BLKÖ:Pleyel, Ignaz

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Nächster>>>
Pleyer, Joseph
Band: 22 (1870), ab Seite: 436. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Ignaz Josef Pleyel in der Wikipedia
GND-Eintrag: 118792555, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Pleyel, Ignaz|22|436|}}

Pleyel, Ignaz (Tonsetzer, geb. zu Ruppersthal bei Wien im Jahre, gest. zu Paris 14. November 1831). Sein Vater Martin war Schullehrer in Ruppersthal und Ignaz sein 24. Kind; die Mutter – ursprünglich von hoher Geburt – starb, nachdem sie ihm das Leben gegeben. Der Vater verheirathete sich zum zweiten Male und zeugte noch 14 Kinder; so erzählt uns Fétis in seiner „Biographie Universelle“. Der Sohn Ignaz zeigte frühzeitig Anlage und Neigung zur Musik, und zugleich mit dem Sprechen erlernte er auch die Elemente derselben. Noch als [437] Knabe schickte ihn der Vater nach Wien, wo er bis in sein fünfzehntes Jahr bei Wanhall Clavierunterricht hatte. Nun (im Jahre 1772) nahm ihn der ungarische Graf Erdödy in seinen besonderen Schutz und gab ihn zu Joseph Haydn als Schüler und Kostzögling in’s Haus. Bis zum Jahre 1777 blieb P. unter dieses großen Meisters Leitung, unter welcher er bedeutende Fortschritte in der Kunst machte. Nun ernannte ihn Graf Erdödy zu seinem Capellmeister, und nachdem er mehrere Jahre in seinen Diensten gestanden, erfüllte er die Sehnsucht des jungen Künstlers: auf Reisen zu gehen und gab ihm die erforderlichen Mittel dazu. Zunächst besuchte P. Italien und hielt sich in den bedeutenderen Städten der Halbinsel bald längere, bald kürzere Zeit auf, setzte fleißig seine musikalischen Studien fort und machte mit den vorzüglichsten Meistern Bekanntschaft. Im Jahre 1781 war er wieder nach Wien zurückgekehrt, blieb aber nur kurze Zeit daselbst, worauf er neuerdings eine Reise nach Italien unternahm, dort bis zum Jahre 1783 zubrachte und nun einer Berufung nach Straßburg folgte, um den alt und hinfällig gewordenen Capellmeister Franz Xaver Richter als Capellmeister-Adjunct am Münster in seinem Geschäfte zu unterstützen. Bereits damals war sein Name durch verschiedene Instrumental-Compositionen, insbesondere Quartette, vortheilhaft bekannt; jetzt in seiner neuen Stellung schrieb er auch viele Kirchenmusiken, die großen Beifall fanden, aber sämmtlich in einer Feuersbrunst zu Grunde gegangen sind. Als Franz Xaver Richter im September 1789[WS 1] starb, wurde P. als wirklicher erster Capellmeister am Münster sein Nachfolger. Noch zu Ende desselben Jahres erhielt P., dessen Künstlerruf sich immer mehr und mehr verbreitete, eine Einladung, nach London zu kommen und für das dortige Professional-Concert einige Symphonien zu componiren. P. folgte dieser Einladung, seine Compositionen gefielen ungemein, was etwas bedeuten wollte, zu einer Zeit, in welcher sein eigener Lehrer Haydn in London die größten Triumphe feierte. Nun kehrte er nach Straßburg zurück und lebte daselbst auf seiner nahe gelegenen Besitzung Dorlisheim seinem Berufe und seinen musikalischen Arbeiten. Die Wirren der Revolution scheuchten nun auch P. aus seiner Ruhe auf; von den Fanatikern verdächtigt, der Partei der Aristokraten anzugehören und zu verschiedenen Malen bereits bedroht, mußte er, wenn er nicht das Aergste befürchten wollte, flüchten; sein Amt am Münster hatte er durch die von der Revolution decretirte Aufhebung des katholischen Cultus ohnehin verloren. Um seine Familie wieder zu sehen, wagte sich P. aus seinem Verstecke, schlich sich auf seine Besitzung zu den Seinigen, wurde aber entdeckt, ergriffen und vor die Straßburger Municipalbehörde geführt. P. gab sich nun dort alle Mühe, seinen echten Bürgersinn zu beweisen, man glaubte ihm aber