ADB:Wittekind, Christoph Friedrich

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Artikel „Wittekind, Christoph Friedrich“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 605–607, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wittekind,_Christoph_Friedrich&oldid=- (Version vom 14. Oktober 2019, 17:42 Uhr UTC)
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Wittekind: Christoph Friedrich W. oder richtiger Wedekind, ein Schriftsteller, nachweisbar im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts, über dessen Lebensumstände nichts Authentisches bekannt ist, auf den Drucken unter dem Pseudonym Crescentius Koromandel, was mehrfach durch „Hofrath Wittekind“ erläutert wurde. Den Unterlagen dieser Tradition nachzugehen ward erst möglich, als man an die zahlreichen örtlichen und persönlichen Anspielungen anknüpfte, die sein umfänglicher „Koromandel’s Nebenständiger Zeitvertreib in Teutschen Gedichten“ (1747) darbietet. Dies geschah durch Arthur Kopp, der mit seinen bezüglichen Erhebungen die Ergebnisse einer Umschau in den gleichzeitigen litterarischen Nachrichten verband. Danach hat man es jedenfalls mit Christoph Friedrich Wedekind zu thun, dessen Benennung mit der geläufigeren Form Wittekind nicht aufzufallen braucht. Er war, wie zwei Mal wörtlich bezeugt wird, „aus Nieder-Sachsen“, eine durch seine genaue Kenntniß des deutschen Nordwestens, von Braunschweig, Hannover, Hamburg, Holstein bestätigte Thatsache, und stand in den vierziger Jahren als Secretär in Diensten des damals (1741–62) preuß. Generals Prinz Georg Ludwig von Holstein-Gottorp (1719–1763, s. A. D. B. VIII, 698); er scheint ähnliche Obliegenheiten da zu erfüllen gehabt zu haben wie G. E. Lessing am Ende des Siebenjährigen Krieges bei General Tauentzien zu Breslau. Ob W. in dieser Function oder später anderwärts oder überhaupt nicht den Titel Hofrath, unter dem seine Pseudonymität nachträglich gelüftet wurde, erhalten hat, ist nicht festzustellen. Sicher ist auch eine große Reise oder wenigstens ein fast ununterbrochener Aufenthaltswechsel in den Jahren 1733 ff.: der versificirte Bericht „Die Brieftasche“ auf S. 236 bis 244 der genannten Gedichtsammlung zeigt uns W. in Nancy, wo er „nach zweymal sieben Tagen“ angelangt ist, auf der Route Metz–Straßburg–Zweibrücken–Gotha–Kassel–Hannover–Herrenhausen (bei Hannover), ob beamtet ob vergnügenshalber bleibt zweifelhaft, da er nur Sehenswürdigkeiten, sowol solche der Natur als künstlerische, näher bespricht. Wenn es schon hier für 1733 heißt: „Ich dürfte wohl vorerst etwas in Gotha bleiben, Um recht nach Herzenswunsch die Zeit mir zu vertreiben“, und diese Stadt besonders liebevoll geschildert wird, so ist für die nächsten Jahre eine erneute längere Anwesenheit daselbst, wo er auch am Hofe Zutritt hatte, um die ausgezeichneten herzoglichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft, die er schon damals gerühmt hatte, zu besuchen, beinahe ebenso gewiß. „Neue Zeitungen von Gelehrten Sachen des Jahrs MDCCXXXV … Leipzig …“ S. 627 steht unter ,Gotha’: „Allhier ist folgende Uebersetzung von des Herrn Voltaire Lettres sur les Anglois unter der Presse: Fünf und zwanzig Sendschreiben aus Londen, über die Engeländer, und andre in die Historie der Gelahrtheit laufende Sachen, aus dem Französischen des Herrn von Voltaire, nach heutigem Geschmack verdeutschet durch Christoph Friedrich Wedekind, aus Nieder-Sachsen. Man hat bey der Uebersetzung dieses neuen und in mancherley Stoff ausgearbeiteten Werkchens, sich auf eine reine und ungezwungene Schreib-Art derart befliessen, daß auch die sonst bekanden und im täglichen Umgang sehr gebräuchlichen französischen Wörter durch reiche und faßliche Ausdrücke bestmöglichst erkläret worden. Sollte hin und wieder etwas Neugebackenes mit eingeflossen seyn, so wird theils in der Vorrede, theils in den benöthigten