Aus der Mappe eines Heimgekehrten

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Autor: Heinrich Beta
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Titel: Aus der Mappe eines Heimgekehrten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 326–328
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Rückkehr von Heinrich Beta aus dem Exil
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[326]

Aus der Mappe eines Heimgekehrten.

Von H. Beta.[1]
Nr. 1.

Es war ein schöner, schmerzlicher Abend, der letzte in meinem Hause zu London. Alle Habe, die es mitzunehmen galt, stand schon in mächtigen Kisten gepackt auf dem engen Flure, so daß sich nur dünne Beine dazwischen hindurchdrängen konnten. Meubles, Küchengeräthe und tausenderlei sonst gleichgültige Dinge, für den Hammer des Auctionators zurecht gerückt und numerirt, gewannen plötzlich Werth und Physiognomieen, mit denen sie uns in stummem Schmerze über die bevorstehende Trennung von allen Seiten und Winkeln her anzustarren schienen. Wir hatten sie sauer erworben. Sie waren uns Jahre lang treue, anspruchslose, nützliche, zum Theil zierliche Genien der Häuslichkeit gewesen. Nun standen sie da, verurtheilt, an den Meistbietenden verkauft und unter allerlei fremde Herrschaften vertheilt, zerstreut zu werden, um sich, um uns nie wieder zu sehen. Frau und Kinder brachten noch allerhand Gnadengesuche für verurtheilte Günstlinge ein, mein Töchterchen sogar für die Hauskatze, aber es half nichts. Haus und Heimath in der Fremde waren einmal abgebrochen, um den zur Fremde gewordenen vaterländischen Boden wieder aufzusuchen. „Niemand wandelt ungestraft unter Palmen,“ am wenigsten unter einem englischen Himmel, am wenigsten in London. Das verhaßte Ungeheuer, die Sirene, das „Herz der Welt“ ohne Herz, die unselige dreimillionenfachbeseelte dichteste Verdichtung aller Herrlichkeit [327] und alles Elends moderner Civilisation hat uns doppelt gestraft. Wir haßten London gründlich, so lange es uns festhielt, ohne uns die Heimath zu ersetzen, und lieben es nun wie eine verkannte, verlorene Geliebte, nachdem uns die alte Heimath in Gnaden als Fremde aufgenommen.

Doch Geduld! Das eingeborene Heimathsrecht wird wieder aufleben und sich geltend machen, namentlich wenn wir endlich die alte Frage: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ sich anständig beantworten sehen.

Ein schöner, schmerzlicher Abend, der letzte in meinem Hause zu London, sagte ich. Freund Kinkel kam über die große Kiste auf dem Hausflure gestiegen und setzte sich zum letzten Male um den runden Tisch, den Abend zu verplaudern, über tausenderlei Sorgen und Fragen und Befürchtungen mit klarem Blick und seiner anmuthigen Herzlichkeit hinweg zu helfen, über seine eigene ungelöste Verbannung sich und uns zu trösten und endlich mit dem Vortrag einer Dichtung zu schließen. Wer Kinkel je reden oder vortragen hörte, sei’s der bitterste Feind, wird sich unbedingt vor ihm beugen. Solche Vereinigung angeborener, natürlicher Vorzüge mit der höchsten Ausbildung oratorischer Kunst wird sich selten wieder so harmonisch und edel zusammenfinden. Der deutsche Dichter und Redemeister ist uns verloren. Kinkel ist zum gefeierten Redner und Lehrer in englischer Sprache geworden und ward von der englischen Regierung auf die ehrenvollste Rednerbühne gerufen, just als durch alle deutschen Zeitungen in trockenster Aufzählung und im Nachdruck aus einer in die andere wie eine Tagesneuigkeit gemeldet ward, daß Die und Die zu den Amnestirten gehörten, Kinkel aber ausgeschlossen sei. Klinger, Seume, Forster, Kleist, Kinkel – lauter Namen in der deutschen Literatur, die nicht sterben werden; aber Die, welche ihnen den deutschen Boden entzogen, die Gewalten, die sie zu Feinden des Vaterlandes stempelten, werden keinen unparteiischen Historiker vermögen, ihnen solche Ehrenplätze in der vaterländischen Geschichte einzuräumen. Erstere sind längst als wahre Patrioten erkannt und anerkannt worden, und die Geschichte hat wenigstens bereits zum Theil den Beweis mit Blut geschrieben, daß Die, welche sie verbannten, es nicht waren. Weitere Beweise ist sie, fürcht’ ich, eben im Begriff zu liefern.

