ADB:Witzleben, Job von

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Artikel „Witzleben, Job von“ von Bernhard von Poten in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 675–677, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Witzleben,_Job_von&oldid=- (Version vom 23. April 2019, 16:24 Uhr UTC)
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Witzleben: Karl Ernst Job (Hiob) Wilhelm von W., königl. preußischer Generallieutenant, Generaladjutant, Staats- und Kriegsminister, am 20. Juli 1783 zu Halberstadt, wo sein Vater als Lieutenant im Infanterieregimente Schwerin in Garnison stand, geboren, am 1. März 1799 aus dem Pageninstitute zu Potsdam, in welches er in seinem elften Lebensjahre aufgenommen war, als Fähnrich in das dortige 1. Bataillon Leibgarde getreten, 1802 zum Secondlieutenant befördert, wohnte ohne in das Gefecht zu kommen am 14. October 1806 der Schlacht von Auerstädt bei, ward in die vom Feldmarschall v. Möllendorff zu Erfurt abgeschlossene Capitulation einbegriffen, auf Ehrenwort entlassen, im Frühjahr 1807 ausgewechselt und alsbald von Blücher aus Pommern mit Depeschen zum Könige nach Memel geschickt. Hier wurde er am 4. September zum Premierlieutenant ernannt, bald nachher erhielt er das Commando einer Compagnie in dem neu errichteten Bataillone Garde. Als darauf der König seine Officiere zur Einreichung von Vorschlägen aufforderte, welche bei der bevorstehenden Neugestaltung des Heerwesens verwerthet werden könnten, lieferte W. eine Arbeit „Ideen zur Reorganisation der leichten Infanterie“. Es war dies wahrscheinlich die Veranlassung, daß er am 25. März 1809 als Stabscapitän in das neu errichtete Garde-Jägerbataillon versetzt wurde. Von jetzt ab ward er rasch befördert. 1811 zum Premiercapitän und Compagniechef, 1812 zum Major. Als solcher rückte er 1813 mit dem Bataillone in den Krieg. Bei Groß-Görschen kam er am 2. Mai zum ersten Male ins Feuer und erwarb das Eiserne Kreuz 2. Classe. Von vier Kugeln, welche ihn trafen, hatte keine ihm auch nur die Haut geritzt. Während des Waffenstillstandes wurde er zum Commandeur des Füsilierbataillons im neuerrichteten 2. Garderegimente und im November, während des Marsches vom Leipziger Schlachtfelde an den Rhein, zum Oberstlieutenant, am 14. December zum Commandeur des Garde-Jägerbataillons ernannt. In dem Feldzuge von 1814 kam er nur in der Schlacht vor Paris ins Gefecht, wo außer seinem Bataillone noch andere Truppen unter seinem Commando standen und er sich das Eiserne Kreuz 1. Cl. verdiente. In Paris verkehrte er viel im Kreise von Tonkünstlern. Er hatte eine hervorragende Anlage für Musik, spielte ausgezeichnet Geige und war ein gründlicher Kenner des Satzes. Rossini sagte ihm eines Tages: „Schade, daß Sie Soldat sind; als Musiker würden Sie eine größere Rolle spielen“. Nach der Rückkehr in das Vaterland wurde er unter Beibehalt seines Bataillonscommandos zum Sousinspecteur der Jäger und Schützen ernannt, als solcher gab er eine Schießinstruction heraus, welche allen späteren derartigen Anweisungen zur Grundlage gedient hat. Am Feldzuge von 1815 nahm er, am 31. Mai zum Oberst aufgerückt, als Chef des Generalstabes des combinirten Norddeutschen Bundesarmeecorps unter dem General Graf Kleist von Nollendorf und insbesondere an den Belagerungen und Capitulationen von Sedan, Mezières und Montmédy theil, auch verwaltete er das Ardennendepartement.

Nach Friedensschlusse wurde er zum wirklichen Inspecteur der Jäger und Schützen und am 28. Decbr. 1815 zum Chef des Generalstabes beim Generalcommando in Preußen unter dem General Grafen Bülow von Dennewitz ernannt, blieb jedoch in Berlin um die Organisation der Jäger und Schützen zu vollenden und ward am 7. October 1816 in das Kriegsministerium berufen, [676] wo er die Leitung der persönlichen Angelegenheiten übernahm; am 27. October 1817 wurde er Chef des Militärcabinets. Diese Stellung brachte es mit sich, daß er in fast tägliche Berührung mit König Friedrich Wilhelm III. kam, den er auf allen Reisen, zu den Besichtigungen und Truppenübungen begleitete; es entwickelte sich daraus ein sehr inniges Verhältniß zwischen Beiden und bald gab es keine Frage von irgend welcher Bedeutung, sei es daß sie das Heer, den Staat, die Kirche, die königliche Familie betraf, welche nicht von ihnen besprochen wurde und bei deren Entscheidung Witzleben’s Meinung nicht schwer ins Gewicht gefallen wäre. Dieser war schon am 5. Juni 1818 Generalmajor und Generaladjutant geworden, am 31. März 1831 erfolgte seine Beförderung zum Generallieutenant, am 30. October 1833 übernahm er ad interim das Kriegsministerium und am 25. April 1834 ward er zum Staats- und Kriegsminister ernannt. Auch noch andere Beweise des Vertrauens und der Anerkennung der von ihm geleisteten Dienste wurden ihm zu theil. Am 18. December 1823 schenkte ihm Friedrich Wilhelm 20 000 Thaler, welche W. anwendete, um eine fortan „Witzleben“ genannte Besitzung bei Charlottenburg anzukaufen, und im J. 1830 verlieh sein königlicher Freund ihm das heimgefallene Gut Sachsenburg am Kyffhäuser, welches später mit dem ebenfalls „Witzleben“ getauften Gute Liszkowo im Posenschen Kreise Inowrazlaw vertauscht wurde. Aber nicht lange blieb W. an der Spitze des Kriegministeriums. Seine schon seit 1829 erschütterte Gesundheit nöthigte ihn nach vier Jahren um die Enthebung von den Geschäften zu bitten. Das Gesuch ward am 19. März 1837 bewilligt; der König hoffte auf Wiederherstellung der Kräfte und Wiederaufnahme der Thätigkeit, aber die Erwartung ging nicht in Erfüllung. W. starb zu Berlin am 9. Juli 1837.