Orts zugefügten Anmerkungen, dem geneigten [606] Leser Rechenschaft gegeben werden“; diese Angabe ist biobibliographisch verkürzt in Zedler’s Universal-Lexicon Bd. 53 (1747) S. 1790 aufgenommen. Dies ist, streng genommen, das einzig völlig unanfechtbare Zeugniß für Wittekind’s Namen und schriftstellerische Thätigkeit. Man stellt dazu die Notiz aus ‚Hamburgische Berichte von … Gelehrten Sachen 16. Tomus auf das Jahr 1747‘ Nr. 17 den 28. Febr. S. 129: „Danzig. Allhier hat der Herr Sekretarius Wittekind, welcher in ihrer Durchl. des Prinzen Georg von Schleswig-Holstein Diensten stehet, dem sel. Herrn Brockes zu Ehren folgendes aufgesetzet:“, wonach vierzehn Alexandriner Nachruf. Hieraus ersieht man authentisch die andere Namensform, seinen officiellen Beruf und sein Gelegenheitsdichten, endlich das Vorhandensein irgendwelcher Beziehungen zu Danzig. Damit stimmt es, daß der „Zeitvertreib“ Gedichte an Hofrath Weichmann in Wolfenbüttel, den Herausgeber der „Poesie der Nieder-Sachsen“, an den berühmten Didaktiker B. H. Brockes, an Hagedorn, an Zinck, den Verfasser des „Gelehrten Correspondenten“ in Hamburg u. s. w. richtet, daß besagte Gedichtsammlung in Danzig (und Leipzig) erschien und daß W. selbst bisher als in Danzig wohnhaft betrachtet wurde.

Und dieses letztere Verhältniß ist zwar in Wirklichkeit nicht dahin zu verstehen, als ob er länger dort verweilt hätte, wol aber hängt das Fortleben seines Namens aufs engste damit zusammen. W. ist nämlich der Verfasser von „Der Krambambulist. Ein Lob-Gedicht über die gebrannten Wasser im Lachß zu Dantzig“, welches ‚Schertz-Gedichte‘ zuerst 1745 als Einzeldruck, einen Vorbericht von 3 vierzeiligen Trimeterstrophen sowie 40 sechszeilige Strophen enthaltend, vor die Oeffentlichkeit trat und „in kurzer Zeit einen so unerwarteten Abgang und Beyfall gefunden, daß es nicht allein in verschiedenen großen Städten und hohen Schulen Teutschlands nachgedruckt, sondern auch in die Music gesetzt worden“, wie zwei Jahre später, beim, auf 6 Strophen Vorbericht und 102 Textstrophen erweiterten Abdruck im „Zeitvertreib“ S. 413–436 eine Fußnote bemerkt. Bis 1781 sind wenigstens 7 Separatausgaben bestimmt nachzuweisen, außerdem eine Fülle von Belegen für die ungemeine Beliebtheit des, mannichfach veränderten und in localer Hinsicht umgemodelten Liedes, wie es in akademischen Kreisen Eingang gefunden und bis dato Geltung bewahrt hat. Die leicht singbare Melodie, im ersten Theile etwas getragen, im zweiten lebhaft bewegt, deckt sich mit der des älteren „Kanapee-Liedes“ und war bereits ein Jahrzehnt nach ihrem Aufkommen sogar im Gebrauch für den Kirchengesang. Nur geringfügig weichen ihre Notationen ab, deren ursprüngliche verloren scheint, während die älteste noch vorhandene in A. Methfessel’s Kommersbuch (1818) der von L. Erk, Neue Samml. deutscher Volkslieder II, 6. Heft (1844) Nr. 54, auf Grund gründlicher Umfrage festgestellten Ton- und Textgestalt nachsteht. Der Ausdruck ‚Krambambuli‘ ist zweifellos slavischen Ursprungs (vgl. auch Grimm, Dtsch. Wbch. V, 1994) und bedeutet wol ein gemischtes berauschendes Getränk, dann insbesondere solchen Branntwein, kam darauf für den Danziger Lachs, ein im vorigen Jahrhundert ofterwähntes Kirschwasser, in Aufnahme, bis der studentische Kneip-Cantus es ansah als „der Titel des Tranks der sich bei uns bewährt“ d. h. das Bier. Dagegen ist der Name Lachs oder Danziger für jenen scharfen Schnaps beibehalten und auch von Lessing (Minna von Barnhelm, I 2) sowie H. v. Kleist (Der zerbrochene Krug, 5. Auftritt) demgemäß verwendet worden. Noch jetzt besteht eine große Specialfabrik in Danzig, und der speculative Unternehmer einer Niederlage mit Detailverkauf in der Friedrichstraße zu Berlin soll 1892 jedem Besucher einen Neudruck des Krambambuli-Liedes nach der 1781er Ausgabe nebst einem neueren Aufsatze darüber verabreicht haben.

