Aus dem Teutoburger Walde

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Textdaten
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Autor: Ferdinand Lindner
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Titel: Aus dem Teutoburger Walde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 490–495
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus dem Teutoburger Walde.


Wenn man, dem Laufe der Weser aufwärts folgend, durch die Porta Westphalica in das Gebiet des Wesergebirges eintritt, so wird das Auge von einem Gebirgszuge gefesselt, welcher sich in malerischen kräftigen Formen am südlichen Horizonte emporhebt. Auf einem seiner höchsten Bergrücken bemerkt man deutlich eine Figur, die sich scharf am Himmel abzeichnet: das Hermanns-Denkmal, das Wahrzeichen des Teutoburger Waldes.

Gewiß ist kein deutsches Gebirge so wenig gekannt und bisher so wenig besucht worden, wie gerade der Teutoburger Wald; es mag dies seinen Grund wesentlich darin haben, daß er abseits der großen Heerstraßen liegt, welche die Touristen zu wandern pflegen, denn an romantischer, ganz eigenartiger Schönheit steht er den anderen deutschen Gebirgen durchaus nicht nach – dagegen überragt er sie alle weit in einer Hinsicht: in der historischen Bedeutung, in jenem gesteigerten Interesse, mit welchem gewaltige Ereignisse der Geschichte eine Gegend zu verklären vermögen.

Denn gerade die gegen die Romanen gerichteten Kämpfe unseres Jahrhunderts haben es unserem Bewußtsein nahe gerückt, daß die Varus-Schlacht im Teutoburger Walde die Basis für [491] alle späteren Kämpfe und Siege schuf – sie zog die Grenze zwischen beiden Welten, sie trennte die germanische für immer von der romanischen; mit ihr erhält überhaupt die Geschichte unseres Volkes erst Fleisch und Blut. Aber auch daß jenes Ereigniß in einem von Geschichte, Sage und Poesie so verklärten Lichte vor uns steht, daran hat der Teutoburger Wald seinen Hauptantheil. Die Waldschlacht ist es, die furchtbare dreitägige, umtobt von Sturm und Wetter, mitten in der ganzen ursprünglichen Wildheit des Urwaldes, welche unsere Phantasie mächtig bewegt.

Während aber in den deutschen Wäldern die Feuer aufflammten, an denen die Germanen ihren Göttern für den Sieg über das Römervolk blutige Dankopfer spendeten, wandelte der schon auf Erden, dessen Lehre die Götter aus ihren Hainen vertreiben und der Gesittung und Cultur den Weg dahin bahnen sollte, und als achthundert Jahre darnach abermals die Wahlschlacht in den Schluchten des Teutoburger Waldes tobte, da waren es nicht die römischen Adler, welche dem aurückenden Heere voran zogen, sondern das Kreuz, und der es trug, war jener Mann, welcher, wie in ganz Europa, so auch hier allenthalben in Niederdeutschland die Spuren seines Auftretens tief in die Erinnerung und Sage des Volkes eingedrückt hat – Karl der Große. Da, wo jetzt die Trümmer der Iburg den Berg krönen, schlug er nach blutigem Ringen mit den tapferen Sachsen ungleich die Irmen-Säule zu Boden, und die heidnische Welt erlag der christlichen.

Von da ab bewegt sich die Geschichte des Teutoburger Waldes in engern Bahnen, im Anschluß an das Geschick der Lippischen Herren. Als hätten die Berge nach dem Gewaltigen, das sie gesehen, verschmäht, Ritterburgen zu tragen, die Zeugen des brutalen Egoismus und der tiefsten Ohnmacht des Reiches – so finden wir kein Bauwerk dieser Art im Gebirge, mit Ausnahme der von den Lippischen Herren erbauten Falkenburg, aber auch von deren Existenz zeugen nur noch wenige bemooste Steine, und längst hat der hochgewölbte Buchenwald wieder von dem Boden Besitz ergriffen. Ebenso wenig finden sich Rittersitze im angrenzenden flachen Lande, da der Adel entweder als Burgmannschaft in den landesherrlichen Schlössern, oder aber in den Städten saß.

