ADB:Wurm, Christian Friedrich

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Artikel „Wurm, Christian Friedrich“ von Adolf Wohlwill in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898), S. 326–332, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wurm,_Christian_Friedrich&oldid=- (Version vom 23. August 2019, 13:58 Uhr UTC)
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Band 44 (1898), S. 326–332 (Quelle).
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Wurm: Christian Friedrich W., Historiker und Publicist, entstammte einer württembergischen, in Nürtingen heimischen Familie, aus der eine Reihe verdienter württembergischer Theologen und Schulmänner hervorgegangen ist. Er wurde als Sohn des namentlich wegen seiner astronomischen Arbeiten geschätzten Joh. Fr. Wurm (s. u. S. 333) am 3. April 1803 in Blaubeuren geboren. Seine Schulbildung empfing er auf dem Gymnasium in Stuttgart, unter den Augen seines Vaters, der 1807 vom Seminar in Blaubeuren an diese Anstalt versetzt worden. Obwol er noch ein Knabe war, als die Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft erfolgte, und als bald nachher die württembergischen Verfassungskämpfe ausbrachen, scheinen diese Ereignisse doch auf ihn einen tiefen Eindruck geübt zu haben. 1820 begab er sich zum Studium der Theologie nach Tübingen. Hier war er von 1820–1824 Insasse des evangelischen Stifts. Seine früh hervorgetretene Begabung, sein lebhafter Geist und sein gefälliges hülfsbereites Wesen bewirkten, daß er bereits von seinen Studiengenossen hochgeschätzt wurde. Für seine weitere Laufbahn war es von besonderer Wichtigkeit, daß er während seiner Studienjahre die auf dem Gymnasium erworbene Kenntniß des classischen Alterthums erweiterte, nebenher aber sich auch im Englischen vervollkommnete. Im Herbst 1824 bestand er die theologische Prüfung. Doch hatte bereits vorher sein lebhaftes Interesse für Pestalozzi, zu dem er durch Briefe und einen Besuch in Ifferten (1823) in Beziehung getreten war, den Vorsatz in ihm gezeitigt, sich nicht der geistlichen Laufbahn, sondern dem Lehrberuf zuzuwenden.

Nachdem W. im Winter 1824/25 seinen leidenden Vater am Stuttgarter Gymnasium vertreten und im Frühjahr 1825 die philosophische Doctorwürde [327] erlangt hatte, reiste er nach England, um in Epsom eine Stelle an einer Privatlehranstalt anzunehmen, in der junge Leute für die Universität vorbereitet wurden. Nach Ablauf eines Jahres begab er sich von Epsom nach London, wo er an der Royal Institution Vorträge über deutsche Litteratur hielt, zugleich Mitarbeiter verschiedener englischer Zeitungen wurde und Gelegenheit fand, sich mit den Einrichtungen, der Politik und dem geistigen Leben Englands vertraut zu machen. Durch seinen 2½jährigen Aufenthalt in England erlangte er die Fähigkeit, als Vermittler zwischen der englischen und der deutschen Nation zu dienen. Die Deutschen vermochte er über die englische Eigenart, wie sie sich im Staat, in der Kirche, in der Litteratur offenbart hatte, zu belehren, die Engländer aber bemühte er sich mehrfach – obschon mit geringerem Erfolg – über deutsche Verhältnisse aufzuklären.

