BLKÖ:Offenbach, Jacques

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Oetvős, August
Band: 21 (1870), ab Seite: 39. (Quelle)
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Offenbach, Jacques (Compositeur, geb. zu Cöln am Rhein 8. Juli 1822). Ein volles Decennium ist es, daß Offenbach und seine Musik in Wien an der Tagesordnung sind und einen nicht unwesentlichen Umschwung in der Volksbelustigung der Residenz [vergl. S. 41 die Qu.] hervorgebracht haben; auch bringt er jährlich seit mehreren Jahren längere Zeit in Wien zu, um seine Compositionen einzustudiren und öfter die ersten Vorstellungen derselben zu dirigiren; dieß rechtfertigt die Aufnahme seines Namens in dieses Werk, in welchem er jedoch nur in gedrängter Kürze und zunächst im Hinblicke seiner Wien vor allem betreffenden Wirksamkeit geschildert werden soll. Offenbach ist israelitischer Abkunft und sein Vater war Synagogencantor zu Cöln am Rhein. Schon als Knabe, 1833, kam Offenbach nach Paris in’s Conservatorium und wurde, erst 12 Jahre alt, Violoncellist an der Opera comique. Es zeigte wohl eine ungewöhnliche musikalische Begabung, wenn ein Knabe in diesen Jahren ein so schwieriges Instrument mit solcher Geschicklichkeit zu behandeln verstand, um im Orchester einer Oper den Platz einzunehmen. Drei Jahre blieb O. in diesem Orchester und machte sich nun durch kleine Compositionen in weiteren Kreisen bekannt, auch veranstaltete er jährlich Concerte, in welchen er öffentlich auftrat und auch einige Compositionen vortrug. Größere Aufmerksamkeit erregten zuerst seine Compositionen einiger Fabeln Lafontaine’s[WS 1], in denen sich bereits jene Gewandtheit und prickelnde Compositionsrichtung kundgibt, die später in seinen Opern und Operetten zu solchem Erfolge gelangten. Es war das im J. 1848, in welchem er auch in Folge der politischen Zeitverhältnisse Paris verließ und nach Deutschland zurückkehrte, wo er bis 1850 blieb, worauf er neuerdings Paris zum Schauplatze seiner Thätigkeit erwählte. Hier wurde er nun Musikdirector am Orchester des Theâtre français, an welchem er an Stelle der bisherigen trivialen eine gute Zwischenacts-Musik einführte und überhaupt für eine bessere musikalische Geschmacksrichtung verdienstlich wirkte. Mittlerweile hatte er durch kleine, meist scherzhafte musikalische Compositionen und Bouffonnerien, die er in Freundeskreisen manchmal zum Besten gab, Aufmerksamkeit erregt und es fehlte nicht von verschiedenen Seiten an Aufforderungen, sich in dieser Richtung an eine größere Arbeit zu machen. An Texten, die ihm von allen Seiten angetragen wurden, hatte er eine genug große Auswahl, und als er einige ausgewählt, war auch die Musik dazu bald fertig, aber, es fehlte an einer Bühne, die dieses neue Genre pflegen wollte. Und als sich keine fand, schritt O. selbst um die Concession zu einem Theater ein und eröffnete ein [40] solches im Jahre 1855 in den champs Elisées, das er ganz bezeichnend Buffes parisiennes nannte. „Les deux aveugles“ war die erste Operette, die er daselbst zur Aufführung brachte und mit welcher er entschiedenen Erfolg hatte. Die Bahn war gebrochen, der Zulauf zu diesem neuen Opernhäuschen ein so großer, daß er schon im nächsten Winter um ein größeres Locale sich umsehen mußte, das er auch in der Passage Choiseul im Salle Comte fand. Nun begann er eine erstaunliche Fertigkeit in Composition von Singspielen und Operetten zu entwickeln, deren Charakter den leichtlebigen Franzosen und einem den materiellen Interessen vorherrschend sich zuneigenden, jedes sittlichen Halts sich immer mehr entäußernden, und zur Fahne der Frivolität schwörenden Publicum vollkommen zusagte. Von seinen in dieser Periode geschaffenen Compositionen sind außer der schon genannten Operette „Les deux aveugles noch anzuführen: „La nuit