ADB:Strodtmann, Adolf

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Artikel „Strodtmann, Adolf“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 605–611, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Strodtmann,_Adolf&oldid=2493571 (Version vom 19. Dezember 2018, 08:02 Uhr UTC)
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Band 36 (1893), S. 605–611 (Quelle).
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Strodtmann: Adolf (anfangs schrieb er sich Adolph) Heinrich St., Schriftsteller und Dichter, wurde am 24. März 1829 zu Flensburg als Sohn des auch auf dichterischem Felde nicht unbekannten Subrectors an der Gelehrtenschule Johann Siegismund St. (s. u.) geboren. Das keineswegs begüterte väterliche Haus bot dem geweckten und frühreifen Knaben nicht bloß eine vortreffliche Pflege seines regen Wissenstriebs, die mit dem Schulunterricht verständig Hand in Hand ging, sondern auch eine ausgezeichnete geistig-sittliche Erziehung, deren tiefgreifende Spuren bis in die letzte Zeit vor Strodtmann’s Tode reichen: das gemüthreiche Gratulationsgedicht an die Eltern zu deren goldener Hochzeit faßte damals die Fülle der Empfindungen schön und voll zusammen. Außerdem übte der Vater, dessen besonderer Studienzweig eigentlich die Theologie war, auf die später stark entwickelte freigeistige Richtung des Sohnes wol einen maßgeblichen Einfluß. Nach einander besuchte St. behufs Empfangs der ihm zugedachten humanistischen Bildung die Gymnasien zu Flensburg, Hadersleben, Plön und Eutin, und diese, wesentlich durch Versetzungen des Vaters verschuldete mehrfache Umsiedelung konnte ja natürlich der Einheitlichkeit der classischen Unterweisung nicht eben förderlich sein. Aber sie hatte nach zwei Seiten auch ihr Gutes: St. [606] gewöhnte sich von früh an an den Wechsel verschiedener Anschauungen, der ihm fürder so greifbar entgegentrat, und fand zugleich damit reichliche Gelegenheit, neben seiner heißgeliebten deutschen Muttersprache das dänische Idiom in mündlichem und schriftlichem Gebrauche zu beherrschen. Letztere Thatsache kam ihm bei seinem späteren Wirken als Uebersetzer sehr zu statten. Den Gegensatz von Deutsch und Dänisch, der Strodtmann’s engere, von ihm mit loderndem Jugendfeuer umfangene Heimath, die Elbherzogthümer, zerwühlte, durchkostete er ja eben als Gymnasiast bereits gründlich: Plön und Eutin in rein deutschen Bezirken, letzteres noch dazu nicht einmal der dänischen Regierung unterthan, Hadersleben hingegen unmittelbar an der Grenze des eigentlichen Königreichs Dänemark und selbst in dänischem Sprachgebiete gelegen. Bald aber sollte er seine Gesinnung nachdrücklicher an den Tag zu legen Anlaß erhalten. Kaum hatte St. die Landesuniversität Kiel bezogen, da brach im März 1848 die Erhebung der Schleswig-Holsteiner wider die Kopenhagener Willkür los, und St., in seinem Denken eins mit der allgemeinen Begeisterung, trat sofort in das Kieler Studentencorps – wol die älteste „akademische Legion“ – dann als Freiwilliger in das von der provisorischen Regierung aufgestellte Heer. In einem der eröffnenden Gefechte, dem unweit Bau, ward St. lebensgefährlich verwundet und fiel am 9. April in die Hände der Feinde; so verbrachte er nun den Sommer im dänischen Lazareth und dann mit den gefangenen Studenten auf dem Linien- und Wachtschiff „Dronning Maria“ im Kopenhagener Hafen. Nach dem Waffenstillstande von Malmö wurde mit anderen auch St. ausgewechselt und gab nun seine litterarischen Erzeugnisse aus der jüngsten Vergangenheit in