Ende 1827 kam W. nach Hamburg, das seine zweite Heimath und die Hauptstätte seiner Wirksamkeit wurde. Den Anlaß zu dieser Uebersiedelung gab der an ihn von dem Gründer der Hamburger Börsenhalle Gerh. v. Hoßtrup gerichtete Antrag, die Redaction einer englischen Zeitschrift in Hamburg zu übernehmen. Zunächst handelte es sich um eine Blumenlese aus den hervorragendsten Zeitschriften Englands und der Vereinigten Staaten, die unter dem Titel „the Gleaner“ erschien und der sich bald ein anderes journalistisches Unternehmen „the Hamburg Reporter“ hinzugesellte. Folgenreicher war es, daß W. von 1830 bis 1834 die „Kritischen Blätter der Börsenhalle“ herausgab, ein litterarisch-politisches Organ, das unter den gleichartigen Erscheinungen in Deutschland einen hervorragenden Platz einnahm. Hier kamen zuerst der Reichthum seines Wissens, seine ungewöhnliche schriftstellerische Begabung, seine gewandte Dialektik und seine an Lessing erinnernde Klarheit und Schärfe des Ausdrucks zur vollen Geltung. In den politischen Artikeln bekannte er sich unumwunden zu liberalen Anschauungen. Freilich fühlte er sich bei der Erörterung der politischen Verhältnisse Deutschlands, auch der speciell hamburgischen Angelegenheiten, vielfach durch die Censur gehemmt. Wiederholt sprach er sich daher gegen diese Institution aus und betonte das Segensreiche freier Meinungsäußerung. Anderseits war es nicht nur der Rücksicht auf die Censur, sondern seiner eigenen Denkweise zuzuschreiben, daß er sich aller radicalen Kundgebungen enthielt. Ihm schien es richtiger, die deutschen Zustände nach Maßgabe der geltenden Gesetze und Verfassungen, als nach allgemeinen Theorien zu beurtheilen. Mit Hülfe seiner genauen Kenntniß und scharfsinnigen Auslegung des verbrieften Rechts vermochte er auch innerhalb der gezogenen Schranken freimüthige Kritik zu üben. – Vom Journalismus war somit Wurm’s schriftstellerische Laufbahn ausgegangen, und auch seine späteren Schriften tragen zum Theil ein journalistisches Gepräge im besten Sinne. Man erkennt in ihnen häufig das Bestreben, den Leser nicht nur zu belehren, sondern zu fesseln, zu gewinnen und gleichsam zu überreden; auch verschmähte er es bei aller Gründlichkeit nicht, gelegentlich die ernstesten Gegenstände in halb scherzhafter Weise zu behandeln.

Daß W. nicht nur durch das geschriebene, sondern auch durch das gesprochene Wort anregend zu wirken vermochte, bekundete der Erfolg der Vorlesungen, die er im J. 1830–1832 im Saal der Hamburger Börsenhalle über englische Geschichte und Litteratur hielt. Als es daher 1833 galt, die Professur für Geschichte am Hamburger akademischen Gymnasium neu zu besetzen, vermochte man für diesen Posten keinen geeigneteren Mann als Wurm zu finden. Mit Hingebung und Begeisterung widmete er sich über 25 Jahre dem ihm übertragenen Amt. Die philologische Schulung hatte ihm den streng wissenschaftlichen Sinn, die journalistische Uebung aber die Neigung und Fähigkeit verliehen, die historischen Stoffe nach politischen Gesichtspunkten zu erfassen und für die politische Bildung [328] fruchtbar zu machen. Mit Vorliebe behandelte er namentlich in seinen öffentlichen Vorlesungen solche Themata, die ein actuelles politisches, handelspolitisches oder völkerrechtliches Interesse darboten. Doch erstreckte sich seine Vorlesungsthätigkeit auf fast alle Theile der Weltgeschichte, und stets fesselte er seine Zuhörer durch seinen anschaulichen, oft ironisch gefärbten, mitunter aber auch lebhafte Begeisterung erweckenden Vortrag.

Im Anschluß an seine Lehrthätigkeit vertiefte sich W. in mancherlei selbstständige Forschungen, die sich insbesondere auf die Geschichte der Hansestädte bezogen. Als kritischer Historiker und gründlicher Kenner der neueren hamburgischen Geschichte zeigte er sich zuerst in seinen „Kritischen Anmerkungen“ zu der Schrift des Bürgermeisters Bartels über Heinrich Meurer. In weiteren Kreisen fand namentlich seine 1846 in Schmidt’s Zeitschrift für Geschichte erschienene Abhandlung „Eine deutsche Colonie und deren Abfall“ Anerkennung. Auch abgesehen von solchen historischen Arbeiten entfaltete W. eine ungemein fruchtbare schriftstellerische Thätigkeit. Als Mitarbeiter von Zeitungen, Zeitschriften und encyklopädischen Werken, wie in selbständigen Publicationen behandelte er die staatsrechtlichen, commerciellen und sonstigen Culturverhältnisse deutscher und außerdeutscher Gebiete und suchte er insbesondere zur Lösung schwieriger völkerrechtlicher Probleme beizutragen.

