BLKÖ:Sicard von Sicardsburg, August

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Siberer
Band: 34 (1877), ab Seite: 204. (Quelle)
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Sicard von Sicardsburg, August (Architekt und k. k. Professor der Architectur, geb. zu Wien, n. A. in Pesth 6. December 1813, gest. zu Weidling nächst Wien 11. Juni 1868). Sein Geburtsort, ob Pesth, ob Wien, ist nicht sichergestellt, jedenfalls aber kam S. schon in sehr jungen Jahren nach Wien. Sicard’s Lebensgang läßt sich eigentlich nur in Gemeinschaft mit dem seines Freundes van der Nüll richtig darstellen. Einer seiner Biographen schildert dieses Verhältniß Beider als das der vollsten hingebenden Freundschaft. Was der Eine machte, das war auch für den Anderen ein fait accompli; das Wort, das der Eine gab, hielt den Anderen verpflichtet. Man hatte nie gehört, daß zwischen diesen beiden Künstlern Mißtrauen oder Rivalität geherrscht, daß der Eine über die Lebenslust des Anderen oder der Andere über den Zug nach Einsamkeit seines Collegen sich beklagt hätte. Die Geschichte der Kunst weist kaum ein zweites Beispiel eines so innigen künstlerischen Zusammenlebens, gemeinsamen Arbeitens und gemeinsamen Denkens auf. Daß ein solches Verhältniß zwischen zwei Künstlern möglich war, ist nicht nur ein Zeugniß ihres gleichartigen künstlerischen Glaubensbekenntnisses, sondern auch dessen, daß Beide ehrliche Menschen gewesen sind. Van der Nüll und Sicardsburg sind nicht als reiche Männer gestorben. Die große Anzahl von Schülern, welche ihrem Leichenbegängnisse folgte, ist nicht in den Traditionen erzogen worden, daß die Architectur ein Gewerbe sei, und keine Kunst; sie haben von ihnen die Lehren nicht gehört, daß man beim Bauen die Reichen ausbeuten müsse, um sich zu bereichern, daß ein Künstler leben müsse, wie ein Grandseigneur. Beide waren bis zum letzten Athemzuge Männer der Arbeit gewesen. Wer sie treffen und sprechen wollte, mußte sie in ihrem Arbeitszimmer aufsuchen. Bei ihren gemeinsamen Arbeiten war das Princip der Arbeitstheilung geltend, demzufolge van der Nüll mehr den künstlerischen und decorativen, Sicardsburg mehr den constructiven und geschäftlichen Theil übernahm. Sicardsburg hatte gleichfalls eine nicht gewöhnliche künstlerische Begabung, aber er hatte unstreitig ein weit höheres Geschick, mit den verschiedensten Menschen zu verkehren, als sein Freund und College. Dieser war fast menschenscheu, verschlossen und in sich gekehrt; Jener heiter und geselligkeitsbedürftig und zum Umgänge mit Menschen wie geschaffen. Es verkehrte auch Jedermann mit ihm sehr gern und sehr leicht. Selten hat Künstler ein so tragisches Geschick erreicht als die beiden Architekten des Opernhauses, Eduard van der Nüll und August v. Sicardsburg. [205] Der Tod hat sie Beide ein Jahr vorher von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit entfernt, bevor sie den Bau vollendet gesehen haben, der wie das größte, so auch das letzte Werk ihres Lebens gewesen ist. Sie hatten das bitterste erfahren müssen, was Künstler erfahren können, der schärfste Tadel gegen ihr Werk war ihnen nicht erspart, und nicht ein kleiner Theil des Lobes ist ihnen während sie lebten gespendet worden, den man wenigstens am Rande des Grabes auszusprechen so gerecht gewesen ist. Ja im Tode liegt eine große versöhnende Kraft; weil man keine Rücksichten gegen Lebende mehr zu beachten hat, so ist auch der Rücksichtslosigkeit der Boden unter den Füßen entzogen worden. Es ist also, wie man sieht, das Leben Beider eine echte Künstler-, also Leidensgeschichte. Kehren wir nun zu Sicardsburg selbst zurück. Die Studien seines Berufes hatte S. in Wien gemacht und dann auf Reisen vervollständigt. Seine Jugendzeit fällt in die Blüthezeit der Romantik, seine wärmsten Sympathien waren jenen Künstlern zugewendet, die wie Moriz v. Schwind, Steinle, Julius Hähnel im Kreise der Romantiker die erste Stelle einnehmen. Von diesem Gesichtspuncte bekämpften S. und sein Freund van der Nüll in ihrer Jugend Lehrmethoden über Architektur, wie jene es waren, die zu Nobile’s [Bd. XX. S. 376] Zeiten an der Wiener Architecturschule herrschten, ohne jedoch den künstlerischen Zug zu verkennen, der in Nobile’s Wirken lag. Aus denselben Gründen bekämpften sie in späteren Jahren die in Wien wiedererwachende Gothik und die Restaurationsversuche des Classicismus. S. war eine Zeit lang Assistent am Wiener Polytechnicum, gab aber diese Stelle auf, als ihm ein College, der die Tochter des damaligen Directors zur Frau bekommen hatte, als Professor vorgesetzt wurde. Kurze Zeit diente S. auch bei den Uhlanen und war seitdem ein leidenschaftlicher Reiter, welche Passion er erst aufgab, nachdem er sich bei einer Künstlerfahrt in Rom den Fuß gebrochen hatte. Am 23. November 1843 wurde S. von dem Rathe der Wiener k. k. Akademie der bildenden Künste mit überwiegender Stimmenmehrheit zum dritten provisorischen Professor der Architecturschule mit dem Gehalte von 800 Gulden und einem Quartiergelde von 100 Gulden ernannt und diese Ernennung von dem damaligen Präsidenten der Akademie, Fürsten Metternich, am 26. December 1843 bestätigt[WS 1]. Bei Regulirung der Professorengehalte erhielt S. mit ah. Entschließung vom 1. Jänner 1852, gleich van der Nüll und Rösner, 1200 Gulden Gehalt und 100 Gulden Quartiergeld und das Vorrückungsrecht in die höheren Gehaltskategorien von 1400 und 1600 Gulden nach zehn, beziehungsweise zwanzig Dienstjahren. S. übernahm zu Anfang der Fünfziger-Jahre gemeinschaftlich mit van der Nüll beim Arsenalbau die Commandantengebäude, Kasernen und Depots; der große Plan Beider für die Stadterweiterung erhielt einen Preis. Ihr Concursplan für das neue Opernhaus bestimmte die Regierung, den beiden Professoren die Ausführung dieses Baues zu übertragen. Wie oben bemerkt worden, daß sie in der Ausführung ihrer Arbeiten gemeinschaftlich sich stets theilten, u. z. daß Sicard die Construction des Baues, van der Nüll aber die Ornamentik, Façade u. s. w. übernahm, so war dasselbe bei dem Operntheater der Fall. Als Lehrer war S. namentlich in früheren Jahren und mit nicht geringem Erfolge thätig. Seine Vorträge im constructiven [206] Theile der Architectur gehörten zu den besten, die je an der Akademie gehalten wurden, und man regte bei S.’s Ableben den Gedanken an, diese Aufzeichnungen, deren Vorhandensein vorausgesetzt wurde, der Zukunft zu erhalten, da sie unbedingt Vieles enthielten, was nicht vergessen werden sollte. In den späteren Jahren kam S. kaum mehr zu ununterbrochener Lehrthätigkeit; die großartigen Aufträge, mit denen er und sein Freund betraut worden waren, raubten ihm die Muße, um zusammenhängende Vorträge zu halten. Frühzeitig schon hatte S. Einiges von seinen Arbeiten ausgestellt. So z. B. in der Jahres-Ausstellung in der Akademie der bildenden Künste in Wien im Jahre 1840 den „Entwurf einer Börse“, in sechs Blättern, welcher nie zur Ausführung kam. Es ist auch das einzige Mal, daß S. ohne seinen Freund und Kunstgenossen van der Nüll erscheint. Sieben Jahre später, 1847, stellten Beide gemeinschaftlich eine ganze Reihe von Entwürfen, Plänen u. s. w. aus, so: eine „Skizze zu der nächst dem Belvedere in Wien zu erbauenden Kirche“ – „Durchzeichnungen eines Projectes für die Kirche in Borgo Franceschino zu Triest“ – „Entwurf zu der neu zu erbauenden Kirche St. Jacob in Triest“ – „Perspectivische Ansicht des öffentlichen Brunnens vor der Paulanerkirche in der Vorstadt Wieden“, Handzeichnung – „Skizze eines Landhauses für Vöslau“ – „Project zu der neu zu erbauenden Lerchenfelderkirche in Wien“ – „Reisestudien“, Handzeichnungen; – im Jahre 1848: „Entwürfe zu einem Brunnen, einem Landhause und zu einem Speisesaal“; – Zehn Jahre später, 1858, stellten beide Künstler in der deutschen allgemeinen und historischen Kunstausstellung in München aus: den Entwurf zu einer Erziehungsanstalt für Militärärzte“; – fünf Tableaux: „Ansichten der von Beiden erbauten Theile des Wiener Arsenals“ – „Die Entwürfe zu einer Militär-Akademie, dessgleichen zu einem vereinigten Börsen- und Bankgebäude in Wien und für das Prager Sparcassengebäude“; – und wieder zehn Jahre, 1868 – bereits nach Beider Ableben – wurde in richtiger Würdigung des von beiden Künstlern geleisteten, von der Wiener Künstlergenossenschaft eine Ausstellung der Arbeiten des Dioskurenpaares im neuen Opernhause veranstaltet. Man fand unter mehreren bereits erwähnten Entwürfen das preisgekrönte Stadterweiterungsproject; eine Skizze für das Liebieg’sche Haus auf dem Graben; eine Reihe von Projecten für kleinere Kirchen, ferner für Grabmonumente; die Piedestals für die Monumente des Erzherzogs Karl, Prinz Eugen, Baron Welden, Geologen Mohs; die Zeichnung zu dem O’Donnell-Schilde, Portefeuille-Zeichnungen für die Königin von England, die Zeichnung zu dem Gebetbuche der Kaiserin Elisabeth; von Bauausführungen: die Entwürfe zu dem Sophienbadsaale, zum Carltheater; die Decorationen zur Lerchenfelderkirche, welche Arbeit nach Müller’s [Bd. XIX, S. 376, Nr. 38) Tode van der Nüll’s übernommen hatte; die Entwürfe zu dem Haas’schen Steinbau Am Stock-im-Eisen, zu dem Gerold’schen Hause auf dem Dominicanerplatze und die Grundrisse zu der neuen Universität; die Pläne zu dem Arsenal, zur Reitschule in der Artillerie-Kaserne (im romanischen Style) und den preißgekrönten Plan zum neuen Opernhause. Von Sicardsburg allein rührten her: die Grundrisse zu verschiedenen Zinshäusern, die Details zu Thüren und Fenstern in allen Ländern und Zeichnungen zu Landhäusern. Es ist ein reiches, inhaltsvolles Leben, welches uns in diesen Schöpfungen entgegentritt. [207] Es sind meist Schöpfungen, welche es verdienen, der Erinnerung erhalten zu werden; übrigens hatte der Künstler durch seine Werke, wie z. B. Arsenal, Opernhaus für die Erhaltung seines Namens auch selbst Sorge getragen. Etwa anderthalb Jahre vor seinem Ableben wurde S. von einem Leiden befallen, das eine Operation nöthig machte, die auch glücklich vollzogen ward, aber die Natur vermochte nicht mehr die durch das vor angegangene schwere Leiden tief gesunkenen Kräfte vollends zu ersetzen. Als dann die Nachricht von dem Tode seines Freundes van der Nüll, der am 3. April 1868 selbst Hand an sich gelegt, zu S.’s Kenntniß gelangte, ward er tief davon ergriffen und es verschlimmerte sich sein Zustand. S. begann nun selbst an seine letzte Stunde zu denken, denn er traf alle Anordnungen bezüglich seines eigenen Leichenbegängnisses, ja sogar die Inschrift seines Grabsteines gab er an, zehn Wochen später folgte er seinem Freunde in’s Grab. Nach seinem Tode hatte man mit Verwunderung bemerkt, daß der so praktisch erfahrene, in seinem Kunstzweige so vorgeschrittene Mann es nicht einmal bis zum Titel eines Baurathes, geschweige eines Oberbaurathes gebracht hatte, womit Leute betheilt worden waren, die an Geist, Kenntnissen und Leistungen weit unter ihm standen. Hier auch trat wieder versöhnend, das Unrecht der Zunft ausgleichend, Seine Majestät der Kaiser ein, als Höchstderselbe anordnete, daß die Porträtsmedaillons der beiden Architekten des Opernhauses, Sicardsburg und van der Nüll, welche aus Gyps modellirt an der Logenstiege angebracht waren, aus Marmor herzustellen seien. Bildhauer Cesar wurde mit der künstlerischen Ausführung dieser Arbeit betraut. Der Künstler, der bis in die letzten Augenblicke seines Lebens thätig geblieben, wurde auf dem kleinen Friedhofe in Grinzing, wo sich die Familiengruft befindet, beigesetzt. Aus seiner Ehe mit Luise geborenen Jantschky hinterließ S. nur eine Tochter Valentine. Uebeidieß überlebten ihn zwei Brüder Moriz von S., k. k. Major in Pension, und Joseph van S., Eisenbahnbeamter. Er war selbst erst 54 Jahre alt geworden.

Lützow (Karl von), Zeitschrift für bildende Kunst (Leipzig, Seemann, 4°.). Jahrg. 1869, Nr. 7 und 8: „Nüll und Sicardsburg“. Von Eitelberger. – Neue freie Presse 1868, Nr. 1361 und 1384 im Kunstblatt: „August von Sicardsburg“. – Dieselbe Nr. 1439 und 1701: „Das neue Opernhaus“. – Neues Wiener Tagblatt 1869, Nr. 258; 1868, Nr. 162, im Feuilleton: „Sicardsburg“. – Ranzoni (Emerich), Wiener Bauten (Wien 1873, Lehmann und Wentzel, 8°.) S. 27, 30, 37, 40, 47. 88. – Oesterreichischer Volks- und Wirthschafts-Kalender für das Jahr 1870 (XIX. Jahrg.) (Wien, Karl Fromme, gr. 8°.) S. 36. – Wiener Zeitung 1868, Nr. 270, in der „Kleinen Chronik“. – Wiener Abendpost (Abendblatt der amtlichen Wiener Zeitung) 1868, Nr. 142, S. 582. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1868, Nr. 161, 164. – Feierabend (Wien, Zamarski) I. Bd., Nr. 12. Beilage. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1865, Nr. 23, Localanzeiger: „Ein neuer Regulirungsplan der Stadt Wien“. – Reber (Franz Dr.), Geschichte der neueren deutschen Kunst vom Ende des vorigen Jahrhundertes bis zur Wiener Ausstellung 1873 (Stuttgart 1876, Meyer und Zeller, gr. 8°.), S. 561.
Porträte. 1) In Lützow’s „Zeitschrift für bildende Kunst“ 1869, Heft 8. – 2) Holzschnitt, ohne Angabe des Zeichners und Xylographen in Zamarski’s „Feierabend“ Bd. I, S. 141.´

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: bestättigt.