Anastasius Katzenschlucker, der große Zauberer/Das Wettzaubern

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Vom Kaminfeger, der nicht schwarz sein wollte Anastasius Katzenschlucker, der große Zauberer
von Rudolf Slawitschek
Die Erfindung des Osterhasen
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Das Wettzaubern

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In die Menge der Gaffer und Käufer mischte sich stets auch Anastasius und ging mit vergnügtem Schmunzeln oft stundenlang die Budenreihen auf und ab. Und wenn er da jemandem anmerk[t]e, daß er viele Wünsche aber eine leere Tasche hatte, so zauberte er ihm rasch ein paar Batzen in den Beutel und freute sich dann stets wie ein König, wenn der auf einmal ein ungeahntes Klirren im Hosensack hörte, stehen blieb, mißtrauisch darnach griff und dann mit maßlosem Staunen den kleinen Schatz in seiner Hand beschaute, daß ihm die Augen fast aus dem Kopfe quollen.

Am liebsten waren ihm aber doch die Gaukler und Zauberkünstler, die da mit einigen geschickten Handgriffen eine Macht vorzutäuschen versuchten, die sie in Wirklichkeit nicht hatten. Ihm galten sie als arme Zunftgenossen, die schlecht und recht das Gleiche wie er selbst versuchten, nur daß ihnen das Glück nicht ebenso hold wie ihm selbst gewesen war. Und darum suchte er ihnen nachzuhelfen, wo immer es möglich war. So manches Taschenspielerstückchen, das die fahrenden Leute mit heimlicher Angst vor dem Mißlingen versuchten, gelang vortrefflich, ohne daß jene ahnten, von woher eigentlich die Hilfe kam.

Anastasius hatte dabei eigentlich einen heimlichen Wunsch: Er hätte gar zu gerne auf diese Art einen Menschen entdeckt, der seinem eigenen Wesen verwandt war, und dem hätte er gerne auf [76] ähnliche Weise zu Höherem verholfen, wie ihm selbst einst der Meister Löwenlippe behilflich gewesen war. Aber es wollte sich nicht der Rechte zeigen. So ein Schüler nach seinem Sinne sollte vor allem den Mut haben, Großes zu vollbringen; er sollte aber auch den Willen besitzen, die einmal errungene Macht nicht etwa boshaft zum Schaden, sondern gütig zum Wohle der Mitmenschen zu gebrauchen.

Wie nun einmal wieder Jahrmarkt war und Anastasius zwischen den Zelten und Buden daherschritt, hörte er schon von ferne eine weithinschallende Stimme:

„Immer näher heran,“ rief sie, „immer näher heran, ihr lieben Leutchen, und fürchtet euch nicht! Gewiß, es wäre mir ein Leichtes, euch allzumal in Ratten, Mäuse oder gar in kleinwinzige Flöhe zu verwandeln, aber meine Großmut ist so unendlich wie meine Macht! Ich gebe euch mein Ehrenwort als Zauberer und Beherrscher der vier Winde, als König über alle kleinen, mittleren und großen Geister, ich tue euch wirklich und wahrhaftig nichts! Ich will euch nur staunen machen, daß euch die Mäuler so offen stehen, daß der größte Erntewagen darin einfahren könnte! Meine Künste zeige ich sonst nur vor Kaisern, Königen und Fürsten, die mir dafür ganze Säcke voll Dukaten bezahlen. Aber die Herzogin von Samarkand, bei der ich noch gestern abend zu Tische geladen war, will sich aus schlechten Kupfergroschen eine Manteldecke für ihren weißen Elefanten machen lassen. Es ist nur so eine Laune von der Herzogin, denn sie könnte ebenso leicht eine Decke haben, die mit lauter Diamanten besetzt ist, aber ich will ihr die kleine Freude machen und bin darum heute nacht auf einer Fledermaus aus Asien herübergeflogen. Und deshalb bitte ich euch, pro Mann und Nase drei schlechte Kupfergroschen auf diesen Teller zu legen. Eine Kinderei, eine Kleinigkeit, nicht wahr? Ich sehe euch an den Gesichtern an, es ist euch zu wenig, ihr wagt es gar nicht, mir so ein Bettelgeld anzubieten! Ja, ich weiß, ihr guten Leute, ihr möchtet mir lieber euren ganzen Geldbeutel in die Hand drücken, nur um meine Künste [77] zu sehen, aber ich will euer Silber nicht, nur drei schlechte Groschen, Kinder sogar nur zwei, nicht mehr, nicht weniger! Drängt euch doch nicht so, ihr kommt alle herein!“