Druck, die „Lieder eines Kriegsgefangenen auf der ‘Dronning Maria’“ (Hamburg 1848). Er ließ sich im Herbste des Jahres an der Universität Bonn als stud. phil. immatriculiren und trat daselbst sehr bald Gottfried Kinkel nahe, der besuchte Vorlesungen über Kunstgeschichte und Aesthetik hielt. Dieser Mann gewann Strodtmann’s ganzes Herz. Als Kinkel, rasch zum Führer der rheinischen Demokratie erhoben, nach dem kläglichen Ausgange der badischen Republik gefangen genommen und von den preußischen Assisen zur Zuchthausstrafe verurtheilt worden war, lieh St. seiner hingebenden Neigung für den verehrten Märtyrer einer wenngleich edel gemeinten, so doch verschrobenen Sache deutlichsten Ausdruck durch das ihm geltende „Lied vom Spulen“, dessen Veröffentlichung ihm im November 1849 in Bonn die Relegation als akademischer Bürger eintrug. „Das Lied vom Spulen“ wurde dann auf dem rückwärtigen Umschlage zum zweiten Bande des Kinkel-Buches, zuletzt wieder in der dritten Ausgabe der „Gedichte“ abgedruckt. Auch aus Köln, wohin er sich wandte, wies ihn die politische Polizei aus. Nun erschienen seine radicalen „Lieder der Nacht“ (Bonn 1850), und kurz danach das ungemein anziehende Buch „Gottfried Kinkel. Wahrheit ohne Dichtung. Biographisches Skizzenbuch“ (2 Bände, Hamburg 1850–51), nachdem er für kurze Zeit die bekümmerten Eltern besucht hatte. Edelmüthig überwies der selbst Existenzlose das Honorar letzterer Biographie, die übrigens trotz störender Sarkasmen einen wichtigen urkundlichen Beitrag zum Verständniß des „tollen Jahres“ darstellt, Kinkel’s Kindern. Im Vaterlande war seines Bleibens nicht länger. Noch 1850 traf er sich in Paris, dem Sammelpunkte der flüchtigen deutschen Demokraten, mit Kinkel und dessen Befreier aus den Spandauer Kasematten, Karl Schurz, der sich bekanntlich heute als hochangesehener freier Deutschamerikaner mit der neuen Ordnung der staatlichen Dinge längst völlig ausgesöhnt hat. Die Gründe der baldigen Trennung Strodtmann’s von diesen Genossen liegen nicht klar zu Tage. Jedenfalls folgte er nach kurzem Aufenthalte, dem auch das Sturmpoem „Lothar. Zeitarabesken“ (gedruckt Philadelphia 1853 im Selbstverlage), die Frucht eines unausgegorenen Brausekopfs, entstammt, dem Anerbieten eines [607] Hauslehrerpostens in der Familie einer deutsch-livländischen Baronin in London. Aber auch diese Stellung befriedigte ihn nicht. Sein ungestümes Sehnen ging nach dem vermeintlichen Eldorado aller idealen Zukunftshoffnungen jener Tage, den Vereinigten Staaten. Im Sommer 1852 segelte er hinüber. Mit Geldmitteln, die der Vater vorstreckte, gründete der wenig praktische Exstudent in Philadelphia eine deutsche Buchhandlung, mit der eine Leihbibliothek verbunden war, gab auch ein belletristisches Blatt, „Die Locomotive“, heraus, gelangte aber auf keinen grünen Zweig. Allmählich büßte er sogar, insonderheit bei dem publicistischen Unternehmen, sein ganzes kleines Vermögen ein und mußte 1854 sein Geschäft schließen. Nunmehr zog er als fahrender Litterat im Lande herum, anfangs in New-York ansässig, und arbeitete für deutsche Zeitungen, kümmerlich bloß sein Dasein fristend. Müde der verschiedenartigen Versuche, kehrte er 1856 aus dem gelobten Goldlande Amerika nach Deutschland zurück und ließ sich zu Hamburg nieder, wo er das Bürgerrecht erwarb und sich in unverdrossenem Ringen zuerst als Lehrer, dann als fleißiger Mann von der Feder eine immerhin auskömmliche Existenz schuf. In einem ausgedehnten litterarischen Wirken gewann er seitdem mannichfache Verdienste, obzwar