BLKÖ:Bólyai, Wolfgang

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Boller, Anton
Band: 2 (1857), ab Seite: 31. (Quelle)
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Bólyai, Wolfgang (Astronom, Mathematiker und Dichter, geb. zu Bólya in Siebenbürgen 9. Febr. 1775, gest. 21. Nov. 1856). Schon als Knabe verrieth Wolfgang ein außerordentliches Gedächtniß, indem er nach einmaliger Ueberlesung ganze Bogen fehlerfrei herzusagen im Stande war. Die Schulen besuchte er in Enyed und Klausenburg. Nach beendigten Studien wurde er mit dem Sohne des Baron Simon Kémeny nach Jena und später nach Göttingen geschickt, wo beide fleißig studirten. Das Geheimniß der Geldwirthschaft hatten aber die beiden Freunde noch nicht gefunden, so geschah es, daß Bólyai, während Kémeny in die Heimat ging um Geld nachzuschicken, als Unterpfand zurückbleiben mußte. In Göttingen schloß B. einen Freundschaftsbund mit dem Euclides unserer Zeit, dem berühmten Astronomen K. F. Gauss (gest. am 22. Februar 1855), welcher Umgang Bólyai’s mathematische Studien nicht wenig förderte. Die Freundschaft beider Gelehrten währte das ganze Leben hindurch, und erheiterte im hohen Alter die Tage des edlen Magyaren. Gauss schätzte hoch B.’s mathematisches Wissen und hielt überhaupt große Stücke auf ihn. Dieser Werthschätzung zu Folge geschah es auch, daß der König von Hannover nach dem Tode des deutschen Euclides auch an B. die große Silber- und Broncemedaille übersenden ließ, welche zum Andenken an Gauss geprägt worden. Auch standen die Göttinger Gelehrten in neuester Zeit in fortwährender Verbindung mit B., und setzten ihn von allem in Kenntniß, was in der wissenschaftlichen Welt anläßlich des Todes seines Freundes erschien. Als er heimgekehrt, wurde er 1802 als Professor der Mathematik und Physik am reform. Collegium zu Maros-Vásárhely angestellt. In seiner Jugend fühlte B. poetischen Drang, [32] und trat zuerst als Dichter und dann als dramatischer Dichter auf. Er übersetzte Pope’s Versuch über die Menschen in’s Magyarische; einen Anhang dieses Buches bilden die Uebersetzungen auserlesener Gedichte aus dem Englischen und Deutschen. Ferner schrieb er fünf Trauerspiele, worunter „Pausanias“ und „der Process des Simon Kémeny zu Paris“ wahrhaft poetischen Werth besitzen. Später wendete sich sein schöpferischer Trieb der Musik zu, und die Geige, sein Lieblingsinstrument, half ihm seine Gefühle und Gedanken in Tönen aussprechen. Doch vernachlässigte er darüber die Wissenschaft nicht, und seine schriftstellerische Thätigkeit wendete sich der Mathematik und Mechanik zu. In den J. 1832 und 1833 schrieb er ein großes mathematisches Werk in lateinischer Sprache, und gab es ohne Namen heraus. Als das Werk in die Hände des Jugendfreundes Gauss fiel, erkannte dieser sogleich den Autor. Die ungarische Akademie zeichnete B. durch die Ernennung zum Mitgliede aus. Als Lehrer wirkte B. durch seinen Feuereifer sehr anregend. In seinem Privatleben war B. das Prototyp genialer Originalität, und cursiren über dasselbe, wie überhaupt über seine Zerstreutheit, viele Anecdoten. Seine schriftstellerische Laufbahn beschloß er mit einer Mathematik in deutscher Sprache. Einen eigenthümlichen Zeitvertreib für ihn bildete die Verfertigung von Ofenmodellen und Heizungs-Apparaten. Er hatte es bis zu 180 Modellen gebracht und die Freude erlebt, daß ein Modell, der nach der Röhrentheorie construirte Daniel-Ofen, in der Hauswirthschaft Siebenbürgens eine ganze Reform hervorbrachte. Eigenthümlich war auch Bólyai’s Wagen, der mit Schindeln gedeckt war, wie Kövary, der von dem Gelehrten eine ausführlichere Biographie schrieb, ihn noch selbst gesehen. Die Zierden seiner alterthümlichen Wohnung waren: seine Geige, die obbenannten Ofen-Modelle aus Pappe und Kreidefiguren; an der russigen Wand hingen die Bilder seines Freundes, des deutschen Geistesriesen Gauss; – Shakespeare’s, den Bólyai „den Sohn der Natur“ und Schillers, den er „ihren Enkel“ nannte. Vor einem einfachen Tische saß ein alter Herr in schwarzen groben ungarischen Hosen, mit hohen Czismen, einer weißen Flanelljacke, einem eingedrückten, breitkrämpigen Hut auf dem Kopfe, das war Bólyai. Im Jahre 1849 wurde B. mit vollem Gehalte (1000 fl. C. M.) pensionirt. Nun ließ er sich einen Sarg machen, schrieb seinen Partezettel und ließ ihn einige Jahre vor seinem Tode drucken. In seinem Testamente ordnete er unter Anderem an, daß sein Leichenbegängniß so einfach als möglich sei und höchstens nur der Schulglöckner ihn ausläute, zum Zeichen, daß man zur letzten großen Lection aufzubrechen habe. Der Wille des Verstorbenen wurde auch geehrt. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele stand in B. unerschütterlich fest. Er hielt die Erde für eine Pfütze, in welcher der gefesselte Geist wate; den Tod für den befreienden Engel, der die gefangen gewesene Seele in glücklichere Regionen geleitet. Für seinen edlen Charakter spricht zunächst seine Freigebigkeit, worin er keine Gränzen kannte, und seine maßlose Bescheidenheit. In seinem Testamente ordnete er an: „Sein Grab dürfe kein Denkmal zieren. Einem seiner guten Freunde möge es blos vergönnt sein, einen Apfelbaum auf den Rasen zu pflanzen, unter dem er ruhe, zur Erinnerung an jene drei Aepfel, von denen jener der Eva und jener des Paris die Erde zur Hölle gemacht, und jener Newtons dieselbe wieder in die Reihe der Himmelskörper erhoben habe.“ Am 23. Nov. 1856 wurde B. seinem letzten Willen [33] gemäß, in größtmöglicher Einfachheit zur Erde bestattet; auch wird sein Wille betreffs eines Grabdenkmales heilig gehalten werden, aber die Wissenschaft Siebenbürgens will es sich nicht nehmen lassen, dem Manne, auf den sie stolz sein darf, im siebenbürgischen Museum ein Marmordenkmal zu setzen. B. hinterließ zwei Söhne, wovon der Eine sich mit dem Gedanken einer einheitlichen Weltsprache beschäftigte, der Andere das avitische Gut bewirthschaftet.

Kolozsyáry Közlöny, d. i. Klausenburger Anzeigeblatt, 1856, Nr. 19: „Nekrolog“ von Franz Mentovich. – Magyar irók. Életrajz gyüjtemény. Gyüjték Ferenczy Jakab és Danielik József d. i. Ungar. Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreib. Von Jakob Ferenczy und Joseph Danielik (Pesth 1856, Gust. Emich) S. 61. – Ujabb kori ismeretek tára, d. i. ungar. Conversations-Lexikon der neueren Zeit (Pesth 1850, Heckenast) I. Bd. S. 592. – Pest-Ofner Zeitung 1856. – Der Aufmerksame (Graz, Leykams Erben, gr. 4°.) 1856.