Alte Städte und altes Bürgerthum/2. Heilbronn am Neckar

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Titel: Alte Städte und altes Bürgerthum/2. Heilbronn am Neckar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 822–826
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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2. Heilbronn am Neckar.


Es ist ein zwar durchaus nicht großartiges, aber äußerst liebliches, herzerfreuendes Landschaftsbild, das vor den Blicken Desjenigen sich ausbreitet, welcher der alten Neckarstadt Heilbronn einen Besuch macht. Hat der Reisende, von Süden her kommend, dem prachtvollen Bahnhof der württembergischen Landeshauptstadt sich entwunden, so besteigt er in anmuthigen Windungen der Bahnlinie, von welchen aus die freundlichsten Ausblicke auf die Residenz und ihre reizenden Umgebungen sich bieten, ein Plateau. Von der Höhe desselben bei der Knotenstation Bietigheim herabgefahren begrüßt er den Hauptfluß des Landes, den Neckar, da, wo dieser, am Fuße der alterthümlichen Landstadt Besigheim, die grünen Gewässer der dem Schwarzwald enteilten Enz in sich aufnimmt. Hier engt das Neckarthal sich so sehr ein, daß einer der dem gewundenen Stromlaufe folgenden Rebenhügel durch einen Tunnel von beträchtlicher Länge durchstochen werden mußte. Dem Dunkel dieses Tunnels entkommen, eilt die Locomotive an dem alten Lauffen vorüber, wo rechts von hoch über dem Flusse sich erhebendem Gemäuer die stattliche Hauptkirche dem Reisenden zuwinkt. Neben derselben birgt sich die kleine, aber durch ihre reine Gothik interessante Regisuinde-Capelle, während links vom Geburtshause Hölderlin’s, einem zu dem ehemaligen dortigen Kloster gehörigen Gebäude, her die zum hundertjährigen Geburtsfeste des unglücklichen Dichters (geboren 1770) gestiftete, jüngst durch eine ansprechende Feier inaugurirte metallene Portraitbüste ihm entgegen blinkt, welche dessen Züge in überraschender Jugendschöne wiedergiebt. Bald öffnet sich die Enge, welche Lauffen umschließt, zu einem weiten, lachenden Thale, umspannt von einer Reihe von Hügeln, welche in allen ihren sonnigen Halden mit Reben bepflanzt und oben meist mit Wäldern bekränzt sind, und in dessen Mitte die zahlreichen

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Die Gartenlaube (1873) b 823.jpg

Heilbronn am Neckar.
Originalzeichnung von E. Schröder.

[824] Thürme und thurmartigen Schornsteine Heilbronns weithin die Blicke auf sich ziehen.

Führen wir, um dieses anmuthige Landschaftsbild in seiner ganzen Ausdehnung überblicken zu können, unsere Reisenden auf eine der umgebenden Höhen, etwa den vielbesuchten Wartberg. Es breitet hier ein ansehnlicher Theil des niederschwäbischen Berg- und Hügellandes vor dem Blicke sich aus: süd- und westwärts einzelne Höhen der schwäbischen Alb, des Strom- und Heuchelberges und nördlichen Schwarzwaldes, nordwärts Theile der Vogesen und des Odenwaldes, rückwärts oder ostwärts die Löwensteiner Berge, deren äußerster, bis dicht an das rechte Neckarufer vorgeschobener Ausläufer eben der Wartberg ist, der neunhundertsechsundvierzig Pariser Fuß über das Meer, vierhundertsechsundvierzig über den Neckarspiegel sich erhebt. Als einzelne von hier aus sichtbare Höhenpunkte sind zu nennen: die Weibertreue, die Waldenburg, der Stocksberg bei Löwenstein, der Hasenberg bei Stuttgart, die Solitude, Hohenasperg, die Ruine der Burg Neipperg, des Stammschlosses der Grafen gleichen Namens, die Heuchelberger Warte, der kegelförmige Steinsberg, der weltbekannte Königsstuhl bei Heidelberg, der nur durch den Neckar von diesem getrennte, aber einem anderen Gebirge, dem Odenwalde, angehörige Heiligenberg und die Haupterhebung des letztgenannten Gebirges, der durch vulcanische Kräfte erhobene imposante Katzenbuckel (Melibocus) von tausendneunhundertzweiunddreißig Fuß absoluter Höhe.

