ADB:Schmidt, Adolf

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Artikel „Schmidt, Adolf“ von Samuel Löwenfeld in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), S. 703–713, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schmidt,_Adolf&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 23:18 Uhr UTC)
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Schmidt: Adolf (auch Wilhelm Adolf) S., Historiker, geboren in Berlin am 26. September 1812, † in Jena am 10. April 1887. – Als S. im Frühjahr 1831, mit einem glänzenden Zeugniß des französischen Gymnasiums ausgestattet, sich an der Berliner Universität immatriculiren ließ, standen die geschichtlichen Studien, denen er sich zuwenden wollte, unter der Herrschaft der Philosophie; allerdings unter einer beschränkten Herrschaft. Denn schon begann in den Kreisen, als deren Wortführer Leopold Ranke betrachet werden muß, die Erkenntniß durchzudringen, daß man zur Lösung des weltgeschichtlichen Räthsels nicht auf dem Wege der Speculation, sondern auf dem des Empirismus vordringen werde. S. ist nicht dazu gelangt, aus dem Munde Hegel’s selbst „die Philosophie der Geschichte“ kennen zu lernen – denn Hegel starb bereits 1831 – erst bei dessen Adepten Michelet und Hotho wurde er mit dem System des Meisters vertraut, bei ihnen empfing er die Eindrücke, die ihre deutlichen Spuren noch in einigen Arbeiten der späteren Jahre zeigen, und eine Neigung zum philosophischen Erfassen der Dinge. Aber sein scharfer, kritischer Verstand und die Anregungen aus dem Ranke’schen Kreise hielten ihn von den Irrwegen einer rein philosophischen Geschichtschreibung zurück. Drei Semester hindurch hat er an den Uebungen Ranke’s theilgenommen; ihn einen Ranke’schen Schüler zu nennen, wie einige gethan haben, vielleicht in mißverständlicher Auffassung der Worte, die der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ vorausgeschickt sind, ist [704] trotzdem nicht richtig. Nur mit den Genossen des Seminars, namentlich mit Georg Waitz, nicht mit den Gegenständen, die dort behandelt wurden, hat S. sich befreundet. Wenn er später als Docent die Geschichte des Mittelalters behandelt hat, so geschah es wohl zunächst zur eigenen Belehrung, zur Ergänzung seiner universalhistorischen Kenntnisse; und wenn auch mit Sicherheit anzunehmen ist, daß er sich in den Ranke’schen Uebungen an der Interpretation der mittelalterlichen Geschichtschreiber betheiligt hat, so ist doch nie eine Zeile bekannt geworden, welche ein selbständiges, auf die Quellen gegründetes Studium dieser Zeit verriethe. Es kommt ja auch nicht auf die Schule an, der Jemand zugehört, sondern nur auf die Schulung, gleichviel auf welchem Wege sie erworben ist. Und die hat S. in hohem Maaße besessen. Den Studenten zog das classische Alterthum, wie es ihm in den Vorträgen Böckh’s entgegentrat, in seinen Bannkreis. Die großartige Auffassung von der Philologie als einer Wissenschaft, welche das ganze innere und äußere Leben eines Volkes enthülle, gab seinen Studien die Richtung und seinem Eifer den Sporn. Ohne Ansprüche an das Leben, zufrieden, wenn er nur seine Bücher hatte, vertiefte sich S. in das Studium der Philologie und Geschichte, und sein bewunderungswerther Fleiß fand höchstens eine Schranke in seiner schwächlichen Constitution. Die erste Frucht selbständiger Forschung legte er nach beendigtem Triennium in seiner Doctorarbeit vor; sie war auf breitester Grundlage angelegt und zum Theil auch ausgeführt. Der Facultät übergab er nur ein kleines Bruchstück davon, dasselbe, das in seinen „Abhandlungen zur alten Geschichte“ (ges. und herausg. von Fr. Rühl, Leipzig 1888) wiederabgedruckt ist: De fontibus veterum auctorum in enarrandis expeditionibus a Gallis in Macedoniam atque Graeciam susceptis. Will man den richtigen Werthmesser für diese Quellenuntersuchung finden, so muß man sich die Zeit vergegenwärtigen, in welcher sie entstand. Die Virtuosität, mit der man heute solche Fragen behandelt, war damals noch nicht vorhanden. S. suchte nachzuweisen, daß die Berichte bei Diodor, Justin und besonders Pausanias über die Einfälle der Galater, d. h. der Gallier oder Kelten, in Griechenland und Macedonien aus einer einzigen Quelle, aus des Timaeus jetzt verlorenem Geschichtswerke geschöpft seien. Fanden seine Resultate auch nicht allgemeine Zustimmung, so erfuhr er doch die Genugthuung, daß selbst Droysen, der ihm am lebhaftesten widersprach, ihm „zu diesem Anfang seiner schriftstellerischen Thätigkeit Glück wünschte“ (Zimmermann’s Zeitschr. f. d. Alterthumswiss. 