ADB:Truchseß, Christian Freiherr

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Artikel „Truchseß, Christian, Freiherr von Wetzhausen“ von Franz Xaver von Wegele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 679–682, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Truchse%C3%9F,_Christian_Freiherr&oldid=- (Version vom 23. September 2019, 04:00 Uhr UTC)
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Truchseß: Christian T., Freiherr v. Wetzhausen auf Bettenburg, fränkischer Edelmann, kein Mann der That, aber eine merkwürdige, von seinen Zeitgenossen als solche erkannte Individualität. Aus einem alten, der Reichsritterschaft zugehörigen Geschlecht stammend, wurde er am 31. Juni 1755 auf Schloß Bundorf (im bairischen Franken, Bezirksamt Königshofen), wo sein Vater als Gutsbesitzer lebte, geboren. Der väterlichen Führung durch dessen frühen Tod beraubt, trat er nebst seinem älteren Bruder unter die vormundschaftliche Leitung seines Oheims und seiner Mutter, einer geborenen v. Schaumberg. Die Erziehung, die ihm zunächst zu Theil wurde, in erster Linie die geistige Ausbildung, war nicht gerade hoch gegriffen, und aus diesem Grunde mochte es zweckmäßig erscheinen, daß er nach kaum vollendetem 16. Lebensjahre zuerst nach Gießen und das Jahr darauf (Ostern 1773) nach Leipzig auf die hohe Schule geschickt wurde. Von erheblichen Fortschritten konnte aber auch jetzt nicht gesprochen werden, zumal in beiden Fällen zusammen der Aufenthalt auf die kurze Zeit von zwei Jahren beschränkt wurde. Dagegen war es ein löblicher Gedanke, daß der junge T. schon in dem folgenden Jahre unter entsprechender Führung und in Gesellschaft seines Bruders und Vetters einen Theil der sogenannten großen Tour, wenigstens des südlichen Deutschlands, Oesterreichs und Ungarns, bereisen durfte. Nach Hause zurückgekehrt, erhob sich für T. die Frage, was [680] weiter? Wird er, was nahe lag, auf eigenen Grund und Boden als Erbherr seine Stellung nehmen oder irgendwo im öffentlichen Leben eine Wirksamkeit zu begründen suchen? Für den jungen T., mit dem wir uns beschäftigen, entschied diese Frage auf Grund wahrscheinlich einer latenten Neigung, wenn man will, der Zufall. Bei Gelegenheit eines Besuches, den er 1775 bei seiner in Kassel verheiratheten Schwester machte, faßte er, sein eigener Herr und Souverän, der er war, den Beschluß, in der landgräflichen Garde Dienst zu nehmen: ein Leben der Art, daß ihn mit dem fürstlichen Hofe und den gebildeten Kreisen der Residenz in nähere Beziehungen versetzte, mochte ihm anziehender erscheinen als die Ruhe und Stille des ländlichen Lebens auf den väterlichen Gütern. Zwölf Jahre hat er als Officier in dieser Stellung zugebracht. Sie bot ihm zwar keine Gelegenheit, kriegerische Lorbeeren zu ernten, aber auf die Erweiterung seines Gesichtskreises und Steigerung seiner geistigen Interessen hat sie offenbar einen höchst günstigen und befruchtenden Einfluß ausgeübt. Es wird nicht zu viel gesagt sein, wenn wir vermuthen, daß zu der geistigen, weithin leuchtenden Position, die er später in seiner Heimath einnahm, in der hessischen Hauptstadt der Grund gelegt worden ist. Es war die Zeit des Landgrafen Friedrich II., dessen helle und dunkle Charakter- und Regenteneigenschaften ja bekannt genug sind; notorisch hat er eine Anzahl bedeutender, zum Theil ausgezeichneter Männer um sich versammelt, deren Rückwirkung auf einen jugendlichen und empfänglichen Geist nicht ausbleiben konnte. Es seien unter ihnen Baron Schlieffen, Dohm, Johannes v. Müller, Sömmering, Georg Forster u. a. m. hervorgehoben; sie haben den strebsamen fränkischen Ritter in ihren Kreis aufgenommen und das Biedere und Gewinnende in dem Charakter des zweiten Götz von Berlichingen, wie sie ihn wohl oder übel zu nennen pflegten, wohl zu schätzen gewußt.

