionen wurden dort mit Erfolg aufgeführt. Der bedeutendste und nachhaltigste Gewinn war für ihn die persönliche und geistige Berührung mit Richard Wagner, der dem jungen Künstler durch sein wohlwollendes Entgegenkommen neue Bahnen wies. Viel zu verdanken hatte er auch dem berühmten Violinspieler Ernst, der sich damals in der Schweiz aufhielt und zu dem S. in nahe Beziehungen trat. Im J. 1852 wurde er wieder in den Dienst des Fürsten von Hohenzollern einberufen, nachdem dieser seine Residenz dauernd nach Löwenberg in Schlesien verlegt und dort mit Eifer die Neugestaltung seiner Capelle in Angriff genommen hatte. Bis 1857 war S. Concertmeister und wurde dann nach Täglichsbeck’s Abdankung zum Hofcapellmeister und Intendanten der fürstlichen Hofmusik ernannt. Ein Dutzend Jahre, 1857–1869, stand S. an der Spitze dieses kleinen aber ausgezeichnet geschulten Orchesters, über dessen Leistungen sich die namhaftesten Musikgrößen, z. B. Wagner, Berlioz, Liszt, Bülow, als Gäste des Fürsten von Hohenzollern voll Lobes ausgesprochen haben. Angesichts der von Bülow als wahre Muster bezeichneten Löwenberger Concertprogramme kann man sagen, daß des Fürsten und seines Musikintendanten Verdienste nicht allein in der einsichtigen Würdigung der modernen Kunstrichtung lagen, sondern auch in der Versöhnung künstlich geschaffener Gegensätze, in der Anbahnung einer Verständigung unter den damals grundlos einander entfremdeten Kunstrichtungen. Wenn die Pflege Schumann’s, der mit den meisten seiner Compositionen vertreten ist, auf Rechnung einer ausgesprochenen Vorliebe des Fürsten zu setzen ist, so darf im übrigen die gleichmäßige Berücksichtigung aller auserlesenen Concertwerke von Bach und Händel bis Brahms der gründlichen Kennerschaft der Musiklitteratur und dem geläuterten Geschmack des Hofcapellmeister S. zugeschrieben werden; und in dem liberalen Eintreten für Berlioz, Wagner, Liszt, deren Werthschätzung damals auf verschwindend wenige exclusive Heimstätten der Kunstpflege beschränkt war, arbeiteten Fürst und Dirigent einander in die Hände. Neben Liszt ist S. als der berufenste und eifrigste Bahnbrecher für Berlioz’ Anerkennung in Deutschland anzusehen.

Was S. in dieser arbeitsreichen Zeit an Compositionen geschaffen hat, brachte er in zurückhaltender Weise gelegentlich aufs Programm. Sein Hauptwerk „Ariadne auf Naxos“, Concertcantate für Chor, Soli und Orchester in drei Abtheilungen, Text von Ph. Krebs, wurde im Winter 1860–61 zwei Mal aufgeführt und bald danach auf der Tonkünstlerversammlung des Allgemeinen Deutschen Musikvereins in Weimar 1861. Einen bedeutenden Erfolg erlebte er mit diesem Werk in einem Stuttgarter Abonnementconcert im Jahre 1875. Bülow rühmt in einem Briefe an Bronsart an der „Ariadne“ ihre „durchaus edle Conception, maßvolles Pathos, viel melodischen Wohlklang, prächtige Orchestration“. Weiter sind zu nennen: Ouverture und Zwischenactsmusik zu Schiller’s „Jungfrau von Orleans“ (op. 2), erstmals 1858 aufgeführt, später auch in Berlin und Stuttgart eingebürgert, acht Gesänge für Männerchor (op. 3), acht hebräische Melodien von Byron für gemischten Chor (op. 4), eine Ouvertüre mit dem Motto: „Mensch – das heißt ein Kämpfer sein“ (op. 5) (1864 erstmals aufgeführt und im selben Jahre auch auf der [312] Karlsruher Tonkünstlerversammlung), ein „Festgesang“ für Chor, Soli und Orchester, Gedicht von Sachse (1867 aufgeführt) und eine „Suite militaire“, D dur für Orchester (1869 aufgeführt). Manuscript und unaufgeführt sind geblieben eine Concertphantasie für Violine und Violoncell mit Orchester (1855), ein Streichquartett in A dur (1855) und eine Anzahl Lieder für gemischten Chor. Eine A dur-Symphonie erntete 1869 in St. Petersburg glänzenden Erfolg.