An prächtigen Schlupfwinkeln und Plätzen für Raubschlösser hätte es in diesem wilden Gebirge nicht gefehlt, das sich seine frische Ursprünglichteit in hervorragender Weise bewahrt hat. Nirgend sanft geschwungene Thäler mit Dorf-Idyllen darin, nirgend scharfkantige Höhenprofile, überall waldige Bergrücken von markigen, gedrungenen Formen, Schulter an Schulter gedrängt, sodaß nur Raum bleibt hier für eine enge Schlucht, dort für ein tiefschattiges Waldthal, in langgestreckter Colonne wie eine Schaar alter Recken von Süd nach Nord ziehend und trotzig weit hinaus über die norddeutsche Tiefebene nach Westen hin schauend, als hielten sie noch heute die Wacht gegen die Römerwelt, wie sie es vor neunzehnhundert Jahren thaten. Und weit, weither aus blauer Ferne wirkt der Brocken herüber, als erinnere er an alte Cameradschaft in jenen Zeiten, wo sie noch die äußersten Vorposten des deutschen Hochlandes gegen das Weltmeer bildeten, das zu ihren Füßen brandete.

Dichter, mächtiger Laubwald bedeckt das ganze Gebirge, Buchenwälder von seltener Schönheit, darunter häufig Stämme von kolossalem Umfange, Eichen, welche mit den Riesen des Hasbruch in die Schranken treten können, an den Abhängen der Wetterseite vom Sturme zerzaust und vom Blitze gespalten, zwischen den Stämmen aber – und das giebt dem Walde den frischen urwüchsigen Charakter – ein Unterholz, wie es in seiner Mannigfaltigkeit und malerischen Schönheit von keinem andern deutschen Gebirge übertroffen wird. Zwischen mürrischen, oft zu Baumhöhe emporwachsenden, blaugrünen Distelbüschen quillt eine Fülle prächtiger Farren von Manneslänge, Brombeergebüsche, wilde Rosen etc. hervor; Pilze – darunter Steinpilze von oft mehr als siebenzig Centimeter im Umfange – bedecken überall den weichen Moosboden und aus all dem Gewirr einer reichen Vegetation ragen in düsterem Ernste die dunkeln, immergrünen Wachholderbüsche empor; ihre Geschlechter beherrschen die Gegend, namentlich da, wo sie einen haideartigen Charakter annimmt, derart, daß die Landschaft oft das Bild einer alten cypressenbewachsenen Gräberstätte darbietet; wie denn überhaupt ein Zug diesen Ernstes durch die ganze landschaftliche Scenerie des Teutoburger Waldes geht.

Besonders schön ist die herbstliche Stimmung, wenn der Wald seinen goldenen Mantel anzulegen beginnt, die Thäler dampfen, Wolkengeschwader die Bergrücken umziehen und überall die Schluchten von dem zornigen „Röhren“ der Hirsche widerhallen – denn das wilde Sennerroß und der Hirsch sind bis in unsere Zeit die Herren des Waldes gewesen, und noch heute wird man selten den Weg durch denselben nehmen, ohne wiederholt auf Wild, oft auf Rudel von zwanzig bis dreißig Stück, zu stoßen.

Geographisch gefaßt, ist der Teutoburger Wald ein über zwanzig Meilen langes, verhältnißmäßig schmales und im Wesentlichen in drei Parallelketten vom Thale der Diemel im Süden bis nach Ibbenbüren im Norden sich hinziehendes Gebirge, dessen höchste Spitze, Velmer Stoot, eine Höhe von 467 Meter über dem Meere hat. In der Hauptsache besteht das Gebirge aus Sandstein; nur die beiden Seitenzüge weisen auch Kalk auf. Ein eigenthümliches Ding ist es bekanntlich um den Namen für diesen Gebirgszug. Weder die Geschichte seit Karl dem Großen, noch die anwohnende Bevölkerung kennt einen „Teutoburger Wald“; zur Zeit Karl’s des Großen hieß das Gebirge Osning oder Osnegge, woraus später Egge wurde und der Name „Große Egge“ für eine kleine Strecke in der Nähe der Externsteine. Die Bezeichnung Osninge erscheint noch in einer Urkunde von 1405. Jetzt führen die verschiedenen Abschnitte des Gebirges verschiedene Einzelnamen. Indessen fehlt es, wie das Folgende zeigen wird, keineswegs an Spuren des durch Tacitus und seinen Bericht über die Varus-Schlacht in jüngerer Zeit populär gewordenen Namens.

