ADB:Struve, Wilhelm von

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Artikel „Struve, Wilhelm“ von Ludwig Stieda in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 36 (1893), S. 693–698, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Struve,_Wilhelm_von&oldid=- (Version vom 19. September 2019, 00:56 Uhr UTC)
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Struve: Friedrich Georg Wilhelm St., einer der hervorragendsten Astronomen der Welt, wurde am 15. April 1793 zu Altona als der vierte Sohn des Directors des Christianeums Jacob St. (s. d.) geboren. Der Knabe besuchte, wie seine älteren Brüder, die väterliche Schule, wobei er den anregenden Unterricht seines Vaters genießen konnte. – Gerade auf diesen Sohn hatte sich mit der Anlage für Mathematik auch die Lust und Liebe zu dieser Wissenschaft, die der Vater besaß, vererbt. Bereits in dem jugendlichen Alter von fünfzehn Jahren, im Frühjahr 1808, war Wilhelm St. reif für die Universität. Wohin sollte er sich wenden? Ein Begegniß mit französischen Werbern brachte schnell eine Entscheidung. Der hochaufgeschossene, aber kräftige Jüngling war auf einem Spaziergange nach Hamburg in der Vorstadt St. Pauli französischen Werbern in die Hände gefallen: durch einen kühnen Sprung aus dem Fenster rettete er sich und floh in das Haus der Eltern. – Um weiteren Unbequemlichkeiten zu entgehen, beschlossen die Eltern, den Sohn nicht in Deutschland zu lassen, sondern ins Ausland, und zwar nach Dorpat, zu schicken, damit er dort studiren sollte. Lebte doch schon der älteste Sohn Karl Ludwig St. in Dorpat als Gymnasiallehrer und Privatdocent. So konnten die Eltern ihren jungen Sohn in die weite Ferne nach Rußland ziehen lassen – sie wußten ihn unter der Aufsicht und der Sorge des älteren Bruders. So reiste Wilhelm St. im Sommer 1808 [694] nach Dorpat, legte vier Wochen nach seiner Ankunft das vorgeschriebene Aufnahmeexamen ab und wurde im zweiten Halbjahr in die Zahl der Studirenden für das Fach der Philologie aufgenommen. Die Universität zu Dorpat war erst 1802 gegründet, die Zahl der Studenten war noch gering – St. war der 371ste. Im nächsten Jahre, 1809, wurde W. Erzieher im Hause des Grafen Berg-Sagnitz: der später berühmte Generalfeldmarschall Berg[WS 1] war sein erster Zögling. Trotz dieser Nebenbeschäftigung eines Hauslehrers konnte Wilhelm seinen Studien so fleißig obliegen, daß er 1810 für eine Abhandlung „De studio critices et grammatices apud Alexandrinos“ den Preis der goldenen Medaille erhielt, und daß er nach dreijährigem Studium 1811 das Examen eines Oberlehrers der classischen Philologie glänzend bestehen konnte. In demselben Jahre kam J. G. S. Huth[WS 2] als Professor der Astronomie nach Dorpat, ein Gelehrter von vielseitigem Wissen und einer ungewöhnlichen Lehrgabe. Er erweckte die in W. St. schlummernde Neigung für Mathematik und Astronomie, so daß St. sich von nun ab dem astronomischen Studium widmen wollte. Er war unterdeß, trotz seiner achtzehn Jahre, zum Oberlehrer der Geschichte am Gymnasium zu Dorpat gewählt worden und hätte diese Stellung auch angenommen, wenn sich nicht der Professor Parrot (s. A. D. B. XXV, 184) ins Mittel gelegt hätte. Professor Parrot, der die außerordentliche Befähigung des jungen St. erkannt hatte, wünschte ihn den mathematischen und astronomischen Studien zu erhalten. Er veranlaßte die Universität, dem jungen St. ein Stipendium von 300 Rubel zur Fortsetzung seiner mathematischen Studien zu verleihen. Infolgedessen lehnte St. die ihm dargebotene Stelle eines Oberlehrers ab, gab auch im J. 1812 die Hauslehrerstelle beim Grafen