Das Gedränge um die elende Bude war gewiß groß, aber niemand stieg die holperigen drei Stufen zum Eingang hinauf. Der Gaukler sah, daß er etwas von seinen Künsten zeigen müsse, um die Leute heraufzulocken. Und so begann er wieder:

„He, du großkopfeter Bauer da, warum trägst du denn drei Eierkuchen und zwei Turteltauben unter deiner Mütze? Was, du sagst, daß es nicht wahr ist? Gib sie mir einmal her, ich werde es dir schon zeigen!“

Zögernd reichte der Bauer die Mütze herauf. Der Gaukler sagte seinen Hokuspokus her und schickte sich an, mit einem raschen Griff die Kuchen und Tauben, die er in einem geschickten Versteck schon bereit hatte, aus der Mütze herauszuholen. Aber wie erstaunte er, als aus der Mütze ganz von selbst drei schöne, goldgelbe Kuchen herausfielen und zwei Turteltauben herausflatterten! Einen Augenblick war er sprachlos, traute seinen eigenen Augen nicht, aber dann fiel ihm blitzschnell ein, daß er vielleicht ohne sein eigenes Wissen plötzlich ein wirklicher Zauberer geworden sei.

Das muß man ausprobieren, dachte er bei sich und fürchtete doch, seine Unfähigleit vor aller Welt zu zeigen; und so begann er zögernd:

„Ich könnte euch noch ganz andere Dinge zeigen, ich könnte euch aus diesem Bretterboden einen Apfelbaum herauswachsen lassen, der auf der linken Hälfte blüht und auf der rechten die schönsten Früchte trägt, aber –“ so setzte er vorsichtig hinzu, um sich für alle Fälle den Rückzug zu sichern, „aber das geht nur, wenn niemand von den verehrten Anwesenden in seinem Leben auch nur einen Hellerwert gestohlen hat – –“

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, da stand auch schon der Apfelbaum da, reckte seine Äste links voller Blüten, rechts voller Früchte. Jetzt war unter den Zuschauern kein Halten mehr, die [78] Groschen klirrten in hellen Haufen auf den Zinnteller, die elende Holzstiege bog sich unter der drängenden Menge und im nächsten Augenblick war der Platz vor der Bude leer. Alles war hineingeströmt, nur Anastasius stand dort allein und rieb sich zufrieden die Hände. Schließlich legte auch er drei wohlgezählte Groschen auf den Zinnteller und trat in das Innere.

Dort gab es wirklich Wunder über Wunder zu sehen. Der Gaukler vertraute nun blindlings seiner Macht und blieb der Neugier seiner Zuschauer nichts schuldig. Zunächst verwandelte er sein mageres Hündchen, das bisher seine schäbigen Habseligkeiten zu hüten hatte, in einen brüllenden Löwen, daß alles fluchtartig dem Ausgang zustrebte. Aber schon quiekte dort, wo gerade noch der Löwe seine Pranke gehoben hatte, ein kleines Mäuschen. Dann holte er einem Bübchen eine zischende Schlange aus der Nase und [79] warf sie auf die Erde, da war es ein harmloser Haselnußstecken. Und einem Bäuerlein hing er eine Gurkennase an, so lang und so grün, wie sie noch kein Gärtner gezüchtet hatte, und nahm sie ihm erst auf sein klägliches Bitten wieder ab. Dann reckte er sich im stolzen Bewußtsein seiner Macht und rief in die vor Erstaunen stumme Menge:

