ADB:Strachwitz, Moritz Graf von

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Artikel „Strachwitz, Moritz Graf von“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 480–483, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Strachwitz,_Moritz_Graf_von&oldid=- (Version vom 18. Januar 2020, 17:57 Uhr UTC)
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Strachwitz: Moritz Karl Wilhelm Anton Graf v. St., Lyriker, wurde am 13. März 1822 auf dem Familiensitze zu Peterwitz bei Frankenstein in Schlesien geboren. Die St. gehören seit alters zu den angesehensten schlesischen Adelsgeschlechtern und sind auch in Mähren begütert. Im übrigen ragten sie von jeher hervor als eine Säule des katholischen Glaubens und vertraten streng conservative Anschauungen auch in unruhigen Zeiten. Der Vater von Moritz St. scheint, obwohl er sonst von den Ueberlieferungen des Hauses nicht abwich, eine moderne Erziehung für zeitgemäß erachtet zu haben. So ließ er den frühreifen fähigen Sohn anfänglich auf dem väterlichen Schlosse durch gute Hauslehrer unterrichten, sandte ihn aber, ungeachtet der feudalen Familiengrundsätze, zu Frankenstein und zu Breslau auf berufene öffentliche Schulen, die in der That auch St. zu einer vorzüglichen Grundlage von Kenntnissen verhalfen und seinen starken Wissenstrieb vollauf in Athem hielten. Nach Absolvirung des Gymnasialcursus beschloß er, wohl hauptsächlich unter dem Drucke des Standesvorurtheils gegen [481] andere Fächer, sich dem Studium der Rechte zu widmen und besuchte demgemäß nach einander die Universitäten zu Breslau und zu Berlin. Wie es seine Erziehung sowohl wie seine Abkunft voraussetzen lassen, bewegte sich St. daselbst in den feinsten gesellschaftlichen Kreisen und genoß auch das Glück anregenden Umgangs von geistig tonangebenden Persönlichkeiten. Als aber die übliche Studienzeit verflossen war, zog es den noch sehr jungen Juristen unwiderstehlich nach der schlesischen Hauptstadt zurück, an der sein ganzes Gemüth mit inniger Treue hing.

Sein Schlesierland und insbesondere sein engerer Heimathsbezirk, die von Mythe und Sage umwobenen Höhen und Gründe des Riesengebirges, waren ihm seit der Kindheit ans Herz gewachsen. In dem aufreibenden Leben der Großstädte hatte sich seiner eine gewisse Unruhe bemächtigt, der nichts gemein war mit moderner Blasirtheit oder Nervosität; aber nie wieder kam er zur rechten Ruhe, zur Freude am Leben, zur Befriedigung mit seinem Schaffen und sich selbst, zur Erkenntniß seines Berufes. Zunächst ward er als Referendar beim Kreisgericht zu Grottkau angestellt. Hier, so wollte es die Vorsorge der Verwandt- und Gönnerschaft, sollte er sich an regelmäßige Arbeit gewöhnen und für die höhere juristische Laufbahn die nöthige Anleitung und Unterweisung finden. Jedoch, wie sich kaum anders erwarten ließ, die amtliche Thätigkeit behagte Strachwitz’ lebhaftem Wesen nicht. Er war eine kühne, in den demoralisirenden Wandelgängen der großen Welt naiv gebliebene Natur. Draußen in der freien Schöpfung ungebunden durch Hain und Hügel zu schweifen, womöglich auf feurigem Renner, danach verlangte er, wie es „Ein Reiterlied“ ausmalt. Da seine Vermögensverhältnisse wider eine so frühzeitige Quittirung des Dienstes nichts einwandten, so ließ er alle Anwartschaft auf eine feste bürgerliche Stellung fahren, indem er von dem eben übernommenen Vorbereitungsposten zurücktrat und sich sogleich darauf auf eine längere Reise nach Schweden, Norwegen und Dänemark begab. Hier boten seiner reichen Einbildungskraft Natur und Vergangenheit der skandinavischen Landschaft nachdrückliche Eindrücke, deren Niederschlag uns in dem nicht ausgedehnten, aber gehaltvollen Cyclus „Nordland“ in den „Neuen Gedichten“ aufstößt.

