ADB:Meyer, Joseph

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Artikel „Meyer, Joseph“ von Felix Bamberg in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), S. 602–605, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Meyer,_Joseph&oldid=- (Version vom 17. Juni 2019, 19:18 Uhr UTC)
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Band 21 (1885), S. 602–605 (Quelle).
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Meyer: Joseph M., geb. den 9. Mai 1796 in Gotha als der Sohn eines Schuhmachers, lernte in Frankfurt a. M. als Kaufmann und kehrte nach beendigter Lehrzeit in seine Heimath zurück, um hier die kaufmännische Leitung des väterlichen Geschäfts, das inzwischen zu einer fabrikmäßigen Ausdehnung gediehen war, zu übernehmen. Seines Bleibens war indessen hier nicht lange; der Drang nach einem größeren Wirkungskreise trieb ihn in die Ferne, einer vielbewegten, an Erfolgen wie an Enttäuschungen reichen Zukunft entgegen. In London, wohin er sich zunächst wandte (1816), nahm er anfangs Stellung in einem Handelshause, betrieb aber bald Speculationsgeschäfte für eigene Rechnung, bis er sich nach drei Jahren in Folge widriger Conjuncturen von Schulden überhäuft sah, die zu decken der Vater sein Vermögen opfern mußte. Nicht [603] glücklicher war M. mit seiner nächsten Unternehmung, einer auf den Gütern des Herrn von Boyneburg in Hessen gegründeten „Gewerbs- und Hülfsanstalt“, welche den Zweck hatte, der in der Gegend ansässigen verarmten Weberbevölkerung neue Erwerbsquellen zu eröffnen, aber nach dreijährigem Bestande durch die Ungunst äußerer Umstände wieder einging. Als ein Schiffbrüchiger, aber unerschüttert in seinem Muth und Selbstvertrauen kehrte M. in seine Vaterstadt zurück, versuchte es hier mit der Herausgabe eines „Correspondenzblattes für Kaufleute“, das rasch Beifall und Verbreitung fand, und ward so auf das Feld litterarischer Unternehmungen geführt. Es folgte zunächst im Hennings’schen Verlag zu Gotha eine deutsche Bearbeitung Shakespeares (für die M. jedoch nur „Macbeth“, „Othello“ und „Der Sturm“ lieferte, die Fortsetzung des Werkes Andern überlassend), sowie eine Uebertragung Scott’scher Romane („Waverley“ und „Ivanhoe“), während er gleichzeitig (1825) eine englische belletristische Zeitschrift: „Meyer’s British Chronicle“, und ein „Handbuch für Kaufleute“ im eigenen Verlag erscheinen ließ. Der ungemeine Erfolg, den diese Publicationen hatten, beruhte, außer dem ungewohnt billigen Preise, hauptsächlich darauf, daß M. eine bis dahin in Deutschland unbekannte (seitdem allgemein adoptirte) buchhändlerische Vertriebsmethode: das lieferungsweise Erscheinen größerer Werke und somit das Subscriptionswesen zuerst in Anwendung brachte, und er erweckte in ihm die Idee, ein großes Verlagsgeschäft auf diesen Principien zu begründen. So entstand das „Bibliographische Institut“, als dessen erste Erzeugnisse vier verschiedene Ausgaben der älteren deutschen Classiker in zweckentsprechender Auswahl, mit Porträts und Biographien, zu nennen sind. Man muß sich jene Zeit vergegenwärtigen, da die Werke der vaterländischen Litteratur dem großen Publicum noch verschlossene, nur schwer zu erlangende Schätze waren, um zu begreifen, mit welcher Begierde man nach diesen Meyer’schen Classikerbändchen griff: Hunderttausende von Exemplaren wurden abgesetzt. Diesen Werken schlossen sich zunächst eine „Bibliothek der Kanzelberedtsamkeit“ und ein Andachtsbuch: „Der Familientempel“ an. Im Herbst 1828 siedelte M., auf Einladung des Herzogs von Meiningen, mit seinem Geschäft