Berg auf, um seine ganze Arbeitskraft dem mathematischen und astronomischen Studium zuwenden zu können. Auf Anregung des Prof. Huth war eine kleine Sternwarte erbaut und in der Person des Dr. Paucker (s. A. D. B. XXV, 241) ein tüchtiger Observator angestellt worden. Unter Anleitung dieser Männer begann St. seine ersten praktischen Studien mit großem Erfolg. Als Paucker 1813 einem Ruf als Lehrer der Mathematik an dem Gymnasium in Mitau folgte, wurde St., der unterdeß zum Dr. phil. promovirt worden war, zum Observator der Sternwarte und zum außerordentlichen Professor gewählt. Dem jungen, erst zwanzigjährigen Professor wurde nun die Gelegenheit geboten, seine Heimath wiederzusehen. Um sich auf sein Lehramt vorzubereiten, bereiste er Deutschland, besuchte die vorzüglichsten Sternwarten und knüpfte mit den ausgezeichnetsten Vertretern seiner Wissenschaft Verbindungen an. Nachdem er sich 1815 in Altona verheirathet hatte, kehrte er nach Dorpat zurück und begann mit frischen Kräften seine Arbeiten fortzusetzen. Huth starb 1818, und 1820 wurde St. zum ordentlichen Professor der Astronomie und Director der Sternwarte ernannt. Hier wirkte er mit ausgezeichnetem Erfolg als Lehrer und Forscher bis zum Jahre 1839: er erhob durch geeignete Maßregeln, durch seine glänzenden Arbeiten die Dorpater Sternwarte zu einer bedeutenden Höhe. Es gelang ihm, ausgezeichnete Instrumente, darunter den berühmten, aus der Münchener Werkstatt hervorgegangenen Refractor zu beschaffen; es glückte ihm, geeignete Persönlichkeiten zur Ausführung seiner großartigen, wissenschaftlichen Pläne zu finden. Doch sollte er bald einen größeren, wissenschaftlichen Wirkungskreis finden. Er war 1832 zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg ernannt worden; infolgedessen wurde er von der Akademie zu den Vorarbeiten zur Gründung eines neuen, den Forderungen der Wissenschaft entsprechenden Observatoriums herangezogen. Der Kaiser Nikolaus schenkte einen geeigneten Platz beim Dorfe Pulkowa – 20 Kilometer von Petersburg – und versprach, alle Mittel zur Erbauung eines geeigneten Instituts zu bewilligen. Als St. am 15. April 1834 in seiner [695] Eigenschaft als Mitglied der über den Bau eines Observatoriums berathenden Commission dem Kaiser Nikolaus über die Arbeiten der Commission berichtete, ernannte der Kaiser ihn zum Director des neu zu gründenden Instituts und ertheilte ihm den Auftrag, eine Reise ins Ausland zu machen und für die Herrichtung der besten Instrumente Sorge zu tragen. Der Bau des Qbservatoriums begann, wurde unter Struve’s Leitung fortgeführt und beendigt, ausgezeichnete Instrumente wurden besorgt, geeignete Gelehrte und Hülfsarbeiter angestellt: im April des Jahres 1839 konnte St. als erster Director des Haupt-Observatoriums in Pulkowa das neue Gebäude beziehen. Hier entwickelte er während seiner zwanzigjährigen Amtszeit eine ausgebreitete und einflußreiche Thätigkeit – ihm verdankt die Sternwarte in Pulkowa die hervorragende Stellung in der wissenschaftlichen Welt, die sie noch heute einnimmt. Im Januar 1858 erkrankte St. sehr schwer – er konnte sich nicht völlig erholen und sah sich veranlaßt, das Amt eines Directors niederzulegen und seinem Sohn Otto[WS 3] die Leitung des Observatoriums zu übergeben. – Dann zog er sich 1862 ganz ins Privatleben zurück, feierte noch am 30. October 1863 sein fünfzigjähriges Doctorjubiläum, hatte allendlich noch die Freude und Genugthuung, am 19. August 1864 das 25jährige Stiftungsfest seiner jungen, so großartigen Schöpfung zu erleben, und schloß am 11./23. November[WS 4] 1864 seine müden Augen zur ewigen Ruhe! –

