BLKÖ:Grismondi, Paolina (Lesbia Cidonia)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Grisi, Julia
Band: 5 (1859), ab Seite: 360. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: 119403501, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Grismondi, Paolina (Lesbia Cidonia)|5|360|}}

Grismondi, Paolina, mit dem arkadischen Namen Lesbia Cidonia (Dichterin, geb. zu Bergamo 11. März 1746, gest. 8. März 1801). Eine Tochter des Edelmanns Secco Soardi, erhielt sie den ersten Unterricht im elterlichen Hause, wo ihr eigener Vater denselben leitete. In den schönen Wissenschaften, in der classischen Literatur, in der engl. und französ. Sprache machte sie überraschende Fortschritte, und gab frühzeitig Proben eines reichen dichterischen Talentes. Kaum 17 Jahre alt, vermälte sie sich mit dem conte Luigi Grismondi. Der Tod ihres ersten Kindes, eines Knaben, ergriff so sehr das weibliche Gemüth, daß ihr Gemal, um sie zu zerstreuen, mit ihr nach Verona übersiedelte. Hier hebt nun jener geistige Verkehr an mit den hervorragendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit, der sie einerseits zu Schaffen anregte, andererseits ihre literarische Stellung in der Gesellschaft begründete. Unter den Koryphäen des Kreises von Schöngeistern, der sie umgab, befanden sich Gerolamo Pompei, der berühmte Uebersetzer der Biographien Plutarchs, und Hyppolit Pindemonte. Nach der Rückkehr in ihre Vaterstadt veröffentlichte sie über Zureden ihres Landsmannes Joseph Beltramelli (s. d. I. Bd. S. 249) ihre ersten Poesien, die bald die Runde in den schöngeistigen Kreisen Italiens machten. Die Gesellschaft der Arkadier nahm [361] sie nun unter ihre Mitglieder auf, und unter dem Gesellschaftsnamen: Lesbia Cidonia veröffentlichte sie ihre schwungreichen Poesien. Ihrem Drange, die Welt zu sehen, folgend, unternahm sie Reisen in ihrem Vaterlande und nach Frankreich. In Paris empfing sie die Huldigung der damals dort lebenden geistigen Spitzen; Buffon, Mad. de Boccage, Boscovich, Dorat, Lalande, Le Brun, Le Mierre, Mercier, bildeten ihren Kreis. Nur Voltaire fand es noch nicht angemessen, der geistreichen Italienerin zu huldigen, und eines ihrer Madrigale, worin es unter anderem heißt:

A che giovammi il piede
Volgere alla città che s’erge altera
Di Senna in riva e sui costumi impera
D’Europa tutta, e alle bell’ arti e sede,
Se Voltaire veder or non poss’ io
Che delle Grazie e delle Muse e il Dio,

spricht deutlich ihren Schmerz darüber aus. Dieser Mahnung konnte der große aber eitle Dichter nicht widerstehen, und auch sie wurde nun Gegenstand seiner Aufmerksamkeit und Dichtung. Nach ihrer Rückkehr in’s Vaterland unterhielt sie mit den gewonnenen geistigen Freunden einen literarischen Briefwechsel, der sich gegenwärtig im Besitze eines ihrer Verwandten, des Abate Giovanni Mosconi befindet und reiches Materiale zu einer Geschichte der innersten literarischen Beziehungen ihrer Zeit enthält. Einen Theil dieses Briefwechsels nahm A. Rubbi auf in sein „Epistolario di Donne e d’uomini celebri morti o viventi nel Secolo XVIII“. Von zwei Einladungen, eine von Mascheroni, dem berühmten Professor der Mathematik in Pavia, dieser ehemaligen Capitale des Longobarden-Königs, eine zweite von Don Baldassare Odescalchi duca di Ceri, das ewige Rom zu besuchen, folgte sie der ersteren, welche Mascheroni in das berühmte, in seiner Gattung neue, dem didactischen Gedichte der Deutschen zunächst stehende Poem „l’Invito“ eingekleidet hatte, worin er mit Meisterschaft die wissenschaftlichen Schätze Pavia’s beschreibt, welche damals den Stolz Italiens bildeten. Im Anschauen der reichen wissenschaftlichen Schätze derselben schöpfte sie neue Nahrung zu poetischen Ergüssen. Der Ruhm einer Fürstin, welcher damals Europa erfüllte, entflammte auch Lesbia Cidonia zum Gesange, und sie schickte ihre bei Bodoni prächtig gedruckten „Sciolti der Kaiserin Katharina nach St. Petersburg. So entstanden namentlich auf ihren Zügen durch ihr Vaterland, wo sie überall neue Freunde unter den Ersten ihres Volkes gewann, viele Poesien, die, obgleich sie alle den gelegenheitlichen Charakter an sich tragen, sich durch Schwung, Gedanken und Reinheit des Styls hervorthun und zu den besten Dichtungen ihrer Zeit in Italien gehören. Gesammelt erschienen dieselben erst zwanzig Jahre nach ihrem Tode und wurden von ihrem Neffen Giov. Mosconi herausgegeben, welcher ihnen das begeisterte Elogio des Ab. Saverio Bettinelli (s. d. I. Bd. S. 357) vorausschickte. Von den ersten Geistern ihrer Zeit und ihrer Heimat wurde sie gefeiert; Beltramelli, Fontana, Pindemonte, Soave, Tiraboschi, Vanetti, Valletti, Vertova gehörten zu ihren Freunden und rühmen sie in ihren Schriften. Die wissenschaftl. Akademien der Halbinsel, die der Inestricati von Bologna, der Eccitati von Bergamo, der Dissonanti von Modena, der Catenati von Macerata, der Occulti von Rom, der Agiati von Roveredo, der Affidati in Pavia, die Florentinische Akademie, jene der Künste und Wissenschaften von Mantua, außer jener der Arkadier, welche ihr Bildniß bewahrt, zählten sie unter ihren Mitgliedern. Die Grismondi starb im Alter von 55 Jahren.

Vor der von ihrem Neffen Giovanni Mosconi [362] 1821 veranstalteten Ausgabe ihrer Poesie befindet sich Bettinelli’s „Elogio.“ Um einerseits die literar. Stellung anzudeuten, welche diese Frau zu ihrer Zeit einnahm, andererseits als Tribut dargebracht ihrer echten Weiblichkeit folge hier eine Stelle aus dem Elogio: „.... dimentico tutti gli altri suoi pregi ... no, non ricordo le molte Accademie alle quali fu ascritta, non[WS 1] gli uomini più illustri, che la encomiarono, non i tributi delle loro opere, non gli omaggi delle belle arti, che ella protesse e favoreggiò né lor cultori più celebri, nè il favore dei Principi, ne il plauso de’ pieni teatri al recitarvi talora tragedie, ne qualunque altra dote o gloria umana, che tutte dissipaiono in faccia della virtù divina, che in lei fu sempre la prima e formò le delizie di quel cuore che fu somma delizia di tutti i cuori.“Rovani (Giuseppe), Storia delle lettere e delle arti in Italia giusta le reciproche loro rispondenze (Mailand 1857, Sauvito) III. Bd. S. 632. – Dandolo (Girolamo), La caduta della repubblica di Venezia ed i suoi ultimi cinquanť anni. Studii storici ... (Venedig 1855, Naratovich, 8°.) Appendice S. 195 [nach diesem erst gestorben 1805].

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nou.