Aus Weimars „lustigen“ Tagen

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Autor: Diezmann
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Titel: Aus Weimars „lustigen“ Tagen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 244–247
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Aus Weimars „lustigen“ Tagen.

Noch vierzehn kurze Jahre und ein Jahrhundert ist bereits vergangen, seit in dem damals sehr kleinen und armseligen Weimar durch zwei junge Männer eine Zeit heraufgeführt wurde, die ihres Gleichen nie und nirgends gehabt hat und die für das deutsche Vaterland, ja für die ganze Welt Früchte trug, an denen wir uns heute noch erfreuen und erquicken. Unsere Zeit ist eine so ganz andere geworden, so prosaisch-blasirt und banal, daß jene poetisch-geniale und naive von den Meisten gar nicht mehr verstanden wird und nur einige Wenige zu ihr zurückschauen wie ein Mann im Alter etwa auf die schönsten Tage seiner Jugend zurückblickt.

Der Herzog Karl August, der Zögling Wieland’s, hatte in seinem achtzehnten Jahre die Regierung seines Ländchens von seiner verwittweten, erst 36 Jahre alten, lebenslustigen und geistvollen Mutter Amalie, die sie lange segensreich als Vormünderin geführt, selbst übernommen, mit Louise von Darmstadt sich vermählt und

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Die Gartenlaube (1861) b 245.jpg

Karl August und Goethe nach der Jagd bei Ilmenau.
Originalbild von Theobald von Oer in Dresden.

[246] an seinen Hof einen Dichter berufen, dessen ungewöhnliche Schriften ein bis dahin beispielloses Aufsehen in Deutschland machten, den sechsundzwanzigjährigen Dr. Goethe, der sein vertrautester Freund und nach wenigen Monaten sein erster Minister wurde.

Karl August steht unter den Fürsten hoch, wie Goethe unter den Dichtern, und der Letztere selbst spricht noch in seinem hohen Alter von dem herzoglichen Freunde: „Er war ein geborner großer Mensch, eine dämonische Natur wie Napoleon, Friedrich der Große u. A. Er übte auf die Menschen eine unwiderstehliche Anziehung, ohne daß er gerade freundlich und gütig gegen sie zu sein brauchte. In Fällen, wo mein Verstand nicht hinreichte, brauchte ich ihn nur zu fragen, was zu thun sei; sofort sprach er es instinctmäßig, aus, und ich konnte stets eines guten Erfolges gewiß sein.“

Der Herzog war in seiner Jugend ein schlanker Mann mit länglichem Gesicht, markirten Zügen und bräunlich blondem Haar, das er in zwei Locken an der Stirn trug. Die Stirn war hoch, und die Knochen über den Augen traten stark hervor. Die hellblauen Augen blickten lebhaft, geistvoll und forschend um sich. Der Mund drückte feste Entschiedenheit aus, und sein ganzes Gesicht deutete auf starke Leidenschaft. Goethe dagegen war, als er in Weimar ankam, ein langer, schmächtiger, fast dürrer junger Mann mit hoher Stirn, langem Halse, schwellenden Lippen und leuchtenden, großen, schwarzen Augen, die schwermütig-schwärmerisch schmachten, übermüthig keck und humoristisch lachen und im Zorn vernichtende Blitze schleudern konnten. Dabei besaß er eine Fülle von Körperkraft, war gewandt in allen Leibesübungen, voll kecken Uebermuths und neckischen Muthwillens, unerschöpflich in Possen und närrischen Einfällen, übersprudelnd von Geist und Witz, an ein lustiges Leben gewöhnt und sicher im Gefühle seines Werthes und seines jungen großen Dichterruhmes. Wieland sagt in einem Gedichte von ihm:

Ein schöner Hexenmeister er war
Mit seinem schwarzen Augenpaar,
Zaubernden Augen mit Götterblicken,
Gleichmächtig zu tödten und zu entzücken. –
So trat er unter uns herrlich und hehr,
Ein echter Geisterkönig, daher.
So hat sich nie in Gottes Welt
Ein Menschensohn uns dargestellt,
Der alle Güte und alle Gewalt
Der Menschheit so in sich vereiniget;
So seines Gold, ganz innerer Gehalt,
Von fremden Schlacken ganz gereiniget.