Wir schieden spät in der Nacht. Die Stunden, die wir zuletzt mit einander genossen, gehören zu den geweihten und ewigen in unserer Erinnerung.

Und wie so manche Beweise der Liebe und Freundschaft häuften sich noch auf unsere Abschiedstage in dem kalten, verhaßten London! Dem von dem glühenden, enthusiastischen Redacteur und Freunde Juch vorbereiteten Festessen und Ehrenandenken, dessen collectivischer Charakter mich schon als Aussicht in Verlegenheit setzte, entging ich nur durch Kürze und Kostbarkeit der Zeit und die ungeheueren räumlichen Ausdehnungen Londons. Für die Kinder stellten sich allerhand Bücher, Bänder, Spielzeuge und dergl. als Andenken ein, und als wir am 18. März früh vor der andrängenden Auction aus dem Hause flohen, wurde meine Tochter auf dem Wege durch unsere Straße von Apfelsinen, Kuchen, seidenen und sonst niedlichen letzten Liebeszeichen und „Keepsakes“, zum Theil aus mir ganz unbekannten englischen Häusern, wahrhaft bepackt. Hübsche, liebe, rothbäckige Kinder eilten herbei und drückten ihre unschuldigen Lippen auf die der kleinen deutschen Freundin, die ihnen in unermüdlicher Plauderhaftigkeit und Erfindungsgabe bei Spielen so lieb und als ein oft verschriebenes und abgeholtes Mittel gegen Langeweile fast unentbehrlich geworden war. Eltern und Angehörige der Kinder, mir zum Theil wildfremd geblieben, nickten aus den Fenstern. Wir waren Jahre lang vor einander vorbei gegangen, ohne uns nur anzusehen. Das hätte sich damals nicht geschickt. Jetzt war „Abschied“ und keine Zeit zu verlieren. Da galt’s denn zu zeigen, daß wir gute, getreue Nachbarn gewesen, daß man ein Herz im Leibe habe für die heimkehrende deutsche Familie. Ich glaube, so sind wir Menschen auch sonst vielfach gegen einander; man verschiebt und vernachlässigt tausenderlei gute Gedanken und Regungen des Herzens, weil es im gemeinen Laufe der Lebensstunden als zu schwärmerisch oder ungewöhnlich uns genirt oder man Andere damit zu incommodiren fürchtet, weil man denkfaul, gefühlsträge, etikettenängstlich über Art, Ort und Zeit nicht in’s Klare kommen will, weil es ja ohnehin „noch Zeit habe“. Und wenn wir dann endlich – den Meisten zu frühzeitig – den letzten Abschied überhaupt nehmen, fallen uns gewiß allerlei dumme Dinge ein, die wir hätten vermeiden, allerhand gute, die wir füglich hätten thun sollen. Und dann will man noch herzlich sein, wenn das Herz nicht mehr schlagen will, und läßt vielleicht sogar arge, alte Feinde bitten, daß sie uns durch Versöhnung das Sterben erleichtern und uns nicht hindern mögen, das Auge ruhiger zum letzten Schlummer zu schließen.

Da kam uns auf unserm letzten Wege aus unserm Hause die liebe M. M., die freundliche, englische, junge Dame entgegen, um uns die Kinder, die uns etwa bei dem Wirrwarr der Auction im Wege sein könnten, einstweilen zu sich zu nehmen. Sie war zu diesem Zwecke weit her mit der Eisenbahn gekommen, dieselbe die den Abend vorher meinem blühenden Jungen halb gewaltsam den dicksten, wärmsten Ueberzieher für die Seereise angezogen hatte, so daß er nach Hause kam dick wie ein Bürgermeister. Wir hatten uns während der zehn Jahre in London wohl kaum zehn Mal gesehen. Man sieht sich in London überhaupt selten. Mitten unter den drei Millionen Menschen sieht man selten Menschen, aus demselben Grunde, wie der Köhler mitten im Walde denselben vor Bäumen nicht sehen kann. Ja, die Kunst des Sehens ist schwer, am schwersten unter lauter Sehenswürdigkeiten, an welchen die Welt im Allgemeinen fast ebenso reich ist, wie – London.