Seifriz’ überzeugtes Eintreten für die fortschrittlichen Ziele in der Musik führte fast mit Nothwendigkeit seinen Anschluß an diejenige Gruppe von Tonkünstlern und Musikschriftstellern herbei, die die Pflege der neudeutschen Richtung zum Ziele hatte. Seit seiner Gründung im J. 1859 gehörte er dem Allgemeinen Deutschen Musikverein an. Als dessen langjähriges Vorstandsmitglied half er mit bei den jeweiligen Programmfestsetzungen und der Ortswahl für die Tonkünstlerversammlungen, gab seinen Entscheid zur Aufführung neuer Musikwerke und veranlaßte den Fürsten von Hohenzollern zur Leistung eines regelmäßigen (bis 1867) jährlichen Beitrags von 400 Thalern. Beim 3. Festconcert der Tonkünstlerversammlung in Weimar 1861 dirigirte er seine „Ariadne“. In Karlsruhe 1864 trat er an Stelle des erkrankten Hans v. Bülow als Hauptfestdirigent, ebenso wurde er in Dessau 1865 und in Halle 1875 als Leiter der Festconcerte herangezogen. Einen längeren Aufenthalt zur Leitung mehrerer Orchesterconcerte machte er im Frühling 1869 in St. Petersburg auf Einladung seiner Gönnerin, der kunstsinnigen Großfürstin Helene von Rußland, einer geborenen württembergischen Prinzessin.

