BLKÖ:Morawetz, Franz (II.)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Morawetz, Franz (I.)
Band: 19 (1868), ab Seite: 73. (Quelle)
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Morawetz, Franz (II.) (Wiener Bürger, Gründer und Local-Director der unter dem Namen „Sophienbad“ bekannten Badeanstalt, geb. zu Raudnitz in Böhmen im Jahre 1789, gest. zu Wien 12. März 1868). Seine Eltern, israelitische Handelsleute, hatten auch den Sohn für den Kaufmannsstand bestimmt. Auf mehreren Geschäftsreisen in das industriereiche Sachsen lernte er mehrere Geschäftszweige kennen und verpflanzte einen derselben nach Oesterreich. Das Dekatiren des Tuches war noch bei uns unbekannt, und Morawetz war der Erste, der dieses Gewerbe in Oesterreich betrieb und eine solche Anstalt zu Prag in’s Leben rief. Schon im Jahre 1813 hatte er in Raudnitz die Bekanntschaft eines russischen Majors gemacht, der daselbst mit seinem Bataillon einquartiert war. Dieser Russe äußerte oft in den lebhaftesten Worten seine Sehnsucht nach den Bädern seiner Heimat, so daß die Aufmerksamkeit des jungen Morawetz dadurch erregt wurde und dieser den Major bat, ihm eine Beschreibung der [74] Einrichtung dieser Bäder zu geben. Von nun beschäftigte die Ausführung dieser Idee ununterbrochen des strebsamen Morawetz Geist und am meisten, nachdem er im Jahre 1826 nach Wien übersiedelt war. In Wien aber suchte ihn ein schweres Leiden heim: er erblindete. Alle Versuche, sein Uebel zu heilen, scheiterten, und auch als Blinder hielt M. an der Idee, ein russisches Dampfbad – das erste in Oesterreich – in Wien zu erbauen, fest. Nachdem er die Bewilligung dazu erhalten, ging er an die Ausführung seines Planes. Als Blinder leitete und überwachte er – merkwürdig genug – den ganzen Bau, den er höchst sinnreich construirt und mit allem Comfort ausgestattet hatte. Es war ihm gelungen, die Erlaubniß zu erhalten, das Bad in Rücksicht seiner heilbringenden Wirkung nach dem Namen der Frau Erzherzogin Sophie „Sophienbad“ nennen zu dürfen, das als solches bald nicht nur unter die Sehenswürdigkeiten Wiens gehörte, sondern bei seiner weiteren Entwickelung bald auch ein ungemein volksthümlicher Name wurde. Am 14. Jänner 1838 wurde das Sophienbad eröffnet. Als der Besuch des Bades, dessen wohlthätige Wirkungen sich bald merken ließen, immer mehr und mehr zunahm, in Folge dessen immer neue Vergrößerungen nöthig wurden, faßte Morawetz auch noch den Plan, in Verbindung mit dem Dampfbade eine große Schwimmschule zu errichten, die den Winter über als Tanzsaal dienen sollte. Der Plan war eigenthümlich, jedoch auch praktisch, da ihm aber die bedeutenden Mittel zur Ausführung desselben fehlten, übertrug er seine Rechte und Privilegien im Jahre 1844 an eine Actien-Gesellschaft, mit deren Hilfe ihm die Ausführung seines Planes vollends gelang. Am 11. Juni 1846 wurde das Schwimmbad eröffnet und noch im Winter desselben Jahres in dem Locale, in welchem den Sommer über gebadet worden, der erste Ball abgehalten. Wenige Zeilen mögen einen Begriff von dem Umfange des Ganzen geben. Der Bassin, an der Sprung- und Schwimmseite 11 Schuh, an der Badeseite 3 Schuh tief, 124 Schuh lang und 40 Schuh breit, faßt 20.000 Eimer Wasser, welche 30 Schuh hoch über dem Wasserspiegel der Donau in einen ersten Stock hinauf getrieben werden. Der Bassin gewährt 300 Badenden hinlänglichen Raum zum Baden und Schwimmen. Das Wasser wird aus der 280 Klafter entfernten Donau in gußeisernen Röhren nach einer besonderen Filtrirstube geleitet und gelangt aus dieser mittelst einer 6–7000 Eimer in der Stunde pumpenden Dampfmaschine an seinen Bestimmungsort. Hier wird es durch eine unter dem Boden des Beckens angebrachten Röhrenleitung bis zu 18° Reaumur, und