„Als Mensch war St. einer der edelsten, voll Liebe für seine Mitmenschen, immer geneigt zu helfen, wo er helfen konnte, mild in seinem Urtheil über Andere, streng gegen sich selbst in Erfüllung seiner Pflichten, liebenswürdig im Umgang, ein treuer Gatte, liebender Vater und aufrichtiger Freund. Als Gelehrter zeichneten ihn Scharfsinn, Consequenz und Ausdauer in hohem Grade aus, ein seltenes Beobachtungstalent und eine ungewöhnliche Beweglichkeit des Geistes, die ihn befähigte, eine Menge von oft ziemlich heterogenen Arbeiten und Studien gleichzeitig zu betreiben. Er hat der Nachwelt ein Beispiel von seltener menschlicher Vollkommenheit hinterlassen“. So schrieb nach dem Tode Struve’s sein Freund und Amtsgenosse Professor Argelander. – Als St. im Mai 1820 Königsberg besuchte, hatte er hier Argelander kennen gelernt – seit jener Zeit vereinigte innige Freundschaft die beiden Gelehrten.

St. war zweimal verheirathet. Die erste Ehe schloß er 1815 als 22jähriger Professor mit Emilie Wall, Tochter eines angesehenen Kaufmanns in Altona, – zwölf Kinder entsprossen dieser glücklichen Ehe, die leider durch den frühen Tod der Gattin am 1. Juli 1834 gelöst wurde. Um seinen acht verwaisten Kindern eine andere Mutter zu geben, schloß er im Februar des Jahres 1835 einen neuen Bund der Ehe mit Johanna Bartels, der Tochter seines Dorpater Collegen[WS 5], des Professors der Mathematik. Auch diese Ehe war reich mit Kindern gesegnet, so daß bei des Vaters Tode zwölf Kinder, sieben Söhne und fünf Töchter, ihn überlebten. Unter den Söhnen erster Ehe hat Otto Wilhelm, geboren am 9. Mai 1819, der Nachfolger seines Vaters, sich gleichfalls als Astronom einen Namen gemacht.

Als Gelehrter hat St. nach zwei Richtungen hin in sehr erfolgreicher Weise gewirkt: erstens sowol in Dorpat wie in Pulkowa als Lehrer, – und zweitens als astronomischer und mathematischer Forscher und Schriftsteller. In seiner Thätigkeit als Director der Sternwarte zu Dorpat hat er sich verdient gemacht um die Einrichtung der Sternwarte und insonderheit durch die Ausbildung einer großen Anzahl von Schülern; neben den Studirenden der Mathematik und Astronomie waren fortwährend junge Officiere des Generalstabes und der Marine in Dorpat, um bei St. Unterricht in den geographischen und geodätischen Theilen der Astronomie zu erhalten. Noch größer und umfangreicher war sein Wirkungskreis in Pulkowa, wo die neue Sternwarte ein Centralpunkt für die geographisch-astronomischen [696] Arbeiten des weiten russischen Reiches sein sollte. St. hat in Dorpat wie in Pulkowa eine ungeheure Thätigkeit entwickelt und seinem Adoptivvaterlande Rußland Dienste geleistet, die nicht hoch genug angeschlagen werden können; – seine Dienste sind aber auch in gehöriger Weise von allen drei Herrschern Rußlands (Alexander I., Nikolaus und Alexander II.) anerkannt worden.

Aber St. gehört durch seine schriftstellerischen Leistungen, durch seine Forschungen und Beobachtungen, durch seine wissenschaftlichen Arbeiten der Welt an. In Recke-Napiersky’s Schriftstellerlexikon IV, 320–324, sowie in Beise’s Nachträgen II, 216–223 findet sich ein ausführliches Verzeichniß aller Werke, aller größeren und kleineren Abhandlungen, die St. verfaßt, ein Verzeichniß aller gelehrten Gesellschaften, denen er angehört, ein Verzeichniß aller Orden und Medaillen, durch die er geehrt werden sollte. Hierauf verweisen wir alle diejenigen, die nach solchen äußeren Zeichen den Werth eines Gelehrten zu beurtheilen pflegen.