Heimgekehrt, hielt er sich erst in Peterwitz auf, wo ihn Emanuel Geibel, der weichere, aber ihm gar verständliche damalige Führer der Lyrikerzunft, besuchte. Dann wohnte er auf seinem schönen mährischen Landgute Schwebetau. Nicht mehr im Stande, festen Fuß zu fassen, machte er sich bald von hier nach dem Süden auf und durchwanderte einen größeren Theil Italiens. Jedoch auch auf der sonnigen Halbinsel und in ihren Gefilden ewigen Frühlings fand er nicht, was er suchte, Ruhe und Menschenglück, das ihn anheimelte und deren Träger ihn verständen. Auf der Rückkehr nach Deutschland machte er noch in Venedig Station. Aber die Stadt, die er in zehn Gedichten meist in Terzinen wundervoll besungen hat, sandte ihm aus der Luft ihrer Lagunen den Todeskeim in die Glieder. „Ich bin so krank und sterben möcht’ ich gerne in Venedig,“ hebt die Reihe der vom Colorit der Adria übergossenen Verse an. Vielleicht gerade weil er nun die geplante Rückreise überhastete, erstarkte die Krankheit mit reißender Schnelligkeit. Bis Wien schleppte sich der zum Tode Getroffene. Da erlag er am 11. December 1847 einem heftigen Nervenfieber. Mit seinem eigenen Thun und Treiben hatte er vorher Abrechnung gehalten; das zeigt sein letztes, im Angesicht des Todes geschriebenes Gedicht „An Victoire,“ wo es schon wie von einer abgeschlossenen Vergangenheit heißt: „Ich konnte selten nur dies Blut bestreiten.“

St. ist ausschließlich Lyriker in den beiden Sammlungen seiner poetischen [482] Erzeugnisse: „Lieder eines Erwachenden“ (1842) und „Neue Gedichte“ (1848); auch die epischen Motive in den Romanzen unterliegen der lyrischen Grundstimmung, obwohl er sich höchst wahrscheinlich, nach den Ansätzen in den erzählenden Poesien, gerade zu einem hervorragenden Balladendichter entwickelt haben würde. Verwunderlich bleibt in all seinen Versgebilden die vorbildliche Pflege der Form, welch letztere sich in einzelnen Nummern bis zu classischer Vollendung erhebt. Stets wirkt ein frischer, meist ein großer Zug, ein Zug von Begeisterung in den Worten des Dichters. Allenthalben keck und unabhängig, wirft er allen griesgrämlichen Leuten, allen Krämer-, Bedientenseelen, allem Philister- und Spießbürgerthum den Fehdehandschuh hin. Ritterlicher Sinn durchglüht sein Streben und Wünschen: „Ein Wort für den Zweikampf“ legt er ein, bereit, mit der ehrlichen Waffe in der Hand, alle Memmen und Hasenfüße zu züchtigen für ihr unmännliches, undeutsches Wesen. Doch „rollt mein Blut in mehr als deutscher Schnelle,“ so zieht sein Testamentspoem das Facit seines Ansturms gegen der Gegenwart sittliche Gesunkenheit. Grimmiger Haß gegen das Bureaukratenregiment erfüllt ihn, und mit Seherstimme kündet er von der Zukunft: „Es wird eine Zeit der Helden sein Nach der Zeit der Schreier und der Schreiber.“ Das für die Tendenz seines Dichtens bisweilen angewandte Schlagwort „patriotische Neuromantik“ verfehlt den Kern der Sache. Wo bei ihm das rein menschliche Gefühl vorwaltet, schert er sich den Teufel um die vor 1848 schemenhaften Begriffe Vaterland und Vaterlandsliebe; man vergleiche „Deutsche Hiebe“ und besonders die allgemein gehaltene Apostrophe „Germania“. Die „Lieder eines Erwachenden,“ die den kaum Zwanzigjährigen bereits auf dem Gipfel der dichterischen Stimmung zeigen, müssen den Boden unseres Urtheils bilden. In ihnen gelangt das unstete Sehnen und Bangen des Jünglings und Strachwitz’s Freiheitsdurst überdeutlich zum Ausdruck; sie tragen das bezeichnende – nur in den Separat-Ausgaben beibehaltene – Motto des Anastasius Grün, dem er eins der „Gepanzerten Sonette“ widmete: „Ich seh die Morgensonne leuchtend steigen.“ Muster ihrer Art bringen sie in „Romanzen und Märchen“, Erotik völlig selbständigen Schlags als „Ein Dutzend Liebeslieder“, dazu mancherlei in fremden Rhythmen im Stile Platen’s (dem zwei pietätvolle Poeme gelten), nur flotter, animirter. Hoch zu Roß sprengt er in den Versen dieser ersten Sammlung daher – so stellt den Dichter mit freier Phantasie auch ein treffliches Bild der illustrirten Ausgabe vor – und schwingt eine Standarte, auf der ein Krieg bis aufs Messer allen Rittern des Utilitätsstandpunktes, Verehrern der zeitgemäßischen Nüchternheit in leuchtenden Lettern eingeschrieben. Aber die Jugendlichkeit häuft Widerspruch auf Widerspruch. Er will die Tendenz verbannen und redet sich auch ein, daß er’s thut und dafür setzt er principiell Faustrecht und mittelalterlichen Feudalismus auf den Thron. Er höhnt die abgeleierten Weisen der Süßlichkeitspoetaster, er will forsche herausfordernde Energie und er tritt von vornherein in demonstratives Gegenüber zu Georg Herwegh’s „Liedern eines Lebendigen“ und schilt andere der revolutionären Brauseköpfe „Zwitter vom Roué und vom Propheten,“ vergeßlich in Bezug auf eigenes Orakeln. Aber prächtig schäumt die Dichterkraft überall auf in diesen luftigen Blättern.