Von Süden her naht man sich dem Teutoburger Walde über Paderborn, Altenbeken, von Westen über Bielefeld, von Norden über Minden, Herford, von Osten und Südosten über Hannover. Von allen diesen Richtungen führen Straßen, welche sich in Detmold treffen, und der Besucher des Teutoburger Waldes wird gut thun, einer derselben dahin zu folgen und von Detmold aus die Touren in’s Gebirge zu unternehmen da gerade die Strecken südlich und nördlich davon, welche wir bei unserer Schilderung speziell im Auge haben und welche dem „lippischen Wald“ oder, wie das Volk einfach sagt, „dem Wald“ angehören, die schönsten Partien ausweisen.

Detmold ist ein freundliches Städtchen, das sich von den anderen Orten des lippischen Landes durch das modernere Aeußere unterscheidet, ein Umstand, der zum Theil durch wiederholte große Brände im fünfzehnten und sechszehnten Jahrhundert zu erklären ist, zum Theil aber auch seinen Grund im Charakter der Residenzstadt hat, zu der es im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts erhoben wurde. Das interessanteste und älteste Gebäude Detmolds ist das Schloß, welches einen ebenso malerischen wie imposanten Anblick gewährt. Sonst ist etwa das dortige Museum, das manches werthvolle Material aus dem Lande selbst birgt, bemerkenswerth; auch eine trefflich verwaltete Bibliothek. Bedeutsam ist der Name der Stadt; das einstige „Theotmalli“ gehört neben anderen Oertlichkeiten in seiner Umgebung zu den Zeugnissen, daß hier der Kern des Begriffs „Teutoburger Wald“ zu suchen, daß hier in der Nähe die Varus-Schlacht geschlagen worden ist.

Die Thalmulde, in welcher die Stadt liegt, hat nach dem Gebirge zu einen durch die Berlebeck gebildeten tieferen Einschnitt, und quer vor dessen Mündung erhebt sich die Grotenburg, der Berg des Hermanns-Denkmals, welcher, isolirt aus dem Gebirgszug heraustretend, weithin die Gegend beherrscht. Um den Fuß desselben liegen mehrere uralte Bauernhöfe bei denen sich einige drei Fuß dicke und gegen vierzig Fuß hohe steinerne Vertheidigungsthürme aus alter Zeit erhalten haben, die an die Bezeichnung „Burg“ erinnern. Zwei von diesen Höfen werden noch im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert wiederholt in Urkunden als „in dem Toyt“ und „to dem Toit“ belegen angegeben, und der eine Hof (da, wo der Weg nach dem Hermanns-Denkmal von der Chaussee abbiegt, liegt er unmittelbar zur Linken) heißt jetzt der Tötehof. Wir sehen, wie eng gerade die Grotenburg mit der Bezeichnung „Teutoburger Wald“ verknüpft ist, wenn schon auch anderwärts am Gebirge der Name Teut vorkommt. Für die Bedeutung des Berges spricht ferner der auf dem zweiten Drittel der Höhe gelegene Hünenrings; er heißt der kleine, weil ursprünglich der Berg da, wo das Denkmal gegenwärtig steht, früher einen bei Weitem größeren trug, von dem nur ein kaum

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Die Gartenlaube (1879) b 492.jpg
Externsteine.
Detmolder Schloß.
Berlebeck.
Dörenschlucht.
Haidenthal mit Blick auf den nördlichen Teutoburger Wald.
Detmold und die Grotenburg.
Donoper Teich.
Lopshorn.
Winfeld.
Bilder aus dem Teutoburger Walde. Nach der Natur gezeichnet von F. Lindner.

[494] bemerkter Ueberrest vorhanden ist. Der Untere stellt ein von einem Graben umgebenes Parallelogramm dar, dessen Wände noch gegen fünfzehn Fuß hoch sind, und ist aus großen Bruchsteinen aufgeführt. Aehnliche Ringwälle finden sich auch auf dem Tönsberge und der Herlingsburg bei Schieder; sie gehören in die Reihe dieser an mehreren Orten Niederdeutschlands bis zur Meeresküste sich findenden sonderbaren Befestigungen (eine der bedeutendsten ist die Pipins-Burg im Lande Wursten), deren Ursprung bis jetzt völlig unaufgeklärt ist; hier auf der Grotenburg kommt hinzu, daß sich zugleich zwei derartige Befestigungen finden, von denen die eine sich förmlich wie ein Außenwerk zur andern verhält.