schließlich keine einzige seiner Veröffentlichungen eine That bedeutet. Sein ehemaliger radicaler Standpunkt hatte sich merklich gemildert; doch war leider damit auch der behende Schwung, der uns an seinen ältesten Darbietungen mit fortreißt, fast ganz dahin, und der flammende Idealismus der ohne litterarische Absichten auf den Markt geworfenen Erstlinge schlägt nur noch in einzelnen rasch verglühenden Funken durch. Eine seltsame Lebens- und Dichtauffassung klingt aus den etwas mysteriösen Blättern seiner damals hervortretenden Schrift „In der Nonnenschule. Aus den Papieren einer Verstorbenen“ (Berl. 1871). Nachdem St. im Kriege von 1870 und 1871 als Berichterstatter der „Hamburger Börsenhalle“, der (Augsburger) „Allgemeinen Zeitung“ und der „Indépendance belge“ die „dritte Armee“ des gemeindeutschen Heeres in deren Hauptquartier ins Feld begleitet hatte, worüber „Alldeutschland, in Frankreich hinein! Kriegserinnerungen“ (2 Bde., Berlin 1871; mit Titel-Illustrationen von C. Junck) Auskunft ertheilen, übersiedelte er 1871 auf 72 nach dem Villenorte Steglitz bei Berlin, wo er ruhig und ziemlich zurückgezogen seinem aufreibenden Journalistenberufe nachging und am 17. März 1879 starb.

Wenn auch St. in verhältnißmäßiger Jugend tüchtige Proben eines lyrischen Talentes abgelegt hatte, so kann man nicht eben sagen, daß die Lyrik und die Poesie überhaupt seinen wahren Anlagen besonders entsprochen hätte. Die Dichtung der Gefühle und der Gedanken war damals der Tummelplatz aller derer, die sich zu Dolmetschern der sogenannten öffentlichen Meinung berufen wähnten und bei der Erfüllung dieser vermeintlichen Obliegenheiten das rhetorische Pathos der schleppenden Versbündel den banausischen Phrasen der Flugschriften und Volksversammlungen vorzogen. Freilich, auch St. verdiente sich auf diesem bequemeren Wege seine litterarischen Sporen, wie so und so viele andere. Er hat aber in richtiger Erkenntniß der Mängel und der Augenblicksstimmung der eigentlichen Revolutionspoesien deren Hauptmasse aus der Sammlung seiner „Gedichte“ ausgeschlossen, die zuerst 1857 zu Leipzig (2. Auflage ebenda 1870), zuletzt in abschließender dritter, neu vermehrter „Gesammt-Ausgabe“ 1878 ebenda (in Reclam’s Universalbibliothek Nr. 1102–3) erschien. Dieses Compendium der Strodtmann’schen Lyrik ist in seiner endgültigen Gestalt nach damaliger Mode in mehrere stofflich sich abhebende Bücher getheilt und ermöglicht ein gutes Bild der lyrischen Leistungsfähigkeit Strodtmann’s außerhalb des Bannkreises seiner himmelstürmenden Umsturztendenzen. Immerhin sind aber die Hälfte der sechs Bücher, dem Umfange nach fast zwei Drittel, den Geliebten Irmgart, Maria, Sulamith, Käthchen, Wally, Selma gewidmet. Einzelne Lieder, in denen [608] das Gemüth sich offenbart, bezeichnen wir getrost als Perlen, z. B. einige abgeklärteren Inhalts aus den letzten Lebensjahren, eine ganze Zahl der Liebesgedichte, sowie mehrere der 1870/71 entstandenen. Außerdem lieferte er von selbständigen poetischen Werken noch: „Rohana. Ein Liebesleben in der Wildniß“ (Hamburg 1857; 2. Auflage Berlin 1872) und „Ein Hoheslied der Liebe“ (Hamburg 1858), in denen es ihm nicht gelingt, romantisch gegriffene Probleme aus dem Reiche der Sentimentalität in frischere Luft etwas realistischeren Hauchs hinüberzuspielen. Größeren Werth beanspruchen sie nicht. Auch für „Brutus! schläfst du? Zeitgedichte“ (Hamburg, ohne Jahr [1863], mit 14 Illustrationen; Nachdruck London 1863) genügt das Lob sinnvoller und gutgebauter Verse.