1836. III, 587). Die wissenschaftliche Arbeit ruhte auch in den nächstfolgenden Jahren nicht, wo S. durch seine Lehrthätigkeit, zuerst an der königl. Realschule in Berlin, alsdann am Joachimsthal’schen Gymnasium, stark in Anspruch genommen war. Wie eifrig S. den Bewegungen auf dem Gebiet der Alterthumswissenschaft folgte, bewies eine Reihe der gründlichsten Recensionen, – namentlich die über Droysen’s Hellenismus, die sich zu einer höchst umfangreichen Abhandlung erweiterte –, bewiesen ferner die beiden Untersuchungen über das Alter und den geschichtlichen Inhalt des „Olbischen Psephisma zu Ehren des Protogenes“ (Abhandlungen S. 66 ff.) und über die Quellen des Zonaras; letztere ein Muster einer quellenkritischen Untersuchung, welche Dindorf in seiner Ausgabe des Chronisten in ihrem ganzen Umfange wieder abgedruckt hat (Einleit. zu vol. VI, Leipzig 1875). Diese Arbeiten waren es auch, die dem jungen Gelehrten die Wege zur akademischen Wirksamkeit ebneten. Eine rechte Befriedigung hatte ihm die Schulthätigkeit von Anfang an nicht gewährt. Er hatte sich, wie so viele andere bedeutende Gelehrte – es sei nur an Ranke, Giesebrecht, Droysen, Curtius erinnert –, ihr zugewandt, um sich eine materielle Selbständigkeit zu schaffen; aber sobald sich die günstigere Aussicht der Universität eröffnete, besprach er seinen Plan mit Böckh und Raumer und fand ihre lebhafte Unterstützung. [705] Im Juni 1840 fand die Habilitation statt, fast genau drei Monate, nachdem Droysen durch seine Berufung nach Kiel aus dem Lehrkörper ausgeschieden war. Für einen jungen Docenten, dessen Hauptfach griechische Geschichte bildete, war die Situation eine äußerst günstige. S. plante damals die Herausgabe eines größeren, auf mehrere Bände berechneten Werkes: „Forschungen auf dem Gebiete des Alterthums“. Nur der erste Theil ist erschienen mit dem Untertitel: „Die griechischen Papyrusurkunden der kgl. Bibliothek zu Berlin“, Berlin 1842. Die Mittel zu diesem Unternehmen gewährte ihm die Akademie auf Antrag Böckh’s, der nach wie vor sein wärmster Fürsprecher war. Das Buch bietet unendlich mehr als sein Titel besagt. Die Entzifferung der beiden, dem siebenten nachchristlichen Jahrhundert angehörenden Urkunden und die Deutung ihres Inhalts nimmt den kleinsten Theil darin ein. Die bloße Nennung des Namens „This“ führt ihn zu einer weitgehenden Untersuchung über die bisherige unrichtige Identificirung dieses Ortes mit Abydos; die bloße Erwähnung eines Purpurhändlers zu den minutiösesten Forschungen über die Purpurfabrication des Alterthums. Und wie es ihm dort gelingt, tiefeingewurzelte geographische und historische Irrthümer über Altägypten zu vertilgen, so hier die geläufigen Annahmen über die mercantile Entwicklung der Purpurindustrie zu untergraben. Diese Abschnitte des Buches sind heute noch werthvolle Bestandtheile der Alterthumswissenschaft; wenn andere überholt sind, andere der Verbesserung bedürfen, so ist das ein Ergebniß der großartigen Entwicklung der Aegyptologie.

Ein ganz anderes Ergebniß aber hatten diese Arbeiten für den Autor selbst. Neben der Fähigkeit, sich in das Kleinste mit liebevoller Sorgfalt zu versenken, stand die Fähigkeit, den großen Zusammenhang der Dinge zu erfassen. Daß sich durch alle Fährnisse der Kleinarbeit das Verlangen danach hindurchdrängte, war eine Folge seiner philosophischen Neigungen. Wie sehr S. sich auch frei glaubte von allen Anwandlungen einer philosophischen Geschichtsconstruction und es in Wirklichkeit auch war, der Forderung der Philosophen, aus der scheinbaren Regellosigkeit der geschichtlichen Ereignisse die Regel, aus der Zusammenhanglosigkeit den Zusammenhang zu ergründen, – dieser Forderung verdankte er die Wandlung, die sich in seinem Geiste vollzog. Aus der Enge des Kreises, in dem sich seine Studien bisher bewegt hatten, trieb es ihn hinaus in die Weite der Universalgeschichte. Wenn man sich den Umfang seiner Vorlesungen vergegenwärtigt, in denen er griechische und römische Geschichte, Universalgeschichte des Mittelalters und neueste Geschichte behandelte oder einen philosophischen Ueberblick der Universalgeschichte gab, so findet man darin den sichtbaren Ausdruck jener Wandlung. Und ebenso findet man ihn in der Gründung der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“. Die Weite der Studien, welche hier ihren Mittelpunkt finden sollten, kennzeichnen die auf dem Titelblatt genannten Namen: Böckh, Jacob und Wilhelm Grimm, Pertz und Ranke, unter deren Mitwirkung die Redaction thätig war. Von S. selbst erschienen gleich im ersten Bande zwei Abhandlungen, die seine inzwischen erlangte Vertrautheit mit den Quellen der römischen Geschichte auf’s glänzendste documentirten: „Der Verfall der Volksrechte in Rom unter den ersten Kaisern“ und „Das Staatszeitungswesen der Römer“ (Abhandlungen S. 367 ff.)