Ungeachtet solcher Vielseitigkeit der Interessen und Arbeiten hielt W. es doch für seine erste Pflicht, auf seine Hamburger Mitbürger anregend einzuwirken. Durch seine Vermählung mit Hermine Speckter (1832) war er in einen Familienkreis eingetreten, der einen Mittelpunkt der künstlerischen Bestrebungen in Hamburg bildete. Daß auch er diesen Interessen nicht fernstand, bezeugte er durch die Herausgabe des italienischen Tagebuchs seines frühverstorbenen Schwagers Erwin Speckter (Leipzig 1846). Mehr noch freilich entsprach es seinen Neigungen und Anlagen, sich an den gemeinnützigen Arbeiten der Hamb. sogenannten patriotischen Gesellschaft zu betheiligen. Besonders wichtig war der Einfluß, den er auf diese während der Jahre 1842–1847 ausübte, indem er mit großer Entschiedenheit auf die Nothwendigkeit politischer Reformen in Hamburg hinwies. Anfänglich beschränkte er sich darauf, die Modification einzelner Institutionen zu empfehlen, während er später die Einführung des Repräsentativsystems in das Hamburgische Staatsleben für unerläßlich erklärte. Gelegentlich beschäftigte er sich auch mit dem Gedanken einer Neugestaltung des hamburgischen Unterrichtswesens und insbesondere bemühte er sich, im Verein mit gleichgesinnten Freunden, die Hamburger für die Idee einer Universitätsgründung zu erwärmen.

Zugleich im hamburgischen, wie im gesammtdeutschen Interesse befaßte sich W. mit der Frage, wie sich die Hansestädte dem Zollverein gegenüber zu verhalten hätten. Bereits 1839 hatte er in seiner kleinen Schrift „Die Handelspolitik der Hansestädte und das Interesse des deutschen Vaterlandes“ die Ansicht verfochten, daß die Hansestädte zum Zollverein in ein vertragsmäßiges Verhältniß treten müßten und daß sie zur Erreichung dieses Zweckes auch vor Opfern nicht zurückschrecken dürften, sofern sie durch solche nicht verhindert würden, ihren Beruf als Welthandelsstädte Deutschlands zu erfüllen. Eingehendere Erörterungen über die Beziehungen der Hansestädte zum Zollverein regte er im Anfang 1845 in der kurz zuvor innerhalb der patriotischen Gesellschaft gegründeten Section für vaterstädtische Angelegenheiten an. Aus den Berathungen dieser Section und der von ihr erwählten Commission ist der weit über Hamburgs Grenzen hinaus Aufsehen erregende Commissionsbericht von 1847: „Die Aufgabe der Hansestädte gegenüber dem Zollverein“ hervorgegangen, dessen größerer Theil aus Wurm’s Feder stammt.

Neben der Entwicklung des Zollvereins haben unter den mannichfachen [329] politischen Erscheinungen des Zeitalters namentlich die Vorgänge im Orient und die Angelegenheiten Schleswig-Holsteins Wurm’s Aufmerksamkeit gefesselt. Die Ueberzeugung, die er in der Frankfurter Nationalversammlung aussprach: „Es gibt keine große europäische Frage, die nicht mit der Frage des Ostens zusammenhängt“, veranlaßte ihn schon zuvor, die letztere zum Gegenstand eingehenden Studiums zu machen. Aus welchem Gesichtspunkte er sie vorzugsweise beurtheilte, erhellt aus dem Umstande, daß er Mitarbeiter (Verfasser der „Banks of the Elbe“ datirten und „Germanicus Vindex“ unterzeichneten Beiträge) des bekannten in zwanglosen Heften erscheinenden Journals Portfolio war, das der Schotte Urquhart (seit 1835) herausgab. Wie dieser, befürchtete auch W., die Entwickelung der orientalischen Frage werde zu einem für die übrigen Mächte bedrohlichen Uebergewicht Rußlands führen. Vorübergehend erregte auch die Eventualität, daß aus den orientalischen Wirren ein russisch-französisches Bündniß hervorgehen könne, seine patriotischen Besorgnisse. Nachdrücklichst betonte er wiederholt, daß der aus solcher Allianz sich ergebenden Gefahr nur ein einiges Deutschland trotzen könne, und er pries den Zollverein schon deshalb als eine nationale Errungenschaft, weil er in ihm eine Vorstufe zu der ersehnten politischen Einigung erblickte. Daß der deutsche Zoll- und Handelsverein ganz Deutschland umfasse, hielt W. jedoch erst für möglich, sobald sich dem Bund der Regierungen eine gemeinsame Vertretung der wirthschaftlich geeinigten Bevölkerungen hinzugesellt haben würde. Als Ergänzung der bisherigen Organisation des Zollvereins forderte er daher ebensowohl in dem erwähnten Commissionsbericht, wie auch in der berühmten Rede, die er im J. 1847 auf dem Germanistentag in Lübeck (über das nationale Element in der Geschichte der Hansa) hielt, ein deutsches Parlament. Auch die schleswig-holsteinische Frage beurtheilte er vorzugsweise vom deutsch-nationalen Standpunkt. Nicht nur den Schleswig-Holsteinern, sondern dem gesammten Vaterlande hoffte er einen Dienst zu erweisen, indem er in einem am 25. Juni 1845 an Disraeli gerichteten Brief und später in einem für die Times bestimmten Aufsatz gegen die dänische Forderung gleichmäßiger Erbfolge für Dänemark und die Herzogthümer Verwahrung einlegte und zugleich die Hoffnung aussprach, daß England solchen Anspruch nicht begünstigen werde.