Den Mittelpunkt dessen aber, was zunächst zu den Füßen des Beschauers sich ausbreitet, bildet die Stadt Heilbronn selbst mit ihren vielen Thürmen, unter welchen der hoch aufstrebende, vielfach durchbrochene Hauptthurm der Kilianskirche einen besonders schönen Anblick darbietet.

Gehen wir nun von der landschaftlichen Betrachtung zu der geschichtlichen über. Der Landstrich, auf welchem heute Heilbronn steht, tritt in die Geschichte ein mit seiner Eroberung durch die Römer zur Zeit des Kaisers Hadrian. Er gehörte nämlich zu jener Südwestecke Deutschlands, welche die Römer das „Zehentland“ nannten und welches sie durch eines der gewaltigsten Werke, die je eine Menschenhand geschaffen, den „römischen Grenzwall“ (im Munde des Volkes in seinen Resten „Teufelsmauer“ benannt), gegen die Einfälle aus dem freien Deutschland sich zu sichern gesucht hatten. Aber dennoch durchbrach die stürmische Tapferkeit der Alemannen gegen Ende des dritten Jahrhunderts den Wall und trieb die Römer aus dem Lande, in welchem sie nun zwei Jahrhunderte lang herrschten. Im Jahre 496 aber erlagen diese Alemannen, für welche später der Name „Schwaben“ üblich wurde, dem Frankenkönig Chlodwig, und da nun der Landstrich vom unteren Neckar bis zur Lahn von ihnen, aus Haß gegen die Franken und ihre Herrschaft, größtentheils verlassen wurde, so versetzte Chlodwig eine Masse seiner Franken aus ihren damaligen Wohnsitzen im nördlichen Gallien in dieses rechtsrheinische Gebiet herüber, das seitdem den Namen „Franken“, eigentlich Ostfranken erhielt. Demzufolge gehört die Bevölkerung Heilbronns dem deutschen Volksstamm der Franken an, wie auch ihr Dialect ausweist, wiewohl dieser, wegen der unmittelbaren Nachbarschaft, des vielfachen Verkehrs und der politischen Verbindung auch viele schwäbische Bestandtheile in sich aufgenommen hat. In politischer Beziehung nämlich ist Heilbronn mehr eine schwäbische, als eine fränkische Stadt, da sie schon dem alten schwäbischen Städtebunde und später dem weiteren Bunde der schwäbischen Reichsstände angehört hat und von Kaiser Max dem Ersten bei seiner Eintheilung des deutschen Reiches in zehn Kreise dem schwäbischen Kreise zugetheilt worden ist.

Der Name unserer Stadt erscheint zuerst in der Mitte des achten Jahrhunderts, und zwar in der Schreibart „Heliprunna“ oder „Heilieprunna“; er rührt ohne Zweifel her von dem mitten in der Stadt gelegenen, jetzt sogenannten Kirchbrunnen, wird aber eher Brunnen der Heiligen, als Heilbrunnen zu deuten sein. Der Ort war ursprünglich ein Palatium regium oder Kammerort, das heißt seine Einkünfte standen den fränkischen, beziehungsweise deutschen Königen zu, wie denn auch gleich der erste der letzteren, Ludwig der Deutsche, vorübergehend sich daselbst aufgehalten hat. Dieses Verhältniß zum jeweiligen Könige schloß aber nicht aus, daß auch zahlreiche untergeordnete Herren weltlichen und geistlichen Standes Besitzungen, Gefälle und Rechte in Heilbronn erwarben.

Kaiser Friedrich der Zweite verlieh dem Orte Stadtrechte; und nach der Verfassung, wie sie unter dem der Stadt vorzugsweise günstigen König Rudolf (1273 bis 1291) sich ausbildete, stand ihr im Namen des Kaisers ein Reichsvogt vor, unter welchem ein Schultheiß mit zwölf Rathmannen die Civilprocesse entschied und die Polizei handhabte; an der Spitze der Bürgerschaft standen ein, später zwei Bürgermeister.