Einigermaßen seltsam berührt es, zu sehen, wie St., im Jünglingsalter so äußerst energischen und selbständigen Strebens voll, im Verlaufe seiner zweiten Periode (die man etwa mit 1860 beginnen lassen mag) mehr und mehr Anempfinder, Nachbildner wird, bis er sich mit steigender Vorliebe der Uebersetzerthätigkeit zuwendet. Eine vielseitige und stetig sich auswachsende Begabung stand ihm hier zur Seite. Er übertrug gut, geschickt und fließend und verdeutschte seine Vorlagen wirklich. Den Geist fremder Völker und Sprachen verstand er wohl und fühlte er nach, aber ihn so leise durchschimmern zu lassen, daß das neue Gewand nicht platzt und reißt, gelang ihm eigentlich doch selten. Wohlweislich wählte er nur Texte in Idiomen, deren Kenntniß ihm völlig eignete. Außer „Montesquieu’s Persischen Briefen“ (Berlin 1866) und „Armes Frankreich. Zeitgedichte von A. Rogeard. In freien Versmaßen übersetzt“ (Hamburg 1865), sowie der noch zu erwähnenden Publication „Die Arbeiterdichtung in Frankreich“, hat er nur englische und dänisch geschriebene Litteraturdenkmale vorgenommen. Das Englische war ihm aus den Londoner und den jenseit des Oceans verbrachten Jahren her geläufig, während er mit dem Dänischen seit der Kindheit vertraut war. So gab er denn folgende Uebersetzungen poetischer Werke heraus: aus dem Englischen „Lord Byron’s erzählende Dichtungen“ (Hildburghausen 1862), „Percy Bysshe Shelley’s ausgewählte Dichtungen“ (2 Bde., ebd. 1867), „Alfred Tennyson’s ausgewählte Dichtungen“ (ebd. 1868), „Alfred Tennyson’s Enoch Arden“ (Berlin 1876, mit Illustrationen von Paul Thumann); den Roman „Daniel Deronda“ von George Eliot (4 Bde., Berlin 1876); aus dem Dänischen beziehentlich Dänisch-Neunorwegischen den Roman „Ich lebe!“ (Stuttgart 1878) von Marie Sophie Colban und die „Novelle“ (2 Bde., Stuttgart 1876), Romane von Wilhelm Bergsöe (z. B. das sensationelle Werk „Fra Piazza del Popolo“, 3 Bde., Berlin 1870), H. H. H. Drachmann, J. P. Jacobsen (so dessen erfolgreiche Erstlinge „Mogens“ [1872] und „Et Skuddi Tagen“ [1875] als „Aus den Sandregionen und andre Erzählungen“, Berlin 1877), endlich Dramen von Chr. K. F. Molbech („Ambrosius“, Leipzig 1878; „Der Ring des Pharao“, ebenda 1879), B. Björnson („Das neue System“, Kopenhagen 1878) und H. Ibsen („Die Kronprätendenten“, Berlin 1872; „Der Bund der Jugend“, ebenda 1872). Dazu tritt die vorzügliche Wiedergabe der ersten Hälfte von Svend Grundtvig’s classischer Sammlung dänischer Volksmärchen [Danmarks gamle Folkeeventyr]. Nach bisher ungedruckten Quellen erzählt“ (1878), deren zweite Hälfte dann Willibald Leo übertrug, sowie „Ein Wunderbuch für Knaben und Mädchen. Heroensagen des griechischen Alterthums in modernem Gewande. Nach dem Englischen des Nathanael Hawthorne für die deutsche Jugend bearbeitet“ (Berlin 1862; mit colorirten Bildern von Th. Hosemann) und die unten zu nennenden Anthologien.