Die Schilderung des Denkmals unterlassen wir; sie hat seiner Zeit überall und auch in der „Gartenlaube“ ihren Platz gefunden. (Siehe Jahrg. 1853 S. 120; Jahrg. 1860, S. 605; Jahrg. 1872, S. 441; Jahrg. 1875, S. 357, 638.) Doch können wir nicht ohne ein Wort pietätvoller Erinnerung an dem Blockhäuschen vorübergehen, das zur Rechten des Weges im Schatten der Bäume liegt; hier schuf Bandel mit deutschem Idealismus und germanischer Zähigkeit an seiner patriotischen Lebensaufgabe, der Herstellung seines „Hermann“; wenn der Frühling in die Berge kam, dann stieg auch er zu seinem Berge hinauf – jetzt ist das Häuschen verschlossen; der hier den Meißel schwang, ruht für immer aus von dem Streben und Ringen seines Lebens, aber ihm war doch vor seinem Ende noch das Glück beschieden, sein Werk vollendet und von Kaiser und Nation gefeiert zu sehen.

Von der Gallerie des Denkmals genießt man einen außerordentlich schönen Rundblick; zu unsern Füßen nach Süden und Westen hin liegen die gewölbten Bergrücken und die dunklen Thäler des Gebirges, dessen malerischen Zug wir bis über Bielefeld hinaus verfolgen können; im Westen dehnt sich die westfälische Ebene, nördlich mit der Porta Westphalica beginnend, das ganze den Horizont umfassende Wesergebirge und näher heran das Werrethal mit Herford, Salzufeln und Lemgo. Oestlich erhebt sich der stattliche Köterberg, während weiterhin im Süden der Habichtswald in Hessen und südwestlich sogar die rheinischen Berge in bläulicher Ferne den Horizont abschließen.

Nach Westen die Grotenburg niedersteigend, gelangen wir in das von herrlichen Buchen bestandene Haidenthal, eines der schönsten des Gebirges, das sich nach Norden öffnet. Dieser Richtung folgend, zur Rechten das anmuthig am Abhange der Grotenburg gelegene Dorf Hiddesen, zur Linken einen den niederdeutschen Charakter stark hervorhebenden Haiderücken mit malerischen Sandstürzen, erreichen wir die von Eichen, Buchen, Tannen dicht beschattete Lopshorner Chaussee, die uns zu dem Donoper Teiche führt. Wem es jedoch auf einen kleinen Umweg nicht ankommt, ganz besonders aber derjenige, welcher, mit der Geschichte der Römerkämpfe vertraut, die Schilderung der Wälder und verhängnißvollen Sümpfe kennt, die das Grauen der Römer hervorriefen, der nehme unter Führung eines Hiddeser (denn sonst ist es gefährlich) den Weg quer durch das Bent, ein sumpfiges Moor, nach dem kahlen Eheberge; er wird sich plötzlich mitten in eine an jene Schilderung erinnernde Scenerie versetzt sehen – düsterer, braunschwarzer Moorboden, hier zwischen Sumpfgras und einem wilden Gewirr von Farren, Disteln und Wachholderbüschen in Sumpflachen hervortretend, dort dem Auge Massen eigenthümlicher beerentragender Höcker und kleine Teiche bräunlichen Wassers bietend, von haidekrautbewachsenen Sanddünen umgeben, zwischen denen nach Norden zu einige Hünengräber liegen.