Immermehr erweiterten sich die Rechte der Stadt, immer unabhängiger wurden Bürgermeister und Rath, besonders auch durch die Begünstigung der Kaiser Ludwig des Baiern (1314 bis 1347) und Karl des Vierten (1347 bis 1378), so daß ihr staatsrechtlicher Charakter jetzt aus dem einer Königsstadt in den einer eigentlichen Reichsstadt überging. Diese Umwandlung wurde vollendet im Jahre 1360, indem Kaiser Karl der Vierte der Stadt gestattete, das von ihm an den Grafen Eberhard den Greiner von Württemberg verpfändet gewesene Schultheißenamt einzulösen, welches von da an niemals mehr aus dem Besitze der Stadt gekommen ist.

Um dieselbe Zeit, Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, begannen die demokratischen Regungen auch hier hervorzutreten; die Zünfte erhoben sich wider die Geschlechter und verlangten, daß der Rath auch aus ihrer Mitte besetzt werden solle, eine Forderung, welche sehr natürlich erscheint, wenn man bedenkt, welchen Wohlstand die Zünfte durch die mit dem steigenden Luxus immer gesuchteren Erzeugnisse ihres Kunst- und Gewerbefleißes erworben hatten, und wie sehr ihr Selbstgefühl theils hierdurch, theils durch das Bewußtsein ihrer physischen Kraft und numerischen Stärke gehoben war. Der erste Versuch der Erhebung der Zünfte wurde freilich von den Geschlechtern blutig niedergeschlagen, und Titot, unser vorzüglichster Gewährsmann bezüglich der Heilbronner Specialgeschichte, meint sogar, sechszig steinerne Kreuze, die man noch bis zum Jahre 1745 in der Nähe der Straße nach Neckarsulm auf dem heute noch sogenannten „Kreuzacker“ habe stehen sehen, hätten die Gräber der damals Hingerichteten bezeichnet, und der Name „im Gschrei“, den die Aecker auf einer Anhöhe dort tragen, rühre daher, daß dort die Frauen und Kinder der Hingerichteten der Abschreckung wegen dem blutigen Schauspiel hätten zusehen müssen. Zuletzt jedoch konnte es nicht fehlen, daß in Heilbronn wie anderwärts der dritte Stand seine Forderungen im Allgemeinen durchsetzte: man verständigte sich über eine Umänderung der Verfassung, welche dem demokratischen Elemente neben dem aristokratischen seine berechtigte Stellung einräumte, indem sie den Zünften die Rathsfähigkeit innerhalb gewisser gesetzlicher Schranken zugestand. Nach dieser neuen Verfassung, welche vom Kaiser Karl dem Vierten im Jahre 1373 bestätigt wurde, sollten künftig sowohl die Geschlechter als die Zünfte je dreizehn Rathsherren und je einen Bürgermeister wählen, beide Stände gleiche politische Rechte haben, die Zahl der Zünfte jedoch nicht vermehrt werden dürfen.

Diesen inneren Entwickelungen ging die Kräftigung der Stadt gegen außen durch vorzügliche Befestigungen, mit denen unter dem Hohenstaufen Friedrich dem Zweiten begonnen wurde, zur Seite. Zu diesem Zweck wurde vor Allem der Neckarfluß benutzt; durch ein Wehr gestaut, bildete er einen starken Schutz der ganzen Westseite; auf den anderen drei Seiten füllte sein Wasser einen tiefen Stadtgraben, welcher eine hohe und überaus feste Stadtmauer umsäumte, deren zahlreiche und stattliche Thürme, die jetzt nicht mehr alle erhalten sind, der Stadt früher, wie zum Beispiel ein Bild vom Jahre 1643 aufweist, von den benachbarten Höhen aus gesehen ein Achtung gebietendes Ansehen verliehen haben müssen. Und freilich bedurfte die Stadt solcher Schutzmittel in hohem Grade unter den anarchischen Verhältnissen des Reiches in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters. Zahllose Streitigkeiten, die daraus hervorgingen, daß den verschiedensten geistlichen und weltlichen Herren in Stadt und Gebiet Besitzungen und Gerechtsame zustanden; dann das Unwesen der in Franken besonders üppig wuchernden Raubritter, welches, als die Städte hiergegen durch Bündnisse untereinander sich zu sichern suchten, auch Heilbronn bewog, im Jahre 1377 dem großen schwäbischen Städtebunde beizutreten; die Feindseligkeiten und Angriffe von Seiten der größeren Dynasten, die stets auf die Städte eifersüchtig waren – man denke an den Grafen Eberhard den Greiner [825] von Württemberg, dessen gewaltige Faust auch die Heilbronner (bei Döffingen, 1388) zu fühlen bekamen – dies Alles gab der Stadt und ihrer Bürgerschaft oft genug Gelegenheit, ihre Festigkeit und Stärke an den Tag zu legen, was auch meist auf achtungswerthe und erfolgreiche Weise geschehen ist.