nach Hildburghausen über, wo er seitdem seinen Wohnsitz behielt. Das sturmvolle Jahr 1830 rief ihn, der an den öffentlichen Angelegenheiten den regsten Antheil nahm, auf das politische Gebiet, und er gründete eine Zeitung: „Der Volksfreund“, die jedoch ihrer freisinnigen Ansichten wegen nach kurzem Bestand unterdrückt wurde. Nicht lange darauf (1833) rief er ein neues Werk ins Leben, das er fortan zum Organ für seine Gedanken- und Empfindungswelt machte und das durch die Gewalt seiner Sprache, die Kraft und Originalität der vorgeführten Ideen und Schilderungen bald weltbekannt wurde: das periodisch erscheinende Bilderwerk „Meyer’s Universum“. Dieses Werk, das M. bis an seinen Tod fortführte, die glänzenden Artikel unter einer stets wachsenden Last von Sorge und Arbeit wie spielend aufs Papier hinwerfend, zählte in den dreißiger Jahren über 80 000 Abonnenten und erschien zeitweilig in 12 Sprachen. Durch Censur und Verbote wurde dieser Absatz wol geschmälert, aber den Geist, der dasselbe, in Opposition zu den damals herrschenden Staatsmaximen, beseelte, vermochte keine Macht zu unterdrücken. Sonstige Unternehmungen des Bibliographischen Instituts waren: Ausgaben griechischer und römischer Classiker (unvollendet), die verschiedensten Ausgaben der Bibel, die M. in Millionen von Exemplaren verbreitete, neue und erweiterte Ausgaben der Classiker („Familienbibliothek“, „Nationalbibliothek“, „Groschenbibliothek“), die Sammelwerke „Volksbibliothek für Naturkunde“ und „Geschichtsbibliothek“ und das „Große Konversationslexikon“[WS 1], das 1840–55 in 52 starken Octavbänden erschien. Nebenher liefen mehrere geographische Werke, große und kleine Kartensammlungen und ein mit besonderer Liebe gepflegter reichhaltiger [604] Kunstverlag, der das Ziel verfolgte, die classischen Kunstwerke älterer und neuerer Zeit in vorzüglichen Stichen (von Amsler, K. Barth, Fr. Müller, Felsing, Lorrichon, Krüger, Neureuther, Rahl, Schuler, Wagner u. a.) ebenso zum Gemeingute des Volks zu machen, wie es M. mit den classischen Schriftwerken gelungen war. Ein neues Feld der Thätigkeit eröffnete sich M. gegen Ende der dreißiger Jahre, als das Interesse am Eisenbahnbau in Deutschland erwachte. Mit der ganzen Energie seines Wesens der Sache sich bemächtigend, erfaßte er damals die Idee eines „Centraldeutschen Eisenbahnnetzes“, und die Ausführung des großartigen Planes war 1837 durch Actienzeichnung thatsächlich gesichert, als das Ganze an der Concessionsverweigerung einer der betheiligten Regierungen (Hannover) scheiterte. Der industriellen Thätigkeit einmal zugewandt, strebte nun M. zunächst, durch Aufdeckung von Mineralschätzen im Bereich seines thüringischen Heimathlandes dessen gesunkene Industrie neu zu beleben, und es gelang seiner Energie und Ausdauer, durch langwierige und kostspielige Versuche reichhaltige Kohlenlager, Eisen-, Kupfer- und Silberminen, Kobalt- und Nickelgruben nachzuweisen und zu erwerben. Nachdem er 1842 ein langes und schweres Krankenlager, die Folge übermäßiger Anstrengungen, glücklich überstanden, faßte er ein neues großartiges Unternehmen ins Auge, das ihm der patriotische Gedanke eingab, die deutsche Eisenindustrie von der damals mächtigen Herrschaft des Auslandes zu emancipiren und Thüringen zum Ausgangspunkt dieses Industrieaufschwungs zu machen. Nachdem sorglich alle Vorbereitungen getroffen und alle zur Ausführung seiner Absicht erforderlichen Factoren in seiner Hand vereinigt waren, trat er 1845 mit dem Plane der Neuhäuser „deutschen Eisenbahnschienencompagnie“ an die