ADB:Wartenburg, Karl

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Artikel „Wartenburg, Karl“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 41 (1896), S. 194–197, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wartenburg,_Karl&oldid=- (Version vom 16. September 2019, 05:14 Uhr UTC)
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Band 41 (1896), S. 194–197 (Quelle).
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Wartenburg: Karl Friedr. Ant. W., Publicist, Romanschriftsteller und Dramatiker, wurde am 13. November 1826 geboren, zu Leipzig, nicht zu Gera. Ueber seiner Herkunft und Kindheit schwebt ein Dunkel, das er selbst genaueren Bekannten gegenüber stets überging und auch etwaige Nachforschungen kaum lüften dürften; er soll der uneheliche Sohn eines Grafen von Wartenburg oder Wartenberg gewesen sein: standesamtlich heißt er Sohn der Christiane verw. Rossinsky geb. Luceck. Nach dem Besuche des Gymnasiums in Gera wollte er sich der militärischen Laufbahn widmen, verletzte sich aber beim Sturz vom Pferde für immer derart das Bein, daß er sie aufgeben mußte, und er bezog 1847 die Universität Leipzig, des Rechtsstudiums wegen, dem er bis 1851 oblag. 1848 [195] betheiligte er, der schon in einem Ueberdurchschnittsalter Student gewordene, sich an der demokratischen Bewegung der akademischen Bürger und zwar sowol zu Gunsten der liberalen Einigungspläne des Herzogs Ernst von Coburg-Gotha, als in Verbindung mit den radicalen Führern in Reuß. 1851 absolvirte er die juristische Baccalaureus- und Notarsprüfung, wurde aber in einem wegen der politischen Antheilnahme wider ihn angestrengten Processe zu anderthalbjähriger Haft verurtheilt, die er auf Schloß Hubertusburg verbüßen sollte. Obgleich die Anklage in der Untersuchung auf Hochverrath gelautet hatte, wurde er nach einigen Monaten aus dem Gefängnisse entlassen, worauf er, da ihm zum Fortkommen in der juristischen Laufbahn Lust und Aussicht mangelten, auf die ursprünglich geplante Zukunft verzichtete und zur Schriftstellerei überging. Vielleicht schaute er sich schon damals in Gera, das er kurz besuchte, nach einem geeigneten Wirkungskreise um; jedenfalls aber finden wir ihn die nächsten Jahre in Brüssel und Paris, um das politische und gesellschaftliche Leben kennen zu lernen, seinen Unterhalt als Correspondent deutscher Zeitungen erwerbend. In diesen journalistischen Lehrjahren hat er sich auch in Hamburg, dem damaligen Eldorado vieler Litteraten, die der siegreichen Reaction aus dem Wege gingen, und in Holstein längere Zeit aufgehalten; es ist ungewiß, ob vor oder nach der Abwesenheit im Auslande. Ende 1858 ließ er sich dauernd in Gera nieder, wo er mannichfache ältere Anknüpfung besaß. Er leitete hier das von ihm geschaffene „Norddeutsche Wochenblatt“, das als Ventil schroff demokratischer Anschauungen vom Tone heutiger socialdemokratischer Agitation wenig zum Feineren abwich, auch nie so recht in Schwung kam. Mittlerweile durch sein entschiedenes Auftreten in der endgültigen Heimath zu Namen gelangt, wurde er 1871 von der Stadt Gera mit in den Landtag von Reuß jüngerer Linie gewählt, wo er lange Jahre mit Nachdruck die Principien des linken Flügels der Fortschrittspartei verfochten hat. Besonderes Interesse brachte er immer den berechtigten Wünschen des vierten Standes entgegen und vertrat darob sehr eifrig die Bestrebungen der „Deutschen Gewerkvereine“. 1874 übernahm er, als der Buchdruckereibesitzer Otto Lebe, Inhaber der Firma Bornschein und Lebe, das „Geraische Tageblatt“ als linksliberales Organ des östlichen Thüringens begründete, dessen Redaction und hat diese bis 1885 geführt, trotz öfterer Differenzen mit dem maßvollen Eigenthümer, die denn schließlich 1885 einen wirklichen Bruch hervorriefen; erst zuletzt wurde dieser Conflict durch des W. lange befreundeten Verlegers Entgegenkommen stillschweigend behoben. W. starb, seit Jahr und Tag leidend (namentlich am Magen) und nicht nur verbittert, sondern auch aus dem Parteigetriebe wie dem Verkehr zurückgezogen, zu Gera am 24. April 1889.

