BLKÖ:Mälzel, Johann Nepomuk

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Mälzel, Leonhard
Band: 16 (1867), ab Seite: 248. (Quelle)
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Mälzel, Johann Nepomuk (Mechaniker und k. k. Hofmaschinist zu Wien, geb. zu Regensburg 15. August 1772, gest. im Hafen von Laguayra in den letzten Tagen des Juli 1838). Sein Vater war Mechaniker und Orgelbauer zu Regensburg und zog ihn frühzeitig zu seinem Geschäfte auf, damit er dereinst an ihm einen tüchtigen Gehilfen in demselben habe. Dabei ließ er ihm auch Clavierunterricht ertheilen. M. machte ganz tüchtige Fortschritte und galt in seinem 14. Jahre für einen der fertigsten Clavierspieler in Regensburg, gab auch in den Jahren 1788–1792 selbst Unterricht in seiner Kunst. Indeß blieb die Mechanik sein Hauptfach und um sich in derselben zu vervollkommnen, ging er im Jahre 1792 nach Wien und später nach London und Paris. Bei seinem nicht gewöhnlichen musikalischen Talente nahm auch seine Thätigkeit in der Mechanik vornehmlich eine musikalische Richtung. So erfand er denn zuerst das Panharmonicon, ein mechanisches Orchester, in welchem er auf eine sehr glückliche Weise den Ton mehrerer Instrumente, deren Nachahmung ihm gut gelungen war, vereinigte, und zwar in jenen der Trompete, Clarinette, der Viola und des Violoncells. Ueberdieß besaß das Instrument eine große Mächtigkeit des Klanges und gab alle Nuancen des Piano und Forte vortrefflich wieder. Diese Maschine war im Jahre 1805 fertig geworden; M. ließ sie in Wien öffentlich sehen und hören, wo sie großes Aufsehen erregte, ein vorangestellter martialischer Trompeter, der den österreichischen Kürassiermarsch blies, verfehlte nicht, in seiner Art beim Publicum Reclame zu blasen. Von Wien führte M. sein Instrument nach Paris, wo sogar Cherubini ein Stück „Das Echo“ für es componirte. Im Jahre 1807 hatte M. sein Panharmonicon für einen bedeutenden Preis verkauft, im folgenden Jahre aber bereits ein neues vollendet, bei dem er zugleich mehrere Verbesserungen angebracht hatte. Im Jahre 1808 war er wieder nach Wien zurückgekehrt und beschäftigte sich mit einer neuen Erfindung, dem Trompeter-Automaten, der ihm gleichfalls gut gelang und den Ruf des Erfinders bedeutend steigerte. Es ist derselbe Automat, der, als die Erzherzogin Maria Louise die Gemalin des Kaisers Napoleon wurde, aus Mälzel’s Fenster seine Melodien blies und hinter den die zusammengeströmte Wiener Bevölkerung auf einem Durchsichtbilde das sinnige Chronogramm TaCe, MVnDVsConCors, d. i. Schweige, die Welt ist einig (1810) las. Der Kaiser von Oesterreich ernannte M. zu seinem Hof-Kammermaschinisten. Mit dieser Erfindung machte M. wieder Reisen durch Deutschland, England und Frankreich u. s. w. Das Nächste, worauf M. jetzt verfiel, war der Versuch einer Verbesserung des Stöckel’schen Tactmessers. Das Schladebach-Bernsdorf’sche [249] Musik-Lexikon berichtet nun darüber folgendermaßen: „M. konnte mit dieser Verbesserung nicht zu Stande kommen; und als er im Jahre 1812 in Holland war, theilte er seine Verlegenheit dem Mechaniker Winkel in Amsterdam mit. Dieser löste das Problem und theilte M. das Resultat mit, worauf Letzterer sich der ganzen Sache bemächtigte, bloß eine in Grade eingetheilte Scala hinzufügte und so die Maschine herstellte, welche er Metronom nannte. Den Namen Winkel’s, als des eigentlichen Erfinders, verschwieg er wohlweislich, nahm in Frankreich ein Patent auf seine Maschine und errichtete 1806 in Paris eine förmliche Fabrik zur Verfertigung von Metronomen. Winkel, nachdem er alles dies erfahren hatte, reclamirte natürlich die Priorität der Erfindung für sich (s. Leipziger Musik-Zeitung, Jahrg. 1818, Nr. 25) und rief, als Mälzel später wieder einmal in Holland war, die niederländische Akademie als Schiedsrichterin auf. Diese setzte eine Commission nieder, welche die Sache auf’s Genaueste untersuchte und M. mußte wohl endlich eingestehen, daß der Ruhm der Erfindung Winkel gebühre, und daß die Gradscala das Einzige sei, welches er (M.) für sich in Anspruch nehmen könne. Eigentlich ist es also falsch, wenn man immer von Mälzel’s Metronom spricht; es muß de jure Winkel’s Metronom heißen. (Uebrigens sehe man über diese ganze Affaire einen Brief, der von einem Mitgliede der obengenannten Commission herrührt und sich in Fétis„Revue musicale“, Jahrg. 1829, S. 56 u. f. befindet).