Der Donoper Teich ist ein anmuthig in der Tiefe zwischen Nadel- und Laubholz gelegenes stilles Gewässer, das namentlich einen stimmungsvollen Eindruck macht, wenn auf dem nahen Bergrücken die untergehende Sonne ruht und im Glanz derselben die Grotenburg mit dem Hermanns-Denkmal herüberwinkt. In der Nähe des Teiches sprudeln Quellen, darunter eine eisenhaltige, aus dem Boden. Haben wir von hier aus eine Nadelholzwaldung durchschritten, so befinden wir uns plötzlich vor einer ganz anderen eigenartigen Scenerie – vor einer öden Haidelandschaft von wilder Großartigkeit; dunkle, von Sandstürzen zerrissene und von Sumpfstrecken umgebene Haidehügel steigen, allmählich zu kleinen Bergen anwachsend, nach dem Gebirge hinan, das in geschwungenen Linien den Horizont abschließt, dieses Terrain aber ist mitten durchbrochen von dem alten, größten und meilenweit einzigen Passe des Gebirges, der Dörenschlucht, welche wohl in den verschiedensten Zeiten der Schauplatz von Kämpfen gewesen ist und wo nach der Clostermeier’schen[WS 1] Ansicht Varus zurückgeworfen und seitwärts in das Gebirge gedrängt wurde, das er nicht wieder verlassen sollte. Auffällig ist es, daß man nicht, wie man vermuthen sollte, Befestigungen dieses wichtigen Passes findet; Nachgrabungen welche in den letzten Jahren stattgefunden haben, ergaben keine Resultate.

Neben der Dörenschlucht ersteigen wir den großen Eheberg, und aus dem Schatten des Buchenwaldes heraustretend, genießen wir einen überraschenden Anblick – zu unsern Füßen senkt sich das Gebirge in eine endlose Ebene hinab, in eine Steppe, die erst in weiter Ferne angebautem Lande Platz macht: die Senne, welche ein Theil der bis an die Ufer der Elbe sich hinziehenden niederdeutschen Haidelandschaft ist. Als verschluckte der Boden das helle Sonnenlicht, so streckt sich die düstere Haidefläche, im prachtvollen Contrast zu den grünen Waldbergen, weit, weithin, bis allmählich die dunklen Farben milder und lichter werden und endlich die Ebene, zu bläulichem Dunst sich anflösend, in den Aether übergeht.

Südwärts führt uns die Straße nach Lopshorn einem Jagdschlößchen mit Meierei, das als Mittelpunkt des berühmten (in Wort und Bild in Nr. 14 dieses Jahrg. dargestellten) Sennergestütes lebhaftes Interesse erweckt. Schon ehe man zu den Gebäuben selbst gelangt, zieht sich ein weiter Kamp der Stüterei neben der Straße hin, von einzelnen alten, mächtigen Eichen bestanden.

Von Lopshorn wenden wir uns über Hartröhren, ein einsames Forsthaus, schattige Waldwege entlang nach dem Winfelde, einer mächtigen Grasfläche, welche, sich vom Kamm des Gebirgs bis zur Senne hinabziehend, dem von Westen Herankommenden schon weithin in’s Auge fällt; von der Höhe derselben hat man einen weiten Blick über die westfälische Ebene nach Münster hin. Vor uns liegt das Quellengebiet der Lippe und der Ems. Weiter nach Südwesten erblicken wir Paderborn, die Bischofsstadt, näher am Gebirg Lippspringe, den für Brustleidende wunderthätigen Badeort, zu Füßen des Winfeldes wieder die Senne.

Nach links den Berg hinuntersteigend, gelangen wir in das Thal der Berlebeck, deren Quellen dicht am Wege, von prächtigen Buchen umstanden, aus einem Felsenschacht hervorsprudeln. Nicht weit davon erhebt sich isolirt der Bergkegel, welcher einst die Falkenburg trug. Dem Laufe der Berlebeck folgend, gelangen wir in das Dorf gleichen Namens, welches, an der Mündung des Thales anmuthig auf den beiden Berghängen gelegen, viel als Sommerfrische benutzt wird. Von Berlebeck wenden wir uns, die Große Egge überschreitend, nach den Externsteinen, oder, wie sie im Volksmunde schlechtweg heißen, „den Steinen“, einer Gruppe von durch Ausspülung grotesk gestalteten Sandsteinkegeln, wie sie die sächsisch-böhmischen Gebirge in großen Massen und von mächtiger Höhe aufweisen. Am malerischsten nehmen sie sich von dem an ihrem Fuße liegenden Teiche aus. Was diesen Felsen in den Augen auch des Fremden einen außerordentlichen Werth verleiht und weshalb sie von Jedem, der den Teutoburger Wald bereist, aufgesucht werden sollten, das sind die berühmten Sculpturen, welche sich an dem einen Felsen befinden. (Eine Ansicht von der Landseite her, sowie eine Abbildung der Sculpturen brachte die „Gartenlaube“ bereits im Jahrg. 1862, S. 380 f.)