W. war zwanzig Jahre lang der mächtigste Unterthan im Staate. Der König nannte ihn seinen Freund und seinen Mitarbeiter an seinen großen Plänen zur Beglückung seines Volkes. Kaiser Wilhelm I. soll einmal geäußert haben „Ich brauche keinen Witzleben“. – Es konnte daher nicht fehlen, daß W. vielfach verleumdet und angefeindet wurde. Gegen einen seiner Widersacher, W. v. Rahden, der in den „Wanderungen eines alten Soldaten“ (Berlin 1847, II, 170 ff.) heftige Anschuldigungen gegen ihn erhoben, hat ihn sein Schwiegersohn, der spätere Feldmarschall Frhr. v. Manteuffel, in einer kleinen Schrift „Widerlegung etc.“ (Berlin 1848) in Schutz genommen und Rahden selbst hat der Wittwe später abgebeten. Eine umfassende und zutreffende Kennzeichnung von Witzleben’s Eigenart und Wesen gibt H. v. Treitschke in seiner Deutschen Geschichte im neunzehnten Jahrhundert, 2. Aufl., 2. Bd., S. 184, gelegentlich der Schilderung von Preußens Zuständen im J. 1817, mit den Worten: „Der König war zuerst auf Witzleben’s militärische Begabung aufmerksam geworden und erfuhr erst allmälig, welche vielseitige Begabung der junge Gardeofficier besaß, wie er mit Wilhelm Humboldt und anderen Größen der Wissenschaft freundschaftlich verkehrte, als Musiker ein ungewöhnliches Talent bewährte, auch in der Theologie, die dem Herzen des Königs so nahe stand, wohlbewandert war und bei alledem so anspruchslos blieb, ganz frei von Selbstsucht, fromm ohne Wortprunk, ein glücklicher Familienvater. Der neue Generaladjutant erwarb sich bald das unverbrüchliche Vertrauen Friedrich Wilhelm’s; er durfte dem Monarchen Alles sagen, weil er die natürliche Lebhaftigkeit, die aus seinen dunkeln Augen blitzte, immer zu beherrschen verstand und bei seinem ehrlichen Freimuthe niemals die herzliche Verehrung für seinen königlichen Freund vergaß. Er diente als Vermittler zwischen dem Könige und den Ministern, ward bei allen großen Staatsgeschäften zu Rathe gezogen und bewältigte Tag für Tag im Tabakrauche seines einfachen Zimmers ungeheuere Arbeitslasten mit einem [677] rastlosen Fleiße, der seinen Körper schon nach zwei Jahrzehnten vor der Zeit aufrieb. Im Drange der Geschäfte hat er nur selten die Muße gefunden die Ereignisse des Tages aufzuzeichnen; seine Tagebücher enthalten oft viele Monate lang nur weiße Blätter, oft nur kurze Reisenotizen; wo sie aber über Politik reden, da zeigt sich stets ein gerader Soldatenverstand, gründliche Sachkenntniß und unbedingte Aufrichtigkeit. Obwohl er sich selber nicht zu den staaatsmännischen Köpfen rechnete und den Parteien des Hofes behutsam fernblieb, so hielt er doch mit seinen gesunden politischen Urtheilen nicht hinter dem Berge; er betrachtete die neue Heeresverfassung als das feste Band der Staatseinheit, hielt die Vollendung der Stein-Hardenbergschen Reformen für unerläßlich und – was in diesen Tagen der geheimen Einflüsterungen am schwersten wog – er kannte und liebte das preußische Volk. Nichts schien ihm verächtlicher als der Versuch ‚in des Königs reiner Seele einen Argwohn zu erwecken‘; nichts brachte ihn ab von dem zuversichtlichen Glauben: ‚Es giebt keine gediegenere Treue als bei uns wohnt‘“.

W. Dorow, Job von Witzleben. Mittheilungen desselben und seiner Freunde zur Beurtheilung preußischer Zustände und wichtiger Zeitfragen. Leipzig 1842. – H. von Minutoli, Der Graf von Haugwitz und Job von Witzleben. Berlin 1844. – Zeitschr. f. Kunst, Wissensch. u. Gesch. d. Krieges, 88. Bd. Berlin 1853. – Geschichte des Geschlechtes von Witzleben I, 150. Berlin 1880.