Apokalypse des Sedrach

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Titel: Apokalypse des Sedrach
Untertitel:
aus: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel S. 138–155
Herausgeber: Paul Rießler
Auflage:
Entstehungsdatum: 5. Jahrhundert n. Chr.
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Dr. B. Filser
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Erscheinungsort: Augsburg
Übersetzer: Paul Rießler
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Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
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[156]
9. Apokalypse des Sedrach

Die Rede des hl. Sedrach
über der rechtgläubigen Christen Liebe und Reue
und über die zweite Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.
Herr! Gib deinen Segen!


1. Kapitel: Der Liebe Lob
1
Geliebte! Wir wollen nichts höher schätzen

als ungeheuchelte Liebe!
Wir fehlen ja oft jeden Tag, jede Nacht und jede Stunde.

2
Laßt uns deshalb Liebe erwerben!

Sie bedeckt ja eine Menge Sünden.

3
Was nützt es uns, meine Kinder,

wenn wir alles haben,
nur die Liebe nicht!

4
Selige Liebe, Führerin aller Tugenden!

Selig der Mensch,
der wahren Glauben und ungeheuchelte Liebe besitzt!

5
Es sagt ja der Herr:

„Größere Liebe hat niemand,
als daß er sein Leben für seine Freunde hingibt.“ –


2. Kapitel: Sedrachs Himmelfahrt
1
Und da vernahm er eine Stimme unsichtbar in seinen Ohren:

Sedrach! Du begehrst, mit Gott zu reden
und ihn zu bitten,
er mög dir offenbaren,
was du ihn fragen willst.

2
Und Sedrach fragte:

Was, mein Herr?
Da sprach zu ihm die Stimme:
Ich ward zu dir gesandt,
damit ich dich zum Himmel bringe.

3
Er sprach:

Ich wollte mündlich nur mit Gott verkehren.
Ich bin nicht fähig, in den Himmel, Herr, zu gehen.

[157]
4
Da breitet er die Flügel aus,

ergreift ihn
und fährt zum Himmel in die Flamme.
Er führt ihn bis zum dritten Himmel;
da trat in ihn der Gottheit Flamme.


3. Kapitel: Der Mensch und Gott
1
Es sprach der Herr zu ihm:

Mein lieber Sedrach!
Du bist ja recht gekommen.
Was willst du denn mit Gott, mit deinem Schöpfer, rechten?
Du sprachst:
„Ich wollte mündlich nur mit Gott verkehren“?

2
Und Sedrach sprach zu ihm:

Darf, bitte, Herr, ein Sohn den Vater fragen?
Warum, mein Herr, schufst du die Erde?

3
Es sprach zu ihm der Herr:

Des Menschen wegen.

4
Dann fragte Sedrach:

Weshalb schufst du das Meer?
Weswegen streutest du so vieles Gute auf die Erde?

5
Es sprach der Herr:

Des Menschen wegen.

6
Und Sedrach fragte ihn:

Weswegen überließest du ihn dann dem Untergang?

7
Da sprach der Herr:

Es ist der Mensch mein Werk
und das Gebilde meiner Hände
und ich erziehe ihn,
wie ich’s mir denke.


4. Kapitel: Des Menschen Elend
1
Und Sedrach sprach zu ihm:

In Feuer und in Pein bestehet deine Zucht.
Mein Herr! Sie sind gar bitter.

2
Das Beste wäre für den Menschen,

erblickt’ er nicht das Licht der Welt.
Was schufest du so schnell, mein Herr?

3
Weswegen mühtest du die reinen Hände ab

und bildetest den Menschen,
willst du dich seiner nicht erbarmen?

4
Gott sagt zu ihm:

Ich bildete den erstgeschaffenen Adam
und setzte ihn ins Paradies
zum Lebensbaume in der Mitte
und sprach zu ihm:

[158]
5
Von allen Früchten magst du essen,

meid nur den Lebensbaum!
Denn issest du davon,
so wirst du sicher sterben.

6
Er aber überhörte dieses mein Verbot

und, von dem Teufel hintergangen,
aß er vom Baum.