Kann sich Jemand wundern, daß diese beiden genialen Menschen, sobald sie verbunden waren, nicht in den ausgetretenen Gleisen des gewöhnlichen Lebens gingen, sondern die althergebrachten leeren Formen und Regeln mißachteten und in übersprudelnder Jugendkraft auf neue Bahnen getrieben wurden?

Karl August war ein leidenschaftlicher Naturfreund und fühlte sich nirgends wohler als „draußen im Freien“. Er haßte deshalb auch allen Prunk und Flitterkram. „Der Mensch,“ schrieb er einmal, „ist doch nicht zu der elenden Philisterei des Geschäftslebens bestimmt; es ist Einem ja nie größer zu Mühe, als wenn man die Sonne untergehen und die Sterne aufgehen sieht.“ Aus demselben Grunde war ihm stets das Einfachste das Liebste und zwar in Kleidung, Wohnung und Kost. Noch heute ist in dem Parke zu Weimar das sogenannte Borkenhäuschen zu sehen, in dessen engem Raume der junge Herzog im Sommer häufig allein wohnte, während an der andern Seite der Ilm und einer Wiese sein dichterischer Freund ein höchst einfaches Gartenhäuschen innehatte. Ein Raum diente dem Herzog als Wohn-, Arbeits-, Speise- und Schlafgemach.

Bei dem schlechten Zustande der Wege in damaliger Zeit machte man alle Ausflüge und Reisen zu Pferde. Wenige Tage mögen vergangen sein, an denen, in den ersten Jahren ihrer Freundschaft, Karl August und Goethe nicht zu Pferde saßen. Sogar wenn man von Weimar aus eine Feuersbrunst in der Nähe bemerkte, ritten sie selbst an Ort und Stelle, um die Löschanstalten zu leiten und persönlich tüchtig mit zuzugreifen. (Eine solche Scene schildert B. Auerbach in den „Feuerreitern“ in s. Volkskalender von 1801.) Was sie im Reiten leisteten, beweiset die beglaubigte Thatsache, daß sie einmal von Leipzig nach Weimar in acht Stunden ritten (von früh 7 bis Nachmittags 3 Uhr). „Wir waren oft sehr nah am Halsbrechen,“ erzählte Goethe im Alter, „auf Parforcejagden über Hecken und Gräben und durch Flüsse, bergauf und bergab. Tagelang sich abzuarbeiten und dann Nachts unter freiem Himmel zu campiren, das war nach seinem Sinn.“

Die Jagd war allerdings das Lieblingsvergnügen des Herzogs und zwar namentlich in dem thüringischen grünen Waldparadies, in Ilmenau, wo man, fern vom Hofe und Allem was zu demselben gehört, in aller Ungebundenheit und allem Jugendübermuthe sich ergehen konnte. Bis auf den heutigen Tag haben sich in der thüringischen Jägerwelt zahllose Anekdoten von „des Herrn“ schlagfertigem Witze und derb zutreffenden Ausdrücken, so wie von seiner Einfachheit und Gutherzigkeit erhalten, und man spricht in solchen Kreisen jetzt noch von ihm mit einer gewissen schwärmerisch liebenden Verehrung, ja mit Bewunderung.

Die gewöhnlichen Begleiter des Herzogs auf der Jagd und andern Ausflügen waren, außer Goethe, der gelehrte ehemalige preußische Lieutenant, jetzt Erzieher des Prinzen Constantin, Bruders des Herzogs, v. Knebel, ein Mann von riesenhafter Gestalt; der welterfahrene ehemalige sardinische Oberstlieulenant v. Seckendorf, ein feingebildeter, dichtender und componirender Cavalier; der Oberforstmeister v. Wedel, der mit dem Herzog aufgewachsen und erzogen war, und der Stallmeister v. Stein, der Gatte der geistvollen Charlotte v. Stein, der geliebten Freundin Goethe’s.