Innerhalb und außerhalb Hamburgs hatten wenige deutsche Männer vor dem Jahre 1848 soviel wie W. zur Klärung der politischen Anschauungen und zur Anfeuerung nationaler Gesinnungen beigetragen. Begreiflicher Weise wurde daher, als es galt, die bisherigen politischen Ideale zu verwirklichen, von den verschiedensten Seiten auf seine Mitwirkung gerechnet. Kurze Zeit betheiligte er sich an der Hamburger Märzbewegung. Am 1. März 1848 hielt er in einer Bürgerversammlung eine feurige Rede zur Befürwortung einer von ihm entworfenen Adresse an den badischen Abgeordneten Bassermann, in welcher dem von letzterem erhobenen Ruf nach einem Nationalparlament begeistert zugestimmt wurde. Am 9. März gehörte er zu den 24 Männern, welche die der Zeitbewegung entsprechenden hamburgischen Reformwünsche zuerst (in 10 Forderungen) zusammenfaßten. Noch im Verlauf desselben Monats wurde er von einigen Mitgliedern des Siebenerausschusses ins Vorparlament nach Frankfurt geladen. Hier schloß er sich der gemäßigten Partei an, welche den republikanisirenden Bestrebungen entgegentrat. Im April begab er sich zum Besuch seiner Verwandten und Jugendfreunde nach Stuttgart. Bald stand er auch hier mitten im politischen Getriebe. In der Stuttgarter Bürgerversammlung vom 10. April, die im übrigen sehr lärmend und stürmisch verlief, wurde seine zur Eintracht mahnende Ansprache achtungsvoll aufgenommen und seinem Hoch auf Deutschlands Einheit freudig zugestimmt. Bald darauf war in mehreren Theilen Württembergs davon die Rede, ihn als Candidaten für die bevorstehenden Wahlen zur constituirenden [330] Nationalversammlung aufzustellen. Zu seiner Empfehlung konnte auf seine württembergische Herkunft und seine deutsche Gesinnung, auf seinen Ruf als historisch-politischer Schriftsteller, sowie auf seine Vertrautheit mit den wirthschaftlichen Bedürfnissen der Nation hingewiesen werden. Thatsächlich erfolgte seine Wahl im ersten Wahlbezirk des Neckarkreises, wo Karl Mayer zu seinen Gunsten zurücktrat, mit erheblicher Stimmenmehrheit. Freudig bekannte er in der „Ansprache an seine Wähler“, daß nun der stolzeste Wunsch seines Herzens erfüllt sei, „mit allen Kräften und Fähigkeiten für die Sache der deutschen Einheit zu wirken“. In Frankfurt bewährte er sich als ein besonnener und charaktervoller Politiker. Seine Parteigenossen, die Mitglieder des Centrums, schätzten ihn namentlich auch wegen seiner gründlichen Kenntnisse des Staats- und Völkerrechts sowie des parlamentarischen Lebens von England und Nordamerika. Bei jeder zur Verhandlung vorliegenden Frage pflegte er seine Erfahrungen und sein reiches geschichtliches Wissen zu Rathe zu ziehen. Auch in seinen Reden machte sich hin und wieder das Schwergewicht seiner historischen Gelehrsamkeit geltend. Dies beeinträchtigte jedoch den