ADB:Walther, Johann Gottfried

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Artikel „Walther, Johann Gottfried“ von Max Seiffert in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 41 (1896), S. 113–117, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Walther,_Johann_Gottfried&oldid=2508909 (Version vom 25. September 2017, 17:04 Uhr UTC)
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Walther: Johann Gottfried W. war, ähnlich wie Johann Pachelbel im Süden und Dietrich Buxtehude im Norden, in Mitteldeutschland der bedeutendste Vertreter der Kunst des Orgelspiels vor und neben Seb. Bach. Seine Selbstbiographie (Mattheson’s „Ehrenpforte“ S. 387) gibt uns genügende Auskunft über den äußeren Lebensgang des Meisters, wie über die bestimmenden Einflüsse, die seinem künstlerischen Schaffen und Wirken die Wege wiesen. Geboren wurde W. am 18. Septbr. 1684 (getauft am 21.) in Erfurt, wo sein Vater Joh. Stephan W. als „Zeug- und Raschmacher“ sein Brot verdiente. Seine Mutter Martha Dorothea, eine geb. Lämmerhirt, war eine nahe Anverwandte des Bach’schen Geschlechtes. Der Junge erhielt zunächst drei Jahre lang Privatunterricht im Lesen und Schreiben und wurde dann in die Erfurter Kaufmannsschule gethan. Hier traten schon die musikalischen Fähigkeiten des Knaben zu Tage. Joh. Bernhard Bach, der damalige Organist an der Kaufmannskirche, und sein Nachfolger Joh. Andreas Kretschmar unterwiesen ihn 1696–1697 im Clavierspiel; und in der Singekunst förderte ihn der Cantor Jakob Adlung gleichzeitig in den dreiviertel Jahren derart, daß der Knabe als „Concertist“ (Solosänger) verwendet werden konnte. Im Mai 1697 bezog der 13jährige W. das Rathsgymnasium, wo er eifrig seinen Studien oblag, aber auch Zeit fand, die Orgelbank aufzusuchen. Die Strebsamkeit des Jünglings erwarb ihm das Wohlwollen eines unbekannten Gönners, auf dessen Veranlassung W. 1701 zum Probespiel aufgefordert und am 8. November 1702 zum Organisten an der Erfurter Thomaskirche berufen wurde (Disposition der Orgel bei Adlung, mus. mech. org. I, 226). Nun widmete sich W. völlig der Musik, die seine ganze Zeit in Anspruch nahm: da war sein neues Amt, seit dem 11. September 1702 trieb er dazu die Composition, in der Praxis des Spieles unterwies er Andere und übte er sich selbst. Ungewöhnlich zähe Ausdauer und eiserner Fleiß steckten augenscheinlich in dem jungen Künstler. Seine Lehrmeister in der Composition und in der Theorie waren Partituren und Bücher. Erst nachdem er aus ihnen geschöpft, was zu lernen war, begab er sich auf Reisen, um seinen musikalischen Gesichtskreis zu erweitern. 1703 besuchte er Frankfurt und Darmstadt, 1704 Halberstadt und Magdeburg, wo er zu tüchtigen und berühmten Musikern, A. Werkmeister und Joh. Graff in nähere Beziehungen trat. Mit dem Theoretiker Werkmeister, der W. mit Buxtehudes Werken bekannt machte, hielt ihn später noch ein lebhafter Briefwechsel zusammen. 1706 endlich besuchte W. in Nürnberg Wilh. Hieron. Pachelbel, des berühmten Joh. Pachelbel Sohn. Auf solchem künstlerischen Boden reiften die Vorarbeiten zu Walther’s Compositionslehrbuch, zu seinem Lexikon, zur eigenen compositorischen Thätigkeit. – Am 2. December 1706 starb Joh. Georg Ahle, der Organist von St. Blasius in Mühlhausen. Der dortige Orgelbauer Wender, der auch in Erfurt mehrere Orgeln erbaute, wollte W. veranlassen, sich um den vacanten Posten zu bewerben. W. unterließ dies aber auf Anrathen einiger Leute; die Mühlhäuser erwählten, wie bekannt, Seb. Bach (Spitta, J. S. Bach I, 332). Für W. fand sich aber bald eine andere Gelegenheit. Am 29. Juli 1707 erhielt er die Vocation als Organist an St. Peter und Paul in Weimar an Stelle des verstorbenen [114] Organisten Heintze, wo er ein „aus 25 klangbaren Stimmen und 5 Beyzügen bestehendes Orgel-Werck“ antraf (Walther’s Lexikon S. 333; Disposition der Orgel bei Adlung, mus. mech. org. I, 281). Die musikalischen Verhältnisse in Weimar (vgl. Spitta a. a. O. I, 