„Na, Leutchen, so etwas habt ihr noch nicht gesehen, nicht wahr? Jetzt wißt ihr auch, daß ich der größte Zauberer der Welt bin!“

Doch da kam eine Stimme zag aus dem Hintergrunde:

„Ihr seid ein großer Künstler, gewiß. Aber unser Anastasius, der draußen vor dem Passauer Tore wohnt, der bringt noch ganz andere Dinge zustande!“

Das war der brave Kaminfeger, der das sprach, und der mußte es ja wirklich wissen, was Anastasius alles vermochte. Den Gaukler aber hatten seine Erfolge verwegen gemacht, so daß er ganz keck antwortete:

„Anastasius, wer ist denn das? Ich kenne den Mann nicht! Das wird wohl so ein Anfänger in der Zauberei sein, oder gar ein Schwindler und Betrüger, der euch hinters Licht führt! Der soll mir nur einmal kommen, dann werde ich mit ihm um die Wette zaubern und dann wollen wir einmal sehen, wer mehr vermag!“

Schmunzelnd hörte sich Anastasius die übermütige Rede an. Er war gar nicht beleidigt deshalb, im Gegenteil, er hatte seine Freude daran. Der Kerl hatte Mut, da war kein Zweifel; und wenn auch das Herz auf dem rechten Flecke saß, so ließ sich aus dem Manne etwas machen.

Und darum ging er, unbemerkt, wie er gekommen, aus der Bude wieder hinaus und schickte nur einen kleinen Buben von der Straße mit einem schönen Gruß herein, und der Herr Anastasius würde sich am nächsten Tage zu einem großen Wettzaubern am Marktplatze zur Mittagsstunde pünktlich einfinden.


[80] Da war große Aufregung in der guten Stadt Prachatitz, als die Geschichte von dem in Aussicht stehenden Wettzaubern bekannt wurde. Und zur angesagten Zeit war der Markt so voll von Menschen, daß kein Apfel zu Boden gefallen wäre. Auf einem erhöhten Podium standen, allen weithin sichtbar, Anastasius und der fremde Gaukler, der gleich in einer Rede an das Volk seine Künste zu rühmen begann.

Anastasius lächelte dazu nur freundlich und machte mit seinem Zauberstab ein Zeichen gegen den Marktbrunnen. Siehe da! Schon floß rubinroter Wein aus seinen Röhren. Während sich die Nächststehenden um einen Trunk aus dem Brunnen drängten, hatte schon wieder der fremde Gaukler seine Stimme erhoben und sagte:

„Ist das Eure ganze Kunst, Meister Anastasius? Solche Kleinigkeiten überlasse ich meinem jüngsten Lehrling! Da will ich schon etwas Besseres zeigen. Seht Ihr dort die drei Spatzen am Rathausdach? Die sollen gleich so groß wie Adler werden!“

Während er nun mit beiden Händen geheimnisvolle Bewegungsn machte, die den Zauber bewirken sollten, winkte Anastasius mit seinem Zauberstab und schon flatterten sie vom Rathaus her über den Marktplatz. Man hätte sie wahrhaftig für Adler halten können, wenn sie nicht dabei wie richtige Spatzen gepiepst hätten. Der Gaukler freute sich gewaltig seines Erfolges.

„Seid ihr hungrig, meine Vögelchen?“ rief er ihnen zu, „es wird ja wohl mit der Gestalt auch der Magen gewachsen sein! Seht euch dort die Buben an mit den großen Kirchweihkuchen in den Händen! Verderbt ihnen die Freude und macht euch selbst eine. Freßt sie ihnen weg!“

Als ob ihn die Spatzen verstanden hätten, stürzten sie sich wirklich auf die Jungen, entrissen ihnen die Kuchen und suchten damit das Weite.