Weniger Ehre macht den alten Heilbronnern ihr Auftreten gegen die Juden. Ueber deren Wucher entrüstet erklärte der Rath nicht nur wiederholt alle Schuldforderungen der Juden für ungültig, sondern er vertrieb sie auch zu öfteren Malen Alle aus der Stadt, am gründlichsten im Jahre 1469. Seitdem mußte jeder Jude, wenn er die Stadt nur betreten wollte, am Thore fünfzehn Kreuzer Leibzoll bezahlen. Aber seit Mediatisirung der Stadt haben die Juden natürlich nicht mehr ferne gehalten werden können; im Gegentheile hat eben in den letzten Jahren ihre Zahl, infolge der äußerst günstigen Lage Heilbronns für den größeren Handel, ganz erstaunlich zugenommen, und eben jetzt erheben sich aus dem Boden die Grundmauern einer Synagoge, die ohne Zweifel nach wenigen Monaten schon von dem Wohlstande der neuen Gemeinde und ihrer Opferfähigkeit auch für ideale Zwecke ein redendes Zeugniß ablegen wird.

Wenden wir uns nunmehr zum Uebergange aus dem Mittelalter in die neue Zeit, so begegnet uns an der Schwelle der letzteren die Gestalt eines Mannes, der mit seinem ganzen Wesen noch dem ersteren angehört und als einer der charaktervollsten und eigenartigsten Repräsentanten desselben, hochgefeiert von Deutschlands größtem Dichter, im Gedächtniß des gesammten deutschen Volkes fortlebt, während sein Name durch eines der Ereignisse seines wechselvollen Lebens speciell mit dem der Stadt Heilbronn eng verwoben ist. Wir meinen den biderben Ritter Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, über dessen Lebensschicksale sich die Gartenlaube bereits früher hat vernehmen lassen.

Zur Zeit des Götz von Berlichingen begann auch der vierte Stand in Deutschland, die vom Reichsadel und hohen Clerus schwer gedrückten Bauern, auf seine Menschenrechte sich zu besinnen und an seinen Ketten zu rütteln. Zu den ersten Erhebungen, welche hieraus hervorgegangen sind, gehört der „arme Konrad“ (das heißt „koan Rath“, weil die Leute sich nicht mehr zu rathen wußten), ein Aufstand der Bauern im Remsthale gegen den wilden Herzog Ulrich von Württemberg. Bei diesem Anlaß zog Götz dem Herzoge mit etwa dreißig Pferden zu Hülfe; aber die hierdurch eingeleitete nähere Verbindung mit diesem Fürsten brachte großes Unglück über den Ritter. Ulrich, wegen schwerer Gewaltthaten (Ermordung des Edelmanns Hans von Hutten, Ueberfall und Eroberung der Reichsstadt Reutlingen) vom schwäbischen Bunde bekriegt, verlor rasch alle seine Festungen und Burgen, nur Hohen-Asperg und Möckmühl hielten sich noch, Letzteres durch Götz auf’s Tapferste vertheidigt.