Wie wir uns dieses verhaßte Riesenwunder, vor dessen unaufhörlich geschüttelten Kaleidoskopen wir oft absichtlich die Augen geschlossen, zum letzten Male ansahen, was hatten wir Alles nicht erblickt oder übersehen! Es hatte ja immer noch Zeit, oder es fehlte uns daran. Nun war es für tausenderlei aufgeschobene Pflichten oder Wünsche zu spät. Selbst viele befreundete Seelen, die vor uns aus einem zehnjährigen Leben und Leiden, Tumult und Taumel auftauchten, mußten ohne Abschiedsgruß zurückgelassen werden. Die neue Welt drüben in der alten griff mächtig in unser Herz und zog uns gewaltsam los und trieb uns umher, allerlei hübsche Sachen aufzugabeln, um neue Freunde und Verwandte, die wir zum ersten Male sehen sollten, kinderreiche Familienmütter, die wir zuletzt in kurzen Röckchen und Kinderlocken gesehen, unbekannte Schwager und Schwägerinnen, ganz funkelnagelneue Tanten und Onkels, nur aus Briefen bekannte, fabelhafte Neffen und Nichten, grau, weiß oder kahl oder dick und fett gewordene Jugendfreunde damit zu beschenken. Kränze und Blumen für die Gräber Derer, die wir in Glück und Gesundheit verlassen hatten, kauften wir erst in dem lieben Deutschland, wo Alles billiger sein sollte, was wir aber durchaus nicht fanden. – Ich will hier nicht sagen, was Alles hier theurer oder gar nicht zu haben ist.

Wir fuhren spät Abends durch beinahe die halbe Ausdehnung Londons hinunter in die Tower-Gegend, in dessen Nähe die Dampfer für den Continent liegen, und sahen noch einmal – jetzt wieder mit geöffneten Augen, wie beim ersten Anblick – in das Gewühl und Gewirre von Menschen, Wagen, Pferden und Lichtern, Straßen und Läden, Verkäufern und Käufern, Betrunkenen und Nüchternen, Jubelnden und Weinenden, Hungrigen und Übersättigten, Lumpen und Juwelen – in diese riesige, alltägliche, allnächtliche Zauberei der Freiheit, der souverainsten Anarchie von drei Millionen Menschen, von denen gesetzlich keiner verhungern darf, da sich Jeder nähren kann und soll, wie er eben Lust hat. Außerdem soll sich auch Niemand ersäufen oder sonst selbst das Leben nehmen. Wenigstens lesen die Herren auf dem Richterstuhle jedem Unglücklichen die Moral, der wegen versuchten, aber nicht vollendeten Selbstmords vor sie gestellt wird; gelingt aber das Ersäufen, Hängen oder Vergiften, so hat das Gesetz nichts weiter dagegen. Allerdings giebt’s auch viele Policemen, aber diese sind im Ganzen froh, wenn man ihnen nichts thut, und machen sich gern da unsichtbar, wo Gesetze, Köpfe und Knochen gebrochen werden. Außerdem schaffen sie die Betrunkenen bei Seite, wenn sie im Wege liegen und nicht mehr gehen können. Auch nehmen sie ertappte Spitzbuben geschickt am Arme und schieben sie mit classischer Geschicklichkeit und Anmuth immer einen halben Schritt vor sich her. In allem Uebrigen aber stören sie nicht. Drei Millionen Menschen dicht beisammen in solcher Freiheit des Denkens, Thuns, Sprechens, Schreibens, Handelns, Erwerbens und Verderbens – diese großartige Harmonie und Vollkommenheit, mit der sich alle Folgen und Früchte der Freiheit, mit allen ihren Auswüchsen, ausgewuchert haben und mit zunehmender Geschwindigkeit immer gewaltiger ausbreiten – das ist unter der Oberfläche der eigentliche Reiz und Zauber, womit das „Herz der Welt“ Jeden ergreift und abstößt und immer wieder fesselt, sobald man [328] erst angefangen, es schlagen zu sehen und zu hören. Genug. Leb wohl, Du geliebtes Asyl, das wir nur haßten, weil wir nie klug aus ihm werden konnten, weil es so unerschöpflich schön ist in seiner Häßlichkeit und häßlich in Allem, was wir als schön gelten lassen sollen.