Anastasius schüttelte den Kopf. Dieser Streich war nicht nach seinem Sinn. Sollte er einem solchen Menschen noch weiter seine [81] Zaubermacht leihen, sollte er seinen Eigendünkel noch weiter bestärken oder sollte er ihm zeigen, daß er doch alle Kraft nur von ihm geliehen bekam? Er dachte den Gedanken nicht zu Ende, weil ihn etwas anderes in Anspruch nahm: Die Buben, denen die Riesenspatzen die Kuchen weggenommen hatten, heulten ja zum Steinerbarmen, da mußte doch rasch etwas geschehen, um sie zu trösten. Über dieser Sorge hatte er den Gaukler vergessen; er winkte rasch den Brezelmann herbei, der sowieso recht unzufrieden dreinschaute, weil die Leute heute über die hausbackenen Kuchen ganz auf seine Ware vergaßen.

Als er nun jedem der Kleinen eine schöne Zuckerbrezel in die Hand gedrückt baue, hörte das Weinen sogleich auf; aber Anastasius tat sich damit nicht genug, sondern meinte, daß dies eine schöne Gelegenheit wäre, nun seinerseits ein Zauberstückchen zu tun, aber eines nach seiner Art. Und so gab er seinem Zauberstab nur einen ganz leisen Schwung und da fingen die Brezel in den Händen der Buben an zu wachsen und wurden größer und größer und erst als Anastasius merkte, daß die Kleinen von der süßen Last fast [82] erdrückt wurden und schon die Hilfe der Umstehenden in Anspruch nehmen mußten, da gebot er dem Wachstum Halt.

Oben auf dem Podium aber stand der Gaukler und lachte:

„Das soll wohl auch für ein Zauberstückchen gelten? Nun, wir wollen es ausnahmsweise als solches hinnehmen! Aber es scheint mir fast, als ob sich der Herr Anastasius an nichts Lebendiges herantrauen würde! Da bin ich halt ein anderer Kerl! Ich mache sogar Tote lebendig, wenn es darauf ankommt! Schaut einmal zu dem Fleischerladen hinüber, seht ihr dort die frischen Schweinsviertel draußen hängen? Ich klatsche dreimal in die Hände und das Schweinchen läuft wieder lebendig davon, wie wenn es niemals geschlachtet worden wäre!“

Er schwieg, aber nichts geschah. Denn Anastasius bedachte sich ernstlich, ob er dem Gaukler noch weiter helfen sollte. Daß der Mann nicht von seiner Art war, das war ihm klar, aber er überlegte, ob schon jetzt der Augenblick gekommen sei, um die Hilflosigkeit des Gauklers der Menge bloßzustellen. — — Da fiel ihm ein, daß der Fleischer vorhin, als die Buben so verzweifelt ihren entführten Kuchen nachblickten, ein schadenfrohes Lachen losgelassen hatte. Dem Manne konnte also eine kleine Lehre nicht schaden, damit er für die Zukunft wisse, wie so etwas weh tut, wenn man es selbst zu spüren bekommt. So nickte denn Anastasius Gewährung [83] und rührte seinen Zauberstab — und schon fügten sich die vier Schweinsviertel ineinander und im nächsten Augenblicke schob sich mit freundlichem Grunzen ein stattliches Ferkel durch die dichten Reihen der Zuschauer dem Freien zu.

Der Gaukler lachte vergnügt auf, denn eine Weile war ihm angst und bange geworden. Es hatte doch zu lange gedauert, ehe diesmal das Zauberwunder Wahrheit geworden war. Jetzt aber, wo doch wieder die Wirkung nicht ausgeblieben war, sah er sich recht höhnisch nach Anastasius um.

Der sagte nichts, ja er sah fast etwas niedergeschlagen aus. Erst nach einer Weile meinte er:

„Ich werde jetzt einmal einen kleinen Flug um den Marktplatz machen.“

Und wirklich erhob er sich sogleich und schritt durch die Luft, als ob es fester Boden wäre, über den Köpfen der staunenden Gaffer einmal um den Marktplatz herum.