374 ff.) scheinen W. sehr zugesagt zu haben. Gleich von Anfang an durfte er zu dem musikliebenden Hofe in sehr günstige Beziehungen treten: er wurde der Clavierlehrer des jungen Prinzen Johann Ernst und seiner Schwester Johanne Charlotte. Dem Beispiele des Hofes folgten Viele, Adelige und Bürgerliche, sodaß W. neben seinen Pflichten und Neigungen eine „tägliche insgemein mühsame Information“ zu verrichten hatte („Vorbericht“ zum Lexikon). Eine für die Zukunft gesicherte Existenz vor sich sehend, schloß W. am 17. Juni 1708 den ehelichen Bund mit Anna Maria Dreßler, eines Schneiders Tochter. Wenige Wochen danach rückte Seb. Bach als Hoforganist und Kammermusikus in Weimar ein. Eine geistige Beziehung zwischen beiden Orgelmeistern war schon früher angeknüpft durch Walther’s Verwandtschaft mütterlicherseits mit dem Bach’schen Geschlecht, durch Walther’s Verkehr mit J. Bernh. Bach, durch die gemeinsame Bekanntschaft mit dem Orgelbauer Wender in Mühlhausen. Zusammen lebend aber in gleichen Verhältnissen, strebend nach gleichen Kunstzielen, wurden sie bald vertraute Freunde. Seb. Bach vertrat bei Walther’s ältestem Sohne Johann Gottfried am 26. September 1712 Pathenstelle (Spitta a. a. O. I, 386). Während dieser ganzen Zeit galt Walther’s „Hauptthätigkeit der musikalischen Praxis in Spiel, Lehre und Composition“. Dem Prinzen Johann Ernst, der übrigens als Hauptinstrument die Violine tractirte, widmete W. bereits am 13. März 1708 sein umfassendes Compositions-Lehrbuch; unter Walther’s „geringen und unterthänigsten Anführung“ betrieb Johann Ernst noch dreiviertel Jahre vor seinem Tode (1715) Compositionsstudien – ein deutliches Zeichen dafür, eine wie große Bedeutung W. als Theoretiker selbst neben Seb. Bach besaß (Walther’s Lexikon S. 331; H. Gehrmann, J. G. Walther als Theoretiker, Viertelj. f. Musikw. 1891, S. 504). Walther’s „Hauptinteresse war aber dem Orgelchoral zugewendet“. Auf diesem Gebiete sammelte er alles, was er von dem Besten seiner Zeitgenossen und älterer Meister erreichen konnte. Fünf eigenhändige Sammelbände legen Zeugniß ab von Walther’s unermüdlichem Fleiß und drängendem Trieb, sich auf seinem Gebiete allseitig zu bilden. Und selbst entfaltete er eine rührige Fruchtbarkeit: er componirte ganze Jahrgänge von Choralvariationen und -Bearbeitungen. Die Weimarer Zeit war auch Seb. Bach’s Glanzperiode als Orgelcomponist. Beiden gemeinsam war die Vorliebe für alle Künste des Contrapunkts und die spielende Leichtigkeit im Lösen schwierigster Probleme. Als Zeugnisse ihres künstlerischen Verkehrs darf man zwei Stammbuchblätter mit je einem Kanon von W. und Bach und die Ueberlieferung einer kleinen Anekdote ansehen (vgl. Spitta a. a. O. I, 383, 386). Mitten in den herzlichen Austausch freundschaftlicher Gesinnungen zog sich jedoch allmählich ein Riß. Ob dazu ein äußerer Anlaß vorlag, erfahren wir nicht; verschiedene Anzeichen lassen es aber untrüglich erkennen, daß mehr und mehr eine innere Entfremdung zwischen beide Künstler trat, die W. in seinen immerhin einseitigen Kunstanschauungen weiter gehen ließ, Bach aber zu immer ausgebreiteterem Schaffen führte. Für Bach fand W. später in seinem Lexikon nur Raum zu einem kurzen, inhaltsleeren, kaltblütigen Artikel. Einige Jahre nach Bach’s Weggang aus Weimar wurde W. ein neuer Beweis der Gunst seines Fürsten zu theil. Dieser ernannte ihn 1721 zum Hofmusikus. Um diese Zeit herum gewann nun eine Idee immer mehr greifbare Form, auf die W. durch seinen ganzen Bildungsgang hingeleitet worden war: nämlich nach dem Beispiel des Franzosen Brossard alles auf Musik und Musiker alter und neuer Zeit Bezügliche [115] in lexikalischer Form zusammen zu stellen. Seine früheren Sammlungen ergänzte er mit vermehrter Anstrengung, copirte selbst und bat Freunde, ihm festes, sicheres Material herzu tragen zu helfen („Vorbericht“ zum Lexikon). So erschien denn bereits 1728 im Verlage des Autors das erste Stück in 4°, den Buchstaben A