ADB:Seyffert, Moritz Ludwig

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Artikel „Seyffert, Moritz Ludwig“ von Richard Hoche in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 109–111, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Seyffert,_Moritz_Ludwig&oldid=- (Version vom 14. Oktober 2019, 03:50 Uhr UTC)
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Seyffert: Moritz Ludwig S., hervorragender Philologe und Schulmann des 19. Jahrhunderts. Er wurde in Wittenberg am 19. März 1809 geboren als der Sohn eines Kanzleidirectors am dortigen Gerichte und erhielt in der Vaterstadt seine Schulbildung. Der ausgezeichnete philologische Unterricht, den er auf dem dortigen Lyceum durch Fr. Spitzner, Fr. Tr. Friedemann und G. W. Nitzsch empfing, wurde entscheidend für seine ganze spätere wissenschaftliche Entwicklung. Ostern 1826 bezog er die Universität Halle, um Theologie und Philologie zu studiren. Die theologischen Studien blieben bald liegen; für die philologischen gab ihm Karl Reisig die bestimmende Richtung auf lateinische Stilistik und die griechischen Tragiker; er war Mitglied von Reisig’s „Privatissimum“, später nach dessen Tode in engem Zusammenhange mit Ed. Meier Mitglied des von diesem geleiteten philologischen Seminars, auch des pädagogischen unter Joh. Aug. Jacobs und der historischen Gesellschaft Voigtel’s. Schon als Student trat er durch sein kritisches Talent und seine Sicherheit im lateinischen Stil vor seinen Alters- und Studiengenossen hervor. – Ehe S. seine Studien durch Ablegung des Oberlehrerexamens zu einem äußeren Abschlusse gebracht hatte, wurde er zu Michaelis 1830 vom Magistrate der Stadt Nordhausen als Collaborator an das dortige Gymnasium berufen mit der Aussicht auf feste Anstellung nach Ablegung der Prüfung; bereits Ostern 1831 fand aber diese Thätigkeit ein Ende, als der Director der Francke’schen Stiftungen, H. Ag. Niemeyer, S. eine Lehrerstelle am Königl. Pädagogium in Halle anbot, welche er nicht ausschlagen zu dürfen glaubte. Allerdings stellte sich bei seiner Ankunft heraus, daß er zunächst nicht dem Pädagogium, sondern der lateinischen Hauptschule überwiesen werden mußte, aber auch die Thätigkeit an dieser Anstalt bot des Anregenden und Fördernden viel. Am 4. Juni 1831 promovirte er mit einer – ihm von Ed. Meier als Prüfungsaufgabe gestellten – Dissertation „De duplici Iphigeniae Aulidensis recensione“; bald darauf legte er auch die Prüfung pro facultate docendi ab und trat dann im Herbst 1831 in die ihm zugedachte Stelle am Pädagogium ein, dessen Inspector damals Max Schmidt war. Der Verkehr mit einem ausgezeichneten Lehrercollegium wirkte hier in besonderem Maße fördernd auf S. ein; einer seiner Amtsgenossen, Theodor Echtermeyer, veranlaßte ihn auch zu seiner ersten litterarischen Production, indem beide gemeinschaftlich 1833 „Carmina aliquot Goethii et Schilleri latine reddita“ erscheinen ließen. Die von S. geschriebene Vorrede kündigte bereits das ausgezeichnete [110] Schulbuch an, welches als „Palaestra Musarum“ in drei Theilen 1834–1835 erschien und – namentlich der vielgebrauchte und oft aufgelegte erste Theil – lange Jahre hindurch das methodologische Hülfsmittel zur Pflege lateinischer Versübungen auf den deutschen Gymnasien gewesen ist und noch ist. Schon 1836 folgte eine Ausgabe des Bellum gallicum Cäsar’s mit grammatischen Erläuterungen. – Die ausgezeichneten Erfolge, welche S. namentlich auch in den obersten Classen des Pädagogiums hatte, führten bald verschiedene Anerbietungen nach auswärts herbei; Ostern 1839 entschloß er sich, dem Rufe des Magistrats zu Brandenburg a. H. zu folgen und die Stelle als Conrector am dortigen Gymnasium anzunehmen. In dieser Stellung ist er, seit 1843 durch die Ernennung zum Professor ausgezeichnet, sieben Jahre verblieben. Im Jahre 1841 erschien sein bahnbrechendes Buch, die „Palaestra Ciceroniana“, welches an „Sicherheit in der Durchführung einer zweckmäßigen Methode und in der Reichhaltigkeit der ganzen wissenschaftlichen Ausstattung“ alle vorhandenen Anleitungen zum lateinischen Stil weit hinter sich ließ. S. legte für diese Stilübungen das Hauptgewicht darauf, daß „die Uebersetzungskunst an deutschen Originalstücken geübt und das Material für den lateinischen Ausdruck aus dem Ciceronischen Sprachgebiete geschöpft werde“. Diesem für die oberste Stufe der Gymnasien und junge Philologen bestimmten Werke folgten nach neulateinischen Mustern 1844 die „Materialien zum Uebersetzen aus dem Deutschen in das Lateinische“ und 1846 das vielverbreitete und oft aufgelegte „Uebungsbuch zum Uebersetzen aus dem Deutschen in das Lateinische für Secunda“. Für dieselbe Classe hatte er schon 1842 ein „Griechisches Lesebuch“ mit Lesestücken aus Xenophon’s Memorabilien und aus Lucian bearbeitet; 1844 war die große Ausgabe von Cicero’s Laelius mit umfangreichem Commentar, der eine Fülle von werthvollsten eigenen Sprachbeobachtungen enthält, erschienen.