Für Wedekind’s oder Wittekind’s nähere Lebensumstände, seine Persönlichkeit [607] u. s. w. hat die jüngste eifrige text-, musik- und culturgeschichtliche Forschung über das Krambambuli-Lied gar nichts ergeben: Heimath, Geburts- und Todesdaten, Wohnsitz und Beschäftigung, namentlich vor 1733 und nach 1747, sind noch dunkel. Daß er kein Berufslitterat war, im Gegentheil das Federhandwerk ziemlich gering schätzte. geht aus „Der poetische Unrath“, S. 519 des „Zeitvertreib“, und andern Stellen dieses Gesammtwerkes deutlich hervor. Trotzdem sind ihm etliche Lieder, Schilderungen u. dgl. wohlgelungen, von letzterer Art vor allem „Der May-König, eine Erzehlung“ („Zeitvertreib“ S. 190), wo W. ein selbstmitgefeiertes militärisches Maifestspiel anschaulich darstellt. Er ist in der Sprache meist hübsch gewandt und die an ihm in oben mitgetheilter Gothaer Recension von 1735 gelobte Stileigenschaft hat in der Regel ihre Richtigkeit, auch den Versbau, vorwiegend Alexandriner, handhabt er leicht, jedoch gehen ihm Schwung, Phantasie, höhere Gedanken durchaus ab, er ist und bleibt Gelegenheitspoet im wörtlichen Sinne, der höchstens noch auf eine realistische Ader Anspruch erheben darf. Da auch seine Erlebnisse und persönlichen Beziehungen, sogar die vielfachen Erwähnungen zeitgenössischer Ereignisse und Personen, z. B. Friedrich’s des Großen, stärkeren Werth nicht besitzen, so steht und fällt eigentlich sein Name mit dem Krambambuli.

Für das Biographische kommt fast nur Arth. Kopp’s Aufsatz „Wedekind, der Krambambulist“, Altpreuß. Monatsschrift, 32. Bd. (1895) S. 296–310, in Betracht, dessen Mittheilungen unsere meisten positiven Angaben entstammen. Für die Geschichte des Krambambuli-Liedes und dessen Stoff vergleiche man die beiden Artikel von A. Treichel in derselben Zeitschrift 28. Bd. S. 338–344, und 32. Bd. S. 479–487, wo allerlei kleine, theilweise uncontrolirbare Hinweise und Vermuthungen zusammengetragen sind, ferner meinen Beitrag in „Am Ur-Quell. Monatschrift für Volkskunde“ VI (1895) S. 102–103, wo ich, durch Treichel’s Anfrage ebd. VI S. 77 veranlaßt, aus den beiden philologisch revidirten kleinen Commersbüchern des Verbandes wissenschaftl. Vereine an der Universität Halle, „Vivat Academia!“ (2. Aufl. 1885, I, S. 108 f.) und von Max Friedländer (vgl. auch ds. i. d. Vrtljhrschr. f. Musikwissensch. 1894, S. 203) in der Edition Peters Nr. 2666 (1892; 2. Aufl. 1897), S. 151 a, die texthistorischen Bemerkungen ausgehoben und glossirt habe. Einen sorgfältigen Abdruck der längeren Fassung mit Weise nach Erk nebst einigen Erläuterungen, die ich freilich Ztschr. f. dtsch. Philol. 29, 541 f. nach den neueren Feststellungen bemängeln mußte, liefert F. M. Böhme, Volksthüml. Lieder der Deutschen im 18. u. 19. Jahrh. (1895) S. 508–511 (vgl. S. 611 a und 615 a). Die vorstehenden Citate machen das Nachschlagen von Fr. Raßmann’s Kurzgefaßt. Lex. dtsch. pseudonym. Schriftsteller S. 100, E. Weller’s Lexicon Pseudonymorum s. v. Koromandel und Goedeke’s Grundriß2 III S. 341 überflüssig. M. Friedländer hat in den „Verhandlungen der 42. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Wien 1893“ (Lpz. 1894), S. 401 bis 403 „Das Lied vom Kanapee“ behandelt, wozu er S. 403 bemerkt: „Die Weise war zweifellos mit der zum Crambambuliliede gebräuchlichen identisch. In Noten ist sie aus dem vorigen Jahrhundert zu keinem der beiden Lieder nachzuweisen, in diesem Jahrhundert zum Crambambuliliede zuerst 1818“ (d. i. bei Methfessel, s. o.).