umfassend, unter dem Titel „Alte und neue Bibliothek“ etc. Dies Heftchen führte ihm von allen Seiten neue Beiträge zu und fand bei seinen Kunstgenossen soviel Beifall, daß der Leipziger Verleger Wolfgang Deer das ganze Werk übernahm und es mit gutem Grund 1732 auf einmal herausbrachte. Walther’s „Musicalisches Lexicon oder Musicalische Bibliothec, darinnen nicht allein die Musici, welche sowol in alten als neuern Zeiten, ingleichen bey verschiedenen Nationen, durch Theorie und Praxin sich hervorgethan, und was von jedem bekannt worden, oder er in Schrifften hinterlassen, mit allem Fleisse und nach den vornehmsten Umständen angeführet, sondern auch die in Griechischer, Lateinischer, Italiänischer und Frantzösischer Sprache gebräuchliche Musicalische Kunst- oder sonst dahin gehörige Wörter, nach Alphabetischer Ordnung vorgetragen und erkläret, und zugleich die meisten vorkommende Signaturen erläutert werden“ – ist somit das erste deutsche musikalische Lexikon. W. widmete sein Werk seinem Fürsten, Herzog Ernst August. Ein Auszug aus Walther’s Lexikon wurde schon 1737 in Chemnitz bei den Gebrüder Stößel anonym als „Kurtzgefaßtes Musicalisches Lexicon“ in die Welt gesetzt (neue Auflage 1749) – man sieht, W. hatte einen richtigen Griff gemacht. In seiner Familie hatte W. die Wechselfälle des Lebens wie jeder Andere zu tragen. Am 23. Jan. 1727 starb seine Mutter, am 18. Decbr. 1731 sein 81jähriger Vater. Von acht Kindern blieben nur vier am Leben. Der älteste Sohn war Bach’s Pathenkind, der zweite, Joh. Christoph, war am 8. Juli 1715 geboren (s. u.). Beide Söhne, von denen der erste Violine, der zweite Clavier spielte, bezogen 1732 resp. 1736 die Universität Jena. Die ältere Tochter war nach Gera hin verheirathet; im Juni 1745 „machte sie W. zum 3ten Mahle zu einem Großvater“. In musikalischer Beziehung aber wurde W., der nun doch im reifsten Mannesalter stand, mehr und mehr ein Epigone seiner selbst. Wie er einerseits im Orgelchoral stecken blieb, ohne nach höheren und weiteren Zielen Umschau zu halten, so verengerte sich auch andererseits seine Thätigkeit. Was ihm früher als großer Wurf gelungen war, sein Lexikon, das flickte er jetzt in kleinlicher Nacharbeit aus, dazu desselben Ballastes von Correspondenzen und mühsamen Sammelns benöthigt (Monatshefte f. M. XXII, 51 ff.). Daß W. geistig nicht aus sich heraus wuchs, das empfanden wol auch seine Mitmenschen; schnelllebig genug schritten sie über die verbrauchte Kraft hinweg. Mit bitterer Wehmuth zieht W. in einem Briefe vom Jahre 1737 selber das Facit seines Lebens: „Der Effect meines nunmehro 30jährigen Hierseyns, in welcher Zeit ich vielen, mit musicalischem Unterricht aufrichtig, und ohne Ansehn der Person, gedienet habe, ist nun dieser: daß jene Brod gefunden, und noch gegenwärtig finden; ich aber solches verliehre. – – Ich kan für Information meiner Scholaren, zu keiner mehr gelangen. Und so gehts auch in der Composition. Der, so nur 6 Jahr dabey ist, hat Zugang, und die Quelle wird verlassen, ja wol gar verachtet. Hierzu kommt noch, daß die Besoldung nicht richtig erfolget. – – Bey so gestallten Sachen weiß fürwahr nicht, was hinfüro anfahen soll, so als ein Neben-Werck, der edlen Music, als meinem Hauptwercke, nicht despectirlich sey.“ Und in einem Briefe von 1745 schreibt der 61jährige Meister: „Jeder vollgeschriebener Bogen so wol in Partitur als Partien soll für 1 Marien-Groschen verlassen und weg gegeben werden“ – fürwahr, ein herber Lebensabend! Er dauerte nicht mehr lange. Am 23. März 1748 schloß W. die Augen, nachdem [116] auch sein letzter Wunsch, die seit 1739 fertigen Supplemente zum Lexikon gedruckt zu sehen, nicht in Erfüllung gegangen war. – – –