5. Kapitel: Der Teufel
1
Und Sedrach sprach zu ihm:

Mein Herr!
Es täuscht sich über deinen Willen Adam,

2
Du hießest deine Engel Adam huldigen;

jedoch der Engel Erster hörte nicht auf dein Gebot
und huldigte ihm nicht.

3
Und du verbanntest ihn;

er achtete nicht dein Gebot
und ging nicht zum Gebilde deiner Hände.

4
Liebst wirklich du den Menschen,

warum hast du den Meister aller Missetat, den Teufel, nicht getötet?

5
Wer kann denn einen unsichtbaren Geist bekämpfen?

Er dringt wie Rauch in Menschenherzen ein
und lehrt sie alle Schlechtigkeit.

6
Er selber kämpft mit Gott,

mit dem Unsterblichen.
Was kann der Mensch, der elende, ihm anhaben?

7
Sei gnädig, Herr!

Tilg aus die Strafen!
Wenn nicht,
dann nehme mich auch zu den Sündern!

8
Erbarmst du dich der Sünder nicht,

wo bleibt alsdann dein Mitgefühl?
Wo deine Milde, Herr?


6. Kapitel: Adams Fall
1
Gott sagt zu ihm:

Du sollst es wissen:
Nur Leichtes hab ich ihm befohlen.

2
Ich machte ihn vernünftig,

zu einem Erben Himmels und der Erde
und übergab ihm alles.

3
Es floh ein jedes Tier vor ihm,

vor seinem Angesicht.

4
Er aber nahm das Meinige

und ward mir fremd,
ein Ehebrecher und ein Frevler.

[159]
5
Sag mir:

Was für ein Vater gibt dem Sohn das Erbe
und dieser nimmt sein Eigentum
und läßt den Vater stehen, geht davon
und wird ein Fremder
und eines Fremden Knecht?

6
Und sieht der Vater,

daß ihn der Sohn im Stiche läßt,
dann wird sein Zorn entflammt.

7
Der Vater geht

und nimmt ihm seine Habe
und jagt ihn fort aus seiner Herrlichkeit;
denn er verließ den eigenen Vater.

8
Was soll da ich erst tun,

ich, der erhabene und eifersüchtige Gott?
Ich gab ihm alles;
er nahm es auch
und ward ein Ehebrecher,
ein Sünder.


7. Kapitel: Sedrach rechtet mit Gott
1
Und Sedrach sprach zu ihm:

Du hast den Menschen, Herr, gebildet.
Du weißt, woher sein Wille stammt
und welcherlei Erkenntnis wir besitzen.
Du wirst ja für den Menschen Grund zur Strafe haben.

2
Doch jag ihn fort!

Müßt ich dann aber nicht allein das Himmlische beklagen?

3
Wenn nicht,

dann rette, Herr, den Menschen!
An deinem Willen, Herr, hat er sich ja versündigt,
der Mensch, der klägliche. –

4
Gott spricht:

Weshalb verschwendest du an mich, o Sedrach, deine Worte?
Ich bildete den Adam und sein Weib,
dazu die Sonne;
ich sprach:
Beschaut euch gegenseitig!
Was gleicht dem Licht?

5
Das Weib des Adam übertraf an lichter Schönheit weit den Mond

und teilt mit ihm sein Leben.

6
Da sagte Sedrach:

Was nützt die Schönheit,
wenn sie auf Erden welkt?

7
Wie sprachst du, Herr:

„Du sollst für Böses Böses nicht vergelten“?

[160]
8
Herr! Wie ist’s?

Es trügt ja niemals deiner Gottheit Wort.
Weshalb vergiltst du dann dem Menschen?

9
Ich weiß:

Der Maulesel ist bei den Vierfüßlern
das unvernünftigste, boshafteste Geschöpf;
es gibt kein zweites mehr.

10
Und dennoch leiten wir ihn mit dem Zügel,

wenn wir es wollen.

11
Und du besitzest Engel.

Send sie zu ihrem Schutz!
So oft ein Mensch zur Sünde sich begibt,
pack ihn am Fuß!
Dann kann er nicht mehr gehen,
wohin er will.