„Das ist gar nichts,“ ereiferte sich der Gaukler; „ich fliege viel höher als dieser armselige Possenreißer, ich fliege um den Domturm herum!“

Anastasius war inzwischen auf seinen früheren Platz zurückgekehrt, lächelte freundlich und nickte, als ob er sagen wollte, daß er ganz einverstanden wäre.

Und wirklich erhob sich im nächsten Augenblick der Gaukler vom Boden, immer höher, immer höher, bis er den Laubengang des Domturmes erreichte. Und den umzog er nun in schönen, langsamen Kreisen.

In der gaffenden, staunenden Menge stand Anastasius, sah sich die Sache eine Weile an und sagte dann:

„So, das wäre wohl genug für heute! Der Herr Kollege wird gewiß noch einige Stunden die frische Luft dort oben genießen wollen und ich habe jetzt einen rechten Hunger auf meinen Jausenkaffee. Morgen früh können wir ja weiter zaubern! Grüß Gott allseits!“ [84] Sprachs und ging nach Hause.

Hoch oben in den Lüften zog nun der Gaukler unentwegt seine Kreise um den Domturm. Was Anastasius ihm nachgerufen hatte, hatte er nicht mehr gehört. Eine Weile gefiel es ihm ganz gut dort oben, besonders wenn er auf die Menge von Menschen dort unten sah, die von seiner Höhe klein wie Ameisen schienen. Als er so ein Dutzendmal den Turm umkreist hatte, meinte er, die Leute genug in Staunen versetzt und seinen Gegner hinreichend geschlagen zu haben und beschloß daher, nun etwas niedriger zu fliegen, um sich dann schließlich schön langsam wieder auf die Erde niederzulassen.

Zu seinem nicht geringen Schrecken wollte das aber nicht gehen. Er rief seine vermeintliche Zauberkraft zu Hilfe, aber vergebens, die Bahn seines Fluges senkte sich nicht einen Zoll. Nun stampfte er zornig die Luft und beschwor alle Mächte des Himmels und der Hölle, ihm zur Rückkehr auf die Erde zu verhelfen, doch umsonst.

Unten war man inzwischen auch schon ungeduldig geworden. Man schrie aus Leibeskrästen dem Gaukler zu, er möge doch endlich herunterkommen. Und als das nichts half, eilten einige die Turmtreppe hinauf. Von dem Bogengang, der des Stundenrufers Behausung umgab, konnte man sich wirklich mit dem Fliegenden ganz gut verständigen.

Der wollte nun freilich seine Ohnmacht nicht zugeben und antwortete auf alle Aufforderungen, es gefalle ihm gar so gut, daß er noch ein Stündlein oder zwei oben bleiben wolle. Da stiegen nach und nach die Neugierigen einer nach dem anderen die Turmstiege herab und schließlich blieb nur der Turmwächter selbst, der die Gelegenheit, einen grossen Zauberer so lange und unter so bemerkenswerten Umständen in der Nähe zu haben, weidlich ausnützen wollte. Allzusehr kam er freilich nicht auf seine Kosten, denn der Gast in den Lüften schien nicht zu Gesprächen geneigt. Er hatte auch wirklich keine Zeit dazu, denn er zergrübelte sich den Kopf, wie er es anstellen solle, um hinunter zu kommen. Und dabei fiel ihm immer wieder mit Schrecken ein, daß es mit seiner Zaubermacht [85] vorbei sei. Wenn er selbst sich nicht helfen konnte, so vermochte das gewiß ein anderer, ein wirklicher Zauberer. Wenn er durch den Turmwächter Anastasius bitten ließe, ihm zu helfen? Aber nein, das auf keinen Fall, damit hätte er sich ja besiegt erklärt. Doch der Gedanke kam immer wieder und je länger sein unerfreulicher Spaziergang in der Luft dauerte, um so öfter. Schließlich sagte er sich, daß ihm ja tatsächlich kein anderer Ausweg übrig blieb, wenn er da oben nicht verhungern wollte, und so schickte denn der Turmwächter über seine Bitte einen Boten zu Anastasius, er möchte doch auf ein Weilchen auf den Turm hinaufkommen. Diesen Ausweg hatte sich nämlich der Gaukler schließlich ausgedacht, um nicht auch dem Turmwächter seine Ohnmacht gestehen zu müssen. Doch der Bote kehrte unverrichteter Dinge zurück. Anastasius ließ nur sagen, er habe jetzt keine Zeit und die Luft auf dem Turme bekomme ihm auch nicht gut; der Herr Kollege möge daher, wenn er ihm etwas zu sagen habe, die Gewogenheit besitzen und selbst zu ihm kommen.