Schwung seiner Beredsamkeit nicht. Mitunter, wenn das nationale Pathos ihn fortriß, wenn er „der großen Sache der Schleswig-Holsteiner“ gedachte, übten seine Worte eine zündende Wirkung aus. Begreiflicher Weise aber entging ein so selbständig urtheilender Politiker auch nicht dem Widerspruch, weder von rechts noch von links. In seinem eigenen Wahlkreise und namentlich in Eßlingen, wo mehr und mehr radicale Tendenzen zur Vorherrschaft gelangten, wurden seine Abstimmungen und sonstigen politischen Kundgebungen wiederholt mißbilligt, und seine extremsten Gegner im Schwabenlande forderten sogar, daß man ihm sein Mandat abverlange. W. aber wollte lieber seine Popularität als seine Ueberzeugung opfern und wies seine Wähler darauf hin, daß er nicht nur ihnen, sondern dem ganzen deutschen Vaterland Rechenschaft zu geben habe. Sein Verhalten in der Nationalversammlung wurde seit dem September 1848 vorzugsweise durch den zwiefachen Wunsch geleitet, einem erneuten Auflodern der Revolution in Deutschland vorzubeugen und zur Constituirung eines mächtigen deutschen Reiches mitzuwirken. Ungeachtet seiner lebhaft bekundeten Sympathie für Oesterreich verkannte er doch nicht, wie sehr es zur Verhütung des bisher für Deutschland so verderblich gewordenen Dualismus geboten sei, Oesterreich in den herzustellenden deutschen Reichsverband nicht mit hineinzuziehen, sondern mit letzterem nur durch eine Allianz zu verbinden. Wie für das Erbkaiserthum, trat er auch für die Erwählung des preußischen Königs zum Reichsoberhaupt ein. Als das Frankfurter Reichsproject gescheitert war, setzte er eine Zeitlang einige Hoffnung auf die preußischen Unionsbestrebungen und das Dreikönigsbündniß. Er gesellte sich daher zu den Abgeordneten, die Ende Juni 1849 in Gotha zusammentraten. Wennschon der dort erörterte Verfassungsentwurf ihm in seinen Einzelheiten keineswegs zusagte, glaubte er sich doch nicht völlig ablehnend verhalten zu dürfen, damit nur das Parlament und die verfassungsmäßige Einheit der deutschen Staaten und Bevölkerungen gerettet werde. Obschon aber auch seine bescheidensten Erwartungen unerfüllt blieben, verzweifelte er doch auch fernerhin nicht an Deutschlands Zukunft. Nochmals bekundete er außerordentliche Rührigkeit, um die Geschicke Schleswig-Holsteins zum Guten zu gestalten. Im J. 1850 begab er sich nach England, um dort die Regierung (durch einen Brief an Palmerston), sowie die öffentliche Meinung (durch eine am 27. November 1850 in Birmingham gehaltene Rede) über die Verhältnisse der bedrohten deutschen Nordmark aufzuklären und darauf hinzuweisen, daß die Wahrung der Rechte Schleswig-Holsteins auch dem richtig verstandenen englischen Interesse entspreche. Um so schmerzlicher mußte ihn die bald darauf erfolgende Preisgebung Schleswig-Holsteins berühren.