8. Kapitel: Gottes Liebe zum Menschen
1
Gott sagt zu ihm:

Wenn ich den Fuß ihm hielte,
dann spräche er:
„Du tust mir nichts zulieb in dieser Welt“.
So überließ ich ihn nun seinem Willen;
ich lieb ihn ja.

2
Deswegen sandte ich auch meine heiligen Engel,

bei Tag und Nacht ihn zu bewachen.

3
Da sagte Sedrach:

Ich weiß es, Herr:
Du liebst an erster Statt von den Geschöpfen dein
den Menschen
und von den Vierfüßlern das Schaf,
den Ölbaum von den Bäumen,
die Rebe von den Pflanzen,
die Biene von den Flügeltieren,
den Jordan von den Flüssen
Jerusalem von Städten.

4
Und alles das liebt auch der Mensch, mein Herr.
5
Gott sagt zu Sedrach:

Ich frage, Sedrach, dich ein Wort.
Und sagst du’s mir,
dann helf ich dir,
stellst irgendwie du deinen Schöpfer auf die Probe.

6
Da sagte Sedrach:

Sprich!
Der Herr Gott spricht:

7
Wie viele Menschen kamen in die Welt,

seit ich das All geschaffen?

[161]

Wie viele starben?
Wie viele wollten gerne sterben?
Wie viele Haare haben sie?

8
Sag mir noch, Sedrach:

Wie viele Bäume gab es in der Welt,
seitdem der Himmel und die Erde ward gegründet?
Wie viele fielen?
Wie viele wollten gerne fallen?
Wie viele wollten gern entstehen?
Wie viele Blätter haben sie?

9
Sag mir dann, Sedrach:

Wie viele Wogen hoben sich,
seit ich das Meer gemacht?
Wie viele senkten sich?
Wie viele werden sich erheben?
Wie viele Winde wehen auf der Meeresfläche?

10
Sag mir noch, Sedrach:

Wie viele Tropfen fielen auf die Erde,
seitdem die Luft seit Welterschaffung Regen spendet?
Wie viele werden fallen?

11
Da sagte Sedrach:

Herr! Du allein weißt alles das.
Nur du allein verstehst dies alles.

12
Ich bitte dich um dies allein:

Befrei den Menschen von der Strafe!
Ich trenn mich nicht von unserem Geschlecht. –


9. Kapitel: Sedrachs Tod wird angekündigt
1
Darauf sprach Gott zu seinem eingeborenen Sohn:

Komm!
Nimm die Seele meines lieben Sedrach!
Bring sie ins Paradies!

2
Da sprach der eingeborene Sohn zu Sedrach:

Gib mir das Pfand,
das unser Vater einst in deiner Mutter Leib gelegt,
in deinem heiligen Zelt von Kindheit an!

3
Da sagte Sedrach:

Ich geb dir meine Seele nicht.

4
Da sagt der Sohn zu ihm:

Deswegen ward ich abgesandt
und kam hieher.
Machst du bei mir nur Ausflüchte?

5
Ich wurde ja von meinem Vater angewiesen,

nicht unverschämt die Seele dir zu nehmen.
Wenn nicht,
dann gib mir deine hehre Seele!


[162]
10. Kapitel: Sedrachs Bitte um Aufschub
1
Und Sedrach sprach zu Gott:

Woraus willst du denn meine Seele nehmen,
aus welchem Glied?

2
Da sagte Gott zu ihm:

Weißt du denn nicht,
daß sie inmitten deiner Lungen und des Herzens wirkt,
daß sie in alle deine Glieder ist verteilt.

3
Sie wird durch Speiseröhre, Schlund und Mund heraufgeholt

und in der Stunde ihres Abscheidens
wird sie dann von den Nagelspitzen,
sowie von allen Gliedern her zusammengezogen und gesammelt.

4
Dann gibt es eine große Not,

wenn sie vom Körper und vom Herz sich trennen soll.

5
Es hörte Sedrach alle diese Worte;

da fiel ihm ein Gedanke ein,
und ihm entschwand darüber die Erinnerung an den Tod.

6
Und Sedrach sprach zu Gott:

Herr! Laß ein wenig ab von mir,
damit ich weinen kann!
Ich hörte ja, daß Tränen viel vermögen,
und daß sie viel Erleichterung
dem armen Leibe des Geschöpfes bringen.