Zu Ostern 1846 wurde S. auf den Betrieb Aug. Meineke’s als Professor an das Joachimsthal’sche Gymnasium in Berlin berufen und hat dieser Anstalt bis an das Ende seiner Lehrthätigkeit angehört. Der Ruf, den er als Lehrer und Gelehrter auch in dieser Stellung erwarb, veranlaßte u. a. seine Entsendung in die vom Minister v. Ladenberg im Jahre 1849 zur Reform des höheren Schulwesens berufene Landesconferenz, an deren Berathungen er jedoch einen hervortretenden Antheil nicht genommen hat. Auch die von der preußischen Regierung eigens auf seine Person hin getroffene Einrichtung einer Art von Seminar zur Ausbildung von jungen Lehrern in der Methodik des lateinischen Unterrichts hatte keinen Bestand, da S. sich durch die Anwesenheit Fremder in seinem Unterrichte beengt fühlte und auf die ihm unentbehrliche Freiheit der Bewegung vor seinen Schülern nicht verzichten mochte. Dagegen gaben seine, während der Joachimsthaler Zeit herausgegebenen Schriften in weiten Kreisen segensreiche Anregung zur Prüfung pädagogischer und didaktischer Fragen, so namentlich die im Jahre 1852 erschienene Abhandlung „Das Privatstudium in seiner pädagogischen Bedeutung; eine Skizze als Beitrag zur Kritik unserer heutigen Gymnasien“, welcher 1853 „Lesestücke“ aus griechischen und lateinischen Classikern für die Privatlectüre folgten; ferner die zwei Bände der „Scholae latinae“ (1855–1857), in welchen er dem Lehrer ein Rüstzeug für die Behandlung des lateinischen Aufsatzes bot, namentlich auch auf die Chrie als das „Hauptstück der alten Schultechnik“ im zweiten Band von neuem hinführte; die „Progymnasmata“ (1859) gaben dann eine Anleitung zur lateinischen Composition in praktischen Beispielen zur Chrie. Von namhafter Bedeutung wurde weiter seine Bearbeitung der 4. Auflage der Ellendt’schen lateinischen Schulgrammatik (1855), welches Buch, durch ihn zu neuem Leben erweckt, einen wahren Siegeszug durch die deutschen Gymnasien beschritt und bald die unbestrittene [111] Herrschaft im Schulunterricht erlangte. – Von seinen nicht unmittelbar auf die Methodik des lateinischen Unterrichts bezüglichen Arbeiten dieser Periode sind noch zu nennen die „Epistolae critica ad C. Halmium de Ciceronis pro Sulla et pro Sestio orationibus ab ipso editis“ (1848), die Neubearbeitung seiner „Carmina latina“ (1856), das „Uebungsbuch zum Uebersetzen aus dem Deutschen ins Griechische“ (1864), die kritischen und erklärenden Ausgaben dreier sophokleischer Stücke (Antigone 1865, Ajax 1866, Philoctetes 1867), endlich die Neubearbeitung von Wüstemann’s „Promptuarium sententiarum“ und Ellendt’s lateinischem Lesebuche. – Diese überaus umfassende litterarische Thätigkeit und die Anstrengungen seines sehr mühevollen Schulamtes waren auf die Gesundheit des eifrigen und sonst so kräftigen Mannes nicht ohne nachtheiligen Einfluß geblieben; trotz der ihm bereitwillig gewährten Erleichterungen mußte er sich entschließen, zu Ostern 1871 seine Versetzung in den Ruhestand zu beantragen, die ihm in der ehrenvollsten Weise gewährt wurde. Er siedelte nach Potsdam über und starb hier am 8. November 1872.

G. Kießling, Nachruf in der Zeitschrift für Gymnasialwesen 1872, XXVI, 847–879. – M. Seyffert, ein Lebensbild. Berlin 1873.