BLKÖ:Dercsényi von Dercsén, Johann II. Ludwig Freiherr von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Derder, Lukas
Band: 3 (1858), ab Seite: 247. (Quelle)
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Dercsényi von Dercsén, Johann II. Ludwig Freiherr von[BN 1] (Humanist, geb. zu Tokaj 6. Oct. 1802). Sohn des Vorigen und Juliens von Kazinczy, der Schwester des berühmten ungarischen Dichters Franz von Kazinczy. Die Schulen besuchte er theils in Kaschau, theils in Sáros-Patak und oblag besonders den Rechtswissenschaften mit großer Vorliebe. Die ämtliche Laufbahn begann er in Pesth als Practikant bei dem Directorate causarum regalium, wurde 1827 supernumerärer Directorats-Fiscal, 1830 überzähliger, unbesoldeter, 1834 besoldeter Hofsecretär bei der Hofkammer in Wien. In der Periode seiner unbesoldeten Dienstleistung machte er viele Reisen im Auslande, um wissenschaftliche und administrative Erfahrungen zu sammeln. In Florenz ernannte ihn die Academia dei Georgofili zu ihrem Mitgliede, die „Société Royale et Centrale d’Agriculture“ von Paris zeichnete ihn in Folge einer von ihm in der Sitzung am 6. Febr. 1833 vorgelesenen Abhandlung mit einer silbernen Denkmünze aus. 1836 wurde er Vorstand der Temescher Cameral-Administration und gab 1836 bei dem Ausbruche der Cholera im Banate und 1837 des Scorbutes auf den Arader Staatsgütern solche Beweise aufopfernder Humanität, daß er sich allgemein die Achtung und Liebe der Unterthanen erwarb. Am 10. April 1838 wurde er Hofrath bei der allgemeinen Hofkammer in Wien und im folgenden Jahre mit seinem Bruder Paul, der in der rationellen Landwirthschaft sich große Verdienste erworben hat, in den Freiherrnstand mit dem Range eines ungarischen Magnaten erhoben. D. hat seine reichen Erfahrungen und Ansichten auch im Wege der Presse veröffentlicht u. z. im „Bericht an die k. k. Landwirthschafts-Gesellschaft in Wien über eine im Jahre 1832/33 durch Italien, Frankreich, Spanien, England, Belgien und Deutschland unternommene Reise“ (Wien 1834, gr. 8°.), welcher auch in ungarischer Sprache erschien. Sein zweites Werk: „Tanulmányok a kommunismusnak egy humanus ellenszeréről“, d. i. Studien über ein humanes Gegenmittel für den Communismus (Pesth 1846), worin er ein eigenes später in der Literatur [248] nach ihm benanntes System der Volkswirthschaft, des Volksunterrichtes und des politischen Volkslebens aufstellt, fand in der Tagespresse allgemeine Würdigung und der Verfasser wurde dafür von dem Könige Belgiens mit dem Großkreuz des Leopoldordens ausgezeichnet. Im März 1847 erschien bei J. Schillinglaw in London eine englische Uebersetzung dieses Buches, das in der Londoner New Quarterly Review (Aprilheft 1847, S. 463–481) einer umfassenden Beurtheilung unterzogen ward und über dessen akademischen Erfolg im Vaterlande des Verfassers am Schlusse der ausführlichen Kritik in E. Andre’s in Wien erschienenen „Neuen ökonomischen Zeitschrift“ (1847, Nr. 11–13) berichtet wird. Für die weitere Entwickelung der in seinem Werke ausgesprochenen Ideen setzte D. zwei Preise, Einen von 70 und Einen von 30 Dukaten für die zwei besten Beantwortungen folgender Frage aus: „Unter welchen Bedingungen und auf welche Weise am entsprechendsten im Geiste des Baron Dercsényischen Systems sowohl die Umwandlung der bisherigen Güter-Fideicommisse in Geld-Fideicommisse zu bewerkstelligen, als das Recht Geld-Fideicommisse zu errichten, allen Volksclassen einzuräumen wäre.“ Die Beantwortung dieser zeitgemäßen Frage, welche einen schönen Beleg für den humanen Sinn ihres Fragestellers gibt, erfolgte in der festgesetzten Frist von sechs Schriftstellern. Die Elaborate wurden von der aus drei Mitgliedern der ung. Akademie gebildeten Commission geprüft, und in der Generalsitzung der ung. Akademie vom 20. Dec. 1846 wurde der Baron Dercsényische Preis von 70 Dukaten der Abhandlung von Jos. Keresztury, jener von 30 Dukaten der des Joh. Benczur zuerkannt. Beide Beantwortungen der Preisfrage erschienen im Drucke, jene von J. Keresztury unter dem Titel: „Magyarországi hitbizományok átalakitási terveröl“, d. i. Ueber den Umgestaltungsplan der Fideicommisse in Ungarn (Pesth 1847) und jene von Benczur unter dem Titel: „A magyarországi hitbizományok czélszerü átváltoztatásáról“, d. i. Ueber die zweckmäßige Umgestaltung der Fideicommisse in Ungarn (Ebenda) [vergleiche Artikel Johann Benczur I. Bd. d. Lex. S. 259). Die Ereignisse der J. 1847–51 haben D. in seinen Ansichten nicht nur nicht wanken gemacht, sondern ihn darin und nicht mit Unrecht bestärkt. Die Frucht seiner fortgesetzten socialen und humanitären Studien ist das Werk: „Tanulmányok korunk két legfontosabb kérdései fölött“ (Ofen 1849), welches in deutscher Sprache unter dem Titel: „Grundzüge meines Systems der Erziehung“ (Wien 1851, Kaulfuß Witwe, Prandel u. Comp.) ausgegeben wurde und wovon eine franz. Uebersetzung von Taron (Paris, Leleux) erschien. Einen Auszug dieser Schrift, die gleich der vorigen der Gegenstand umfassender kritischer Studien (vergl. die Quellen) namhafter[WS 2] Gelehrten bildete, verfaßte der vorbenannte Joseph Keresztury zum Gebrauche der minder bemittelten Volksclassen. Im April 1848 hat D. dem Staatsdienste entsagt und sich nach Olmütz zurückgezogen, um seine leidende Gesundheit wieder herzustellen.