Eine Abhandlung wie die über das römische Zeitungswesen konnte nur aus einer Betrachtungsweise hervorgehen, welche beständig die Ereignisse der Vergangenheit mit analogen Erscheinungen der Gegenwart in Vergleich setzte. Aus den unversalhistorischen Studien jener Jahre ergab sich das Interesse für die Gegenwart von selbst. Indem S. die Fragen, die seine Zeit bewegten, nicht bloß als existirend hinnahm, sondern sich in sie vertiefte und ein selbständiges Urtheil über sie zu gewinnen suchte, gelangte er zu der Erkenntniß, daß es auch [706] für die Zeiten der Vergangenheit in seiner Wissenschaft etwas höheres gebe als die Kritik der Quellen und die Festlegung der Thatsachen. Der Stoff, mit dem er nach seinem eigenen Geständniß schon damals beschäftigt war: die „Geschichte der Denk- und Glaubensfreiheit im ersten Jahrhundert der Kaiserherrschaft und des Christenthums“ (Berlin 1847), bot soviel Berührungspunkte mit der Gegenwart, daß eine Beurtheilung der alten Zeit zugleich einen Werthmesser abgab für die Zustände der Gegenwart. Die Behandlung des Gegenstandes hat durch die innere Verwandtschaft der Zeiten nicht gelitten, sondern gewonnen. Wenn man das Buch eine Tendenzschrift genannt hat, hervorgegangen aus der Absicht eines Protestes gegen die herrschenden Zustände, so verkennt man ebensosehr die durch und durch aufrichtige Natur des Verfassers wie den Ausgangspunkt der Schrift. Wenn S. sich in der Einleitung offen zu Ansichten bekannte, welche „der freien, organischen Entfaltung des politischen, religiösen und socialen Lebens entschieden zugewandt sind“, so erschienen sie nicht als Voraussetzungen, sondern als Ergebnisse seiner geschichtlichen Forschungen. S. hat nicht die Wissenschaft in den Dienst der Politik, sondern die Politik in den Dienst der Wissenschaft gestellt. Das Verkennen dieses Sachverhalts, welches sogar zu mancherlei persönlichen Verdächtigungen geführt hat, hing zusammen mit dem Begriff der sittlichen und geistigen Freiheit, wie ihn S. an einigen Stellen seines Buches entwickelt hatte. – Es giebt nicht viel gelehrte Werke, in denen die Persönlichkeit des Autors so klar zum Ausdruck kommt wie in diesem Buche. S. selbst gestand, daß es die glücklichsten Zeiten seines Lebens waren, in denen er mit dem Gegenstand beschäftigt war, und er hat das Buch sein Lieblingsbuch genannt. Mag die fortschreitende römische Forschung vieles darin überwunden haben, einzelne Capitel wird man heute noch mit Genuß und nicht ohne Nutzen lesen. Es schmerzte den Verfasser, daß das Buch so rasch der Vergessenheit anheimgefallen war, und er konnte ordentlich froh werden, wenn er in späteren Jahren Jemanden fand, der es gelesen hatte. Er hatte umsomehr Grund dazu, als es bei seinem Erscheinen selbst den Besten der Nation imponirt hatte. Man bewunderte den Muth des Urtheils, der auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Ueberzeugung so sicher und fest auftrat, ebensosehr wie die Gelehrsamkeit, die aus den römischen Schriftstellern so merkwürdige Dinge herauszulesen verstand.

Schon zwei Jahre vorher war S. nach fünfjähriger Docententhätigkeit zum außerordentlichen Professor ernannte worden (1845). Wenige Wochen danach that er seinen ersten Schritt in die politische Oeffentlichkeit mit der Schrift: „Die Zukunft der arbeitenden Classen und die Vereine für ihr Wohl“, Berlin 1845. S. war einer der Ersten, welche im Beginne der socialpolitischen Bewegung in Deutschland das Wort ergriffen. Angesichts der Phantasien über die Entstehung der heutigen Gesellschaftsordnung, wie sie in den Schriften der Socialisten, namentlich Weitling’s, hervortraten, war es von wohlthuender Wirkung, einen geschulten Historiker die Gründe der wirthschaftlichen Lage der arbeitenden Classen in einem geschichtlichen Ueberblick entwickeln zu sehen. Gerade die Freiheit der neueren Zeit, die persönliche Selbständigkeit hat nach S. zur Isolirung des Einzelnen, zur Verlassenheit in Fällen der Noth geführt. Das einzige Heilmittel sieht er in der Aufhebung der Isolirung ohne Preisgabe der Freiheit, d. h. in der Association, in der freien Verbrüderung mit dem Zwecke der wechselseitigen Unterstützung, der gegenseitigen Assecuranz, – ein Gedanke, der späterhin durch die Bemühungen Schulze-Delitzsch’s Gestalt gewonnen hat. Schon damals hat S. die Forderungen nach Kranken- und Invalidenkassen, nach dem Schutz der Frauen- und Kinderarbeit, nach dem Normalarbeitstag in überraschend klarer Weise formulirt – Forderungen, welche seitdem unablässig wiederholt worden sind; und er hat am Abend seines Lebens die Genugthuung gehabt, zu sehen, [707] wie der Staat selbst alle diese Forderungen in ihrer Berechtigung anerkannt und zum Theil schon ihrer Erfüllung entgegengeführt hat.