Die Verdeutschungen prosaischer Arbeiten aus den beiden fremden Sprachen, die St. ferner unternahm, stehen im innigsten Zusammenhange mit seinen sonstigen Studien und Veröffentlichungen. Im allgemeinen freilich hat sich St., wenn [609] man davon absieht, daß er sich einmal an den eigenartigen Engländer William Hepworth Dixon („Frei-Rußland“; 2 Bde., Berlin 1870) heranwagte, als Uebersetzer nie übermäßig schwierige Originale ausgelesen. James Sime’s „Lessing, his life and writings“, nach dem St. „G. E. Lessing. Ein Lebensbild“ „frei bearbeitet“ (Berlin 1878) hat, war kaum würdig, als eine Publication des „Allgemeinen Vereins für Deutsche Litteratur“ in deutschen Landen verbreitet zu werden, nachdem wir doch unendlich gediegenere deutsche Behandlungen desselben Themas besitzen. Und das zwar vielgerühmte – andererseits allerdings auch vielgeschmähte – Hauptwerk von Georg Brandes, „Die Hauptströmungen der Litteratur des neunzehnten Jahrhunderts. Vorlesungen, gehalten an der Kopenhagener Universität“ – der dänische Titel lautet: „Hovedströmninger i det 19. Aarhundredes Literatur“ – verlangte vom Uebersetzer keineswegs die Bewältigung sonderlicher formeller Hindernisse. Denn Brandes schreibt ja glatt und flüssig und lehnt sich trotz eines gewissen Anflugs von Pariser Feuilletonstil stark an deutsche Denkart an, wie er ja selbst das Deutsche, selbst schriftstellerisch, ganz vorzüglich beherrscht. Die Verdeutschung des Brandes’schen geist- und inhaltreichen, aber nun gemach in den Hintergrund tretenden Werkes, die St. unternahm, erschien gleichzeitig und schrittweise mit dem Original, und zwar die ersten vier Bände (Berlin 1872–76), zu denen ein 1887 in Leipzig veranstalteter Abdruck die Uebersetzung des mittlerweile herausgekommenen fünften, „Ueber die Romantische Schule“, von Wilhelm Rudow hinzufügte (neuer Gesammtabdruck Leipzig 1892 fg.). Die Arbeit Strodtmann’s war autorisirt; gleichwol fand sich Brandes, der manche Mängel des Originals durch Uebersetzersünden zu bemänteln suchte, nach Strodtmann’s Tode bemüßigt, selbst sein Werk in durchgesehener Fassung dem Deutschen anzueignen (Leipzig 1888), zog aber in einem sich hieran knüpfenden Proceß den kürzeren, da er sich nicht entblödet hatte – seinen Uebersetzer St. für Hunderte von Seiten einfach abzuschreiben. Diese Thatsache diene hier bloß als Beleg für die Güte von Strodtmann’s Leistung. Außerdem übertrug St. von demselben Verfasser noch „Ferdinand Lassalle“ (Berlin 1877) und „Sören Kierkegaard“ (Leipzig 1879), beide als „Ein litterarisches Charakterbild“ bezeichnet.

Den Verdeutschungen dieser Art möchten wir, bevor wir zu Strodtmann’s selbständigen litterarhistorischen Darbietungen übergehen, noch drei Veröffentlichungen anschließen, auf die wir oben im Zusammenhange der Besprechung seiner Uebersetzerthätigkeit schon hindeuten mußten, deren Schwerpunkt doch aber in dem litterargeschichtlichen Werthe ruht. Es sind: „Die Arbeiterdichtung in Frankreich. Ausgewählte Lieder französischer Proletarier. In den Versmaßen der Originale übersetzt und mit biographisch-historischer Einleitung versehen; nebst einem Anhang Victor Hugo’scher Zeitgedichte“ (Hamburg 1863); „Lieder- und Balladenbuch amerikanischer und englischer Dichter der Gegenwart. In den Versmaßen der Originale übersetzt und von Lebensskizzen der Verfasser begleitet. Mit einem Zueignungsbriefe an Ferdinand Freiligrath“ (ebenda 1862); „Amerikanische Anthologie. Dichtungen der amerikanischen Literatur der Gegenwart. Mit biographisch-historischer Einleitung“ (Hildburghausen 1870). Allen dreien gebührt das redliche Verdienst, bestimmte