Magyar irók. Életrajz-gyüjtemény. Gyüjték Ferenczy Jakab és Danielik József, d. i. Ungar. Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreibungen. Von Jakob Ferenczy und Jos. Danielik (Pesth 1856, Gustav Emich) S. 100. – Allgem. Theaterzeitung, redigirt von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) XXXIX. Jahrg. 1846, Nr. vom 12. August. – XL. Jahrg. 1847, Nr. 301: „Biographische Skizze“ von Dr. Meynert. – Steger (Dr. Franz), Ergänzungs-Conversations-Lexikon (Leipzig u. Meißen 1852, Lex. 8°.) VII. Bd. S. 126. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für gebildete Stände (Hildburghausen 1845, Bibl. Inst., Lex. 8°.) II. Suppl. Bd. [249] S. 1340. – Oestr. National-Encyklopädie (von Gräffer und Czikann), (Wien 1835, 6 Bde.) I. Bd. S. 698. – Le Moniteur universel vom 25. Dec. 1851 und 17. Jänn. 1852 [In ersterer Nummer bespricht Michael Chevalier, in letzterer Daniel Sgoder ausführlich D.’s Buch: „Grundzüge meines Systems der Erziehung.“ – Ebenso auch die Revue britannique im Novemberheft 1851). – Dercsényi’s sociale, volkswirthschaftliche Ansichten und Betrachtungen über Volkserziehung. Wir versuchen im Folgenden das D.’sche, so viel besprochene System in seinen Hauptsätzen zusammenzufassen. „Derjenige, der mit seiner Lage zufrieden ist, wird in der Regel sich nicht nach Aenderungen sehnen, sondern vielmehr mit Lust an den ihn umgebenden Verhältnissen und Einrichtungen festzuhalten suchen. – Die Regierung eines jeden Landes mache es sich zur Hauptaufgabe, die Anzahl jener Einwohner, welche mit ihrer Lage zufrieden sind, auf jede thunliche und ehrliche Weise zu vermehren. – Dieses System, welches jede Regierung zu dem ihrigen machen sollte, nennt D. das Humanitätssystem. – Bei Prüfung und Entscheidung staatswirthschaftlicher Fragen sollte man von folgenden Principien ausgehen: Der Staat und dessen Verwaltung habe – nicht den Reichthum der Nation im Ganzen betrachtet und gleichviel, in wessen Händen sich der Reichthum befinde und concentrire, sondern die Wohlfahrt der sämmtlichen Volksclassen, welche den Staat bilden, und insbesondere die Wohlfahrt der unteren Volksclassen, weil diese es sind, welche als die eigentliche Basis des Staats der volkswirthschaftlichen Unterstützung am meisten bedürfen – als den Hauptzweck der Volkswirthschaft anzusehen und darnach vorzugehen. – Die Kinder der ärmsten Leute sind ohne Ausnahme in der Religion, im Lesen, Schreiben und Rechnen unabweislich zu unterrichten. – Die Aufrechthaltung des Familienlebens ist das sicherste Schutzmittel gegen Revolutionen, die Erziehung das einzige Mittel zur Verbreitung von Sittlichkeit und Reinheit, diesen Hauptpfeilern des Familienlebens. – Das Lebensalter des Kindes bis zum 6. Jahre ist das entscheidende und daher vorzugsweise diese Periode in’s Auge zu fassen. – Um das politische Volksleben zur vollen Geltung zu bringen, sorge man zunächst in jedem Lande für eine gute Gemeinde- und Städteordnung mit ausgedehnten Municipalrechten – die unmittelbare Mitwirkung bei der Gesetzgebung des Landes werde den Notabilitäten jeden Standes, selbst in den tiefern Schichten des Volkes, zugänglich gemacht.“ Dies beiläufig sind die Hauptmomente des D.’schen Systems, welche er mit zahlreichen praktischen Beispielen belegt, geschöpft aus dem unmittelbaren Verkehre mit den verschiedensten Volksstämmen, welche den Continent bewohnen, wobei ihm eine scharfe und glückliche Beobachtungsgabe und die wohlwollendste Redlichkeit der Absichten, wie endlich die seltene Kunst einer gemeinverständlichen Darstellung im hohen Grade gut zu Statten kommen.

Berichtigungen und Nachträge

  1. Dercsényi von Dercsén, Johann [s. d. Bd. III, S. 247][WS 1], gestorben zu Pesth im August 1863.
    Ungarische Nachrichten 1863, Nr. 201. [Bd. 14, S. 423.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: [s. d. Bd. IV, S. 247].
  2. Vorlage: nahmhafter.