zwar so erwärmt, daß die Temperatur der Badeseite etwa 1° Reaumur beträgt. Der geräumige Saal, dessen Decke auf 12 gußeisernen Bogen ruht, dient den Winter über, nachdem das Wasser abgelassen und der Bassin überdeckt worden, zu einer der schönsten Tanzlocalitäten der Residenz. Als Local-Director dieser Anstalt, die M., obgleich blind, doch durch zwei Jahrzehende persönlich leitete, war M. eine in Wien allenthalben bekannte Persönlichkeit. In den Räumen der Anstalt fand sich der blinde M. ohne Führer zurecht. Tag ein, Tag aus mit allen Gästen und Besuchern des Bades verkehrend, erkannte er jeden schon an der Stimme, häufig auch nur am Schritte allein, und nannte jeden beim Namen, ohne sich je zu irren. Dabei war er mit allen Bestandtheilen [78] der großen und complicirten Maschinen auf das Genaueste vertraut, gab alle Reparaturen, Verbesserungen, Ausschmückungen und Veränderungen der Räume selbst an und überwachte deren Ausführung, versah auch selbst die Cassengeschäfte, wobei ihn sein ungewöhnliches Gedächtniß wesentlich unterstützte. Mit diesen für einen Blinden um so bemerkenswertheren Eigenschaften verband er einen stets lebendigen Sinn für Humanität und eine seltene Herzensgüte. Sein Bestreben war darauf gerichtet, das wichtige sanitäre Institut aller Welt zugänglich zu machen, so ertheilte er an die Wohlthätigkeits-Anstalten und Unterstützungsvereine in Wien Gratiskarten oder bewilligte die Benützung der Anstalt gegen bedeutend ermäßigte Preise. Die Armen wurden vom Magistrat und von den Bezirksgemeinden zu Hunderten jährlich zu ihm geschickt, und allen gewährte er die Vortheile der Badeanstalt und beschenkte sie überdieß reichlich. So wurde ihm denn in Rücksicht seiner Verdienste um die Gesundheitspflege in Wien, durch Errichtung des ersten Dampfbades in Oesterreich, ferner durch Errichtung einer großartigen Schwimmanstalt in einem geschlossenen Saale und endlich durch Errichtung der ersten Heilanstalt für Brustkranke mit Anwendung des unter der Leitung des Dr. Freud stehenden pneumatischen Apparates von dem Gemeinderathe der Stadt Wien die große goldene Salvator-Medaille verliehen und ihm dieselbe im Jahre 1863 in feierlicher Weise übergeben. M. hat das hohe Alter von 79 Jahren erreicht. Das letzte Jahr war er ununterbrochen leidend. Die Anstalt verlor an ihm einen schwer ersetzbaren Director, die Actiengesellschaft eine ihrer wichtigsten und tüchtigsten Stützen. Sein Bild und eine Gedenktafel sind zur bleibenden Erinnerung im Conversationssaale des Sophienbades aufgestellt. M. ist später zur römisch-katholischen Kirche übergetreten.

Vogel (Max Jos. Dr.). Das Sophienbad des Franz Morawetz in Wien (Wien 1849, Pet. Rohrmann, kl. 8°.). – Jüdisches Athenäum. Gallerie berühmter Männer jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens u. s. w. (Grimma und Leipzig 1851, Verlags-Comptoir, 8°.) S. 162–167. – Steger (Fr.), Ergänzungsblätter (Meißen, O. Fr. Goedsche, gr. 8°.) Bd. VII, S. 528. – Meyer (J.). Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Suppl. Bd. IV, S. 721. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) VIII. Bd. (I. Semester 1847), S. 332 [mit einer Ansicht des Schwimmbassins und dem im Holzschnitte ausgeführten ähnlichen Bildnisse des Gründer Morawetz]. – Konstitutionelle Vorstadt-Zeitung (Wien) 1868, Nr. 72: „Franz Morawetz“. – Morgen-Post (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 72: „Morawetz; – Neues Fremden-Blatt (Wien, 4°.) 1868, Nr. 72. – Morawetz erscheint in Meyer’s „Großem Conversations-Lexikon“, im „Jüdischen Athenäum“, in Steger’s „Ergänzungsblättern“ u. a. Qu. statt mit dem Namen Franz, mit der Chiffre I. Das ist unrichtig, denn er heißt Franz Morawetz (hie und da auch Morawez geschrieben).