Oeffentlichkeit und begann, seinem Genius vertrauend, den Bau der Neuhäuser Eisen- und Kohlenwerke. Das Unternehmen war halb fertig, als es durch die Revolution von 1848 ins Stocken gerieth. Die materiellen Nachtheile, die daraus erwuchsen, waren enorm; nichtsdestoweniger fand die deutsche Erhebung in M. einen ihrer begeistertsten Anhänger, und er war es, der zuerst die Wünsche des Volks in einer „Reformadresse“ an den Landesherrn zum Ausdruck brachte. In den folgenden Jahren der Reaction gehörte auch M. zu den Verfolgten, und ein Preßvergehen hatte er im Gefängniß zu büßen. Um jene Zeit griff er noch den Plan der Werrabahn auf, dessen Ausführung zu den erwähnten Unternehmungen in engster Beziehung stand. Wiederum gelang es ihm, die erforderlichen Mittel zu beschaffen, als der Plan selbst seinen Händen entrungen ward, um von andern ausgeführt zu werden. Schon seit längerer Zeit schlagflußähnlichen Anfällen ausgesetzt, erlag er einem solchen am 27. Juni 1856. – Es lag in der Natur dieses weitblickenden Geistes, im Erkennen wirthschaftlicher Keime seiner Zeit um ein Menschenalter voraus zu sein; daher das augenblickliche Mißlingen der Mehrzahl seiner industriellen Unternehmungen, während im Großen und Ganzen seine grundlegenden Ideen von einer spätern Zeit thatsächlich zur Ausführung gebracht worden sind. So entspricht die heutige Wirthschaftspolitik in ihrer Begründung und Durchführung ganz dem Programm, welches M. mit seinem Freunde Fr. List, dem Schöpfer des deutschen Zollvereins, in den dreißiger Jahren aufgestellt und der vom Engländer Cobden importirten Freihandelstheorie gegenüber mit der ganzen Wucht seiner Feder vertheidigt hat. Die manchesterliche Strömung ging indessen über ihn hinweg und mußte sich erst ausleben, bis ihre für die nationale Arbeit und Wohlfahrt verderblichen Wirkungen voll erkannt wurden. Ebenso bezeichnend ist es für die Richtigkeit der Meyer’schen Eisenbahnentwürfe, daß dieselbe Regierung, deren Starrsinn sich der Culturbedeutung derselben verschlossen hielt und sie zu Fall brachte, zwanzig Jahre später die von M. projectirten Linien selbst zur Ausführung zu bringen sich gezwungen sah. Auch auf dem engeren [605] Gebiete seines heimathlichen Wirkens, in Thüringen, sieht man jetzt die bergbaulichen und metallurgischen Unternehmungen, für welche M. die natürlichen Quellen erschlossen hatte, fast wortgetreu nach seinen Plänen zu gedeihlichster Ausführung gebracht. Eine ganze Reihe blühender Industrien hat sich auf dem ehemals Meyer’schen Montanbesitz angesiedelt, und weiteren steht eine hohe Entwickelung bevor, wenn die noch kurz vor seinem Tode von ihm geplanten Eisenbahnübergänge über den Thüringer Wald, wie jetzt bevorsteht, ebenfalls zum Durchbruch gelangt sein werden. M. hatte eben mit allen vorgeschrittenen Geistern in einer in kleinlichen Interessen und Vorurtheilen befangenen Zeit das Loos zu theilen, daß ihr sanguinisches Hoffen auf eine Wandlung solcher Zeit und das Vertrauen auf ihre vereinzelte Kraft bitterer Täuschung erliegen mußte. Parteihaß, Mißgunst und Unverstand haben M. denn auch im Leben wie noch nach dem Tode mit Verunglimpfungen nicht verschont; aber seine geniale Begabung und unerschöpfliche Thatkraft hat Niemand zu leugnen vermocht, und die Macht seiner Persönlichkeit wie sein reiner, allem Gemeinen abgewandter, bei aller Energie und Strenge tief humaner Charakter verfehlten auf Niemand, der mit ihm in Berührung kam, ihre Wirkung, selbst nicht auf seine Gegner.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Konservationslexikon