Wir verweilen zum Schlusse noch bei einigen hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen Struve’s. Sie beziehen sich einerseits auf den gestirnten Himmel und bezwecken, die Kenntniß des gestirnten Himmels zu befestigen; andererseits beziehen sie sich auf die Erde und sind bestrebt, die mathematische Kenntniß der Erdoberfläche zu fördern. St. begann seine Forschungen am gestirnten Himmel, indem er mittelst des Passage-Instruments die Rectascensionen der Circumpolarsterne, die Rectascensionsunterschiede der einzelnen Componenten einer Reihe von Doppelsternen, beobachtete; dabei suchte er zunächst alle Doppelsterne zwischen dem Nordpol und 20. Grad südlicher Declination auf. Nachdem St. im Sommer 1822 endlich einen Reichenbach’schen Meridiankreis und damit einen Apparat zur vollständigen Bestimmung der Sternpositionen erhalten hatte, ging er mit großem Eifer an die Arbeit. Bald konnte er seinen Katalog der Doppelsterne herausgeben: „Catalogus 795 stellarum duplicium ex diversorum astronomorum observationibus congestus in specula Dorpatensi“ (Dorpat 1822 [Bode’s astron. Jahrbuch für 1826]). Nachdem die Dorpater Sternwarte am Ende des Jahres 1824 in den Besitz des großen vierzehnfüßigen Refractors aus der Werkstatt Utzschneider & Fraunhofer in München gelangt war, konnte St. mit ausgezeichnetem Erfolg die geliebten Doppelsterne untersuchen. Jener Refractor war damals das größte und vollkommenste dioptrische Fernrohr, ausgezeichnet durch seine optische Kraft und Präcision, wie durch die Zweckmäßigkeit der Einstellung und Bewegung. Zunächst erschien ein Verzeichniß von 3112 Doppelsternen, von denen der größte Theil bisher unbekannt gewesen war: „Catalogus novus stellarum duplicium et multiplicium maxima ex parte in specula Universitatis Dorpatensis per magn. telescopum Fraunhoferi detectarum“ (Dorpat 1827 fol.). Und später erschien eine Uebersicht der genauen Messungen der Distanzen und Positionswinkel, die Schätzung der Farben und Größen von 2714 doppelten und vielfachen Sternen: „Stellarum duplicium et mutiplicium mesurae micrometricae per magnum Fraunhoferi tubum anno 1824–1837 in spec. Dorp. institutae“ (Petropoli 1827 fol. m.) – „ein Werk, dessen Früchte nicht allein die Nachwelt in vollstem Maaße genießen wird, sondern das auch Jedem, der sich mit ähnlichen Arbeiten beschäftigt, bei eifrigem Studium die reichlichste Belehrung gewähren wird“ (Argelander). Als weitere Fortsetzung dieser Arbeiten wurden dann noch genaue Bestimmungen der Positionen der Sterne für eine feste Epoche gegeben – auf Grundlage der von St. und seinen Gehülfen Preuß und Döllen angestellten Meridianbeobachtungen. So kam ein Katalog der Rectascensionen und Declination von 2874 Sternen für die Epoche 1830 zu Stande: „Stellarum fixarum inprimis duplicium et multiplicium positiones mediae pro epocha 1830, deductae ex observationibus meridianis annis 1822–1843 in spec. Dorpat. [697] institutis“ (Petropoli 1842 fol.). „Diese drei Werke, der Catalogus novus, die Mensurae micrometricae und die Positiones mediae bilden zusammen ein Ganzes und enthalten alles, was um jene Zeit über die Doppelsterne bekannt und zu wissen wünschenswerth war. Sie werden für alle Zeiten als ein sicheres Fundament für alle weiteren Forschungen über diesen Gegenstand dienen“ (Argelander).

Die aufgeführten Publicationen beziehen sich nur auf die Dorpater Zeit; in Pulkowa wurden von St. selbst wie von seinen Gehülfen weitere Forschungen über die Doppelsterne, sowie damit zusammenhängende genauere Bestimmungen der Positionen der Sterne vorgenommen; eine Reihe späterer Abhandlungen, die meist in den Schriften der Petersburger Akademie niedergelegt sind, berichten darüber. St. hat noch in der letzten Lebenszeit begonnen, eine Geschichte der Doppelsterne zu schreiben. –