11. Kapitel: Sedrachs Abschied von seinem Leib
1
Und er begann zu weinen und zu klagen:

O wunderbares Haupt!
Du himmlischer Gebieter!
Du Sonnenhellster an dem Himmel und auf Erden!

2
Dem Adler gleicht dein Haar

und deine Augen Traubenbeeren;
dein Rufen gleicht dem Donner
und deine Zunge der Trompete.

3
Dein Hirn ist eine kleine Welt;

das Haupt bewegt den ganzen Körper.

4
Du Liebenswürdigster!

Du Schönster, Allbeliebter!
Doch kaum erscheint er in der Welt,
so wird er unverständlich.

5
Ihr Hände, wohl geformt,

und leicht belehrbar,
die ihr euch abgemüht,
um euren Körper zu ernähren!

6
Ihr Hände, so gut treffend,

die ihr von allem sammelt
und Häuser bauet!

7
Ihr Finger, schön geschmückt
[163]

mit Gold- und Silberringen!
Und von den Fingern wird ja Großes ausgeführt.

8
Es machen drei Gelenke

die Hände frei beweglich
und häufen prächtige Arbeit an.
Und doch seid ihr auf dieser Welt bloß Gäste.

9
Ihr Füße, die ihr prächtig wandelt,

von selber geht,
so schnell und unbesiegbar!

10
Ihr Kniee, wohl gefügt,

daß ohne euch der Leib sich nicht bewegt!

11
Die Füße eilen gleich der Sonne und dem Mond

bei Tag und Nacht
und holen alles sich zusammen,
die Speisen und Getränke,
und nähren so den Körper.

12
Ihr Füße, hurtig!

So prächtig laufend!
Ihr eilet auf der Erde hin,
versorget die Familien mit jedem Gut.

13
Ihr Füße tragt den ganzen Leib.

Ihr gehet in die Tempel,
tut Buße
und ruft die Heiligen an.
Dann bleibt ihr unbeweglich.

14
O Haupt,

ihr Hände und ihr Füße!
Bis jetzt rett ich das Deinige.

15
O Seele!

Was brachte dich doch in den niedrigen und armen Leib?

16
Kaum trennst du dich von ihm,

dann heißt der Herr dich hieher kommen.
Dein armer Leib kommt aber ins Gericht.

17
O Leib, so schön geschmückt!

Ihr Haare, sternengleich!

18
Du Haupt,

du himmlischer Gebieter, wohl bekränzt!
Du Antlitz, schön gesalbt!
Ihr Augen, Feuer sprühend!

19
Du Stimme wie Trompetenschall!

Du Zunge, leicht versöhnlich!
Du schön geziertes Kinn!
Ihr sternengleichen Haare!
Du Haupt, das bis zum Himmel reicht!
Du wohlgezierter Körper,
du lichter, zarter, allbekannter!

20
Doch kommst du kaum zur Erde

verschwindet von der Erde deine Schönheit.


[164]
12. Kapitel: Die Lebenszeit
1
Und Christus sprach zu ihm:

Hör, Sedrach, auf!
Wie lange weinst du noch und seufzest du?
Das Paradies ward dir geöffnet,
und nach dem Tode wirst du leben.

2
Und Sedrach sprach zu ihm:

Ich möcht noch einmal mit dir reden, Herr.
Wie lange leb ich noch,
bevor ich sterbe?
Ach, überhör doch meine Bitte nicht!

3
Da sprach zu ihm der Herr:

Sprich, Sedrach!

4
Und Sedrach sprach:

Lebt je ein Mensch so achtzig oder neunzig
oder hundert Jahre,
und bringt er sie in Sünden zu,
bekehrt er sich dann aber
und lebt der Mensch in Reue weiter,
für wieviel Tage läßt du ihm die Sünden nach?

5
Da sagte Gott zu ihm:

Lebt er nach seiner Buße hundert oder achtzig Jahre
und übt er sie drei Jahre aus
und bringt er Früchte der Gerechtigkeit
und trifft ihn dann der Tod,
denk ich an keine seiner Sünden mehr.