„Neue Gedichte“ lautet der Titel der Nachlaßsammlung. Neu scheint auch der Verfasser hier zu reden. Und doch bleibt es ein Mißverständniß, auf einige versprengte Belege hin seinen Typus umkrempeln zu wollen, eine Versündigung an der einst formulirten Lebensansicht desjenigen, der „Ein wildes Lied“ sang. Der „Prolog“ von 1847 gewährt nicht die geringste Handhabe; im Gegentheil, der unaristokratische Scherz über das „Manchem so schwer Verdauliche“ Grafen-Prädicat spricht entschieden gegen die etwaige [483] Bekehrung zu cavaliermäßigem Tone. Als eine Fälschung sondergleichen, der jede Unterlage außer der absichtlicher Tendenzmacherei mangelt, muß man es bezeichnen, wenn ein neuerer Herausgeber, v. Schmidt; sagt: „Als seine zweite Gedichtsammlung fünf Jahre später erschien, waren Verstand und Urtheil gereift und er hatte einsehen gelernt, daß er sich die revolutionären Ideen, denen die Liberalen damals huldigten, nicht aneignen könne, daß ihm vielmehr seine ganze Naturanlage, sein Charakter [!] und seine gesellschaftliche Stellung seinen Platz im conservativen Lager anwiesen“. Er belegt diese Unterschiebung mit Strachwitz’ Griff in „eine große Vergangenheit“, in die „alte romantische Märchenwelt“, mit seiner Behandlung „heiliger Liebe“ und „tiefinnigen Glaubens“. Wer wird Ludwig Uhland, den wir doch wahrlich einen Meister in all diesen Stoffen rühmen, zu einem Conservativen im Geist derer des Vormärzes zu stempeln wagen? Freilich, die diesen Gebieten angehörigen Leistungen Strachwitz’s enthalten Perlen der episch gestreiften Lyrik und müssen als seine unvergänglichsten Schöpfungen hervorgehoben werden: „Helge’s Treue,“ „Rolf Düring,“ „Das Lied vom falschen Grafen“ aus der skandinavischen Ausbeute, „Das Herz von Douglas,“ „Hie Welf!“. „Die Jagd des Moguls“ aus den letzten Romanzen und Historien. Auch die beiden ersten Abschnitte der jüngeren Sammlung, „Den Männern“ und „Den Frauen“, verrathen eine merkliche Abklärung des überwallenden Gefühls und lassen den frühen Hingang des reichbegnadeten Dichters schmerzlich bedauern. Auch die Wucht der Sprache und die Technik erreichen hier mehrfach eine erstaunliche Vollkommenheit.

Die erste „Gesammtausgabe“ der „Gedichte“ erschien 1850 zu Breslau bei Trewendt & Granier (später Eduard Trewendt) wie die Einzelausgaben. Von letzteren sei nur die vortrefflich illustrirte der „Lieder eines Erwachenden“ in Großoctav (5. Aufl., 1854) genannt. Die neueren Gesammt-Abdrucke sämmtlicher Dichtungen, die der Originalverleger veranstaltete, hat Strachwitz’ Landsmann und Altersgenosse Karl Weinhold, der bekannte Germanist, in würdiger Weise besorgt. Ebenfalls gleichaltrig ist Rudolf v. Gottschall, der den schlesischen Dichtern der vierziger Jahre sehr nahe stand, und an verschiedenen Stellen, besonders in seiner Deutschen Nationalliteratur des neunzehnten Jahrhunderts und im Eingange eines Aufsatzes über Max Waldau (Monatschrift Nord und Süd, 1891, Bd. II) aus persönlich gewonnener Einsicht heraus treffliche Winke zur richtigen Auffassung liefert. Der in Reclam’s Universalbibliothek 1878 erschienenen Wiederholung der rechtmäßigen Gesammtausgabe hat Friedrich v. Schmidt, Pfarrer a. D., ein unsachliches und, wie oben erwiesen, irreführendes „Biographisches Vorwort“ vorausgeschickt; seine vermeintliche Abtrumpfung der etwas scharfen Kritik, die St. bei Heinrich Kurz (Geschichte der deutschen Litteratur, IV) findet, mißlingt aus demselben Grunde. Einige gute Bemerkungen auch bei R. M. Werner, Lyrik und Lyriker, S. 512 f. und 541.

Holzhausen, Zeitschr. f. deutsche Philologie XV, 344.