Ein paar Dutzend Ruderschläge auf der Themse, und wir sind plötzlich mitten im geliebteren Deutschland, im Hamburger Dampfer „Castor“, der mit seinem Zwillingsbruder „Pollux“ alle Wochen um die Wette von London nach Hamburg, von Hamburg nach London läuft. Man kann alle Donnerstage Abend an Bord gehen, entweder drüben oder hier, und ist Sonntags Vormittags entweder in London oder in Hamburg. Auch Freitags früh ist’s noch Zeit genug. Nicht blos aus meiner, sondern aus vieler Anderer Erfahrung und Zeugniß möcht’ ich den Deutschen für deutsch-englische Reisen diese beiden Dampfer empfehlen. Die Preise sind dieselben, wie die der „General-Steam-Navigation-Company“, die alle Dampfschiffverbindungen zwischen England, Deutschland, Belgien, Holland und Frankreich beherrscht und als Monopol ausbeutet. Die Hamburger werden nur unter der Bedingung geduldet, daß sie keine billigeren Preise stellen.

Schon dieser eine Umstand könnte ein Empfehlungsgrund sein. Aber auf den englischen Dampfschiffen findet man auch nur englische Köche, englische Sprache, englische Behandlung. Es ist ihnen noch nicht eingefallen, aus Rücksicht für deutsche Reisende, die kein Englisch verstehen, jemals nur einen deutschen Diener oder Dolmetscher zu beschäftigen. Die Mannschaften der Hamburger sprachen alle Deutsch und Englisch mit gleicher Geläufigkeit und zeigten sich auf dem „Castor“ als Deutsche in den besten Tugenden und Vorzügen vor den Engländern. Wenn der Capitain Schade sich nicht durchweg als ein unerschütterlich freundlicher und liebevoller, bescheidener und väterlicher König und Freund des Schiffes, der Passagiere, der ganzen Fahrt und Führung gezeigt hätte, würd’ ich ihn loben. Aber eine so liebenswürdige Vereinigung von heroischer Männlichkeit und Güte, von Einfachheit und stiller, auf den ersten Anblick Vertrauen einflößender Würde bedarf nicht des Lobes Anderer. Auch der Steward und die hübsche Stewardin haben nie andere, als freundliche, dienstwillige Gesichter getragen. Auf der ganzen Reise habe ich kein böses Gesicht gesehen; selbst Die, welche dem Neptun opfern mußten, machten sogar dies mit Grazie ab – eine starke Behauptung, aber wahr – und dann gleich wieder freundliche Gesichter, weil’s eben unter diesen Umständen kaum anders möglich war. Die erste Cajüte ist ungemein schön und bequem. Die Zimmerchen zum Schlafen und – Neptunisiren sind im engsten Raume auf das Bequemste ausgestattet: weiche Betten mit Springfeder-Matratzen, kleine Sammet-Sopha’s, Spiegel, Apparate zur Toilette, selbst Bequemlichkeit in den Becken, die der grimmige Schaukelgott des Meeres unerbittlich Allen hinstellt, die nicht „seefest“ sind, um sich so Tribut und Opfer einzusammeln. Diesmal war er ziemlich gnädig. Nur einmal beim Frühstück wollten die Tassen und Teller auf der Tafel sich nicht ruhig verhalten und machten allerhand nur durch rasches Zugreifen und Sicherheitsmaßregeln vereitelte Versuche, sich tanzend und kollernd vor unsere Füße zu werfen. Zm Uebrigen schnaubte der Castor uns so leicht und sicher aus der Themse in die Elbe-Mündung, daß man den Geist des Meeres nur durch das eigenthümlich neptunisirende Gefühl im Magen, dem man auch ohne eigentliche Seekrankheit selten entgeht, gewahr ward. Dies schneidet sich mit den Flußmündungen ziemlich scharf ab. Ehe man etwas vom Ufer oder Land entdecken kann, sowie das Schiff in süßes Fahrwasser kommt, verläßt Neptun Jeden, der ihn „im Magen hatte“. Dies that er schon Sonnabend Nacht. Mit anbrechendem Sonntage begrüßten wir hier die bald hügelig und malerisch werdenden holsteinschen, dort die flachen hannöverschen Ufer.