Endlich capitulirte er gegen das Versprechen freien Abzugs. Aber dieser Vertrag wurde von den Bündischen schmählich gebrochen. Kaum hatte er die Burg verlassen, als man über ihn herfiel, worauf er durch das Haupt des Bundes, den Herzog Wilhelm von Baiern, der Gemeinde Heilbronn zu sicherem Gewahrsam übergeben wurde. Hier mußte er die erste Nacht – es war die Nacht vor dem Pfingstfeste 1519 –, weil er die ihm auferlegte Urfehde zu unterschreiben hartnäckig sich weigerte, in jenem viereckigen, am Südwestende der Stadt gelegenen Thurme zubringen, der noch heute seinem Namen trägt und wohin ihn zu bringen den Weinschrötern, die der Magistrat als derbe, kräftige Leute dazu beigezogen, nicht geringe Anstrengung gekostet hatte. Aber schon am Pfingstmorgen verbreitete sich in der Stadt die Nachricht, daß Götzens ritterliche Freunde, von seinem treuen Weibe in aller Eile aufgeboten, im Anrücken begriffen seien, und so entließ ihn denn der Rath, der dem Ritter überhaupt persönlich durchaus nicht übel wollte, des Thurmes und wies ihm in einer „luftigen Stube“ des Rathhauses ein ritterliches Gefängniß an; ja, einige Wochen später durfte er eine Herberge in der Stadt beziehen, infolge der drohenden Haltung, die seine Freunde, namentlich die berühmten Ritter Georg Frundsberg und Franz von Sickingen, welche damals mit einer Schaar von nicht weniger als zwölftausend Reisigen in Franken gegen die „Fürsten“, d. h. die höhere Reichsaristokratie in den Waffen standen, gegen die Stadt angenommen. Und hier verweilte er bis zum Jahre 1522, wo er endlich, der langen Haft und Unthätigkeit müde, die vom schwäbischen Bunde geforderten zweitausend Gulden für die Landsknechte, welche bei Möckmühl ihn niedergeworfen hatten, bezahlte und versprach, wegen der überstandenen Gefangenschaft nichts Feindliches auszuüben und mit den Ständen des schwäbischen Bundes lebenslänglichen Frieden zu halten.

Es folgte die trübe Zeit der Betheiligung Götzens am Bauernkrieg, in welchen bald auch die Stadt Heilbronn so unfreiwillig wie ihr früherer Gast wider Willen sich verwickelt sah. Ein brutaler, lüderlicher, verschuldeter und deshalb gerichtlich versorgter Bauer aus dem heilbronnischen Dorfe Böckingen, Jakob Rohrbach, wiegelte die Bauern in der Umgegend, namentlich in den Ortschaften des Deutschordens auf und führte sie den „hellen Haufen“ der aufrührerischen Bauern zu, welche aus dem Würzburgischen unter einem gewissen Georg Metzler von Ballenberg heranrückten.

Auch diese Bauern zogen aus in der Absicht, „das Kaiserthum wieder herzustellen“, entschlossen, wie einer ihrer Artikel wörtlich besagte, in Zukunft nur den römischen König und Herrn anzuerkennen; auch sie fochten, wie angeblich jene Ritter unter Sickingen, für „die deutsche Freiheit“, denn „die Freiheit“ war der schöne Name, unter welchem jeder Stand in Deutschland, Fürsten, Ritter und Bauern, die Interessen seiner Kaste begriff. Aber der schöne Name konnte nicht verhindern, daß der Ingrimm über vielhundertjährige Mißhandlung jetzt in entsetzlichen Gewaltthaten sich Luft machte. Eine der gräßlichsten derselben war die schon so oft beschriebene Gräuelscene bei dem benachbarten Weinsberg, bei welcher Jäcklein Rohrbach von Böckingen eine Hauptrolle spielte.

Von Weinsberg zog der Haufe direct auf Heilbronn und verlangte Einlaß. Da nun unter den Rathsherren selbst nicht die beste Eintracht waltete, von der Bürgerschaft aber sehr Viele auf Seite der Bauern standen und diese ihre Gesinnung in drohender Weise kundgaben, da die Hülfe, welche der Rath vom schwäbischen Bunde und dessen Feldhauptmann Georg Truchseß erbeten hatte, ausblieb und die Bauern ihrerseits versicherten, den Bürgern nichts anhaben zu wollen, sondern nur den Geistlichen, so erhielten die Bauern am Osterdienstag 1525 Einlaß in die Stadt. Hier plünderten sie nun vor Allem das Haus der Deutschherren, deren Commenthur nach Heidelberg sich geflüchtet hatte, gründlich aus, wobei die deutschmeisterischen Bauern, wie es scheint die wüthendsten unter Allen, schrieen: „Wir haben lange Zeit hereingeführt, wir wollen nun auch eine Weile hinausführen.“

