BLKÖ:Hebenstreit, Wilhelm

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 8 (1862), ab Seite: 180. (Quelle)
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Hebenstreit, Wilhelm (Schriftsteller, geb. zu Eisleben in Thüringen 24. Mai 1774, gest. zu Gmunden 17. April 1854). Beendete seine Studien zu Göttingen, wo er auch die philosophische Doctorwürde erwarb. Im Jahre 1811 kam er nach Wien, wo er mehrere Jahre privatisirend seinen Studien lebte. Im Juni 1816 übernahm er die Redaction der „Wiener Zeitschrift für Kunst und Literatur“, und brachte sie in kurzer Zeit, denn er legte im April 1818 die Redaction nieder, zu einiger literarischer Geltung im Auslande. Nun arbeitete er im „Sammler“, einem Wiener Journale, das vornehmlich vom Nachdrucke sein Dasein fristete; darin focht er seine Fehden mit Müllner aus, dessen Gereiztheit und Leidenschaftlichkeit er Ruhe und Kaltblütigkeit entgegenstellte und ein reges Leben in die geistige Apathie Wiens brachte, welche Müllner, so zu sagen der Privilegiumsinhaber der kritischen göttlichen Grobheit, und als solcher allgemein gefürchtet, vornehmlich veranlaßt hatte. Während der Jahre 1819–1821 betheiligte er sich an dem von Gräffer begründeten „Wiener Conversationsblatte“ mit dramaturgischen, topographischen und archäologischen Aufsätzen. Später zog sich H. von der Journalistik ganz zurück; jüngere Kräfte traten auf den Schauplatz; er selbst war alt geworden, und der Klopffechtereien um Schauspiel und Schauspielerinen müde, verließ er Wien und siedelte sich (um 1836) in Gmunden am Traunsee an, wo er nahezu zwei Decennien in den Reizen der Natur von seinen kritisch-ästhetischen Fehden ausruhte und 80 Jahre alt starb. Neben den obenerwähnten journalistischen Arbeiten gab H. auch einige selbstständige Werke heraus, und zwar: „Dictionarium editionum tum selectarum tum optimarum auctorum classicorum et Graecorum et Romanorum ad optimos Bibliographorum libros collatum emend. supplevit notulisque criticis instruxit“ (Wien 1828, Armbruster), ein Buch, das in Ansehung der Preise für den österreichischen Antiquarhandel noch heute brauchbar ist; – „Der Fremde in Wien und der Wiener in der Heimath“ (Wien 1829, 3. Aufl. 1836), ein seiner Zeit [181] beliebtes und gesuchtes Handbuch, welches nicht wie die heutigen „Fremdenführer“, eines dem andern mit allen Unrichtigkeiten nachgeschrieben, sondern auf Autopsie und mit gediegener Sachkenntniß verfaßt war; es erschien in neuer Bearbeitung unter dem Titel: „Der Reisende nach Wien und der Aufenthalt des Reisenden in Wien“ (Wien 1843, Tauer und Sohn, mit 3 Pl., 16°.); – seine „Wissenschaftlich-literarische Encyclopädie der Aesthetik. Ein etymologisch-kritisches Wörterbuch der ästhetischen Kunstsprache“ (Wien 1842, Gerold, neue T. A. 1847, Lex. 8°.) befriedigte nicht die Erwartungen; Ignaz Jeitteles war ihm mit seinem ästhetischen Lexikon zuvorgekommen, und hatte es verstanden, den Gegenstand in einer die Freunde solcher Lectüre anregenderen Weise zu behandeln; – noch aber hatte H. den letzten Wurf nicht gethan, für den er sein Werk: „Das Schauspielwesen. Dargestellt auf dem Standpuncte der Kunst, der Gesetzgebung und des Bürgerthums“ (Wien 1843, Fr. Beck, gr. 8°.) aufgespart hatte; in diesem Werke voll Stockgelehrsamkeit und gelehrten Zornes hatte er allen Groll, den er seit Jahren dem Theaterwesen und den Theaterleuten gegenüber getragen, gesammelt und endlich diese bis an den Rand mit Galle gefüllte Schale – aber so ungeschickt – ausgegossen, daß er sich selbst damit am meisten beschüttete. Das Buch ärgerte, ging aber, ohne tieferen Eindruck zu hinterlassen, vorüber, nur der geistvolle Rötscher würdigte es in seiner Schrift: „Das Schauspielwesen. Dargestellt auf dem Standpuncte der Kunst, der Gesetzgebung und des Bürgerthums. Von Hebenstreit. Vom Standpuncte heutiger Wissenschaft und Civilisation beurtheilt von Dr. H. Th. Rötscher[WS 1] (Berlin 1843, Wilh. Besser, 8°.), einer eingehenden Abfertigung. Ein Kritiker nannte Hebenstreit’s Buch kurz und treffend „ein Werk, hervorgegangen aus einer Vereinigung von Philisterthum und altbackener Moral, das den Stock des österreichischen Corporals und die schwarze Brille des Orthodoxismus trägt, und wenn es auch einzelne Urtheilslose durch seinen Citatenkram blenden könnte, für Kunst und Wissenschaft wirkungslos verhallen wird.“

Gmundner Wochenblatt, IV. Jahrgang (1854), Nr. 28: Nekrolog. – Faust, polygraphische Zeitschrift. Herausgegeben unter der Oberleitung von Hofrath Auer (Wien, gr. 4°.) Jahrgang 1854, Nr. 3. – Oesterreichische National-Encyklopädie, herausg. von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. II, S. 531 und Bd. VI, Supplement, S. 477. – Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz (Berlin, 4°.), herausgegeben von Gubitz, Jahrgang 1843, Nr. 182–184: „Hebenstreit und die Schauspielkunst“. – Frankl (L. A.), Sonntagsblätter (Wien, 4°.) II. Jahrg. (1843), S. 325, unter den Literatur-Notizen von Franz Gräffer (in der Notiz: „Shakespeare“). –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: G. Th. Rötscher. [Rötscher, Heinrich Theodor. (ADB)].