Immer tiefer drängte sich das politische Interesse in seine wissenschaftliche Thätigkeit hinein. Es bestimmte schließlich die Richtung seiner Zeitschrift und die Wahl seiner Universitätsvorlesungen ebensosehr wie die Gegenstände seiner Forschung. Wenn er am Schluß des vierten Bandes seiner Zeitschrift bemerkt, daß diese von jetzt ab der staatlichen Entwicklung der neuesten Zeit in höherem Maaße ihre Aufmerksamkeit zuwenden werde als bisher, so entsprang das genau demselben Ideenkreise, aus welchem seine enthusiastische Theilnahme an der ersten Germanistenversammlung hervorging. Hier wo neben den rein wissenschaftlichen Fragen auch die politischen zur Sprache kamen, wo Uhland das deutsche Parlament als eine Frucht naher Zukunft voraussagte, wo über Schleswig-Holstein und die Geschworenengerichte debattirt wurde, hier sah S. „die Offenbarung des nationalen Geistes und der glücklicheren Zukunft, die seiner Entwicklung bevorsteht auf dem Gebiete wissenschaftlicher Erkenntniß“. Daß er auf Antrag Jacob Grimm’s das Amt eines Protokollführers erhielt, beweist zur Genüge, welches Ansehen er bereits in der Versammlung genoß, welche Hoffnungen man auf seine fernere Thätigkeit für die Zwecke des Vereins setzen konnte. – Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß S. von der Politik ebenso stark angezogen, wie abgestoßen wurde. Er war eine politische Natur, die keine Gelegenheit vorübergehen ließ, sich zu bethätigen; aber wenn sie ihm mehr Enttäuschungen als Erfüllungen brachte, zog er sich scheu und verdroßen vor ihr zurück. Er war eine zu consequente, in sich geschlossene Persönlichkeit, um sich in den Wechselgängen der Politik mit Leichtigkeit zurechtfinden zu können. So erging es ihm als Mitglied des Frankfurter Parlaments und fünfundzwanzig Jahre später als Mitglied des deutschen Reichstages. Für jenes war ihm durch die Bemühungen des ihm geistig so verwandten Max Duncker und Gabriel Rießer’s, mit denen er im Hause von Moritz Veit viel verkehrt, ein Mandat vom ersten brandenburgischen Wahlkreis übertragen worden. Als er in die Versammlung eintrat, waren die ersten Debatten bereits vorüber und die Parteien hatten sich constituirt. Als Vertreter einer freisinnigen, aber gemäßigten Politik schloß er sich dem „Württemberger Hof“ an, jener Partei, welche eine Zeit lang die Mitte zwischen dem rechten und linken Flügel innehielt; aber nur kurze Zeit lang; denn da sie aus den heterogensten Elementen zusammengesetzt war, fanden beständige Secessionen nach rechts und links statt. S. fühlte sich durch den heftigen Fractionsstreit auf’s unangenehmste berührt, und er litt umsomehr darunter, als seine Gesundheit tief erschüttert war. Trat er auch nicht als Redner in der Versammlung auf, so hat er doch an den Berathungen innerhalb der Partei sich eifrig betheiligt, und er war auch litterarisch thätig, indem er eine Reihe von Artikeln für die Augsburger Allgemeine Zeitung schrieb. Um aus eigener Anschauung die Stimmung in Deutschland kennen zu lernen, bereiste er im Frühjahr 1849 „die erregtesten Striche des Südens und in gespannter Erwartung die Hauptgebiete des Nordens“. Er kehrte ohne Hoffnung zurück; das einzige, was er mitbrachte, war der Entschluß, aus der Nationalversammlung auszutreten. Für eine Wiederherstellung der deutschen Kaiserwürde hat er nach seinen eigenen Worten nie geschwärmt; aber als es in Frankfurt galt, zum Ziel zu gelangen, trug er kein Bedenken, die „persönliche Meinung dem allgemeinen Einklang unterzuordnen“; und nachdem man gelobt hatte, an der Reichsverfassung unwandelbar festzuhalten, hielt er sich nicht für berechtigt, „zu Gunsten eines andern ihr entgegengestellten Werkes mit der Gothaer Partei zu agitiren“. Aus den Debatten jener Tage ergab sich ihm eine Lehre – und er sprach sie offen aus – daß Deutschland in allen seinen Parteien sich nur dem zuwenden könne, der „nicht in Plänen, sondern in Thaten [708] dem Ziele deutscher Einheit und Freiheit zuschreiten werde“; aus der Geschichte ergab sich ihm die Ueberzeugung, daß die nationale Einigung Deutschlands nur durch Preußen möglich sei. Den Nachweis dafür lieferte er in der Schrift: „Preußens Deutsche Politik 1785, 1806, 1849“, Leipzig 1850. Zur Ergänzung dieses Werkes erschien schon nach wenigen Monaten die „Geschichte der preußisch-deutschen Unionsbestrebungen seit der Zeit Friedrich’s des Großen“, Berlin 1851. Wenn er dort ohne Benutzung archivalischer Quellen nur die allgemeinen Verhältnisse in erzählender Form geschildert hatte, so führte er hier die Details der Entwicklung in ihrem ursprünglichen, urkundlichen Gewande vor; es ist ein Band mit Urkunden, ausschließlich dem preußischen Staatsarchiv entnommen. Schon nach seinem Umfang erschien jenes Buch als eine gelehrte Flugschrift, und mehr wollte es auch nicht sein. Nur in großen Umrissen waren die Grundzüge der preußischen Politik in drei wichtigen Momenten hingeworfen; mehr als ein Ergebniß combinatorischer Thätigkeit, als gründlicher Forschung. Daß es die erhoffte Wirkung nicht erzielte, daran trugen die Zeitverhältnisse Schuld. Es war concipirt in einer Stunde, wo die Hoffnungen des deutschen Volkes ihren Flug am höchsten nahmen, und es trat an’s Licht zu einer Zeit, wo die Hoffnungen längst im Niedergange waren. Aber Niemand wird in Abrede stellen, daß S. die Vergangenheit wie die Zukunft Preußens mit sicherem Blicke erkannt hatte; denn mehr als zwanzig Jahre später „mußte Ranke eingestehen, daß die Hauptresultate seiner erheblichen Anstrengungen mit einigen glücklichen Griffen von S. in Bezug auf den Fürstenbund schon vorweggenommen waren“ (Lorenz s. unten S. 314) Und was die Zukunft anbetrifft, so konnte S. mit berechtigtem Stolze nach Bismarck’s großen Erfolgen im J. 1866 eine dritte Auflage seiner Schrift erscheinen lassen, in welcher die bisherigen drei Capitel über die Unionsbestrebungen um ein viertes bereichert wurden: Die Gründung des Norddeutschen Bundes.