Mit Beute beladen – der Verlust des Deutschordens wurde nachher auf mehr als zwanzigtausend Gulden geschätzt –, zogen sie aus der Stadt wieder ab. Aber bald darauf brach die Strafe über die Aufrührer herein. Sie erlagen der Kriegskunst des Truchseß von Waldburg und verfielen nun der schrecklichen Rache ihrer Herren vom hohen und vom niedrigen Reichsadel; Jäcklein Rohrbach wurde auf einer Wiese bei Neckargartach, eine Stunde Wegs von seinem Heimathsorte, an einem langsamen Feuer lebendig gebraten.

Bei einem der rebellischen Bauernhaufen hatte auch Götz von Berlichingen gezwungenermaßen, da er in ihre Hände gefallen war, kurze Zeit ein Commando geführt, was übrigens auch von einigen anderen Edelleuten, wie den Grafen von Henneberg und von Wertheim, berichtet wird. Er hatte dieses Commando, wie er in seiner Selbstbiographie betheuert, benutzt, um manches Ueble zu verhindern, und hatte nach Ablauf der vertragsmäßigen Zeit sich beeilt, die Bauern wieder zu verlassen. Eben gedachte der Ritter in die Dienste des Kaisers zu treten; aber der schwäbische Bund, der wegen seines Verweilens im Lager der Bauern ihn hart anfeindete, lud ihn zur Verantwortung vor nach Augsburg und legte ihn, der diesem Rufe arglos folgte, dort in einen Thurm. Erst nach zwei Jahren und gegen Beschwörung einer harten Urfehde, der zufolge er den Rest seines Lebens in seinem Schlosse Hornberg hätte zubringen müssen und dieses keine Nacht hätte verlassen dürfen, erhielt er die Freiheit.

Die ebengenannte schöne und umfangreiche Burg, vier Stunden unterhalb Heilbronn am Neckar gelegen, hatte Götz vor Kurzem teilweise mit Geld, das man in Heilbronn ihm geliehen, erworben; dieselbe befindet sich jetzt im Besitze einer Linie der vielverzweigten freiherrlichen Familie von Gemmingen; [826] sie birgt heute noch Götzens Brustharnisch, welchen er einst dem Heilbronner Syndikus Stephan Feyerabend verehrt hatte; die eiserne Hand wird in Jagsthausen aufbewahrt. Jenes harten Bannes aber wurde der Ritter, dessen Unschuld nachträglich auch gerichtlich anerkannt wurde, später vom Kaiser entbunden, und wir finden ihn in dessen Dienste im Jahre 1542 in Ungarn und 1544 in der Champagne. Von da an – er war jetzt vierundsechszig Jahre alt – scheint er sich ziemlich ruhig gehalten zu haben; am 23. Juli 1562 machte der Tod seinem wechselvollen Leben auf seinem Schlosse Hornberg ein Ende.

Unter den historischen Gebäuden der Neckarstadt ist eines der bekanntesten das Haus jenes Käthchens, das Heinrich von Kleist zum Mittelpunkte seines romantischen Dramas gemacht und mit einem Nimbus von wunder- und märchenhaften Motiven umgeben hat. Allein bei näherer Untersuchung über Person und Leben dieses Käthchens schwindet, wie auf Grund neuester Untersuchung immer mehr zu Tage tritt, das, was an ihr historisch sein soll, mehr und mehr in den grauen Nebel der Mythe, und wer andächtig vor dem Hause des wunderbaren Mädchens steht, der befindet sich im Banne eines Gefühls, welches jeder historischen Grundlage entbehrt.

In der neueren Geschichte spielt Heilbronn keine Rolle; nur zur Zeit des dreißigjährigen Krieges gewann es vorübergehend noch eine gewisse Bedeutung durch den daselbst 1633 tagenden Convent, dessen Ergebniß der Heilbronner Vertrag zur Fortsetzung des Krieges war.