Wie hatte ich mich gefreut, wieder einmal einen deutschen Fluß hinauf zu fahren! Aber zwischen Hannover und Holstein vorsichtig in der versandeten Mündung des herrlichen, deutschen Stromes hinaufzukriechen – zwischen Holstein und Hannover, Hannover und Holstein – da freue sich wer kann im Frühlinge des Jahres 1861 – mir war’s nicht möglich, Anderen ging’s auch so. Niemand hatte bisher ein böses Gesicht gemacht. Jetzt sah man sie und geballte Fäuste dazu, bald gegen dieses, bald gegen jenes Ufer. Rechts drüben tauchte eine hübsche Stadt aus den Hügeln hervor: Stade. Das Schiff fuhr noch langsamer als ein mitleidiger Herr, der von einem Bettler angesprochen in die Tasche greift, um einen Silbergroschen herauszuholen. Es kam Einer in einem abgeschabten, rothen Rocke herangefahren, dem der Capitain etwas hinunterwarf: den Stader Zoll. Das ist eine hannöversche Staatseinnahme, wie ich hörte, so ne alte Gerechtigkeit, die man Hannover bisher nicht streitig machen durfte, wahrscheinlich, weil es der Elbe gestattete, sich mit der Zeit ein weiches Bett von Sand anzuschaffen, um von ihrem Wege aus Deutschland auszuruhen, ehe sie die Reise in’s Meer fortsetzt. Staatsgelehrte wissen vielleicht andere Gründe. Sie dürfen aber nicht vergessen, besagten Sand darauf zu streuen. Endlich Blankenese, die Wonne und Wallfahrt der Hamburger, stattliche, fürstliche Paläste und Villen, und zuletzt Hamburg selbst, die große Kaffee-, Zucker- und Colonialwaaren-Besorgerin für Deutschland mit einem den ganzen Londoner Handel an Geldwerth bedeutend übertreffenden Umsatze.

Wir traten mit eigenthümlicher Andacht und Bewegung zum ersten Male wieder auf deutschen Boden, noch dazu republikanischen, unter Menschen, die alle Deutsch sprachen und so auffallend höflich und freundlich und reinlich aussahen in der hellen Frühlings-, Früh- und Sonntagssonne, daß ich ordentlich erschrak, als ich vergleichend an London zurückdachte und mir einfiel, daß ich’s zehn Jahre dort ausgehalten. Welcher Contrast! Damals hatte man mich um Mitternacht verbrecherisch als räudiges Schaf auf ein englisches Schiff geschmuggelt und als blinden Deckpassagier zwischen exportirte Schafheerden versteckt. Jetzt lauter Sonne und Frühling und ein Kofferträger, der mit 182 Pfund Last auf dem Rücken sich auf der Hoteltreppe nach mir höflichst umkehrte, lief gebückt unter der Last an die Mütze griff und tausendmal um Entschuldigung bat, daß er mir vorangehe. Welche Höflichkeit! Und welche Huldigung! Ich muß doch gleich sehr respektabel ausgesehen haben und gar nicht mehr steckbrieflich!

  1. Der Verfasser, allen unsern Lesern als einer der treuesten Mitarbeiter der Gartenlaube seit ihrem Bestehen bekannt, ist in Folge der preußischen Amnestie nach langen Jahren Verbannung nach Deutschland zurückgekehrt. Eilf Jahre lang lag das karge Brod des Flüchtlings auf seinem Tische. Wie er trotz alledem sein Vaterland den englischen Anmaßungen gegenüber in der kräftigsten Weise vertreten, wie er oft den herrschenden Ansichten entgegen deutsches Wesen und deutsche Cultur der englischen Ruhmrederei vis-à-vis in der glänzendsten Weise gerechtfertigt – das wird man erst später recht zu würdigen verstehen, wenn Deutschland selbstständig geworden und sich nicht mehr zum Affen des Auslandes erniedrigt! Ich danke es ihm nachträglich noch herzlich. England ist in der deutschen Presse, namentlich von der Gothaner lange genug geschmeichelt worden, ohne daß damit etwas Anderes als ein erhöhter Uebermuth da drüben über dem Canal erreicht worden wäre. Nur einige wenige Stimmen, darunter die Beta’sche als eine der kräftigsten, riefen den Deutschen stets ihre vielen Vorzüge ins Gedächtniß und mahnten daran auf eigenen Füßen zu stehen, die der Unterstützung nicht bedürfen. Jetzt, wo sich das deutsche Nationalgefühl anfängt etwas zu heben, sehen Viele die Wahrheit dieser Mahnung ein und treten mit Energie und Selbstbewußtsein gegen die höhnischen Auslassungen der englischen Presse auf. Den heimgekehrten Flüchtling aber heiße ich und mit mir Viele im schönen Vaterlande, das er trotz alledem und alledem so sehr geliebt, mit ganzem Herzen willkommen!