BLKÖ:Pštroß, Franz Wenzel

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Psenner, Anton
Band: 24 (1872), ab Seite: 37. (Quelle)
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Pštroß, Franz Wenzel (Bürgermeister der Stadt Prag, geb. ebenda nach dem „Slovník naučný“ am 14., nach anderen Quellen am 15. März 1823, gest. ebenda 12. Juni 1863). Einer geachteten Bürgerfamilie [siehe die Quellen] entstammend, in der sich mehrere durch ihre Bürgertugenden ein bleibendes Andenken gegründet, ist P. ein Sohn des Prager Bürgers Franz X. Thaddäus [s. d. S. 40, in den Quellen, Nr. 3], besuchte, nachdem er die unteren Schulen in seiner Vaterstadt beendet, durch fünf Jahre das Prager Neustädter Gymnasium; brachte dann, mit Ausnahme größerer Reisen nach Deutschland und Frankreich, und später zur Londoner Welt-Ausstellung, den größten Theil seines Lebens in Prag zu. Schon im Jahre 1849 war der Verstorbene in dem damals begründeten Prager Handwerkerverein thätig und führte in Gemeinschaft mit Franz Richter und Riedel, die Leitung des Vereines. Im Jahre 1850, in welchem Pštroß als Mitglied der von böhmischen Industriellen nach Wien abgesendeten Deputation fungirte, die dem Minister Baron Bruck eine Vertrauensadresse überreichen sollte, wurde der Name des jungen Mannes zuerst in weiteren Kreisen bekannt. Charakteristisch schon für seine damalige Anschauungsweise ist die Art, wie er, als in [38] der Audienz bei dem Minister dieser in seiner Ansprach an Pštroß die Bezeichnung „Lederfabrikant“ anwendete, dieselbe ablehnte und sich als einfacher „Lohgärbermeister“ vorstellte. Auch später, und selbst als Pštroß als Präsident die Prager Handelskammer leitete, liebte er es, sich überall als „Handwerker“ zu geben und verschmähte es nicht, in seinem offenen Laden die Besucher in der Lederschürze zu empfangen und auch den geringsten seiner Kunden selbst zu bedienen. Im Jahre 1852 in die Prager Handelskammer gewählt, bewies er sich gleich von Anfang als Mann von tüchtiger Geschäftskenntniß und machte sich besonders durch eine scharfe Auffassung der zur Behandlung kommenden Fragen bemerkbar. Im Jahre 1856, als der damalige Kammerpräsident Riedel wegen erschütterter Gesundheit sich von der Geschäftsführung zurückziehen mußte und der Vicepräsident die Direction der Creditanstalt übernommen hatte, vertrat Pštroß diese beiden Männer in der Leitung der Kammer. Im November desselben Jahres schon ward er an Stelle Richter’s Vicepräsident und durch das allgemeine Vertrauen der Kammer im Jahre 1858 deren Präsident, welche Stelle er bis Februar 1859 bekleidete. In den letzten Jahren seines Lebens wandte sich P. mit Vorliebe der Beschäftigung mit politischen Fragen zu und wußte sich auf diesem Gebiete die rückhaltslose Achtung Aller zu erwerben. Im Jahre 1861 eröffnete sich ihm durch die Wahl zum Bürgermeister der Hauptstadt ein größeres Feld der Thätigkeit. Seine Wirksamkeit im Landtage, wo er bei vielen Gelegenheiten eine parteifreie, selbstständige Stellung bekundete, war von nicht geringerer Bedeutung. In seinen Geschäften, welcher Art dieselben sein mochten, bewährte er ebenso große Gewissenhaftigkeit als Tüchtigkeit. Seinen Geschäftsfreunden war er ein stets bereitwilliger Helfer und wohlwollender bewährter Rathgeber. Mehrere Jahre bekleidete er die Stelle eines Obervorstehers der Lohgerberzunft, und als Beweis des Vertrauens, dessen er bei seinen Gewerbegenossen sich erfreute, spricht die Thatsache: daß sie ihn trotz seines noch jugendlichen Alters zu ihrem Vorstande erwählten. Seine Arbeiter verehrten in ihm ihren für ihr Wohl besorgten Dienstherrn, der sie mit Rath und That, wo er nur konnte, unterstützte. Während der kurzen Dauer seines Bürgermeisterthums – nur zwei Jahre – traf er Verfügungen, die ihm ein bleibendes Andenken sichern. Bald nach Antritt seines Bürgermeisteramtes erließ er die Verfügung, daß auf allen Schulen der Stadt der Unterricht in der čechischen Sprache eingeführt wurde. Obgleich Čeche durch und durch und entschiedener Anhänger der nationalen Partei, war er doch – und das mögen sich die čechischen Germanophoben von heute zum Muster nehmen – zu einer Zeit, als die Wogen der nationalen Bewegung sehr hoch gingen, für die deutsche Volksschule in Prag eingetreten, und ist ihm die Errichtung zweier deutschen Schulen in Prag zu