Aus der anderen Reihe der Arbeiten Struve’s, die eine Förderung der mathematischen Kenntniß der Erdoberfläche bezwecken, sei zuerst hier auf die astronomisch-trigonometrische Vermessung Livlands verwiesen. Auf Veranlassung der livl. ökon. Societät nahm St. die Vermessung Livlands vor, um eine neue topographische Karte herzustellen. Trotzdem die Hülfsmittel nur dürftig waren, so konnte die Arbeit infolge der Geschicklichkeit und Sorgfalt des Beobachters zur Zufriedenheit ausgeführt werden: „Resultat der in den Jahren 1816–1819 ausgeführten astronomisch-trigonometrischen Vermessung Livlands (St. Petersburg 1844). Bei dieser Triangulation hatte St. sich überzeugt, daß die russischen Ostseeprovinzen sich zur Ausführung einer Meridiangradmessung von 3½ Grad Ausdehnung sehr eigneten. Er unterbreitete einen bezüglichen Plan der Regierung, erhielt die nöthigen Mittel und brachte endlich im J. 1827 die Gradmessung zu Ende: „Beschreibung der unter Allerhöchstem K. Schutz von der Universität zu Dorpat veranstalteten Breitengradmessung in den Ostseeprovinzen Rußlands (2 Bde., 4°, Dorpat 1831). In Pulkowa gab St. eine „Beschreibung der neuen Sternwarte“ heraus (St. Petersburg 1845), bestimmte Länge und Breite der Sternwarte in genauer Weise, ferner den Längenunterschied zwischen Pulkowa und Altona, zwischen Altona und Greenwich: „Expedition chronométrique entre Altona et Greenwich“ (1846). An diese Arbeit knüpften sich viele andere, die die Ortsbestimmungen in Rußland betreffen. – Hiebei hatte St. den besonderen Wunsch, eine Fortführung der Gradmessungen nach Norden vorzunehmen, und um auch die im Süden Rußlands sorgfältig ausgeführten geodätischen Arbeiten nützlich zu verwenden, faßte er den Gedanken der Bestimmung eines Meridianbogens durch mehr als halb Europa, von den Ufern der Donau bis zu den Küsten des nördlichen Eismeeres. Unter Mitwirkung verschiedener Astronomen gelang es St. trotz vieler Schwierigkeit, diesen Gedanken zu verwirklichen: er konnte 1860 die detaillirte Beschreibung des größten bisher gemessenen Meridianbogens, von 25° 10’ zwischen Ismaila an der Donau und Fuglenäs an der Nordküste von Norwegen bekannt machen: „Arc du Méridian de 25° 20’ entre le Danube et la mer glaciale, mesuré depuis 1816 jusqu’en 1856 sous la direction de C. de Tenner, Chr. Hanstein, N. H. Selander, F. G. W. Struve“ (3 Bde., St. Petersburg 1857–1860). – Die Ausführung der Messung eines Bogens der Parallele, die er weiter plante, sollte er nicht mehr erleben. – Aus der großen Zahl der andern hierher gehörigen Arbeiten sei schließlich noch auf die Ermittlung des Höhenunterschiedes zwischen dem Caspischen und Schwarzen Meere hingewiesen. Nach einem Plan, den St. erdacht hatte, vollführten drei seiner Schüler, Georg Fuß, Sabler und Sawitsch, die Arbeit, über die St. berichtete – das Resultat ergab, daß das Niveau des Caspischen Meeres 83,67 englische Fuß tiefer als das Niveau des Schwarzen Meeres liege: „Beschreibung der zur Ermittlung des Höhenunterschiedes zwischen [698] dem Schwarzen und Caspischen Meere in den Jahren 1836–1837 von G. Fuß, A. Sawitsch und G. Sabler ausgeführten Messungen, zusammengestellt von G. Sabler im Auftrage der Akademie, herausgegeben von W. Struve“ (St. Petersburg 1849, 4°).

Lübker-Schroeder, Lexikon Schleswig-Holsteinischer Schriftsteller. – Recke-Napiersky, Schriftsteller- und Gel.-Lex.: Beise, Nachträge dazu II, Mitau 1861, S. 216–225. – Vierteljahrschrift der Astronomischen Gesellschaft, I. Jahrg., Leipzig 1866, Vortrag zum Gedächtniß verstorbener Mitglieder, S. 26–52. Struve (Verfasser Argelander). – Memoirs of the Royal Astronomical Society, vol. XXXIV, London 1866. – Monthly notices of the R. Astr. Soc., vol. XXV, p. 83–98.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Friedrich Wilhelm Rembert von Berg (1790–1874), Feldmarschall der russischen Armee.
  2. Johann Sigismund Gottfried Huth (1763–1818).
  3. Otto von Struve (1819–1905), Astronom.
  4. 11. November nach dem julianischen, 23. November nach dem gregorianischen Kalender.
  5. Johann Martin Christian Bartels (1769–1839).