und zwar inhaltlich ganz besonders interessante Bezirke der ausländischen modernen Lyrik auch demjenigen, dem die Originalhülfsmittel oder aus mangelnder Sprachkenntniß deren Lectüre verschlossen, bequem zugänglich zu machen, zudem in einer wohlentsprechenden Form. Die ganz selbständige Bethätigung Strodtmann’s auf dem Felde litterarhistorischer Kritik und Charakteristik bewegt sich nicht durchaus in dem Rahmen seines sonstigen Schaffens. Bleibt er auch mit der Serie kundiger Essays über [610] „Das geistige Leben in Dänemark. Streifzüge auf den Gebieten der Kunst, Litteratur, Politik und Journalistik des skandinavischen Nordens“ (Berlin 1873) seinem gleichsam angestammten Gebiete treu, so überschreiten die „Dichterprofile. Litteraturbilder aus dem neunzehnten Jahrhundert“ (2 Bde., 1878; 2. Ausg. 1887) streng genommen den Gesichtskreis, innerhalb dessen man im allgemeinen Strodtmann’s eigene Schriftstellerei abgeschlossen vermeint. Denn das bereits an dem bezüglichen Punkte der Lebensbeschreibung gewürdigte Buch über Gottfried Kinkel gehört eben ganz und gar in seine äußere und innere Entwicklungsgeschichte hinein und bildet gewissermaßen ein unmißbares biographisches Moment. Aber der feine Blick für litterarisches Sonderdasein, für unabhängiges Streben und Ringen des Schriftstellers, für künstlerische Genialität und bewußte Eigenthümlichkeit eines solchen, den Strodtmann’s „Dichterprofile“ in vielfacher Hinsicht bekunden, braucht uns nicht zu überraschen. Wir begegnen ihm schon in dem ganz vorzüglich geleiteten Journal „Orion. Monatsschrift für Kunst und Literatur“, dessen zwei einzige Jahrgänge er 1863–64 zu Hamburg herausgab (4 Bde.), einer der inhaltreichsten Zeitschriften ihrer Art. St. selbst schrieb dafür die Abhandlung „Das humanistische Element in der gegenwärtigen Deutschen Litteratur“, seinen Einleitungsessay über „Die Arbeiterdichtung in Frankreich“ u. a. Aber insbesondere stoßen wir auf ein gediegenes Verständniß jener Eigenschaften, die mit in erster Linie den gewaltigen, aus dem Borne der Urwüchsigkeit heraus spendenden Dichtergeist machen, bei Strodtmann’s Bemühungen für die Kenntniß Gottfried August Bürger’s und Heinrich Heine’s, dieser beiden – freilich in gänzlich verschiedener Weise – ungezogensn Lieblinge der Grazien. In Bezug auf ersteren bot er die Hauptmasse seiner Gewinnste in der imposanten Zusammenstellung der „Briefe von und an Gottfried August Bürger. Ein Beitrag zur Litteraturgeschichte seiner Zeit. Aus dem Nachlasse Bürger’s und anderen, meist handschriftlichen Quellen“ (Berlin 1874), deren vier starke Bände einen erstaunlichen Schrein wichtigsten Materials eröffneten (zu dem Sach- und Namensregister lieferte R. Köhler im Arch. f. Litt.-Gesch. VI, 526 f. werthvolle Zusätze). Man muß heute dieses Werk als die Hauptquelle über den unglücklichen Göttinger Dichter bezeichnen. Noch weitere Mittheilungen über letzteren hatte St. augenscheinlich vor, und es ist schade, daß er, „der letzte Forscher, der aus Bürger’s Nachlaß geschöpft hatte, gegen Ende seines Lebens die neuen Funde verzettelte und versteckte“, wie der erste derzeitige Bürgerforscher, August Sauer, ausruft (Vierteljahrsschr. f. Litteraturgesch. I, 260 f., wo er zugleich mehrere solcher Fundorte angibt). Noch viel erfolgreicher ward aber Strodtmann’s Wirken für die geziemende Stellung Heine’s in unserer Litteraturgeschichte. Besonders dadurch, daß er im Auftrage und mit Unterstützung von Heine’s Verleger, der auch seine Anfangsschöpfungen mit dem Namen der berühmt gewordenen Firma Hoffmann & Campe in Hamburg gedeckt hatte, den ersten Druck von „Heinrich