Eine Jagdscene hat der Letztere, als der Eifer für solche aufreibende Vergnügungen bei ihm bereits ziemlich erkaltet war, durch ein Gedicht zu dem Geburtstage des Herzogs 1783 verewigt. „Es ist darin,“ erzählte er später, „eine nächtliche Scene vorgeführt nach einer halsbrechenden Jagd im Gebirge. Wir hatten uns am Fuße eines Felsens (die Tradition bezeichnet die Stelle noch auf dem Gickelhahn) kleine Hütten gebaut und mit Tannenreisern bedeckt, um darin auf trocknem Boden zu übernachten. Vor den Hüllen brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die Jagd gegeben hatte. Knebel, dem die Tabakspfeife nicht kalt wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die Gesellschaft mit allerlei trocknen Späßen, während die Weinflasche von Hand zu Hand ging. Seckendorf, der schlanke, mit den langen seinen Gliedern, hatte sich behaglich am Stamme eines Baumes hingestreckt und summte allerlei Poetisches. Abseits in einer ähnlichen Hülle lag der Herzog in tiefem Schlafe. Ich selber saß davor, bei glimmenden Kohlen, in allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlung von Bedauern über mancherlei Unheil, das meine Schriften (Werther) angerichtet.“

Unser Bild stellt diese Scene dar. Der am weitesten vorn links am Baumstamme liegende Mann ist Seckendorf, zunächst neben ihm sehen wir Wedel mit Kochen beschäftiget, dann folgt Knebel mit der Tabakspfeife und diesem der ebenfalls rauchende Stein. Die andern Figuren sind in dem Gedicht nicht erwähnte Jagdgenossen. Das Gedicht, eines der schönsten des großen Meisters, heißt „Ilmenau“ und beginnt mit dem Aufrufe an diesen lieblichen Ort:

Anmuthig Thal, Du immergrüner Hain,
Mein Herz begrüßt Euch wieder auf das Beste!
Entfaltet mir die schwerbehangnen Aeste,
Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein,
Erquickt von euren Höhn, am Tag der Lieb’ und Lust,
Mit frischer Lust und Balsam meine Brust! . .

Die eben angedeutete Scene selbst wird so geschildert:

Wo bin ich? Ist’s ein Zaubermärchen-Land?
Welch’ nächtliches Gelag am Fuß der Felsenwand?
Bei kleinen Hütten, dicht mit Reis bedeckt,
Seh’ ich sie froh am Feuer hingestreckt.
Es dringt der Glanz hoch durch den Fichten-Saal;
Am niedern Heerde kocht ein rohes Mahl;
Sie scherzen laut, indessen, bald geleert,
Die Flasche frisch im Kreise wietderkehrt.

Es folgen nun die Schilderungen von Knebel und Seckendorf, „die mir,“ sagt Goethe im hohen Alter, „heute noch gar nicht schlecht gezeichnet erscheinen, wie auch der junge Fürst nicht im düstern Ungestüm seines zwanzigsten Jahres.“

…. Wer ist’s, der dort gebückt
Nachlässig stark die breiten Schultern drückt?
Er sitzt zunächst gelassen an der Flamme,
Die markige Gestalt aus altem Heldenstamme.
Er saugt begierig am geliebten Rohr,
Es steigt der Dampf an seiner Stirn empor.

[247]

Gutmüthig trocken weiß er Freud’ und Lachen
Im ganzen Cirkel laut zu machen,
Wenn er mit ernstlichem Gesicht
Barbarisch bunt in fremder Mundart spricht.

Wer ist der Andre, der sich nieder
An einen Sturz des alten Stammes lehnt,
Und seine langen, feingestalten Glieder
Ekstatisch faul nach allen Seiten dehnt,
Und, ohne daß die Zecher auf ihn hören,
Mit Geisterflug sich in die Hohe schwingt
Und von dem Tanz der himmelhohen Sphären
Eim monotones Lied mit großer Inbrunst singt?




Ich höre sie auf einmal leise sprechen,
Des Jünglings Ruhe nicht zu unterbrechen,
Der dort am Ende, wo das Thal sich schließt,
In einer Hütte, leicht gewimmert,
Vor der ein letzter Blick des kleinen Feuers schimmert,
Vom Wasserfall umrauscht, des milden Schlafs genießt.




… Unter diesem Dach
Ruht all mein Wohl und all mein Ungemach:
Ein edles Herz, vom Wege der Natur
Durch enges Schicksal abgeleitet,
Das ahnungsvoll, nun auf der rechten Spur,
Bald mit sich selbst und bald mit Zauberschatten streitet,
Und, was ihm das Geschick durch die Geburt geschenkt,
Mit Müh’ und Fleiß erst zu erringen denkt.