nicht eher, als bis er einwilligte, eine Musik zu einer Cantate zu componiren, deren Text von einem Septembriseur verfaßt und welche zur Feier des 109. August bestimmt war. P. vollendete richtig in Haft und unter Aufsicht, die Composition, sie wurde im Münster aufgeführt und machte einen großartigen Eindruck. Unter anderen Mitteln, mit seinem Tonstücke zu wirken, bediente sich auch P. des folgenden, daß er sieben abgestimmte Glocken, welche verschiedenen Straßburger Kirchen abgenommen waren, darin angebracht hatte. Näheres darüber siehe [438] im „Faust“ von Auer, 1854, S. 102. Wurde ihm nun auch nichts weiter in den Weg gelegt, so war ihm doch durch diesen Vorfall der längere Aufenthalt in Straßburg verleidet, er verkaufte seine Besitzung und übersiedelte zu Anfang des Jahres 1795 mit seiner Familie nach Paris. Der immer steigende Erfolg seiner Compositionen, von dem die Verleger bisher den hauptsächlichsten Nutzen gezogen hatten, veranlaßten P., sein eigener Verleger zu werden, und so errichtete er denn eine Musikhandlung und Notendruckerei, zu welcher er später noch eine Clavierfabrik hinzufügte. Diese Anstalten, insbesondere die Musikalienhandlung, hob er durch seine Energie und musikalische Kenntniß bald zu einer der bedeutendsten in Europa. Eine seiner verdienstlichsten Unternehmungen dabei war die im Jahre 1801 unternommene Herausgabe einer „Bibliotheque musicale“ in welcher er die berühmtesten Werke italienischer, deutscher und französischer Musiker dem Publicum vorführte. P. leitete, nachdem er selbst zu componiren bereits aufgehört hatte, sein Geschäft noch durch mehrere Jahre fort, dann zog er sich auf ein von Paris entferntes Landgut zurück, wo er im Alter von 74 Jahren starb. P. erfreute sich zu seiner Zeit als Tonsetzer einer großen Beliebtheit, seine Compositionen waren die Favoritstücke aller Dilettanten Deutschlands, Frankreichs, Englands und der Niederlande. Die Zahl derselben ist ungemein groß und weder im Ganzen noch nach den einzelnen Gattungen genau anzugeben, weil erstens nicht mehr nachgewiesen werden kann, was Original und was nur Arrangement ist, und zweitens, weil Vieles unter seinem Namen erschien, was gar nicht von ihm componirt ist, da er als Verleger von der Beliebtheit seines Namens Nutzen ziehen wollte. Das reichste und wohl richtigste Verzeichniß seiner Compositionen theilt Gerber in seinem „Lexikon der Tonkünstler“, und zwar in beiden Ausgaben zusammen mit; sie umfassen 29 Symphonien, 1 Septett für 5 Streichinstrumente und 2 Hörner, 1 Sextett für Streichinstrumente, 5 Sammlungen Streichquintette, 45 Streichquartette, 6 Quartette für Flöte und Streichinstrumente, 4 Hefte Streichtrios, 2 Concerte für Violine und 2 für Violoncell, 6 concertirende Symphonien für zwei und mehrere Instrumente, 6 Lieferungen von Violinduetten, einige Duetten für Violine und Viola, für Viola und Violoncell, 2 Clavierconcerte, 10 Sammlungen Claviertrio’s, 6 Lieferungen Claviersonaten und die Oper: „Iphigenia in Aulide““. Von Pleyel’s theoretischen Werken sind anzuführen: „Anweisung, das Fortepiano zu spielen“ (Braunschweig, Spehr), auch im Auszuge unter dem Titel: „Kleine Clavierschule“; – „Clavierschule nebst 27 Uebungsstücken“ (Leipzig, Peters); – „Clavierschule mit besonderer Rücksicht der jetzigen Leistungen auf diesem Instrumente. Bearbeitet von Czerny“ (Wien 1830, Fol.) – und mit Dussek zusammen: „Kleine Clavierschule. Ein Handbuch für Anfänger“ (Ulm, Ebner, gr. 4°.) [vergl. Karl Ferd. Becker’s „Systematisch-chronologische Darstellung der musikalischen Literatur“ (Leipzig 1836, Friese, 4°.) Sp. 374 und Anhang Sp. 91]. Von den Prachtausgaben fremder Musiker, welche in seinem Verlage erschienen, sind besonders