ADB:Unzelmann, Karl Wolfgang

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Unzelmann, Karl Wolfgang“ von Hermann Arthur Lier in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 329–331, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Unzelmann,_Karl_Wolfgang&oldid=2508181 (Version vom 11. Dezember 2017, 22:39 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 39 (1895), S. 329–331 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Karl Wolfgang Unzelmann in der Wikipedia
GND-Nummer 117311154
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Kopiervorlage  
* {{ADB|39|329|331|Unzelmann, Karl Wolfgang|Hermann Arthur Lier|ADB:Unzelmann, Karl Wolfgang}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117311154}}    

Unzelmann: Karl Wolfgang U., Schauspieler, wurde am 6. December 1786 zu Berlin als Sohn des bekannten Komikers Karl Wilh. Ferd. U. (s. o.) und seiner Gemahlin Friederike geb. Flittner geboren. Als er nahezu sechzehn Jahre alt war (nicht zwölfjährig, wie es in den Tag- und Jahres-Heften heißt), nahm Goethe den Knaben aus Achtung und Neigung für die Mutter, die Ende September 1801 in Weimar „acht wichtige Vorstellungen hintereinander gegeben“ hatte, auf gut Glück, um ihn unter seiner eigenen Leitung für die Bühne auszubilden. Goethe ließ ihn zuerst im November 1802 als Görge in den „beiden Billets“ von Anton Wall auftreten, eine Rolle, die U. auch noch in beiden Fortsetzungen dieses Stückes, im „Stammbaum“ und in dem „Bürgergeneral“ fortsetzen mußte. Goethe empfand lebhaftes Interesse für das Talent Unzelmann’s, das demjenigen seines Vaters sowohl in Bezug auf die körperliche Gewandtheit, als auf das Geschick für komische Charakterdarstellungen auffallend glich, und förderte ihn in jeder Beziehung. Um seinetwillen gerieth Goethe auf den Gedanken, eine förmliche Theaterschule einzurichten, die bereits im October 1803 auf zwölf Theilnehmer angewachsen war. Für sie schrieb er jene Didaskalien, aus denen Eckermann später die bekannten Regeln für Schauspieler zusammenstellte. So konnte U. als Goethe’s eigenster Schüler gelten und wurde gerade [330] deshalb von den Gegnern der Weimarer Schule oft bart mitgenommen, namentlich als er im J. 1808 mit der Weimarer Truppe in Leipzig gastirte. Fast in jeder Kritik seines Auftretens, die Karl Reinhold, der anonyme Verfasser der Schmähschrift: Saat von Goethe gesäet, dem Tage der Garben zu reifen, damals über das Gastspiel der Weimaraner veröffentlichte, wird seine Unfertigkeit, seine Unreife und schlechte Haltung auf das allerschärfste getadelt, wobei man freilich wissen muß, daß Reinhold, der kurze Zeit dem Weimarischen Theater angehört hatte, aber als unfähig entlassen worden war, mit U. eine Schlägerei gehabt hatte. Im Novbr. 1808 vermählte sich U. mit Demoiselle Friederike Petersilie (24. Mai 1785 bis 19. November 1855. Vgl. Friedrich Thomae im Sonntagsblatt des Berner „Bund“ Nr. 12, 23. März 1884, S. 92–95), die seit dem März 1802 der Weimarer Bühne angehörte und von Goethe seit dem Jahre 1803 als Demoiselle Silie mit Streichung des Peter in den Theaterlisten geführt wurde. Aber bereits im J. 1809 kam es zu Streitigkeiten unter den Gatten, sodaß ihre Ehe wieder geschieden wurde. Im J. 1813 schloß U. eine neue Ehe mit Demoiselle Genast, der Tochter des älteren Genast († 25. Dec. 1839 in Weimar), von der er sich gleichfalls trennte, um sich zum dritten Mal mit Minna Müller zu vermählen. Nachdem er zu Ostern 1821 von Weimar geschieden war, kam er an die Dresdener Hofbühne. Er spielte hier sowol Rollen wie den Franz Moor, als den Rochus Pumpernickel, ließ sich aber durch die Leichtblütigkeit seines Naturells zu Uebertreibungen und Aeußerlichkeiten verleiten. In Wien an der Burg, wo er in den Jahren 1823 bis 1824 engagirt war. konnte er sich seiner Gläubiger nicht mehr erwehren und mußte um seine Entlassung bitten, obwohl Schreyvogel von ihm entzückt war und ihn gern gehalten hätte, wenn nicht der Leichtsinn Unzelmann’s dies verhindert hätte. Im J. 1826 treffen wir U. als Schauspielregisseur am Hof- und Nationaltheater zu Mannheim, hören aber, daß er sich dem Trunke ergeben und im August 1827 Schulden halber durchgegangen sei. Seitdem scheint U. kein festes Engagement mehr an einer größeren Bühne gehabt zu haben, wenigstens nicht für längere Dauer, sondern sein Leben durch Gastspiele und im Herumziehen mit wandernden Gesellschaften gefristet zu haben. Unter anderem kam er in der Osterwoche 1834 auch zu Immermann nach Düsseldorf, der ihn in Erinnerung an seine ehemaligen Leistungen in Weimar eine Zeit lang aufnahm und in einer Reihe seiner besten Rollen z. B. als Graf Klingsberg in „den beiden Klingsberg“ auftreten ließ. Bei seinen Irrfahrten führte U. eine Anzahl aus seiner Weimaraner Zeit herrührender Goethe-Reliquien mit sich herum, die U. im Nothfall versetzte oder veräußerte, um sich aus Geldverlegenheiten herauszuziehen. Zu diesen Schätzen gehörte auch das Manuscript der ursprünglichen Bühnenbearbeitung von Goethe’s Götz von Berlichingen, bei dessen erster Aufführung in Weimar am 22. December 1804 U. den Georg gespielt hatte. Noch im März 1833 war dieses Manuscript in den Händen Unzelmann’s, bald darauf aber versetzte er es bei dem Wirthe des Café Maximilian in München, von dessen späterem Pächter Reinhard es aufgefunden und der Heidelberger Universitätsbibliothek geschenkt wurde. Im Sommer 1842 spielte U. noch auf der kleinen Bühne zu Steglitz bei Berlin. Im nächsten Frühjahr, am 21. März 1843, wurde er ertrunken im Thiergarten zu Berlin aufgefunden. – Karl U. soll ein noch größeres komisches Talent als sein Vater besessen haben. Seine ganze Erscheinung, vor allem sein unnachahmliches Mienenspiel, wiesen ihn wie von selbst auf dieses Fach hin. Rollen wie Rochus Pumpernickel oder Truffaldino spielte er unwiderstehlich, doch zeigte sich auch in seinem Auftreten die Absichtlichkeit der Goethe’schen Schule, deren Streben nach einem formellen Stil auch ihm gelegentlich nachtheilig wurde.