Von den Externsteinen sich südlich wendend, gelangt man durch frische, schattige Waldthäler nach Velmer Stoot, der, wie schon gesagt, höchsten Erhebung des Gebirges, und von da zu den bei Veldrom gelegenen drei Höhlen dem Lukenloch, dem Bielstein und dem Hohlenstein, welch letztere Höhle die sehenswertheste ist und bei der sich gleichfalls jene Eigenthümlichkeit der Volkssage wiederholt, welche Höhlen deren Endverlauf man nicht kennt, mit den nächstliegenden bedeutende Orten, Burgen u. dergl. in Verbindung bringt. Bei dieser Höhle hat sich die Sage sogar das ferne Paderborn als Endpunkt ausgewählt.

Für Sommerfrischler, welche in alljährlich zunehmender Auzahl den Teutoburger Wald aufsuchen, bietet derselbe Vorzüge, wie sie sich nur bei sehr wenigen anderen Sommerfrischen finden – erstens eine prächtige Wald- und Gebirgsnatur, zweitens große Billigkeit, und endlich drittens die Vortheile einer Stadt, da Detmold unmittelbar am Fuße des Gebirges liegt.

Es sind überhaupt nur zwei Dörfer, Hiddesen und Berlebeck, [495] welche als Sommerfrischen in Betracht kommen. Das letztere bietet recht eigentlich die Thalidylle, das erstere dagegen, am Abhange der Grotenburg gelegen, bedeutende landschaftliche Reize, weite Blicke in’s Gebirge und bequeme Wege. In beiden Dörfern sind Gasthäuser vorhanden, in denen man gegen billige Tagespension Unterkommen findet, wer aber mit großer Familie eigene Wirthschaft führen will, findet in den Bauernhäusern Sommerwohnungen von allerdings bescheidener Natur und kann alle sonstigen Bedürfnisse, die materiellen wie die geistigen, aus dem nahen Detmold bestreiten. Auf der Grotenburg und den Externsteinen finden abwechselnd Concerte statt. –

Soviel für „Sommerfrischler“ – für Touristen, denen wir überdies Dr. Thorbecke’s vortrefflichen „Führer durch den Teutoburger Wald“ empfehlen, seien zwei Winke gegeben: erstens, daß sie in das Gebirge immer nur Tagespartien von Detmold, als Standquartier, aus unternehmen; denn im Gebirge sind nirgends Orte, wo man bei einem nur einigermaßen starken Fremdenandrang ein gutes oder nur nothdürftiges Nachtlager fände, und es ist auch vor der Hand noch die Befürchtung ausgeschlossen, daß die Romantik durch den Kellnerfrack beeinträchtigt werde. Zweitens: daß man, hat man nur kurze Zeit zur Verfügung, zunächst das durch nachfolgende Punkte bestimmte Gebiet, als das schönste des Gebirges, durchwandere: Detmold, Hiddesen, Dörenschlucht, Eheberg, Lopshorn, Hartröhren, Winfeld, Berlebeck; als Partie für sich: Externsteine (mit Velmer Stoot), da man bei diesen ein gutes Hôtel mit Zimmern für die Nacht vorfindet. Diejenigen Touristen aber, welche gern nicht blos die breiten Wege, sondern auch die weniger betretenen, aber oft um so interessanteren Nebenpfade einschlagen, mögen sich an den besten Kenner des Gebirges, den Besitzer des „Lippischen Hofes“, Herrn Müller, wenden, der ihnen die schönsten Touren Schritt für Schritt vorschreiben wird.

Die Meisten, welche bis jetzt den Teutoburger Wald aufsuchten, kamen, um das Hermanns-Denkmal zu sehen, und staunten nicht wenig, sich vor einer Gebirgswelt zu finden, von deren Schönheit sie bisher gar keine Ahnung gehabt hatten. Wir haben im Vorstehenden versucht, ein Bild derselben in allgemeinen Umrissen zu geben, und wir können dem Leser nur rathen, dasselbe durch eigene Anschauung zu einer lebendigen Erinnerung umzugestalten.

F. Lindner.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Clostermayer’schen