W. ist trotz aller üblen Erfahrungen und obwol er schon früh in den Ekel politischer Verhetzung gründlichen Einblick genossen hatte, bis zuletzt seiner ideal angelegten Natur treu geblieben. Nobel im Denken, selbstlos im Handeln, wie er sich stets zeigte, hat er seine stark extreme Färbung niemals verleugnet, ist aber eben infolge jener Eigenschaften vielfach ausgenutzt worden, zumal er leichtgläubig und unpraktisch war. Da er eine nicht gewöhnliche Gabe eindringlicher Rede wirkungsvoll ausgebildet hatte, spielte er in Gera in der Kammer und im Gemeinderath eine hervorragende Rolle. Die Aufforderung, sich zum Reichstag aufstellen zu lassen, schlug er aus, da er Gera aus äußeren Gründen, namentlich wol seines lahmen Beines wegen, nicht verlassen wollte und konnte. Nachdem Karl Braun(-Wiesbaden), der links-nationalliberale Vertreter der Stadt († 1893), verdrängt ward, hätten W., schon zufolge seiner localen Beliebtheit, seine Parteigenossen unschwer durchgebracht. Die Fortschrittspartei ehrte ihn, zugleich im Sinne weiterer Kreise, durch ein Denkmal auf dem Friedhofe, ungeachtet seines [196] in vielen Dingen sehr individuellen Standpunkts. Man feierte in ihm dabei auch den trefflichen Menschen, der sich im Kampfe um die materiellsten Fragen ein reines Gemüth gewahrt hatte. Dies bekundete er auch nach dem frühen Tode seiner ersten Frau, und die Weihnachtsnovelle. „Ein kleines Kind“ (1864), an die zeitige Zerstörung des eigenen Vaterglücks angelehnt, rechnet zu seinen besten Erzeugnissen. In der uneigennützigsten Weise nicht bloß, sondern sogar aufopfernd hat er seine Dienste dem städtischen Gemeinwesen geweiht. So beleuchtet Wartenburg’s ganze öffentliche Wirksamkeit die schönen Seiten seines Charakters.

Wol zuerst 1856 trat der politische Journalist auch als Belletrist vor die Lesewelt. W. hat nach und nach auf erzählendem Gebiete folgende Romane und Novellen veröffentlicht: „Eine Verlorne“ (1856), unmittelbar Ergebniß der Auslandseindrücke, „Die Väter der Stadt“ (3 Bände 1859; 2. Aufl. 1863), „Neue Propheten“ (2 Bände, 1861; 2. Aufl. 1863), „An trüben Tagen“ (2 Bände, 1861; 2. Aufl. 1869), „Französisches Leben“ (1863; 2. Aufl. 1869), „Deutsche Opfer“ (1866), „Gerichtet und gerettet“ (1868), „Eine vornehme Frau“ (1868), „Robespierre“ (2 Bände, 1872), „Der Zweck heiligt die Mittel“ (1874), „Ein schrecklicher Mensch“ (1877), „Wie es so geht!“ (1878), „Eine junge Frau“, „Catilinas Söhne“ (1882), „Wann Frauen alt werden?“ (1886), „Unverstandene Frauen“ (dieses Werk, ebenso „Eine junge Frau“ und wol auch andre, in den achtziger Jahren entstanden und im Feuilleton politischer Zeitungen, z. B. des „Berliner Tageblatts“, veröffentlicht). Wie er in allen diesen nicht etwa nur die Unterhaltung, sondern daneben Verbreitung moderner Ansichten im Auge hatte, war volksthümliche Haltung in Wahl und Formung der Stoffe ihm Hauptzweck, und zwar überwiegen in der ersten Hälfte seines Schaffens Gegenstände der großen Zeitprobleme, später einfachere Fragen des Alltagslebens. Für jene bedeutendere Reihe ist sein erster großer Roman „Die Väter der Stadt“, zugleich wol sein umfänglichstes Buch, bezeichnend; den Titel eines politischen Tendenzromans wehrt er ab, er „schildert in leichten Zügen zeitgeschichtliche Kämpfe, deren Mittelpunkt der Streit um eine altdeutsche Einrichtung ist, die nur deshalb Vielen revolutionären Ursprungs erscheint, weil das Jahr 1848 ihr lange Zeit verdrängtes, wahres Wesen wieder zur Geltung brachte: die freie Selbstverwaltung der Gemeinde“. An diese Worte der für jene gesammte Epoche Wartenburg’s programmatischen Vorrede schließt sich ein Lob des unter allem Druck verhältnißmäßig freigebliebenen Gemeindelebens der deutschen Kleinstaaten, besonders Thüringens, besonders Coburg-Gothas; ferner weist er auf seine Benutzung des Humors hin, der „wenn aus dem wirklichen Leben verdrängt“ „sich ins Reich der Dichtung flüchtet“ und erhebt den Anspruch, „einen nationalen, dichterischer Behandlung nicht unwerthen Vorwurf zur Darstellung gewählt zu haben“. Anderwärts ist W., wie ja auch als Politiker, mehr oder weniger socialistisch angehaucht, indem er das Recht der sogenannten schwieligen Faust des Proletariers gegenüber der Macht des Capitals und der ihm Verbündeten Factoren zur Geltung zu bringen sucht. „Der Zweck heiligt die Mittel“ heißt geradezu wol zuerst in Deutschland, ein „social-politischer Roman“. Alle rückläufigen Strömungen griff er bei Gelegenheit an, so den Pietismus, der im sechsten Decennium so oft als Sündenbock herhielt, in „Eine vornehme Frau“. W. sucht im Roman in der Regel auf historischem Untergrunde sociale Zeitbilder meist modern-humanitärer Richtung zu entwerfen, er benutzt da aber die Reflexion häufig in einem Grade, der die Handlung beeinträchtigt und hält sich von rein lehrhaften Einschüben nicht frei: unter seinen culturgeschichtlichen Romanen dieses Schlags steht „Neue Propheten“ voran, der, um die Mitte des 19. Jahrhunderts spielend, die unklaren staatlichen Zustände [197] deutlich wiederspiegelt (das Haupt der „neuen Propheten“, der wol selbsterfundene Marecampus, wird Jesuit). Von den spätern ist „Robespierre“ besonders zu erwähnen, welches Werk die Geschichte dieser verzwickten Gestalt nur bis zum Eintritte in die politische Arena behandelt, und zwar mit voller licentia poetica; der geschichtliche – dies Adjectiv auch im Untertitel – Stil waltet hier vor, es ist halb Familien-, halb mystisch durchdufteter Sensationsroman, so in der Figur des prophetischen Eremiten Habakuk und des von ihm gleichsam zum Rächer der Volksunbill geweihten, aber auch verdammten Robespierre, des „Reiters mit dem rothen Pferde“. Dieses Werk erregte auch beträchtliches Aufsehen. Als Absonderlichkeit ist noch anzuführen, daß W. ein lebhafter Thierfreund war, dem Leben und Treiben der Hunde und Katzen seine Aufmerksamkeit schenkte und diese Vierfüßler wiederholt geradezu zu Helden von Erzählungen und Skizzen gemacht hat.