blanche“; – „Ba-ta-clan“; – „Le Violoneux“; – „Pepito“; – „Tromb Alcazar“; – „Les Soixantesix“; – „La Demoiselle en loterie“; – „Dragonette“; – „Croquefer“; – „La Rose de Saint-Fleur“; – „Le Financier et le Savetier“; – „Les trois baisers du Diable“; – „Le Mariage aux lanternes“; – „La Chanson de Fortunis“; – „Orphée aux enfers“; – „Le Pont aux Soupirs“; – „Les Dames de la Halle“; – „Le Voyage de Dunanan père et fils“; – „Il Signor Fagoletto“ u. m. a. Bald kamen mehrere dieser Operetten und Singspiele auch auf deutsche Bühnen und seine Operette: „Le Mariage aux lanternes“, im November 1857 zuerst in Paris gegeben, kam schon im Juni 1858 in Berlin im Kroll’schen Locale mit Offenbach’s Pariser Truppe zur Aufführung. Der Erfolg war ein so vollständiger, daß auch das Wiener Carl-Theater sich beeilte, diese Novität seinem Publicum vorzuführen, und zwar kam die Operette, unter dem Titel: „Die Hochzeit beim Laternenschein“ für das Carl-Theater eingerichtet und instrumentirt von dem Capellmeister Karl Binder am 18. October 1859 zur ersten Aufführung. Mit diesem Werke, welches ungemein gefiel und viele sich rasch folgende Aufführungen erlebte, hatte Offenbach in Wien festen Fuß gefaßt. Es folgten nun zunächst: „Das Mädchen von Elisonzo“; – „Herr von Zuckerl, Vater und Sohn“, im Jahre 1864; – „Der Ehemann vor der Thür“, im nämlichen Jahre; – „Orpheus in der Unterwelt“; – „Der Schwätzer von Saragossa“, am 7. Jänner 1865; – „Signore Fagotto“, am 22. März d. J.; – „Die schöne Helena“, am 17. März d. J., unter des Componisten persönlicher Leitung; – „Der Cancan vor Gericht“, am 23. Juni d. J.; – „Die Schäfer“, am 17. Februar 1866; – „Die Zaubergeige“ u. m. A. Auch versuchte es O. mit einem größeren Werke, in welchem er einen ernsteren Ton anschlug, nämlich mit der dreiactigen romantischen Oper: „Die Rhein-Nixen“, in welcher er sein bisheriges leichtfertiges Genre in bewunderungswürdiger Weise verleugnete, was jedoch den Musikkritiker der „Neuen freien Presse“ zu der treffenden Bemerkung veranlaßte, „daß der Kunst mehr genützt sei mit einer Natur, die sich bekennt, als die sich verleugnet“. Zur Aufführung seiner Operetten und Singspiele, um dieselben einzustudiren, die ersten Darstellungen der größeren auch persönlich zu dirigiren, erschien und erscheint noch Offenbach alljährlich in Wien, nahm und nimmt dann daselbst einen längeren [41] Aufenthalt und wurde so bald eine gekannte, ja populäre Persönlichkeit der Residenz. Was aber noch mehr ist, Offenbach gewann mit seinen Operetten. zu denen sich das Publicum drängte, deren Gesangspiècen die Motive für Walzer, Quadrillen, Polka’s und Märsche wurden, die in jedem Orgelkasten durch eine oder mehrere Walzen vertreten waren, eine culturhistorische Bedeutung für Wien, eine reformirende für die Wiener Posse. Freilich laufen die Urtheile über den Componisten und seine Schöpfungen, je nach dem Standpuncte der Beurtheiler, in geradezu diametraler Richtung auseinander. Eines aber ist gewiß, die Musik an und für sich hat durch Offenbach’s Singspiele nicht gewonnen. Der Wiener Volksmuse wurde ein neues, wir stehen nicht an, es ausdrücklich auszusprechen, fremdartiges Element eingekeilt, das zuletzt unsere Possendichter, wenigstens die tüchtigen, die, wie z. B. Berg, als Vertreter des echten Volksstückes gelten, zur Umkehr aufforderte, ein Gewinn, der wieder reell[WS 2] genug ist, um sich über Geschmacks- und Kunstrichtung der Offenbach’schen Operetten hinwegzusetzen, wenn beide im Augenblicke noch lange nicht überwundene Standpuncte sind. Der Umstand aber, daß Offenbach’s Operetten bereits auf allen deutschen Bühnen sich eingebürgert, ja, daß sie, alles andere verdrängend, das Repertoir förmlich beherrschen, hat es veranlaßt, daß ein geistreiches Bonmot Offenbach den „Ewigen Juden der Musik“ nennt.