Damit war es also nichts und der Gaukler mußte weiter fliegen. Er schäumte vor Wut, aber das half alles nichte. Der Tag ging schon zur Neige und er war noch immer oben. Sein Zorn legte sich schließlich und er dachte wieder nach, vor allem jetzt darüber, woher ihm eigentlich die Zauberkraft gekommen sein möge. Denn ihm wurde immer klarer, daß die Antwort auf diese Frage ihm auch die Mittel an die Hand geben würde, den Bann zu lösen, der auf ihm lag. Er dachte hin und her, bis ihm schließlich einfiel, daß bei dem Wettzaubern am Markte sein Gegner stets eine Bewegung mit seinem Stabe gemacht hatte, so oft er, der Gaukler, ein Zauberstückchen ankündigte. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen und er erkannte nun klar, in wessen Macht allein seine Rettung lag. Da half kein Sträuben und Zögern, da hieß es klein beigeben. So rief er denn in die sinkende Nacht hinein:

„Anastasius, mächtiger Zauberer, ich weiß, wie groß deine Kunst ist, und darum glaube ich auch, daß ich keinen Boten zu dir [86] schicken muß, denn du kannst gewiß meine Stimme vernehmen, obgleich ich weit von dir bin. Verzeih mir gnädig meine Anmaßung und laß mich zur Erde hinunter!“

Der Gaukler hatte kaum diese Worte gesprochen, als er auch schon fühlte, wie sich die Bahn seines Fluges senkte. Ganz närrisch vor Freude sah er die Erde immer näher kommen. Jetzt strich er schon am Giebel des Rathauses vorüber und nun berührten seine Fußspitzen den Marktplatz.

Dort standen gerade einige Bürger im Gespräch über die Ereignisse des heutigen Tages. Da dachte sich der Gaukler, daß er es seinem Ansehen schuldig sei, sie anzusprechen und ihnen sein Verhalten ein wenig zu erklären, darum sagte er:

„Guten Abend, ihr Herren! Die Aussicht von dort oben war gar zu schön, ich konnte mich gar nicht losreißen. Jetzt aber, nachdem ich mir den Sonnenuntergang und den Mondaufgang angesehen habe, habe ich mich doch entschlossen, herunterzukommen!“

Kaum daß er das gesagt hatte, spürte er, wie ihn etwas nach oben zog und wie er sich neuerlich in die Lüfte erhob. Da packte den Armen die Angst und er rief aus Leibeskräften:

[87] „Nein, nein, nicht wahr ist es! Der Meister Anastasius hat mich hinaufgezaubert und nur seiner Gnade habe ich es zu danken, daß ich wieder herunter auf die Erde durfte!“

Da ließ die unsichtbare Hand, die ihn emporgehoben hatte, plötzlich los und er stürzte nach unten und gerade in den Marktbrunnen. In dem floß kein Wein mehr, sondern wieder wie immer eiskaltes Quellwasser. Naß wie einen Pudel holten ihn die herbeigeeilten Bürger heraus and lachten noch tüchtig über sein Mißgeschick.

Am nächsten Morgen zog er mit seinem Kram und seinem Hund auf Nimmerwiedersehen zur Stadt hinaus. Aber er muß die Leute seiner Gilde gewarnt haben, denn seitdem zeigten sich auf den Jahrmärkten der Stadt keine Gaukler mehr. Sie fürchteten wohl den mächtigen Zauberer, ohne zu ahnen, wie grundlos diese Angst war.