“ Herausgeber dieses Lexikons hat an diesem mit offenbarer Parteilichkeit – eine Eigenschaft, welche der Schladebach-Bernsdorf’sche Lexikon öfter entwickelt – verfaßten Berichte keine Sylbe geändert. Jedenfalls verdient die Angelegenheit auch eine Untersuchung von deutscher Seite. Im Jahre 1817 kehrte M. mit seiner neuen Maschine nach Wien zurück, von wo aus dieselbe über das ganze nördliche und östliche, wie von London aus über das ganze westliche und südliche Europa verbreitete. Ja selbst nach Amerika erstreckten sich seine Sendungen und fanden dort eine so günstige Aufnahme, daß sich M. persönlich zu einer Reise nach der neuen Welt entschloß. Am 20. December 1825 schiffte er sich mit seinen oben angegebenen Instrumenten und der Kempelen’schen Schachmaschine [Bd. XI, S. 158], mit deren Verbesserung er sich beschäftigte, in Havre (in Frankreich) auf dem Packetboote Howard, Capitän Eldredge, nach Newyork ein; am 7. Februar 1826 landete er in New-York, im nämlichen Jahre besuchte er noch Boston und Philadelphia, im Jahre 1827 Baltimore; im Jahre 1828 wieder Philadelphia und Boston, machte aber zu Ende genannten Jahres eine Reise nach Europa, von der er im nächsten Jahre neuerdings nach Newyork zurückkehrte. In den Jahren 1830 bis 1833 war er in Newyork, Philadelphia und Boston; im Jahre 1834 in Richmond und Charleston; im Jahre 1835 auch in Washington; im Jahre 1836 in Richmond, Cincinnati und Neu-Orleans, zu Ende des genannten Jahres machte er seinen ersten Besuch in der Havannah, den er im folgenden Jahre wiederholte. Im Juli 1838 kehrte er nach Philadelphia zurück und wurde am 21. Juli d. J. todt im Bette am Bord des Schiffes gefunden, welches von Laguayra nach Philadelphia zu segeln bestimmt war. Im Jahre 1826 bereits hatte M. ein [250] großes Etablissement errichtet. Bei seinem Tode hinterließ M. ein beträchtliches Vermögen, man schätzte es über eine halbe Million Thaler. Von seinen merkwürdigen Instrumenten ist der Kempelen’sche Schachspieler am 5. Juli 1854 in der Feuersbrunst zu Grunde gegangen, welche in Philadelphia Peale’s Museum zerstört hatte. Ueber seinen Bruder Leonhard siehe den folgenden Artikel.

Allgemeine musikalische Zeitung 1838, S. 676. – Neuer Nekrolog der Deutschen (Weimar, Bernh. Friedr. Voigt, kl. 8°.) XVI. Jahrg. (1838), S. 771, Nr. 269. – Poggendorff (J. C.), Biographisch-literarisches Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften (Leipzig 1859, Barth, gr. 8°.) Bd. II, Sp. 9. – Dlabacz (Gottfried Johann), Allgemeines historisches Künstler-Lexikon für Böhmen ... (Prag 1815, Gottlieb Haase, 4°.) Bd. II, Sp. 244 [nach diesem geb. im Jahre 1776]. – Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat (Wien, Strauß, 4°.) Jahrg. 1808, S. 112; Jahrg. 1813, S. 31, 498 u. 573. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Eduard Bernsdorf (Dresden 1856, R. Schäfer, gr. 8°.) Bd. II, S. 849. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Köhler, Lex. 8°.) S. 579. [Daselbst heißt es: „Mälzel Johann Nepomuk (nicht Leonhard)“, und scheint Gaßner damit anzudeuten, daß sein rechter Taufname Johann Nepomuk und nicht Leonhard sei. Nun aber ist zur Berichtigung anzuführen: daß Johann Nepomuk Mälzel einen Bruder Leonhard M. hatte, der ebenfalls ein geschickter Mechanicus war.] – Gerber (Ernst Ludw.), Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1813, Kühnel, gr. 8°.) Bd. III, Sp. 284. – Journal der Moden 1809, Sp. 251. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Bd. XX, S. 101. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien, 8°.) Bd. III, S. 525. [Daselbst geht aus den beiden Biographien des Johann Nepomuk und Leonhard Mälzel so viel hervor, als ob Leonhard der eigentliche Erfinder der berühmten musikalischen Automaten sei. Dem aber ist nicht so. Johann Nepomuk ist wirklich der Erfinder und hat sein Patent bloß auf Leonhard übertragen lassen.] – Osservatore triestino 1856, No. 75 [im Appendice, Aufsatz von Franceso Serafino Tomicich]. – Il Diavoletto (Triester Witzblatt) 1856, Nr. 104. – Gazetta musicale di Milano. Anno XV (1857), No. 12: „I metronomi di Maelzel“. Articolo di Mazzucato. – Fiske (Daniel Willard), The book of the first amerikan Chess-congress (New-York 1859, Rudd and Carleton, 8°.) p. 420–484, im Aufsatze: „The history of the automaton chess-player in America“ [eine mit der bekannten nordamerikanischen Gründlichkeit und Gediegenheit ausgeführte Arbeit. Herausgeber verdankt einer schriftlichen Mittheilung des Herrn Fiske die Nachrichten über Mälzel’s Reisen in Nordamerika].