Gewiß, ihm geben auch die Jahre
Die rechte Richtung seiner Kraft.
Noch ist, bei tiefer Neigung für das Wahre,
Ihm Irrthum eine Leidenschaft.
Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
Der Unfall lauert an der Seite
Und stürzt ihn in den Arm der Qual.
Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung
Gewaltsam ihn bald da, bald dort hinaus,
Und von unmuthiger Bewegung
Ruht er unmuthig wieder aus.

Und nicht blos mit der Jagd vergnügten sich die Herren in Ilmenau, sie erlaubten sich da jugendkeck auch andere Freuden. In dem nahen Dorfe Stützerbach tanzten sie, namentlich der Herzog und Goethe, auf dem gewöhnlichen Tanzboden, der heute noch zu sehen und so niedrig ist, daß ein etwas langer Mann leicht mit dem Kopf an die Decke anstoßen kann, bisweilen halbe Nächte lang mit den Bauermädchen und geleiteten die bevorzugten Schönen nach Hause. Sie liebelten mit ihnen, fanden aber so wenig etwas Unpassendes oder gar Unrechtes darin, daß Goethe selbst die Freundin, die strenge Frau v. Stein, davon benachrichtigte, wie er ihr ein andermal mittheilte, er habe auf dem Vogelschießen in Apolda leidenschaftlich getanzt. Man hatte eben Lust am Leben und Kraft es zu genießen. Darum tanzte man damals in Weimar überhaupt sehr viel. Der Hof gab jeden Winter fünfzehn Redouten, andere Balle ungerechnet, und auch im Sommer wurde getanzt, namentlich im Freien. Oftmals bekam Bertuch, der Chatoullier und Maitre de Plaisir, noch spät in der Nacht Befehl, den Küchenwagen zu rüsten, weil man mit dem Frühesten hinaus in den Wald ziehe. Ging der Ausflug nicht weit, so genügten ein paar Küchenesel, den Mundvorrath zu tragen. Wenn es aber weiter gehen sollte, dann gab es in der Nacht gar viel zu schaffen, und in der herzoglichen Küche herrschte die emsigste Thätigkeit, denn es mußte gekocht und gebraten, gesotten und gebacken werden. Herren und Damen, fröhlich gemischt machten sich dann am andern Morgen auf den Weg, und Einer überbot den Andern an Witz und muthwilliger Laune. Man lagerte endlich essend, trinkend, singend im stillen grünen Wald, und nicht selten führte man da auch kleine, sofort extemporirte Stücke auf. „In dieser harmlosen Zeit,“ schreibt eine Zeitgenossin, „konnte man sich einen Scherz, wohl auch einen ausgelassenen, erlauben. Man wog nicht ängstlich ab, ob es sich auch vollkommen schicke und was die Nachbarn sagen würden. Es gab noch keine Klatschblätter, die es in jedem Winkel Deutschlands herumgebracht hätten, daß Herr … dem Fräulein … einen Kuß gegeben etc.“[1]

Zweierlei aber darf man nicht vergessen, erstens, daß man, wie oft und viel man auch jagte und ritt, tanzte und liebelte, trank und Komödie spielte, auch fleißig und emsig arbeitete und für das Wohl des Landes in jeder Hinsicht thätig war, und zweitens, daß bei aller Ausgelassenheit und Ungebundenheit das,

„was uns alle bändigt. das Gemeine,“

von diesem heitern Kreise stets fern blieb, den ja die Poesie verklärend überstrahlte. War es doch Goethe möglich, in und trotz dieser „lustigen“ Zeit außer andern Dichtungen seine herrliche Iphigenie zu schreiben, zum Theil sogar in schlechten Dorfwirthshäusern, während er als Rekrutirungs-Commissar zu Pferde das Land durchzog, zum Theil in dem einsamen Häuschen auf dem Gickelhahn, wo er bekanntlich auch sein unvergleichliches Lied schrieb:

Ueber allen Gipfeln ist Ruh –
In allen Wipfeln spürest du
Keinen Hauch –
Die Vöglein schweigen im Walde –
Warte nur, balde –
Ruhest du auch.

Diezmann.
  1. Ausführlich ist diese Periode des Lebens am Hofe zu Weimar geschildert in meiner Schrift: „Goethe und die lustige Zeit in Weimar“. Leipzig, Ernst Keil. 1 Thlr. 10 Ngr.