Ueberhaupt hat S. bei allen großen politischen Fragen, welche die Nation bewegten, seine Stimme erhoben. Im J. 1859 warnte er Deutschland und Oesterreich vor den Annexionsgelüsten Napoleon’s III. in einer kleinen Broschüre: „Elsaß und Lothringen, Nachweis wie diese Provinzen dem Deutschen Reiche verlorengingen“ (Leipzig 1857; 2. Aufl. 1870) und 1864 trat er für „Schleswig-Holsteins Geschichte und Recht“ ein (Jena 1864). Auch diesen beiden Schriften sind die weiten geschichtlichen Ausblicke eigenthümlich. Wie er dort alle Ereignisse heranzieht, in denen Theile des Deutschen Reiches an Frankreich verloren gingen, von den Tagen der Reformation bis zu Franz I., so geht er hier in die ältesten Zeiten zurück, um zu erweisen, daß trotz der jahrhundertelangen Danisirungsversuche die Bevölkerung der Halbinsel eine deutsche geblieben ist.

Noch unter dem Banne der Ereignisse, deren aufmerksamer Zeuge und Theilnehmer er gewesen war, begann S. im Sommer 1849 ein Colleg über den Ursprung und Anfang der neuesten Revolution; selbstverständlich in freisinnigem Geiste. In den Kreisen, die jetzt an’s Ruder gelangt waren, erregte das ein um so größeres Mißbehagen, als die Zuhörerschaft eine selten große war und neben der studentischen Jugend Männer der verschiedensten Lebensstellungen saßen. Auf Beförderung war unter solchen Umständen nicht zu hoffen, und S. war froh, als ihm von Zürich aus eine ordentliche Professur für Geschichte angetragen wurde (Ostern 1851). Der Eintritt in das neue Lehramt bedeutete nicht bloß einen Wechsel des Ortes. Wenn schon der Umfang seiner Berliner Vorlesungen aufgefallen war, so bemerkt man mit Erstaunen, daß er jetzt noch Cultur- und Litteraturgeschichte der verschiedenen Zeiten, Philosophie der Geschichte und allgemeine Erdkunde nach Ritter’s System in seinen Kreis einbezieht. Er las in [709] den meisten Semestern zwölf Stunden wöchentlich. Auch die persönlichen Beziehungen änderten sich von Grund aus. In Berlin konnte er kein rechtes Verhältniß zu den Professoren gewinnen, am wenigsten zu demjenigen, der der anerkannte Meister seines Faches war, zu Leopold v. Ranke; sie gingen in ihren politischen und wissenschaftlichen Ansichten zu weit auseinander. In Zürich war S. der erste Vertreter seines Faches; im wissenschaftlichen Verein, der die hervorragendsten Lehrer der Hochschule zu seinen Mitgliedern zählte, fiel ihm bald die Rolle eines Führers zu, und als in diesem Kreise eine „Monatsschrift“ begründet wurde, übernahm er die Redaction. Gleich die ersten Hefte brachten aus seiner Feder eine Abhandlung: „Diagnose des gegenwärtigen Zeitalters“, eine geschichtsphilosophische Arbeit sonderbarster Art. Nach Schmidt’s politischer Vergangenheit durfte man von einem Aufsatz, der diesen Titel trug, erwarten, daß er die Erscheinungen der letzten Jahre als Krankheitssymptome im staatlichen und gesellschaftlichen Organismus erweisen werde. Statt dessen sucht er die Gesetze der Geschichte und den Gang der menschheitlichen Entwicklung zu ergründen. Er findet, daß durch alles menschliche Ringen sich ein Widerstreit zweier Grundtriebe hindurchziehe, des Herrschertriebes und des Freiheitstriebes, die aus einer und derselben Quelle stammen, aus dem Selbstbehauptungstrieb. Dieser sei im Menschenleben, was die Schwerkraft in der Natur. Auch in den Bewegungen, die hierdurch entstehen, walte ein Naturgesetz; die Umdrehung der Erde von Westen nach Osten übe auch auf die geistigen Elemente einen mächtigen Einfluß aus, dränge sie in die entgegengesetzte Richtung, erzeuge das Phänomen der Culturströmung von Osten nach Westen, auch die Freiheitsentwicklung erscheine in eben dem Maaße kräftiger, je weiter sie westwärts vorrückt, und schwächer, je mehr man sich ostwärts zurückwendet. Solcher Aufstellungen sind noch viele in dem Aufsatz; die meisten bewegen sich in so abstracten Formen, daß man einen Weiterbildner der Hegel’schen Ansichten vor sich zu haben glaubt. Es war ein Rückfall in die philosophische Krankheit, und wie jeder Rückfall schlimmer als die Krankheit selbst.

Und doch sind in dieser Züricher Periode auch die „Zeitgenössischen Geschichten, I. Frankreich von 1815–1830, II. Oesterreich von 1830–1848“, Berlin 1859, entstanden. Aus den luftigen Regionen der geschichtlichen Construction kehrte S. auf den festen Boden der Wirklichkeit zurück, indem er daran ging, die jüngste Vergangenheit der österreichischen Monarchie in ihrem Ursprung und Verlaufe darzulegen. Die Geschichte Frankreichs diente nur als Einleitung dazu. Man hat zwischen diesem Buche und der „Diagnose“ eine Verbindung herstellen wollen durch den Hinweis auf das Freiheitsideal, welches S. sich gebildet hatte und welches ihm nun als Maaßstab der Entwicklung diente. Aber das ist doch nur insofern richtig, als in jenem Aufsatz eine theoretische Begründung der Maaßstäbe versucht war, die sich ihm aus der Praxis der geschichtlichen Forschung längst ergeben hatten. Auch ohne die „Diagnose“ wäre die österreichische Politik dieses Zeitraums der Verurtheilung anheimgefallen, weil sie sich auf religiösem und politischem Gebiet als eine Hemmung der freiheitlichen Entwicklung erwies. Das Buch unterschied sich von vielen anderen, namentlich publicistischen, welche den gleichen Gegenstand behandelten, schon dadurch, daß es auf der Grundlage handschriftlicher Quellen aufgebaut war. Nur in der Schweiz war es möglich, daß ein Geschichtschreiber der jüngsten Zeit in die Depeschen der eidgenössischen Geschäftsträger in Paris und Wien Einblick erhielt. Erwägt man den Ernst der Forschung, mit welchem diese Papiere verwerthet sind, so darf man wohl sagen, daß die Geschichtschreibung die Publicistik überwunden habe. Wenn der heutigen Generation die Wirksamkeit Metternich’s in einem wesentlich ungünstigeren Lichte erscheint als bei S., dessen [710] Buch merkwürdiger Weise in Oesterreich verboten wurde, so ist das ein Ergebniß der zahlreichen archivalischen Publicationen der Folgezeit. Uebrigens hat die Forschung ein feststehendes Bild von Metternich’s Persönlichkeit auch heute noch nicht gewonnen.