Waldheim’s Illustrirte Blätter (Wien, gr. 4°.) 1865, Nr. 7, S. 51: „Der Komponist des Orpheus“. – Europa. Zeitschrift für die gebildete Welt. Redigirt von Gust. Kühne (Leipzig, schm. 4°.) Jahrg. 1863, Nr. 31. – Debatte (Wiener polit. Blatt, gr. Fol.) 1867, Nr. vom 8. December, im Feuilleton. – Erinnerungen (Prager Unterhaltungsblatt), 88. Bd. (1864), S. 85. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) 38. Bd. (1862), S. 33. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Eduard Bernsdorf (Dresden 1857, Rob. Schäfer, gr. 8°.) Anhang, S. 276. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1864, Nr. 37: „Die Rheinnixen von J. Offenbach“, von Ed. Hanslick; – dieselbe, 1866, Nr. 126: „Ein Abenteuer Offenbach’s“. – Gartenlaube (Leipzig, Ernst Keil, gr. 4°.) 1868, Nr. 1, S 16: „Aus Offenbach’s Familienleben“. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1868, Nr. 1450: „Eine Tagesordnung J. Offenbach’s“. – Das Vaterland (Wiener politisches Parteiblatt) 1864, Nr. 306: „Tonkunst und Tonkünstler in Wien. II. Jacques Offenbach und die Rheinnixen“. – Porträte. Außer den Holzschnitt-Bildnissen in Waldheim’s „Illustrirten Blättern“ 1865, Nr. 7 (Kniestück) und in der Leipziger „Illustrirten Zeitung“, 38. Bd. (1862), S. 33, ist noch eine Caricatur Offenbach’s von Gaul bekannt, welche den Compositeur zeigt in wahrhaft bemitleidenswerther Magerkeit, in der Rechten schwingt er eine Lyra, die Linke scheint den Tact zu schlagen. Im Knopfloche des Salonfracks steckt das Wahrzeichen des galanten Franzosen, eine Rose, aus dem fliegenden „Schössel“ lugt der Zipfel eines Lorbeerkranzes. Haare, Backenbart, Lorgnette, wie man sie nur bei genialen Menschen findet. Der Caricaturist hat dem Componisten Flügel angelegt, doch nicht jene der Jupiterfliege?
Zur künstlerischen Würdigung Offenbach’s. „Unter den verschiedenen Bestandtheilen, welche die musikalische Atmosphäre Wiens zusammensetzen“ – schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ 1864, Nr. 76, in einem „Der Offenbach-Schwindel in Wien“ überschriebenen Feuilleton-Artikel – „nehmen seit einigen Jahren Offenbach’s Operetten eine hervorragende Stelle ein. Bist du Familienvater, so trällern sie dir deine unmündigen Töchter vor; wohnst du als einschichtiger Junggeselle in Aftermiethe, so wird sie die von deiner clavierspielenden Wandnachbarin in die Ohren getrommelt; ziehst du dich als Weltverächter auf den einsamsten Hof zurück, Bedauernswerther, es vergeht kein halber Tag und Offenbach wird dir, säuberlich auf eine Drehorgel abgezogen, in’s Haus gebracht. [42] Vollends auf die Straße gehen, einen Tanzsaal zu betreten, oder ein Schauspielhaus zu besuchen – darauf steht immer, wir wollen nicht sagen Todesstrafe, aber – Offenbach. Seit die alte Wiener Tanzmusik mit ihren beiden erfindungsreichen Vertretern (Strauß und Lanner) zu Grabe gegangen, ist keine musikalische Richtung aufgetreten, die gleich der Offenbach’schen in dieser fröhlichen Stadt zu einer socialen Macht herangediehen. Es gibt in Wien große Gesellschaftskreise, in welchen auf ein Haar gedacht und empfunden wird, wie Offenbach geigt und singt, und daß seine Musik nicht bloß ein persönliches Werk, sondern eine ästhetische Richtung darstellt, geht aus der Thatsache hervor, daß sie Schule macht, indem sie die plumpesten Wiener Musikanten zwingt, nach ihrer Pfeife zu tanzen. Worin steckt das Geheimniß solcher ungewöhnlichen Wirkung? Durch eine seltsame Verkettung von Umständen ist eine frühere nahezu unberechtigte Schichte der bürgerlichen Gesellschaft, gleich dem in der Tiefe gebildeten Treibeis, auf