Vgl. Saat von Goethe gesäet. Weimar und Leipzig 1808. S. 92, 114, [331] 151 und a. a. Stellen. – Allgem. Theater-Lexikon. Neue Ausgabe VI, 150. Altenburg u. Leipzig 1846. – Gotthardi, Weimar. Theaterbilder. Jena 1865. II, 77–88. – C. W. Weber, Z. Gesch. d. Weimar. Theaters. Weimar 1865. S. 211, 212. – Jul. Wahle, Das Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung. (Schriften der Goethe-Gesellsch. VI.) Weimar 1892. (Register.) – Goethe’s Werke, XXXV, 128, XXXVI, 75. Weimar 1893. – v. Biedermann, Erläuterungen zu den Tages- und Jahresheften von Goethe, S. 64 und 340. Leipzig 1894. – Fr. Strehlke, Goethe’s Briefe I, 59–61. Berlin 1882. – E. Pasqué, Goethe’s Theaterleitung in Weimar II (Register). Leipz. 1863. – R. Prölß, Geschichte des Hoftheaters in Dresden S. 441, 442. Dresden 1878. – E. Wlassack, Chronik des k. k. Hof-Burgtheaters S. 163, 164. Wien 1876. – C. L. Costenoble, Aus dem Burgtheater 1818–1837 1 (Register). Wien 1889. – A. Pichler, Chronik des Großherz. Hof- und National-Theaters zu Mannheim S. 234, 235. Mannheim 1879. – Rich. Fellner, Geschichte einer Deutschen Musterbühne S. 275. Stuttgart 1888. – Ad. Palm, Briefe aus der Bretterwelt S. 89–92. Stuttgart1881. – E. Devrient, Geschichte d. deutschen Schauspielkunst III,17 (Register). Leipzig 1848–1861. – F. A. Brockhaus, Conversations-Lexikon, 12. Aufl. XIV, 925. Leipzig 1879.