Als in Jena der Lehrstuhl für Geschichte durch Droysen’s Fortgang erledigt war, wandten sich die Blicke in erster Linie auf den, der in seinem ganzen Studiengang eine merkwürdige Aehnlichkeit mit dem eben Abberufenen besaß – auf S. Beide waren von der Philologie aus zur griechischen Geschichte gekommen, beide hatten – zum Theil in gegenseitiger Beurtheilung ihrer Arbeiten – auf diesem Felde ihre erste Anerkennung sich errungen; Droysen hat noch weniger als S. die Einwirkungen der Hegel’schen Schule abstreifen können; beide waren sie, durch eifrige Antheilnahme an den politschen Fragen zur Beschäftigung mit der preußischen Geschichte geführt worden, und sie stimmten auch in ihren Ansichten über die Zukunft der deutschen Verhältnisse vollkommen überein. Wie sehr auch die politischen Zustände der Schweiz die Aufmerksamkeit des Historikers gefesselt hatten, wie belehrend der mit Vorliebe gepflegte Verkehr mit gebildeten Laien gewesen war, das Verlangen nach einer Rückkehr in die Heimath machte sich bei S. um so mächtiger geltend, je verheißungsvoller für Deutschland die Anfänge der neuen Regentschaft in Preußen sich erwiesen. Mit unverhohlener Freude nahm er den Ruf nach Jena an (1860). – Gerade damals beschäftigte ihn die neue Ausgabe der Becker’schen Weltgeschichte, deren letzte Bearbeitung, wie sie in den dreißiger Jahren durch Loebell, Max Duncker und K. A. Menzel erfolgt war, nicht mehr auf der Höhe der Forschung stand. Das universalhistorische Wissen, über welches S. verfügte, ließ ihn für das Unternehmen ganz besonders geeignet erscheinen; es kam auch denjenigen Theilen zu Gute, welche seinen Mitarbeitern anvertraut waren, indem er die bisherige Eintheilung änderte und den ungeheuren Stoff nach synchronistischen Gesichtspunkten gruppirte. Ihm selbst fiel die Umgestaltung der „Neueren Geschichte“ zu. Mit einem „Gefühl wahrhafter Pietät“ unterzog er sich der großen Aufgabe. „Kann ich doch nicht“, schreibt er, „ohne Empfindung innerer Dankbarkeit der Thatsache eingedenk sein, wie ich einst selbst aus diesem Werke nicht nur mit vielen anderen Zeitgenossen den ersten warmen Anhauch des geschichtlichen Lebens einsog, sondern zugleich auch die ersten entscheidenden Antriebe zum geschichtlichen Studium als meinem Lebensberufe empfing.“ Bald nach Vollendung der Weltgeschichte ging S. an die Sichtung eines großen Materials, welches er bei mehrfachem Aufenthalte in Paris im Nationalarchiv gesammelt hatte. Seit mehr als dreißig Jahren hatte er sich dem Studium der Geschichte der französischen Revolution zugewandt und mit besonderer Vorliebe. Und da führte ihn ein glücklicher Zufall auf die officiellen Berichte der Pariser Polizei. So oft auch von französischen Forschern diese Papiere benutzt waren, in ihrer ganzen Bedeutung hatte keiner sie erkannt. Als S. seine Forschungen beendet hatte (schon 1857), traten andere Aufgaben an ihn heran, die eine Publication jener Papiere verzögerten. Erst zehn Jahre später ist er dazu gelangt: „Tableaux de la révolution française, publiés sur les papiers inédits du département et de la police secrète de Paris“, 3 Bde., Leipzig 1867–71. Die Tableaux enthüllten keine neue Seite der hohen Politik oder der Thätigkeit der Diplomaten. Aber sie zeigten den erbitterten Kampf der Parteien, sie verriethen die Gefühle der verschiedenen Volksclassen, die Bewegungen und Veränderungen der öffentlichen Meinung. Hier konnte man das Innenleben der Revolution belauschen; es waren Momentaufnahmen von Ereignissen, wie sie sich während eines zehnjährigen Zeitraums tagtäglich in Paris abspielten. Gerade das Studium der „Kehrseite der Erscheinungen“ hatte für S. den größten Reiz und er blieb auch [711] in den nächsten Jahren diesen Studien treu. Er verarbeitete das hier niedergelegte Material zu einer Reihe von Skizzen, welche unter dem Titel: „Pariser Zustände während der Revolutionszeit von 1789–1800“, in 3 Bänden erschienen (Jena 1874–76). Heinrich v. Sybel fand in diesem Buche eine glänzende Bestätigung der beiden Hauptsätze, die er in seinem bekannten Werke betont und durchgeführt hatte: erstens die unermeßliche Wichtigkeit der ökonomischen Verhältnisse für die Entwicklung jeder Revolutionsphase und