Man hat offenbar Grund, anzunehmen, daß T. in dieser Existenz, wenn sie auch einem aufstrebenden Geiste Schranken setzte, sich die längste Zeit gefiel. Aber der Tod des Landgrafen Friedrich II. (1785) und der Systemwechsel in militärischen Dingen, der mit der Nachfolge des Landgrafen Wilhelm IX. verbunden war, bestimmte T., aus ehrenhaften Gründen seinen Dienst zu quittiren und in seine fränkische Heimath, in das Land seiner Väter zurückzukehren.

Mit diesem Schritt beginnt jene Epoche in Truchseß’ Leben, in der sich die volle Eigenheit seines Wesens erst recht entfaltet hat, in der er in weiteren Kreisen sich jene ungesuchte Popularität erwarb, die auch heutzutage noch nicht ganz verschollen ist, obwohl er in das handelnde Leben selbst unmittelbar niemals eingegriffen hat. In der im J. 1780 mit seinem Bruder getroffenen Erbtheilung war T. die bei Hofheim an der Straße von Coburg nach Schweinfurt gelegene Bettenburg mit den dazu gehörigen Besitzungen zugefallen. Es scheint, daß sich diese Erbschaft zur Zeit des Erbganges in einem ziemlichen Verfall befunden hat, gewiß ist aber, daß T. sie mit dem Entschlusse einer vollständigen Restauration angetreten und daß er diesen Entschluß auf eine höchst rühmliche und originelle Weise durchgeführt hat. Da es sich in unserem Falle nur um eine Charakteristik des seltenen Mannes handelt, so müssen wir uns zu diesem Zweck auf allgemeine Andeutungen beschränken. Diese Restauration erstreckte sich sowohl auf die Burg als auf die Umgebung des Gartens und Parkes, und legte er derselben die Idee von Einrichtungen und Zuständen aus der sogenannten Ritterzeit zu Grunde, in die er sich systematisch vertieft hatte, ohne darum den Sinn für die Gegenwart zu verlieren. Durch Freskogemälde in den Räumen seiner Burg erweckte er die Erinnerungen an die ritterlichen Gestalten der vergangenen Zeiten, wie eines Hutten, Sikkingen, Götz von Berlichingen u. a. m., und andererseits gab er seiner Sympathie für seine dichterischen Zeitgenossen durch die Schöpfung von Lessing-Goethe-Schiller-Wielandzimmern belebenden Ausdruck. Indem er so die [681] Anmuth des Lebens und den Cultus der Vergangenheit miteinander zu verbinden wußte, ließ er doch zugleich die Noth der Bedürftigen und Armen, die unter seiner Herrschaft standen, nicht außer Augen und sorgte für sie wie ein Vater, weniger durch vergängliches Almosen als durch Consolidirung ihrer wirthschaftlichen Existenz: so gewann er sich in dieser Weise eine Anhänglichkeit, die weit über das Grab hinaus reichte. Ein Edelmann vom Haupt bis zur Zehe, voll thatkräftigen Rechtsgefühls, erkannte er doch im gebildeten Bürgerthum den Kern und den Stolz der Nation. Der Untergang seiner reichsunmittelbaren Selbstherrlichkeit, den er durch die Mediatisirung des Jahres 1803 erlebte, hat ihm wahrscheinlich nicht viele Thränen gekostet, wenn er auch das rücksichtslose Ungestüm, womit sie vollzogen wurde, wie die anderen seiner Staatsgenossen nicht gebilligt haben mag. Die Bettenburg blieb seinen Grundsätzen gemäß, wenn der Ausdruck gestattet ist, eine Herberge der Gerechten, die Zahl seiner Freunde war im Verlaufe der Zeit gewachsen und