Heine’s sämmtlichen Werken. Kritische Ausgabe“ (21 Bde., inbegriffen den Supplementband „H. Heine’s letzte Gedichte und Gedanken“, Hamburg 1861–69), der eine hochbedeutsame wissenschaftliche That darstellt, veranstaltet hat. Sein Nachfolger Ernst Elster, der mit seiner auf einer Menge neuen Materials fußenden siebenbändigen kritischen Ausgabe (1887–90) ein gut Stück über St. hinausgekommen ist, räumt ihm den Ehrenrang, der ihm ansteht, unbedingt ein. Nächstdem sorgte St. auch durch gründliche Sichtung und Feststellung der biographischen und litterarhistorischen Daten für eine gediegenere Erkenntniß dieses fesselndsten und trotz seiner ausgesprochenen Individualität am meisten typischen aus der Poetenschar der romantischen Epoche, unablässig und umsichtig, da er ihn verehrte wie einen Halbgott und einen inniggeliebten Freund zugleich. „Heinrich Heine’s Wirken und Streben, dargestellt an seinen Werken“ (Hamburg 1857), [611] eine kleinere Schrift, beruht mehr auf einer allgemeinen, ruckweise aufflammenden Begeisterung und den Eindrücken, wie sie nach vielfacher bruchstückweiser Lectüre zurückzubleiben pflegen. Als St. später an die erneute Behandlung des weitschichtigen Stoffes ging, hatte sich jener jugendliche Rausch längst gesetzt, und eine genaue Prüfung der gesammten schriftstellerischen Aeußerungen Heine’s, in denen sich ja bei ihm der Mensch Heine wirklich abspiegelt, war hinzugetreten. So erwuchs die actenmäßige Biographie „H. Heine’s Leben und Werke“ (2 Bde., Berlin 1867–69), die eine, mit Recht verbilligte „zweite, verbesserte Auflage“ (ebd. 1873–74) erlebte und dann eine dritte (Hamburg 1884). Würdig schließt den Reihen: „H. Heine. Immortellen. Mit dem Titelbilde: H. Heine’s Grab“ (Berlin 1870; zweite Auflage Hamburg 1871, auch New-York 1872); in ihnen kommt Strodtmann’s Gefühls- und sozusagen persönliches Verhältniß zu dem Dichtergenius zu Wort und thatsächlich auch zu füglichem Ausdruck. Alle späteren Biographen und Kritiker Heine’s erkennen Strodtmann’s Leistungen auch nach dieser Hinsicht an, natürlich nicht ohne diese oder jene Einschränkung. Bloß einer und zwar einer der feinsinnigsten Kenner des so reichlich mißverstandenen Dichters, Karl Hessel, fällt einen schroffen Tadel: „Strodtmann“, sagt er, „hat das Werden des Dichters in Heine leider total verzeichnet; nach ihm geht Heine aus von Versemacherei und ringt sich erst langsam zu innerlicher Wahrheit durch“ (Vierteljahrsschr. f. Litteraturgesch. I, 513). Ob übrigens in dieser Auffassung Strodtmann’s nicht doch mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt, gehört nicht hierher; wir wollten nur Hessel’s Ansicht als die eines unvoreingenommenen Berufenen registriren.

Bei Lebzeiten hat St. wenig Sonnenschein geschaut und gar viel unter Uebelwollen, Verkennung und absichtlicher Mißachtung gelitten. Er blieb trotz alledem unverdrossen am Werke, bis die Feder seiner Hand entsank. Früh genug schied er von dannen, und heute ist er schon, vierzehn Jahre nach seinem Tode, fast ein Vergessener. Als Dichter und Uebersetzer, als eifrigster Förderer unseres Bürger- und Heine-Verständnisses, nicht zuletzt als Patriot und Mensch läßt er an sich schöne, ehrliche Mannheit rühmen und einen geraden Fleiß im Eintreten für alles Würdige. Diese beste Seite des Litteraten, die noch erkannt werden kann lange nachdem die unmittelbare Kenntniß seiner Werke aufgehört hat, fühlte schon 1850 an dem Jünglinge St. ein Geistesverwandter von höherem Talente heraus, Max Waldau (s. Spiller von Hauenschild, Georg), in seiner Recension von Strodtmann’s „Liedern der Nacht“ („Jahreszeiten“, Nr. 14).