zweitens die Thatsache, daß die demokratischen Erfolge von 1792–94 von einer energischen Minderheit gegen den Willen der Mehrheit des Volkes erzwungen worden seien. Auch die Forscher jenseits des Rheins haben sich schließlich zur Anerkennung der „Zustände“ bequemt, wie unbarmherzig auch ein großer Theil der französischen Legende durch sie zerstört war (franz. Uebers. von Paul Viollet unter dem Titel: Paris pendant la Révolution etc., Paris 1880 u. 85; der dritte Band ist noch nicht erschienen). Noch in demselben Jahre, in welchem der erste Band dieses Werkes erschien, gab S. einen neuen Beweis seiner erstaunlichen Arbeitskraft und Universalität in den „Epochen und Katastrophen“, Berlin 1874. Von den drei umfangreichen Abhandlungen, die hier vereinigt waren, gehörte die zweite: der Nika-Aufstand unter Justinian, der Züricher Zeit an; die beiden anderen: Perikles und sein Zeitalter, und Don Carlos und Philipp II., hier zum ersten Male gedruckt, bezeichnen recht eigentlich das Arbeitsgebiet der Jenenser Periode. Bis in den Anfang der sechziger Jahre reichen die Forschungen über Don Carlos zurück; in einer Reihe von Vorträgen behandelte er den Gegenstand und obgleich diese Vorträge „ausgearbeitet ein stattliches Werkchen ergeben hätten“, unterdrückte er alle Lockungen einer Publication, weil das bald vollendete große Werk von Gachard die noch übrig gebliebenen Zweifel beseitigen sollte. Die Schwierigkeiten, die hier zu überwinden waren, lagen darin, daß die Berichte über den unglücklichen Prinzen von der Parteien Haß und Gunst dictirt waren und die Geschichtschreiber in die Irre geführt hatten. S. war durch eine scharfe Kritik des archivalischen Materials zu der Ueberzeugung gelangt, daß den günstigen Beurtheilern, wie dem österreichischen Gesandten Dietrichstein, die bei Carlos einen entschiedenen Charakter und einen gesunden Verstand wahrnahmen, die auf seine Zukunft große Hoffnung setzten, den Vorzug zu geben sei vor den gegentheiligen Berichterstattern, die von seiner melancholischen Gemüthsbeschaffenheit, von einer zeitweisen Geisteszerrüttung sprechen und dabei andeuten, daß es ein Erbtheil seiner Urgroßmutter sei. Er sah in dem Prinzen das unschuldige Opfer eines rücksichtslosen Absolutismus und in Philipp den Mörder seines Sohnes. S. hatte sich damit in einen so schroffen Gegensatz gegen die herrschende Auffassung gestellt, daß eine Polemik unvermeidlich war. Maurenbrecher eröffnete den Angriff. Seit Schiller seinen Don Carlos gedichtet hatte, interessirte sich Jedermann in Deutschland für diese Frage. Es war zu befürchten, daß eine so kritisch auftretende Arbeit die Auffassung der nicht orientirten Leserkreise irreleite. Das eben sollte verhindert werden; und daraus erklärt sich die Heftigkeit, mit welcher Maurenbrecher seinen Angriff ausführte. Die Abwehr Schmidt’s erweiterte sich zu einer förmlichen Abhandlung (12 Folioseiten als Beilage der Jenaer Litt. Zeit. 1874 Nr. 51). Hat sie auch das allgemeine Urtheil über Don Carlos nicht ändern können, so brachte sie wenigstens dadurch einen Gewinn, daß sie sich zu einer principiellen Erörterung des Werthes diplomatischer Berichte erhob und so die Kritik dieser Art von Quellen förderte. Die Erregung aber, in welche S. durch diese Polemik versetzt worden war, zitterte noch lange in ihm nach; man empfindet das deutlich in seiner Besprechung der Ullmann’schen Schrift über den Werth diplomatischer Depeschen (Jen. Litt. Zeit. 1874 S. 825 ff.). Er warnt auf’s eindringlichste vor dem Götzendienst, der mit diesen Geschichtsquellen getrieben [712] werde; er verlangt, daß sie viel schärfer kritisirt werden, als die eigentlich erzählenden Quellen; diese haben wenigstens die Absicht, wirkliche Geschichte zu überliefern, also der historischen Wahrheit zu dienen; jene dagegen stehen vor allem im Dienste eines vorübergehenden politischen Interesses und vielfach nur in dem einer politischen Neugierde. Er schlägt die Ausarbeitung eines biographisch-diplomatischen Lexikons vor, welches durch kritische Lebensbeschreibungen aller durch ihre Stellung einflußreichen Diplomaten der neueren Jahrhunderte das übermäßige Vertrauen zu ihren Berichten auf das entsprechende Maaß herabdrücke.