die Oberfläche derselben gekommen. Daß wir von dem bekannten orientalischen Wanderstamme reden, bedarf wohl kaum einer Andeutung. Geist und Geld als die beiden universellsten Mächte erkennend, suchten sich jene Fremdlinge der materiellen und idealen Hebel zu bemächtigen, durch welche die Welt, sobald nur ein fester Punct gegeben, aus den Angeln zu heben ist. Sie warfen sich demgemäß auf die Börse und auf das Zeitungswesen. Nun trat der ungeheuerliche Fall ein, daß Leute, denen es verboten war, ein bürgerliches Gewerbe zu treiben, durch ihren gefüllten Säckel ganze Staaten in Abhängigkeit von sich hielten, und daß Männer, denen es untersagt war, die geringste Gerichtsstelle zu bekleiden, oder doch nur in einer Volksschule das A-B-C zu lehren, durch ihre Zeitungen ungehindert zu Hunderttausenden aus dem Volke reden konnten. Ja so weit ging diese schneidendste aller Ironien, daß dieselben Leute öffentlich und schwarz auf weiß auf jene Gesetze schmähen durften, die ihnen gewisse bürgerliche Rechte entzogen. Auf solche Weise die Börse und die moderne Tribüne beherrschend, wuchsen sie zu einer Macht heran, vor welcher allmälig alle socialen und politischen Schranken zu fallen schienen. Erst vereinzelt, dann in geschlossenen Massen drangen sie in die Gesellschaft ein und eroberten sich in gewissen Schichten bald eine dominirende Stellung. Sie wurden tonangebend in politischen Dingen, in Sachen der Sitte, in Wissenschaft und Kunst. Sie saßen mit den Vätern der Stadt zu Rathe, sie schickten Vertreter in die gesetzgebenden Versammlungen, sie besetzten die Lehrstühle der Hochschulen, sie bevölkerten mit ihren Söhnen und Töchtern die Schaubühnen und Concertsäle. Es war ihnen gelungen, dem ganzen öffentlichen und häuslichen Leben den Stempel ihrer nationalen Eigenart aufzudrücken. Gerade zu der Zeit, da Offenbach’sche Musik in Wien zum ersten Male erklang, waren die socialen Elemente, von denen wir eben gesprochen, durch schwunghaft betriebenes Börsenspiel zu einer ungewöhnlichen Bedeutung herangewachsen. Offenbach erschien als der „Romantiker der Börse“, seine Musik als der „ästhetische Credit mobilier“. Neben der Abendbörse vor dem Café Fetzer und im Auwinkel bildete sich nun im Carl-Theater auch eine „musikalische Börse“. Jacques Offenbach war der Mann, welcher seinem Wesen und seiner Richtung nach den ästhetischen Bedürfnissen des Carl-Theaters wunderbar entsprach. Ein deutscher Jude von Geburt, war er, einer richtigen Witterung folgend, nach Paris gegangen und hatte dort in den Kreisen der Demimonde die vielseitigsten Geschmacksstudien gemacht, welche er nachmals in den von ihm begründeten Bouffes parisiennes erfolgreich verwerthete. Was ihm früher von deutschem Wesen mochte angeflogen sein, streifte er bis auf die letzte Spur ab. Er copirte das leichtfertige Geträller des Pariser Gassenhauers, er machte die Sache des Cancans zu der seinigen. Das Geheimniß seines dortigen Erfolges hat vor einiger Zeit ein launiges Pariser Feuilleton, das in einer norddeutschen Zeitung stand, ausgeplaudert. In gewissen Pariser Kreisen, meint dieser Feuilletonist, gefalle alles, was „canaille“ sei. Rigolboche eroberte sich alle Herzen durch ihre „danse canaille“; Therese wird angebetet ob ihres „chant canaille“. Jene Bücher, die den meisten Absatz in den Buchhandlungen haben, gehören zur „literature canaille“. Und Offenbach’s Musik, warum gefällt sie? Weil sie eine „musique canaille“ ist – der betreffende Feuilletonist mag dieses Wort vertreten.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Jean de La Fontaine (Wikipedia).
  2. Vorlage: reel.