rekrutirte sich aus den edelsten Elementen der Nation. Die Gastfreundschaft, eine specifisch ritterliche Tugend, übte er in löblichster Liberalität. Wenn auch die fesselnde Anmuth der Hausfrau fehlte – T. ist Junggeselle geblieben –, so verstand er es doch durch seine Aufmerksamkeit und Umsicht den mangelnden Zauber der Burgfrau nach Möglichkeit zu ersetzen. Unter seinen Freunden und Gästen begegnen wir den besten Namen jener Jahre; am zahlreichsten sind die Männer der Litteratur darunter vertreten, denen er überhaupt und von jeher eine fruchtbare Hingabe gewidmet hatte, ohne selbst je productiv zu sein oder sein zu wollen. Von litterarischen Namen, die die Bettenburg öfters beherbergte, nennen wir Heinrich Voß, mit welchem ihn eine warme Freundschaft verband; Gustav Schwab, der eine anmuthende Beschreibung seines Besuches auf Bettenburg hinterlassen hat: Ernst Wagner und vor allem Friedrich Rückert, um dessen Entwicklung T. sich ganz besondere Verdienste erworben hat. Zu seinen intimsten Freunden zählte auch der Freiherr K. A. v. Wangenheim, dem er die Thore seiner Burg auch dann öffnete, als er die Gunst der Großen verscherzt hatte. Mit den nahen Fürstenhäusern Meiningen, Hildburghausen und Coburg hatte er gleichfalls fruchtbare Beziehungen angeknüpft und sah zugleich Vertreter und Vertreterinnen derselben gelegentlich in seiner Burg. Die Zahl seiner Freunde und Gäste hat er zugleich durch Reisen vermehrt, die ihn in erster Linie nach Schwaben und in die Pfalz führten, wo seine liebsten Gesinnungsgenossen lebten und hausten. Seine letzten Jahre wurden durch ein Augenleiden getrübt, das zuletzt mit einer völligen Erblindung endigte, ohne jedoch die Heiterkeit seines Geistes trüben zu können. Die Ideale, die er sich groß gezogen hatte, verloren darum keinen Augenblick ihre Macht und ihre tröstende Kraft. Nebenher gab es ein Gebiet, das sich mit wissenschaftlicher Arbeit berührt, das ist die Pomologie, der er ein gutes Theil seiner ruhigen Stunden geweiht hat, was wieder mit der Cultivirung der nächsten Umgebung der Bettenburg zusammenhängt. Die Frucht dieser seiner Beschäftigung liegt in seinen umfassenden „Untersuchungen über die Kirschbaumzucht“, die schon im J. 1819 veröffentlicht wurden und noch heut zu Tage nach dem Urtheile Sachverständiger nicht entwerthet sind. Die vollendete Erblindung hatte ihn selbstverständlich mit dem Gedanken an den Tod vertraut gemacht, er ging aber mit heiterer Gemüthsruhe der nahenden Katastrophe entgegen, die für ihn nichts Schreckhaftes bedeutete. Er starb am 19. Februar 1826 und sein Leichnam fand in dem nahen, ihm zugehörigen Dorfe Mainau seine letzte Ruhestätte, da er, nach seiner ausdrücklichen und charakteristischen Bestimmung, lieber mitten unter seinen Bauern als in der Gruft seiner Ahnen Ruhe finden wollte.

Bundschuh, Geographisches statistisch-topographisches Lexikon von Franken. 1. Bd. S. 367. – Neuer Nekrolog der Deutschen 5. Jahrgang 1827, [682] 1. Theil. – Kühnert, Dichter, Patriarch und Ritter. Frankfurt a. M. 1869. – Beyer, Fr. Rückert’s Leben (Frankfurt 1868). – Mosengeil, Briefe über den Dichter Ernst Wagner. 2 Bde. Schmalkalden 1826.