Bis zu der Zeit, da die „Epochen und Katastrophen“ erschienen, verrieth keine der zahlreichen Publicationen, daß S. den Studien treu geblieben war, denen er seine ersten wissenschaftlichen Erfolge zu verdanken hatte. Erst der „Perikles“ offenbarte es, daß bei allen Kreuz- und Querzügen durch das Gebiet der Geschichte, zu denen Neigung oder äußere Umstände ihn antrieben, als Ziel seiner Wünsche eine umfassende Darstellung des Perikleischen Zeitalters ihm stets vor Augen gestanden hatte. Er konnte dem Aufsatz das Bekenntniß vorausschicken, daß er auf Forschungen beruhe, die Verlauf von 25 Jahren erwachsen seien. Um aber seine von der bisherigen abweichende Auffassung zu rechtfertigen, plante er ein auf vier Bände berechnetes Werk, welches neben der Darstellung seine Forschungen über die Chronologie und das Kalenderwesen, Finanzen und Baukosten, und die Grundlagen der Ueberlieferung enthalten sollte. Nur zwei Bände sind erschienen: „Das Perikleische Zeitalter“, Jena 1877–79, denn S. hat seinen ursprünglichen Plan geändert und die chronologischen Untersuchungen, die einen ungeahnten Umfang annahmen, in einem selbständigen „Handbuch der griechischen Chronologie“ (nach des Verfassers Tode herausg. von Franz Rühl, Jena 1888) vereinigt. Es mag gleich hier bemerkt werden, daß S. auch auf diesem Gebiete die tiefgehendsten Forschungen angestellt hat. Je größer die Schwierigkeiten, desto mehr zogen sie ihn an, je geringer die Uebereinstimmung unter den Forschern, desto stärker das Verlangen, zu einem eigenen Urtheil zu gelangen. Wollte er das Wesen des attischen Kalenders im fünften Jahrhundert feststellen, so mußte er vorwärts- und rückwärtsgehend den ganzen Kalender in den Kreis seiner Betrachtung ziehen, und das führte ihn immer tiefer in die Zeitrechnung der anderen griechischen Stämme hinein. Es enthüllte sich ihm in diesen Dingen eine Seite des hellenischen Geistes, welche auch in der Entwicklung des Cultus, in der Bildung des Mythus zur Erscheinung kommt. Der Werth seines Handbuchs wird nicht nach der Anzahl der sicheren oder anfechtbaren Resultate bemessen werden, sondern nach dem Anstoß, welchen es der chronologischen Forschung gegeben hat; und nach diesem Maßstab steht es in vorderster Reihe. Die Kritik, die das anerkannt hat, brauchte darum auch nicht eine eigenthümliche Schwäche des Buches zu verschweigen. Wenn, um von vielen Beispielen nur eins zu erwähnen, Hypermnestra als „überzählige Braut“ gedeutet war, so sah man in derartigen Etymologien gefährliche Irrgänge eines sonst vortrefflichen Graecisten. Diese chronologischen Studien umgaben förmlich die Arbeit über Perikles. Aus ihnen schöpfte er die feste Zuversicht, daß er die Ereignisse des Zeitalters in die richtige Ordnung gebracht habe, ohne welche ein Verstehen unmöglich ist. Dem Verstehen folgt das Gestalten. S. besaß die Fähigkeit künstlerischer Composition in hohem Maaße. Es bezeichnet geradezu die Eigenart seines Geistes, daß er überall ein abgerundetes Bild zu gewinnen sucht, gleichgültig ob es sich um Carlos und Perikles oder ein chronologisches System handelt. Ueber alle Lücken der Ueberlieferung hilft ihm sein Glaube an die Macht der Phantasie hinweg – einer Phantasie, welcher durch die strengste Wahrheitsliebe und eine sichere methodische Schulung beständig gezügelt wird. [713] Er würden den Kopf geschüttelt haben, wenn man ihm sagte, daß es die Aufgabe des Historikers sei, überall die Lücken aufzubrechen. Unzweifelhaft barg dieses Fortspinnen der Ueberlieferung, diese Ausarbeitung der Gedanken bis in ihre letzten Consequenzen eine große Gefahr in sich. Wenn er aus Plutarch, Perikles cap. 17 herauslas, daß der Grundgedanke, der Perikles leitete, die Sehnsucht nach der Begründung einer panhellenischen Einheit, eines einigen Griechenlands unter der Führerschaft Athens war, so verkehrte er die Ziele seiner Politik in’s gerade Gegentheil. Es drängte sich, als er über die Pläne des Perikles nachdachte, das Bild der Gegenwart zu dicht an seinen Geist heran, und aus der Analogie des preußischen Staatswesens entlehnte er die Züge für das athenische. Dieser Irrthum trübte dann bis zur Unkenntlichkeit das Bild des großen Rivalen Kimon. Die Kritik erhob sofort gegen diese Auffassung ihre warnende Stimme; sie sprach sich ebensosehr gegen das Zerrbild des Kimon wie gegen die übertriebene Verhimmelung des Perikles als „eines irdischen Prometheus“ aus; sie bezeichnete die Basis, auf welche S. die Statue des Perikles gestellt hatte, das Geschichtswerk des Stesimbrotos von Thasos als eine ganz unzuverlässige. Arnold Schäfer behauptete auch jetzt noch die Unechtheit der Schrift; Ulrich Köhler, durch S. und Willamowitz von der Echtheit überzeugt, sah in ihr allen Klatsch und Schmutz einer durch und durch corrumpirten Gesellschaft zusammengetragen und drückte ihren Quellenwerth auf ein sehr bescheidenes Maaß herab. Aber Schmidt’s Leistung wird dennoch ihre Bedeutung behalten, wie ein großes Freskogemälde, das die unbarmherzige Zeit an einigen Stellen zerstört hat. …

Die Folgen geistiger Ueberanstrengung machten sich bei Schmidt’s schwächlicher Constitution stark bemerkbar. Er sah sich genöthigt, seine Vorlesungen zu beschränken und seit 1883 ganz einzustellen; er lebte nur noch seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Von dem großen chronologischen Werke, mit dem er beschäftigt war, veröffentlichte er von Zeit zu Zeit „Fragmente“ in den Jahrbüchern für classische Philologie. Erst die Hälfte des Werkes war gedruckt, als der Tod, am 10. April 1887, seinem an Arbeit und Erfolgen reichen Leben ein Ziel setzte.

Vgl. Landwehr, Zur Erinnerung an Adolf Schmidt; Berlin 1887, Sonderabdruck aus dem Biograph. Jahrbuch für Alterthumskunde. – Ottokar Lorenz in der Zeitschrift f. Thüring. Gesch. und Alterth. XIII, 299. – Giesebrecht, Münchener Sitz.-Ber. 1888, S. 280. – Dietrich Schäfer in der Allgem. Zeitung 1887 Beilage Nr. 140.