Walther’s Werke leben noch heute. Schon, was der 24jährige Künstler schuf, das Compositions-Lehrbuch (1708), war ein Meisterwerk. „Es nimmt den hervorragendsten Platz unter allen theoretischen Schriften ein, die seit Zarlino bekannt geworden waren. Denn erstens ist es das umfassendste Compendium der für den Compositionsunterricht am Ende des 17. Jahrhunderts gültigen Gesetze und dazu gehörigen Disciplinen, ein Compendium, welches aber nicht nur diese zu Walther’s Zeit gebräuchliche Lehre zusammenstellt, sondern auch auf das in früherer Zeit Uebliche, soweit es für den Schüler zu wissen nöthig ist, Rücksicht nimmt und beides, alte und neue Lehre, oft einander gegenüberstellt. In dieser Vollkommenheit ist das Werk die erste deutsche Musiklehre. Insofern, als der Verfasser die Quintessenz des älteren Lehrstoffes mit seinen der heraufdämmernden neuen Blüthezeit nahestehenden Anschauungen auch schöpferisch verarbeitete, ist in Walther’s Werk auch vielfach die Anregung zu einer historischen Entwickelung der einzelnen Disciplinen gegeben worden“ (H. Gehrmann a. a. O. S. 577 f.). – Nach abermals 24 Jahren erschien Walther’s zweites Hauptwerk, das Lexikon. Für den theoretischen Theil hatte er in seinem Lehrbuch die nöthigsten Vorarbeiten gemacht (vgl. H. Gehrmann a. a. O. S. 564 ff.), der geschichtliche Theil entstand später. Gerber’s Urtheil (Altes Lexikon, Sp. 765) über Walther’s Lexikon: „Ein unentbehrliches Werk für jeden denkenden Tonkünstler“ trifft für unsere Zeit noch zu. „Die Fülle der mit großem Fleiße zusammengetragenen biographischen Notizen macht das Buch noch heute zu einem schwer entbehrlichen Quellenwerk“ (Spitta a. a. O. S. 381). – Als Orgelcomponist nimmt W. in der Geschichte einen nicht minder rühmlichen Platz ein. Nur eine kleine Anzahl von Werken erschien zu Walther’s Lebzeiten (s. Gerber’s Altes Lexikon, Sp. 765 f., Spitta a. a. O. I, 382, Anm. 12). Die meisten sind handschriftlich auf größeren und kleineren Bibliotheken erhalten; vereinzelte Neudrucke bieten Ritter (Z. Gesch. d. Orgelsp.), Commer (Mus. sacra). Walther’s Vorbild und Leitstern war Pachelbel. Sein Geist ist in den 5 Fugen, in den Präludien und in den Hunderten von Choralbearbeitungen ausgeprägt. „In den weit ausgesponnenen Formen des norddeutschen Orgelchorals hat er sich nur ganz flüchtig versucht. Alles, was Pachelbel technisch mehr oder weniger unausgeführt gelassen hat, ist von W. vollendet. Die Contrapunkte stehen freier noch der Melodie gegenüber und bilden einen selbständigen Organismus unter sich, in dem die einzelnen Stimmen in großer Ungebundenheit sich bewegen; mit gleicher Leichtigkeit führt bald der Baß, bald eine Mittel- oder Oberstimme den Cantus firmus, die Pedaltechnik ist voll entwickelt. Dazu gebietet er über einen bedeutenden Reichthum combinatorischer Erfindung und über jene Gewandtheit im Lösen schwieriger contrapunktischer Probleme, welche nur durch ausdauernden Fleiß gewonnen wird“ (Spitta a. a. O. I, 383). Mattheson (Crit. mus. II, 175) nannte deshalb W. den zweiten, „wo nicht an Kunst den ersten Pachelbel“. Gegen Bach, den bis heute souveränsten Herrscher in der Orgelcomposition, den eigentlichen Vollender des Pachelbel’schen Ideals, steht W. freilich noch um einen Schritt zurück, aber neben Bach muß er doch als der größte Meister des Orgelchorals gelten. Der Orgelchoräle „Feinheit und technische Vollendung, die Mattheson (Vollk. Capellm. S. 476) ‚Nettigkeit‘ nennt, verdienen bewundert zu werden“ (Spitta a. a. O. S. 386). Es ist bedauernswerth, daß Walther’s Orgelwerke immer noch nicht ans Licht der Gegenwart geführt worden sind. Gerade seine Orgelchoräle, die mustergiltigsten in ihrer Art, könnten für unsere Gottesdienste ein liturgisches Kunstideal zu nachhaltigem Leben wieder erwecken, über das sich ganz [117] zu Unrecht Vergessenheit und Unkenntniß gebreitet haben. – Noch einen Dank schuldet W. die Musikforschung. Von seinen Sammlungen der Choralsätze älterer und neuer Meister existiren noch fünf autographe Bände (3 in Berlin, 1 in Königsberg, 1 im Nachlaß von Prof. Spitta). Das sind unschätzbare Quellen für manches schöne Werk, für manchen Componisten, der uns sonst nur aus dürftigen Notizen bekannt wäre.