hervorzuheben: Joseph Haydn’s Quartette für 2 V., A. u. B., eine Sammlung von dessen Claviersonaten mit und ohne Accompagnement in 6 Heften (auf Velinpapier, broschirt 82 fl., beide Ausgaben mit Haydn’s Bildniß); [439] ferner die Quartette und Quintette u. dgl. m. für Bogeninstrumente in Stimmen, des Italieners Boccherini u. s. w. Interessant ist das Urtheil eines Fachmannes, des Culturhistorikers Riehl, welches dieser über Pleyel als Compositeur fällt, indem er ihn mit einem anderen Musiker, Anton Rösler – bekannter unter dem italienischen Namen Rosetti – parallelisirt. „Rosetti, schreibt Riehl, copirte Haydn mitunter absichtlich, wie das fast alle seine Richtungsgenossen gethan, und jedenfalls stand er diesem Vorbilde an Zartheit der Empfindung und Feinheit des Ausdruckes näher als andere bekanntere Schüler, die des Meisters Art so recht handwerksmäßig im Griffe hatten. Das gilt namentlich von Pleyel, der in Haydn’scher Manier, wie man sagt, dem Teufel ein Ohr abschrieb, und mit Werken, in denen Haydn’s Formalismus, nicht aber Haydn’s Geist herrschte, ganz Deutschland, ja halb Europa Jahrzehnde lang überschwemmte. Wenn Pleyel den Styl Haydn’s nachahmte, wie der Kammerdiener die Manieren seines Herrn, und Haydn sich dadurch geschmeichelt fühlte und den federfertigsten Schüler auch für seinen besten Schüler erklärte, so ist dieses Urtheil freilich sehr menschlich, aber es darf den Kunstrichter nicht irre machen. Und es fiel für jenes Lob eine schwere Rache auf Haydn’s Haupt zurück, denn gerade die fabrikartige Nachahmung, wie sie Pleyel betrieben, brachte die edlen Haydn’schen Formen in Verruf. Man ließ das Original die Schwächen der Copie entgelten und fand zuletzt den ganzen Styl hölzern und abgedroschen, wo doch nur der Famulus Wagner des großen Meisters hölzern und abgedroschen geworden war. Rosetti ist in seinen kleineren Arbeiten oft technisch viel schwächer als Pleyel, aber er war kein lederner Philister, wie dieser es zuletzt geworden, darum steht er auch in der Technik seiner größeren eigenen und ganzen Werke doch wieder weit höher als Pleyel.

Gerber (Ernst Ludwig). Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1790, Breitkopf, gr. 8°.) Bd. II, Sp. 160–163. – Derselbe. Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1813, A. Kühnel, gr. 8°.) Bd. III, Sp. 733–739 [in beiden Werken findet sich ein vollständiges Verzeichniß von P.’s Werken]. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Frz. Köhler, Lex. 8°.) S. 689. – Neuer Nekrolog der Deutschen (Weimar, B. Fr. Voigt, 8°.) IX. Jahrg. (1831), 2. Thl, S. 967, Nr. 356. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. IV, S. 234. – Milde (Theodor), Ueber das Leben und die Werke der beliebtesten deutschen Dichter und Tonsetzer (Meißen 1834, Goedsche, kl. 8°.) Bd. II, S. 92. – Riehl (W. H.), Musikalische Charakterköpfe. Ein kunstgeschichtliches Skizzenbuch (Stuttgart und Tübingen 1833, Cotta, 8°.) S. 220. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Zweite Abthlg. Bd. IV, S. 159. – Faust. Polygraphische Zeitschrift. Herausg. von Auer (Wien, gr. 4°.) 1854, Nr. 13, S. 102: „Umschau in der musikalischen Welt“. – Zeitung für die elegante Welt (Leipzig, 4°.) 1827, Nr. 198: „Ignaz Pleyel und der Engländer“. – Originalien aus dem Gebiete der Wahrheit, Kunst, Laune und Phantasie. Redigirt von Georg Lotz (4°.) 1828, Nr. 17: „Ein Besuch bei Pleyel“. – Porträte. 1) Guerin del., Lierd sc. (4°.); – 2) Idem del., Tromlitz sc. (4°.); – 3) Idem del., F. W. Nettling sc. (4°.); – 4) Idem del., Biosse sc. (4°.); – 8) H. E. v. Winter lith. (Fol.), selten; – 6) T. Hardy pinx.. W. Nutter sc. (Gürtelbild, Fol.).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 1791.