13. Kapitel: Buße vor dem Tod
1
Und Sedrach sprach zu ihm:

Drei Jahr sind lang, mein Herr.
Möcht ihn der Tod nicht treffen!
Sonst kann er seine Buße nicht erfüllen.

2
Erbarm dich deines Bildes, Herr!

Sei gnädig!
Drei Jahre sind so lang.

3
Gott sagt zu ihm:

Lebt über hundert Jahr ein Mensch
und denkt an seinen Tod
und beichtet vor den Menschen
und, finde ich ihn so,
dann laß ich alle seine Sünden nach.

4
Und wiederum sprach Sedrach:

Ich rufe deine Güte nochmals an für dein Gebilde.

5
Lang ist die Frist.

Der Tod mög ihn nicht treffen,
nicht rasch hinwegraffen!

[165]
6
Da sprach zu ihm der Heiland:

Ich frag dich, lieber Sedrach, noch einmal.
Dann frag du mich!
Bereut ein Sünder es in vierzig Tagen,
dann kenn ich keine seiner Sünden,
die er getan. –


14. Kapitel: Wahre Reue
1
Dann sagte Sedrach zu dem Erzengel Michael:

Erhör mich, starker Fürst!
Hilf mir!
Leg Fürsprach ein,
auf daß sich Gott der Welt erbarme!

2
Da fielen sie auf ihr Gesicht

und riefen laut zu Gott und sprachen:
„Herr, lehr uns, was zu tun!
Durch welche Reue nur der Mensch gerettet wird
oder durch welche andre Anstrengung?“

3
Da sagte Gott:

Durch Reue, durch Gebete,
durch Gottesdienste, Tränen
und heiße Seufzer.

4
Weißt du denn nicht,

daß David, mein Prophet, in Tränen ausgebrochen?
Und daß die anderen in einem Augenblick gerettet wurden?

5
Du weißt es, Sedrach,

daß Heiden sind, die kein Gebot befolgen,
und daß es solche gibt, die diese halten.

6
Sind sie noch nicht getauft

und kommt mein Gottesgeist auf sie
und kommen sie zu meiner Taufe,
dann nahm ich sie mit meinen Frommen auf
in Abrahams Schoß.

7
Doch gibt’s auch solche,

die meine Tauf empfingen
und die mein göttlich Teil erhielten;
sie aber überlassen endgültig sich der Verzweiflung
und wollen nicht bereuen.

8
Ich aber wart auf sie mit vieler Güte,

mit vielem reichlichen Erbarmen,
ob sie nicht Buße täten;
sie aber tun, was meine Gottheit haßt,
und hören nicht den Weisen, wie er bittend sagt:
„Wir können nie den Sünder für gerecht erklären.“

9
Weißt du denn gar nicht, daß geschrieben steht:

„Die Reuevollen werden keine Strafe kosten?“ –

[166]
10
Sie aber hörten nicht auf die Apostel

und nicht auf meine Worte in den Evangelien,
und sie betrüben meine Engel.

11
Und bei den heiligen Mählern und den Gottesdiensten

beachten sie nicht meinen Engel
und treten nicht in meine heilige Kirche ein.

12
Sie stehen vielmehr da

und beten nicht in Furcht und Zittern an;
sie machen große Sprüche,
die weder ich noch meine Engel annehmen.


15. Kapitel: Wert der Reue
1
Und Sedrach sprach zu Gott:

Du bist allein ganz ohne Sünde, Herr,
und gar so gütig.
Du bist es,
der der Sünder sich erbarmt und sie bemitleidet.

2
Es sprach ja deine Gottheit:

„Ich kam, nicht die Gerechten zu berufen,
vielmehr zur Buß die Sünder.“

3
Da sprach der Herr zu Sedrach:

Weißt du es, Sedrach, nicht?
In einem Augenblick
erhielt der Räuber Rettung durch die Reue.

4
Weißt du es nicht,

daß mein Apostel und Evangelist
einen Augenblick gerettet ward?

5
Die Sünder aber werden nicht gerettet;

denn ihre Herzen sind wie morscher Stein.
Die sind’s, die auf den schlechten Wegen wandeln
und durch den Antichrist verlorengehen.