verdanken, Ueber seinen Antrag entstand eine höhere Mädchenschule; er förderte die Aufstellung des neuen Thores gegen Ujezd, die Herstellung des Karlsplatzes, die Ausschmückung der h. Kreuzcapelle, die Errichtung der Industrieschule und die Einführung der allgemeinen Gasbeleuchtung. Trotz seiner Verbindung mit dem Gewerbestande war er nie zünftig und sprach sich für eine freie Gewerbeverfassung, für einen Zollanschluß an Deutschland stets ebenso entschieden [39] und freisinnig, als praktisch und einsichtsvoll aus. Als der Entwurf des deutschen Handelsgesetzes in Nürnberg berathen wurde, brachte der „Tagesbote“ von ihm, der allen Bewegungen auf dem Gebiete des Handels und der Industrie eifrig folgte, mehrere Artikel, die, was Kritik, Ueberblick und Zusammenfassung betrifft, den tüchtigen, gewandten und unterrichteten Fachmann verriethen. Im Rathscollegium, wie im Landtage bewahrte er seine Unabhängigkeit, und wie empfindlich er auch immer gegen die öffentliche Meinung war, so ließ er sich doch nicht von dem Geschrei der Parteiorgane beherrschen und that, was er zum Besten des Wohles der Gemeinde oder ihrer Würde für recht, zweckmäßig oder billig hielt, unterstützte alles, was er sprach oder unternahm, durch rastlosen Eifer, durchdringenden Verstand und praktische Geschäftskenntniß, kurz, er war nicht nur Bürgermeister, sondern auch wirklich Bürger im vollen Sinne des Wortes. Als er starb und sein Stellvertreter (Dr. Bělsky) die Nachricht seines Todes veröffentlichte, so schrieb dieser in der Todesbenachrichtigung: „Prag verlor in P. einen seiner edelsten Söhne. Er dachte und sann nur auf das Wohl der Stadt. Ein wahres Vorbild öffentlicher Bürgertugenden, widmete er sich mit seltener Aufopferung seinem schwierigen und sorgenvollen Amte. Mit heißer Liebe seinem Vaterlande zugethan und treu ergeben dem Kaiser und Könige, hat er Recht und Gesetz sowohl gegenüber dem Einzelnen als auch der Gesammtheit redlich gehandhabt und in allen Zweigen der städtischen Verwaltung auf zeitgemäße Verbesserungen mit rastlosem Eifer hingewirkt. Franz Pštroß hat sich um seine Vaterstadt wohl verdient gemacht. Sein Andenken bleibt in den Annalen Prags unvergänglich.“ Pštroß hinterließ sechs Kinder, zwei Söhne und vier Töchter, denen er die sorgfältigste Erziehung hatte angedeihen lassen. Seine Frau, eine Tochter des Prager Tischlermeisters Feigel, starb schon vor ihm im Jahre 1854, seine Mutter wenige Monate vor ihm. Die Krankheit, die ihn nach nur viertägigem Krankenlager dahingerafft, war eine rasch verlaufende Lungenentzündung, zu welcher sich dann noch eine Hirnhautentzündung gesellt hatte.

Prager Zeitung 1863, Nr. 138. – Tagesbote aus Böhmen 1863, Nr. 161. – Erinnerungen (Prager Unterhaltungsblatt, 4°.) 86. Band (1863), S. 23. – Waldheim’s Illustrirte Zeitung (Wien) 1863, Nr. 78, S. 934. – Politik (Prager polit. Blatt) 1863, Nr. 162. – Hlas, d. i. die Stimme (čechisches polit. Blatt) 1863, Nr. 161 u. 162. – Pozor, d. i. der Beobachter (Prager čech. polit. Blatt) 1863, Nr. 108. – Slovník naučný. Redaktor Dr. Frant. Lad. Rieger, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Frz. Lad. Rieger (Prag 1869, Kober, Lex. 8°.) Bd. VI, S. 1078, Nr. 6. – Česko-moravská pokladnice na rok 1864, d. i. Čechisch-mährisches Schatzkästlein. Kalender auf das Jahr 1864, S. 110. – Ueber die Leichenfeier. Bohemia (Prager polit. u. Unterhaltungsbl., 4°.) 1863, Nr. 139, S. 1561. – Der Pilsner Bote (polit. Localblatt, 4°.) VII. Jahrg. (1863), Nr. 49. – Der Bote aus dem Böhmerwalde (polit. Localblatt), I. Jahrg. (1863), Nr. 25. – Porträte. 1) Holzschnitt in Waldheim’s „Illustrirter Zeitung“ 1863, S. 936, nach einer Photographie von Brandeis [schöner und sehr ähnlicher Holzschnitt]; – 2) Holzschnitt in der „Česko-moravská pokladnice na rok 1863, S. 111, aus der X. A. von Max Müller; – 3) Lithographie, als Beilage zu den „Erinnerungen“ 1863, S. 63. – Eine Abbildung seines Leichenbegängnisses brachte Waldheim’s „Illustrirte Zeitung“ 1863, S. 937, nach einer Skizze von Barwitzius. – Ein bösartiges, auf die Prager deutsche Presse gemünztes satyrisches Bild auf Pštroß brachten seiner Zeit die in Prag erscheinenden „Humoristicke listy“; V. Jahrgang [40] (1863), S. 334: „Dobří přátelé z počátku a ku konci“, d. i. Gute Freunde zu Anfang und zu Ende, von F. R. gezeichnet.