Seit 1867 machte S. die niederschlagende Wahrnehmung, daß das musikalische Interesse des alternden Fürsten von Hohenzollern im Abnehmen begriffen sei. Die Schuld daran trug dessen wachsende Kränklichkeit, namentlich ein Gehörleiden, sowie die andauernde Kriegsfurcht nach dem preußisch-österreichischen Kriege von 1866. Bei den sich mehrenden Anzeichen eines baldigen Endes seiner Löwenberger Wirksamkeit mußte S. darauf bedacht sein, sich bei Zeiten nach einer Beschäftigung umzusehen, die ihm und seiner vielköpfigen Familie einen Unterhalt gewährleistete. Seine Blicke richteten sich erwartungsvoll nach dem Vaterland, wo er durch Vermittlung der Großfürstin Helene das Interesse des Königs Karl von Württemberg durch die Widmung seiner „Ariadne“ zu gewinnen hoffte. Eine vorläufige Anerkennung erfolgte im J. 1868 durch die Verleihung der großen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft. Einen Augenblick schienen sich die Sorgen zerstreuen zu wollen, als der Fürst von Hohenzollern nach Schluß der Concertsaison 1869 S. den Sommer über auf sein Schloß Polnisch Nettkow lud und ihm durch mündliches Versprechen sein volles Capellmeistergehalt für alle Zukunft bewilligte. Zu einer rechtskräftigen Beglaubigung dieses Gnadenbeweises kam es nicht mehr, da der Fürst kurz darauf am 3. September 1869 durch einen Schlaganfall dahingerafft wurde. Die für die Erben des Fürsten eingesetzte Vormundschaft erkannte Seifriz’ Ansprüche nicht an. Die Capelle wurde aufgelöst und auch S. verließ noch vor Ende des Jahres die verwaiste kleine Residenz, um sich im Vertrauen auf die ihm von König Karl bewiesene Gunst in Stuttgart nach einem passenden Posten umzusehen. Ein Jahr lang behalf er sich mit Unterrichtsstunden, dann erfolgte gegen Ende 1870 seine Ernennung zum Musikdirector am Hoftheater, wo er von jetzt ab in untergeordneter Stellung neben den beiden Hofcapellmeistern die kleineren Aufführungen zu leiten hatte. Es charakterisirt ebenso das mangelnde Interesse der musikalischen Kreise Stuttgarts, wie das bescheidene, aller Reclame abholde Wesen Seifriz’, daß sich [313] von öffentlichen Aufführungen seiner Werke daselbst nur eine einmalige seiner „Ariadne“ (1875), 2 Sätze aus der H-moll-Symphonie (1883 und im Gedächtnisconcert der Hofcapelle für Seifriz 1886), eine seiner Concertouvertüren (in demselben Concert), und weiterhin die von ihm sozusagen von Berufswegen gelieferten Schauspielmusiken nachweisen lassen, z. B. zu Shakespeare’s „Sturm“ und „Wintermärchen“, zu Tieck’s „Rothkäppchen“, zu Grillparzer-Wehl’s Märchendrama „Melusina“ und zu einigen dramatisirten Werken von Fritz Reuter. Von den in Stuttgart entstandenen Compositionen sind hauptsächlich zu nennen der 95. Psalm für Chor und Orchester (1871), eine Anzahl auch im Druck erschienener Lieder und Männerchöre, ein F dur-Quartett (bei der Gedächtnißfeier für S. im Stuttgarter Tonkünstlerverein gespielt), und die bekannte „Theoretisch-praktische Violinschule“ von Edmund Singer und Max Seifriz (1881–1884). Erst nach Beendigung dieses trefflichen Werkes wurde das Stuttgarter Conservatorium auf Seifriz’ hervorragende künstlerische Eigenschaften aufmerksam und ernannte ihn 1884 zum Lehrer für Musikgeschichte und Harmonielehre. In Seifriz Todesjahr fallen die ersten und zugleich letzten freundlichen Eindrücke seines Stuttgarter Wirkens. Zusammen mit Immanuel Faißt wurde ihm der ehrenvolle Auftrag, als Abgeordneter Württembergs an der Wiener Normaltonconferenz theilzunehmen. Durch einen Wechsel in der Hoftheaterintendanz, der einen Mann von künstlerisch freier Auffassung seines Berufs in leitende Stellung brachte, wurde die einheimische Kunstwelt endlich auf Seifriz’ Fähigkeit zur Uebernahme großer musikalischer Aufgaben hingewiesen. Intendant v. Werther empfahl ihn dem Verein zur Förderung der Kunst als Festdirigenten neben Faißt für das erste Stuttgarter Musikfest. Nicht nur in der gewissenhaften Schulung und Leitung der sich ihm begeistert unterordnenden Orchester- und Chormassen, sondern auch in der Programmwahl wirkte er vorbildlich für alle folgenden Musikfeste, indem er neben Anerkanntes und Bewährtes moderne, dem Parteigezänk noch nicht entzogene Werke zu stellen wagte, für deren Werth er mit Ueberzeugung eintreten konnte, so z. B. Liszt’s „Tasso“, dessen Aufführung damals noch vielfachem Widerspruch begegnete.

Nur wenige Monate noch waren nach diesem bedeutenden Erfolg dem Meister beschieden, der sich endlich dem Ziele seiner berechtigten Wünsche nahe glaubte – einem künftigen Mitarbeiten in vorderster Reihe an den Kunstaufgaben seiner Heimath. Ende November 1885 machten sich die ersten Anzeichen eines tiefergreifenden Leidens bemerkbar, ohne aber daß S. dem Gedanken an Schonung im Dienste Raum gegeben hätte. Noch zehn Tage vor seinem Tode leitete er eine Aufführung im Hoftheater; dann sah er sich genöthigt, sich krank zu melden, ohne jedoch ernstlich an eine Wendung zum Schlimmeren zu glauben. Völlig überraschend raffte ihn ein Herzschlag am 20. December 1885 hin, im kräftigsten Mannesalter und den Geist voller Pläne für seine und der Seinigen heiterere Zukunft. Seine Bestattung fand am 23. December unter großer Betheiligung, namentlich aller der Kreise statt, die ihm kurz zuvor als trefflichen Dirigenten des Musikfestes gehuldigt hatten. Im Mai 1887 ließ der Verein zur Förderung der Kunst, als Asdruck seiner Dankbarkeit gegen den Verstorbenen, ein monumentales Grabmal mit Seifriz’ Büste errichten, das mit Ansprachen des Vorstandes, des Prinzen Herrmann zu Sachsen-Weimar und des Leiters des Conservatoriums, Immanuel Faißt feierlich enthüllt wurde.

Nekrologe in den Tagesblättern. – Autobiographische Notizen und Briefe von Seifriz.