6
Da sagte Sedrach:

Mein Herr!
Du sagtest:
„Dein Gottesgeist ging in die Heiden ein,
die das Gesetz nicht haben
und doch nach diesem handeln.“

7
So kamen in dein Reich der Räuber

und der Apostel und Evangelist,
sowie die anderen, mein Herr.

8
Gewähre dies auch denen,

die in der letzten Zeit sich gegen dich verfehlen!
Das Leben ist ja mühevoll und unbußfertig.


16. Kapitel: Bitte um Erbarmen
1
Da sprach der Herr zu Sedrach:

Ich schuf den Menschen in drei Stellungen.

[167]
2
Solang er jung ist,

da überseh ich seine Fehltritte.
Wird er ein Mann,
dann geb ich ihm Vernunft,
und wird er alt,
gewähr ich ihm die Reue.

3
Da sagte Sedrach:

Du, Herr, weißt alles das,
und du verstehst es.
Hab einzig mit den Sündern Mitleid!

4
Da sprach zu ihm der Herr:

Mein lieber Sedrach!
Ich gebe das Versprechen,
auch unter vierzig Tagen bis zu zwanzig
schon mitleidsvoll zu sein.

5
Und wer an meinen Namen sich erinnert,

wird keine Strafe leiden.
Er kommt vielmehr mit den Gerechten
an eine Stätte der Erfrischung und der Ruhe.

6
Wenn jemand diese wunderbaren Worte niederschreibt,

dann wird ihm seine Sünde bis in alle Ewigkeiten
nicht angerechnet.

7
Da sagte Sedrach:

Herr! Erleuchtet jemand deinen Diener,
alsdann erlös ihn, Herr, von allem Übel!

8
Dann sprach der Diener Gottes Sedrach:

Herr! Nimm jetzt meine Seele hin!

9
Da nahm sie Gott

und brachte sie ins Paradies mit allen Heiligen.

10
In alle Ewigkeit gebührt ihm Ruhm und Stärke. Amen.

Erläuterungen

[1274]
9. Zur Sedrachapokalypse

Dieses Werk lehnt sich inhaltlich an das Buch Iob, das vierte Esdrasbuch und die Baruchapokalypse an. Es enthält eine Art Theodizee. Besonders nahe berührt sich das Werk mit der Esdrasapokalypse. Das Buch ist später christlich überarbeitet worden. Die Entstehungszeit ist völlig unbekannt. Übrigens liegen Anzeichen vor, als ob der griechische Text auf eine hebräische Vorlage zurück ginge (s. Texts and studies II 2, 3 M. Rh. James. On the Apocalypse of Sedrach 1893, 127 ff).

Das erste Kapitel samt der Überschrift entstammt einer Homilie über die Liebe; es ist christlichen Ursprungs.

  • 2: 1 Hier beginnt die Apokalypse.
  • 4: 2 „so schnell“ im Sinn von übereilt.
  • 6: 3 s. Gen 9, 2. 5 „einem Fremden“ d. i. einem Götzen.
  • 7: 2 „Das Himmlische“ die himmlischen Beschlüsse und Gewalten. 4 Ergänze: „Gott sprach“. 5 Anspielung auf die Regeln?
  • 8: 1 Liebe setzt Freiheit voraus.
  • 9: 1 Hier vertritt der Gottessohn die Stelle des Michael in dem Testament des Abraham. 9–13 christlich. 2 „Pfand“ die Seele.
  • 11: 2 wörtlich „dein Haar gleicht Theman, dritte Augen Bosor“. Theman dürfte mit timma „Vogel“, Bosor mit boser verwechselt sein. 4 als stammelndes Kind. 14 unklarer Text. 16 „hieher“ in den Himmel. 17 „sternengleich“ erinnert an den Kometen, den Haarstern.
  • 14: 6 Essenische Taufe (s. Jos. B. J. II 8, 7. 1) 10 Christliches Stück. 16 „Erleuchten“ in himmlischen Dingen unterrichten.

Anmerkungen (Wikisource)

Siehe auch folgende Artikel aus Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft zu dem hier dargebotenen Text: