BLKÖ:Prati, Johann

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Prastorfer, Franz
Band: 23 (1872), ab Seite: 200. (Quelle)
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Prati, Johann (italienischer Dichter, geb. zu Dasindo in Südtirol 27. Jänner 1815). Entstammt einer alladeligen Südtiroler Familie. Sein Vater war ein wohlhabender, jedoch höchst sittenstrenger Mann, und seine Mutter die Tochter des berühmten Arztes Manfroni. Seine Studien begann P. in Trient, ging dann nach Padua an die juridische Facultät, beschäftigte sich dort aber vielmehr mit dem Studium der alten und neuen Poeten aller Sprachen, als mit den Rechtswissenschaften. Schon damals schrieb er lateinische Dichtungen, von denen eine [201] „Sappho“ später im Drucke erschien. Nach vollendeten Studien kehrte P. in seine Heimat zurück, um Advocat zu werden, gab sich jedoch statt dessen ganz der Poesie hin. Im Anfange der Vierziger-Jahre, als er sich in der Lombardei aufhielt, befand er sich im Zenithe seines Ruhmes, die ganze Jugend Italiens durch seine begeisterten Werke mit sich fortreißend. Damals wäre es eine leichte Sache gewesen, P. ganz an Oesterreich zu fesseln, und es wurde auch bei der Wahl eines Redacteurs für das Feuilleton der Mailänder Zeitung auf P. als die geeignetste Persönlichkeit hingewiesen; das Mailänder Gouvernement jedoch, welches bei Festlichkeiten und dergleichen Tausende und aber Tausende hinauswarf, knikerte und knauserte dem Poeten gegenüber, so daß dieser empört, Mailand im Jahre 1843 verließ und nach Turin auswanderte, wo ihn Karl Albert mit offenen Armen empfing, ihn zu seinem Hofpoeten ernannte und ihm sofort eine Stelle bei dem Regierungsblatte anwies. Auch trug er P. auf, eine National-Hymne zu dichten, welche dieser noch in demselben Jahre veröffentlichte und in ihr Karl Albert als den Befreier Italiens begrüßte. Diese Hymne erregte damals überall, ja selbst in der Diplomatie, gerechtes Aufsehen. Bis zum Jahre. 1847 veröffentlichte P. eine größere Anzahl poetischer Werke, meistens lyrischen Inhaltes; von diesem Jahre bis 1856 hingegen fast nur politische Dichtungen, welche ihm, da sie von antirepublikanischer Gesinnung durchdrungen, die ganze rothe Demokratie im Lande, ihm schon seit 1846 wegen seines Gedichtes: „A Fanny Elsler, als der Apotheose einer Deutschen gram, zum Todfeinde machten. Bis zum Jahre 1861 lebte er bald in Florenz, bald in Turin. 1861 wurde er zum Professor der italienischen Beredsamkeit an der Universität Bologna ernannt, welche Stelle er jedoch, wie Brockhaus’ „Conversations-Lexikon“ angibt, ausgeschlagen haben soll. Im Sommer des Jahres 1868 besuchte P. seine Heimat Südtirol und wurde bei dieser Gelegenheit in Trient von den daselbst lebenden Italianissimi zu einer Tafel geladen. Der erste Toast galt P., dem gefeierten Dichter und Patrioten und man erwartete wohl, P. werde auf den König von Italien einen Trinkspruch ausbringen, indessen aber forderte er die Gesellschaft zum grenzenlosen Erstaunen derselben auf, die Gläser auf das Wohl des ritterlichen Kaisers Franz Joseph I., des constitutionellen Monarchen Oesterreichs, zu leeren. Was den ästhetischen Werth der poetischen Erzeugnisse P.’s anbelangt, so ist es unendlich schwer, ein Urtheil über dieselben zu fällen. Auch ist P. für das Verständniß des Auslands, besonders für Deutschland, das ihn eben sehr unrichtig be- oder eigentlich verurtheilt, kaum je zugänglich, da er sich selbst eine durchaus eigenartige Phraseologie gebildet, die höchst schwierig zu übersetzen und selbst den Italiener oft fremdartig berührt, ohne deßhalb gerade unberechtigt zu sein. Wenn übrigens Schwung, Phantasie, Ideenreichthum, Bilderfülle, Adel der Gesinnung, vor allem aber dasjenige, was als „Deus est in nobis agitante calescimus illo“ bezeichnet wird, mit seltener und mannigfaltiger Formgewandtheit verbunden, den Dichter ausmachen, dann zählt P. unbedingt zu den ersten Poeten der Gegenwart. Die ganze neuere Poeten-Generation Italiens, Aleardi nicht ausgenommen, hat in der selbstgeschaffenen Schule P.’s ihre Impulse erhalten, sich seine Gestaltungsweise angeeignet und seine Manier nachgeahmt. Daß bei alledem es an Prati auch viel Ueberspanntes, [202] Nebuloses und Schwülstiges auszusetzen gibt, läßt allerdings sich nicht läugnen. Die wichtigsten Werke P.’s sind folgende: „La Edmenegarda“, eine poetische Erzählung. Jedenfalls P.’s berühmtestes Werk. Die Geschichte beruht auf Thatsachen