Mit seiner ältesten Leistung auf dramatischem Felde, dem Dreiacter „Die Schauspieler des Kaisers, 1878 gedichtet und als Bühnenmanuscript gedruckt (2. Aufl. 1880, 3. Aufl. als Nr. 2322 von Reclam’s Universalbibliothek; französisch von W. Heims als „Les acteurs de l’empereur“, Gera 1885) verharrte W. in dreifacher Hinsicht in seinem bisherigen Gleise: Verwerthung moderner, möglichst selbstgeschauter Vorgänge – hier wol in Pariser Studien wurzelnd wie, freilich in unmittelbarem Bezug, in dem Novellenbüchel „Französisches Leben“ –, Zielen auf das Interesse der breitesten gebildeten Masse, freisinniges und idealistisches Leitmotiv beim Dichten. Das spricht auch das Vorwort vom December 1879 deutlich aus, das den Willen kundgibt, zum Aufschwunge des ernsten deutschen Theaters redlich beizutragen. Das Stück, „geschickt gemacht und von der Kritik als der Birch-Pfeiffer verwandt bezeichnet“ (J. Kürschner in Meyer’s Deutschem Jahrbuch 1879–80, S. 600), was keineswegs stimmt, errang seit 1878 (erste Aufführung kgl. Schauspielhaus zu Berlin) rasch vielerorts einen schönen, zum Theil einen sehr starken Erfolg und verdiente ihn auch durch den wohldurchdachten Aufbau und den fesselnden Inhalt, der freilich den großen Napoleon hinter den Coulissen läßt und nur die officiellen Rampen-Comödianten dieses gewaltigsten Künstlers auf dem „Welttheater“ (vergleiche die gelungene bezügliche Parallele II, 12) vorführt. Neben dieser effectreichsten Nummer seines Repertoires lieferte W. das Lustspiel „Der Ring des Agamemnon“, das Beifall bei der Darstellung fand, während das Drama „Das Mädchen von Frontera“ (1882) nicht seine im obigen Vorwort ausgesprochenen Erwartungen rechtfertigte. Das Lustspiel „Die Idee seiner Frau“ (1883) sowie „Die Volkssängerin“ gingen gar fast unbeachtet vorüber.

Weder allgemein litterargeschichtliche Handbücher (Gottschall, Die dtsch. Nationallit. d. 19. Jahrhs.6 IV, 568 greift völlig unangebracht nur „Eine vornehme Frau“ zur Anführung heraus) noch solche über Roman und Drama des neuen Deutschland behandeln W., Meyer’s Konversationslexikon4 XVII, 817 nachträglich ganz kurz, auch dessen Schriftsteller-Lexikon von Bornmüller S. 756a. Für Lebensgang und persönlichen Charakter verdanke ich wichtige mündliche Angaben Hrn. O. Lebe aus Gera (s. o.) in München, seiner Vermittlung auch den standesamtlichen Ausweis (der betreffs des Geburtsorts Kürschners Litteraturkalender X, 430a gegenüber Brümmer’s Lexik. d. dtsch. Dicht. des 19. Jahrhs. II, 450a, Recht gibt) sowie eine gedrängte handschriftliche biographische Skizze seitens der derzeitigen Redaction des „Geraischen Tageblattes“. Authentisch ist A. Hinrichsen, D. lit. Deutschland. 2. Aufl. 1891. S. 1360 f.[1]

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 197. Z. 4 v. u.: vgl. noch Wilh. Heims (Gera), Karl Wartenburg’s Dramen: „Unser Vogtland“, Monatschrift herausgeg. Von G. Döhler, 1. Band (1894/95), 7. Heft, S. 260–268. [Bd. 44, S. 573]