BLKÖ:Bezerédj, Stephan

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Bezetzny, Franz
Band: 1 (1856), ab Seite: 367. (Quelle)
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Bezerédj, Stephan (ungar. Landtagsabgeordneter, Publizist und Philantrop, geb. zu Szerdahely im Oedenburger Comitat 28. Nov. 1796, gest. zu Hidja im Tolnauer Comitat 6. Mai 1856). Gatte der Vorigen. Er besuchte die Schulen zu Oedenburg und Preßburg, siedelte sich dann im Tolnauer Comitate an und ward mit dem alten Daniel Csapó dessen Reformator und Schöpfer eines alles Edle bezweckenden Gemeingeistes. Schon in den Jahren vor dem Landtage von 1825 stand Bezerédj unter denjenigen, welche für die Aufrechthaltung der Rechte ihrer Nation u. ihres Königs einstanden. Auf dem Landtag von 1830 ist er bereits als Abgeordneter zugegen und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Regelung der Urbarialverhältnisse, wo sich bereits sein philantropischer Geist, wie auch später auf dem Landtage von 1832/6 in hervorragender Weise beurkundete. Auf dem Landtage von 1843/4 war er auf’s Neue Abgeordneter des Tolnauer Comitates. Zum Landtag von 1847 wurde er nicht gewählt. Auf allen Landtagen, wo er zugegen war, übte er als das eifrigste Mitglied der vernünftig Liberalen und als einer der bedeutendsten und gediegensten Redner großen Einfluß aus. Ueberhaupt that sich B. als Redner durch seine vielseitige Gelehrsamkeit und ästhetischen Geschmack hervor. Seine herrlichste Rede hielt er auf dem Landtage 1844, als er für die Abschaffung der Todesstrafe das Wort ergriff. Auch bei Begründung nützlicher Vereine nahm Bezerédj nicht nur durch Worte, sondern auch durch bedeutende Geldopfer namhaften Antheil. Die meisten Vereine zählten ihn zu ihrem Mitgliede, bei vielen war er auch einer der Begründer und Directoren. Zu Hidján errichtete er eine Kleinkinder-Bewahranstalt. Er war der erste, welcher mit seinen Unterthanen zur Ablösung der Unterthänigkeitsverhältnisse unter günstigen Bedingungen für dieselben Verträge schloß und dadurch seine humanistischen Ansichten verwirklichte. Auch pflanzte er auf seinen Gütern den Maulbeerbaum, betrieb nicht ohne Erfolg die Seidenzucht und bildete selbst einen Verein zur Hebung der vaterländischen Seidenzucht; früher schon hatte er im Tolnauer Comitat einen Verein in’s Leben gerufen, der sich verpflichtete, nie ein anderes als im Vaterlande erzeugtes Tuch zu benützen. Auf dem Landtage von 1840 sprach B. der erste den Grundsatz einer allgemeinen Besteuerung aus, wodurch er sich Stephan Szechényi’s Mißbilligung zuzog. Schon 1838 gründete er zu Szodros ganz im Geiste seiner philantropischen Grundsätze eine Colonie, welche so guten Erfolg hatte, daß sie gegenwärtig einen Complex von 150 Häusern bildet, worin Wohlhabenheit herrscht. Bezerédj’s flammende Begeisterung für die Menschheit, für Recht und Wahrheit haben ihn wohl auch zu Uebertreibungen verleitet, wodurch er sich oft dem Spotte kalt berechnender Politiker ausgesetzt hat. Sein Aeußeres, seine glatte hohe Stirne, seine ganze Kopfbildung erinnerte an die alten Weisen Griechenlands, und die Vorträge des ästhetisch gebildeten, in den Classikern bewanderten Redners hatten eine echt antike Färbung, wodurch er sich nicht ohne Grund den Namen des „ungarischen Demosthenes“ erworben hat. Auch in der Publicistik leistete B. Lobenswerthes und im „Pesti Hirlap“ erschienen mehrere Artikel von ihm, welche im Sinne der Centralisation geschrieben sind, zu welcher Partei B. gehörte. Der Verfasser der „Croquis“ schildert Bezerédj folgendermaßen: „B. ist Ungarns größter Quakker. Man hält ihn für ein Genie und aus reiner Ehrlichkeit trachtet er das [368] Gegentheil zu beweisen ... Er besitzt viel Geist und eine große Beurtheilungsgabe; nur Schade, daß ihm beide entfliehen, sobald er in der Mitte seiner Gefühle und Ideen zu monopolisiren beginnt. Man betrachte ihn nur, wenn er für eine Frage entflammt; – wie er erröthet, seine Augen, seine Stimme, sein Körper weint; seine Thränen sind drastischer als seine Worte. Seine Lieblingsidee ist die Philantropie, auf die er mit innerster Freude hinweist; das ist seine Religion, sein Theokratism, für welchen er selbst Märtyrer werden möchte. Darin weicht er von der eigennützigen Philantropie Benthams ab. Seine Philantropie steht außerhalb eines jeden socialistischen Systems. Er ist ein Philantrop, einer der edelsten Ungarns, er kann aber für keinen Staatsmann gelten; – und wenn je B.’s Partei an’s Ruder kommt, so wird sie sich genöthigt fühlen, für Bezerédj – wenn man ihn zu bewegen wünscht – ein eigenes Portefeuille der Philantropie zu gründen.“ Im Jahre 1848 wurde er von Seite des Tolnauer Comitates zum Volksvertreter gewählt und blieb es bis zur Katastrophe von Villágos. Seine erste Gattin Amalia (s. d. Vorige) verlor er im J. 1837; mit ihrer Schwester Etelka (d. i. Adelheid) vermälte er sich kurz vor dem Ausbruche der Revolution. Als er starb, kündete „Pesti Napló“ Nr. 221 seinen Tod mit folgenden Worten an: „Nach der Reihe sterben unsere Großen aus. Gerade jetzt traf die Nachricht von dem Tode Bezerédj’s ein. Am 6. März starb er in Folge eines Nervenfiebers.“ In seinem Vaterlande nennt man diesen Apostel der Volkserziehung den „ungarischen Wilberforce“; und wie hoch er in der öffentlichen Achtung stand, beweist das Prädicat, das ihm als Redner gegeben wurde: man nannte ihn die „ewige Wahrheit“. Seine zweite Gattin Etelka, gleich ihrer vortrefflichen Schwester eine Wohlthäterin der Gegend und eine der edelsten Töchter Ungarns, überlebte den Vortrefflichen.

Ujabb kori ismeretek tára, d. i. ungar. Convers. Lexikon der neueren Zeit (Pesth 1850, Heckenast) I. Bd. S. 558. – Levitschnigg (Heinrich Ritter v.), Kossuth und seine Bannerschaft (Pesth 1850, Heckenast, 2 Thle.) II. Thl. S. 185. – Der Pester Bote. Großer gemeinnütziger Kalender für das J. 1857 (Pesth, Landerer u. Heckenast, 4°.) III. Jahrg. S. 74. – Wanderer (Wien, Folio) 1856, Nr. 123. – Allgemeine Zeitung, 1856, Nr. 78, S. 1238. – Pester Lloyd (Pesth, Fol.) 1856, Nr. 65. – Der Ungar, herausgeg. von Hermann Klein (Pesth 1842, 4°.) I. Jahrg. Nr. 84: „Oeffentliche Charaktere Ungarns“ – (Brockhaus) Conversations-Lexikon (10. Auflage) II. Bd. S. 635. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für gebildete Stände (Hildburghausen 1845, Bibl. Inst., 8°.) Suppl. I. Bd. S. 144.