und in der Heldin ist die schöne Schwester des nachmaligen Dictators Daniele Manin idealisirt; – „Canti lirici“; – „Canti per il Popolo“; – „Ballate“, 3 Bde. (Mailand 1843); – „Lettere a Maria“ (1843); diese Schrift, Betrachtungen über die bildende Kunst enthaltend und an Göthe’s „Werthers Leiden“, wie an Sterne’s „Empfindsame Reise“ mahnend, gehört zu der schönsten Prosa der modernen Literatur Italiens; – „Memorie e Lacrime“ (1844), enthaltend 100 Sonetten; – „Nuovi Canti“, in welcher sich die Ballade „Ruello“ befindet, zu welcher die „Leonore“ von Bürger den Impuls gegeben zu haben scheint; – „Passeggiate solitarie“, 2 Bde. (Padua 1847); die zweite Auflage enthält auch das gegen seine Tadler gerichtete Gedicht: „A Mevio“; – „In Morte di Silvio Pellico, Canto“, ein rührender Nachruf an diesen unglücklichen Sänger; – „Satana e le Grazie. Legenda“ (1854). eine geistvolle poetische Satyre; – „Rodolfo“, eine poetische Erzählung, in welcher er sich theilweise selbst charakterisirt; – „Jelone di Siracusa“ (1855), ein didaktisch erzählendes Poem gegen die Todesstrafe; – „Il Conte di Riga“, poetische Erzählung; – „Nuove Poesie“ (Turin 1856), meist Lyrisches enthaltend; – „Vettor Pisani“, eine venetianische Geschichtsepisode; – „Ariberto“ (Turin 1860), ein Roman in Versen; – „Due Sogni“, eine Vision in zwei Gesängen. Außerdem schrieb P. noch einige Operntexte, eine lateinische Dichtung „Sappho“, welche 1858 in der „Rivista illustrata“ abgedruckt wurde und führte im Jahre 1856 im „Risorgimento“ eine heftige Polemik gegen Lamartine wegen dessen Verurtheilung Dante’s. Seit 1861 publicirt er auch zeitweilig Proben einer italienischen Uebersetzung von Virgil’s „Aeneide“. Das in der Quelle angeführte Essay enthält eine höchst charakteristische Schilderung der Persönlichkeit P.’s, wie sie sich in den Vierziger-Jahren darstellte. Sie lautet: „P. war in seinen jüngeren Jahren eine stolze, männlich imponirende Erscheinung; der alle Frauenherzen Italiens warm entgegen schlugen. Die Gestalt groß, ebenmaßvoll, kräftig entwickelt; das dunkle Auge feurig und unstet; das Haar rabenschwarz und in reicher Fülle bis auf die Schultern herabfallend; die Stimme metallreich, sinnlich wirkend und der stärksten wie der weichsten Modulation fähig, was ihm besonders bei dem Improvisiren sehr zu statten kam, denn P. ist auch in dieser Kunst, welcher er ganz eigenartige Effecte und ungewöhnliche Seiten abzugewinnen versteht, Meister. Im Privatleben macht Prati den nicht immer freundlichen Eindruck einer unberechenbaren Individualität, voll der auffallendsten Contraste. Man merkt an ihm sogleich den genialen Sonderling. Bei Tag fast immer allein und auf weit abgelegenen Wegen und Bergpfaden einsam umherirrend, stürzt er sich erst bei herannahendem Abend in den Strom eines genußsüchtigen abenteuerlichen Lebens“. Dieselbe Quelle führt auch den Spruch: „Fede e libertà“ als P.’s Wahlspruch an. P. heirathete bereits 1834, in seinem 19. Jahre, und zwar Elisa Bassi, eines der schönsten Mädchen von Trient, verlor aber seine Gattin schon im Jahre 1839 durch den Tod. Er [203] hatte aus dieser Ehe drei Kinder, von denen zwei kurz nach der Geburt starben. Nur ein Mädchen mit Namen Ersilia, welche noch heute die Tage ihres alternden Vaters verschönt, blieb am Leben.

Ein noch ungedruckter Essay über Prati von Cajetan Cerri, dessen Herausgabe der Verfasser beabsichtigt und welches zu benützen dem Herausgeber dieses Lexikons gestattet war. – Conversations-Lexikon, herausgegeben von F. A. Brockhaus (Leipzig 1867, Brockhaus, gr. 8°.) 11. Auflage, Bd. XII, S. 4. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1868, Nr. 185. – Porträt. Unterschrift: G. Prati. „Son più del ver che di me stesso amico.“ Memorie e Lagrime. Vajani inc. (Holzschn., gr. 8°.). – In der Lebensbeschreibung P.’s wurde bemerkt, daß er einer adeligen Familie abstamme. In der That gibt es eine adelige Familie Prati, indem Maria Anna, geborne Gußmann, Witwe des Advocaten Prati, für sich und ihre sieben Kinder: Alois, Karl, Johann, Maria Anna, Theresia, Franziska und Maria, mit Diplom vom Jahre 1791 den Reichsadelstand erhielt. Ob der Dichter Johann Prati mit dem dahier angegeben Johann[WS 1] identisch sei, vermögen wir nicht anzugeben. [Kneschke (Ernst Heinrich Prof. Dr.), Neues allgemeines deutsches Adels-Lexikon (Leipzig 1863, Voigt, 8°.) Bd. VII, S. 237.] –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nJohann.