[331] Nach Ablauf des Jahres 1850 widmete W. seine Kraft wieder vorzugsweise seiner Hamburger Berufsthätigkeit. Doch auch jetzt beschränkte er sich nicht darauf, nur wissenschaftlich anzuregen. Vielmehr gehört es zu seinen dankenswerthesten Verdiensten, daß er in der Zeit der Reaction, da die Mehrheit der Nation sich aufs neue der Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten entfremdet hatte, nicht müde ward, seine Hamburger Mitbürger aufzurütteln und stets von neuem auf die hohen Aufgaben des deutschen Volkes hinzuweisen. In der Festrede, die er im April 1855 am 90. Stiftungsfest der patriotischen Gesellschaft hielt, mahnte er, den Gemeinsinn nach dem Beispiel der Vorfahren zu pflegen, nicht um Hamburgs willen, sondern weil eben der Gemeingeist es sei, „der allein trotz allem und allem das Werk fördern könne, das Deutschgeborenen als höchstes Ziel vorschweben mag – die Herstellung des einen großen deutschen Vaterlandes“ –. Unter Wurm’s schriftstellerischen Arbeiten aus der letzten Periode seines Lebens sind die Osterprogramme des akademischen Gymnasiums von 1854 und 1855, ein Aufsatz in der Zeitschrift des Vereins für Hamb. Geschichte (Bernadotte und Dolgoruky), ferner seine Briefe über die Freiheit der Donauschiffahrt und über die Donauacte vom 7. November 1857, sowie seine diplomatische Geschichte der orientalischen Frage hervorzuheben. Zu der letzterwähnten (ursprünglich im 11. oder 12. Band der „Gegenwart“) erschienenen Publication war W. durch den Krimkrieg und durch die auf diesen folgenden diplomatischen Verhandlungen angeregt worden. Beim Ausbruch dieses Krieges hatte er in einer für Lord John Russell bestimmten anonymen Denkschrift dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß England von seiner bisherigen der neutralen Schiffahrt so überaus ungünstigen Praxis ablasse und, indem es sich in dieser Hinsicht zu möglichst liberalen Grundsätzen bekenne, Frankreich überbieten und die Sympathien der Welt erringen möge. Es scheint, daß W. wenigstens in diesem Falle nicht wieder vergeblich einem britischen Staatsmann gegenüber die Rolle des Marquis Posa übernommen. Wenigstens ist es von kundiger Seite (Augsb. Allg. Ztg., Beilage vom 13. Februar 1859) als unzweifelhaft bezeichnet worden, daß seine Denkschrift sowohl auf den wenig später erfolgten Erlaß des britischen Geheimraths, als auch auf die 1856 gefaßten Beschlüsse über das Völkerrecht zur See Einfluß geübt habe. – Zum letzten Mal fand W. Veranlassung, seine Kräfte einer Angelegenheit von größerer Bedeutung zu widmen, als er im Frühjahr 1858 von einem in Sachen des Stader Zolls niedergesetzten Ausschuß des britischen Parlaments als Sachverständiger nach London geladen wurde. Dem ausgesprochenen Wunsch der hamburgischen Regierung gemäß und in der Hoffnung, durch seine historischen, staats- und völkerrechtlichen Ausführungen zur Aufhebung jenes Zolls beitragen und somit das von ihm stets verfochtene Interesse der Verkehrsfreiheit fördern zu können, folgte er dem Ruf und unterzog er sich der ihm übertragenen Aufgabe mit großer Gewissenhaftigkeit. Doch verdrossen darüber, daß seine gründliche Art, den Gegenstand zu behandeln, auf wenig Verständniß gestoßen, und überdies in leidendem Zustande kehrte er aus London zurück. Vergeblich hoffte er seitdem auf Wiederherstellung seiner Gesundheit. Doch nur widerstrebend entschloß er sich dazu, seine Wirksamkeit immer mehr einzuschränken. Am 2. Februar 1859 starb er in der Wasserheilanstalt zu Reinbeck in Holstein, im Anfang jenes denkwürdigen Jahres, während dessen weiteren Verlaufes sich in Hamburg und im übrigen Deutschland Wandlungen zum Besseren vorbereiteten, die herbeiführen zu helfen er Jahrzehnte lang mit Einsetzung seiner besten Kräfte bemüht gewesen war.

(H. Schleiden) Dem Andenken Chr. F. Wurm’s, Prof. der Geschichte am akad. Gymnasium in Hamburg (Hbg. 1859). – Nekrologe in der Augsburger Allg. Ztg., Beilage v. 13. Febr. 1859 (von L. K. Aegidi), im Schwäb. [332] Merkur 1859, S. 831 und in der Zeitschr. f. deutsches Recht, Bd. 19, S. 478 bis 484 (von Reyscher). – Wurm’s Wirksamkeit in der Hamb. sog. patriotischen Gesellschaft ist in Gustav Kowalewski’s Geschichte der Hamb. Gesellsch. zur Beförderung der Künste und nützl. Gewerbe (Hbg. 1897) eingehend behandelt. Für die obige Skizze wurden auch Wurm’s handschriftlicher Nachlaß auf der Hamburger Stadtbibliothek und Actenstücke des Hamb. Staatsarchivs benutzt.