BLKÖ:Strauß, Joseph II.

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Strauß, Joseph I.
Nächster>>>
Strauß, Franz
Band: 39 (1879), ab Seite: 359. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Joseph Strauss (Musiker) in der Wikipedia
Joseph Strauss in Wikidata
GND-Eintrag: 117312118, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Strauß, Joseph II.|39|359|}}

Strauß, Joseph II. (Componist, geb. zu Brünn in Mähren im Jahre 1793, gest. zu Karlsruhe am 1. December 1866). Mit der Wiener Geigerfamilie Strauß nicht verwandt. Sein Vater, welcher die Stelle eines Concertmeisters an einem kleinen italienischen Hofe bekleidet hatte, starb auf einer Kunstreise, die er im Jahre 1803 durch Deutschland unternahm. Der Sohn, der eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen sollte, erhielt zu diesem Behufe Unterricht in Sprachen und Mathematik, nebenbei aber auch in der Musik, für die er eine besondere Begabung zeigte. Mit großem Geschick behandelte er die Violine, auf welcher er sich in musikalischen Cirkeln seiner Vaterstadt öfter hören ließ. Zwei Jahre nach dem Tode des Vaters übersiedelte die Mutter auf Zureden von Freunden des Hauses, welche ihr die gründliche Ausbildung des Sohnes in der Tonkunst ans Herz legten, nach Wien, wo Joseph seine Musikstudien fortsetzen sollte. Die Bekanntschaft mit dem Tenoristen Gottdank vermittelte bald nach der Ankunft des jungen Violinspielers daselbst dessen Auftreten in einem auf dem Theater an der Wien gegebenen Concerte, welchem zufällig Kaiser Franz I. anwohnte, der sich über das Spiel des zwölfjährigen Knaben in recht beifälliger Weise aussprach. Dieser Beifall des Monarchen hatte zur Folge, daß sich der Capellmeister des Theaters an der Wien Ignaz Ritter von Seyfried [Band XXXIV, S. 176] für den jungen Geiger interessirte und ihn als Violinisten in das Orchester aufnahm. So erschloß sich dem Knaben der Lebensberuf von selbst. Blumenthal [Bd. I, S. 446], dann Urbani, später Capellmeister in Pesth, und der berühmte Quartettspieler Schuppanzigh [Bd. XXXII, S. 215] wurden seine Lehrer. Dadurch, daß jeder der genannten Meister seine eigene Manier hatte, deren jede der Schüler nicht nachahmen konnte, gewann derselbe den Vortheil, wohl von der Kunstfertigkeit und den Kenntnissen der Lehrer Nutzen zu ziehen, im Uebrigen aber seine künstlerische Individualität zu wahren und somit seinen eigenen Weg zu gehen. Auch an Gelegenheit, classische Werke zu hören, fehlte es ihm nicht in dem musikalischen Wien, wo zu jener Zeit überdies Beethoven lebte, welcher seine großen Compositionen meist von dem Orchester ausführen ließ, an dem eben Strauß thätig war. So regte sich denn in dem jungen Tonkünstler auch frühzeitig das Verlangen, selbst zu componiren, zu welchem Behufe er Unterricht in der Composition zu nehmen suchte. Sein erster Lehrer darin, an den ihn seine Freunde empfahlen, war der Capellmeister Franz Teyber[WS 1], nach dessen bald darauf erfolgtem Tod aber sein nächster Meister der berühmte Contrapunctist Albrechtsberger [Bd. I, S. 12]. Dazu fand er auch öfter Gelegenheit, in Concerten öffentlich aufzutreten, wodurch er in Musikkreisen ziemlich bekannt wurde. In Folge dessen erhielt [360] er bald vortheilhafte Anträge, so 1810 – Strauß zählte damals erst 17 Jahre – einen solchen als Musik-Director nach Luzern und einen zweiten als Solospieler an das Theater in Pesth, welch letzteren er auch annahm. In dieser Stellung brachte er manches größere Tonstück eigener Schöpfung zum Vortrage, wodurch er sich die Anerkennung hochgestellter Musikfreunde erwarb, welche sein Talent aufmunterten und förderten. So entstanden während seines Aufenthaltes in Pesth mehrere Werke, von denen wir nennen: eine Ouverture nebst Entreacte zu dem Schauspiele „Die Belagerung Wiens“, – eine Operette, deren Titel ich leider nicht angeben kann, – ein Sextett für Harfe und Blasinstrumente, – eine Huldigungscantate mit hebräischem Text und mehrere Chöre als Einlagen zu verschiedenen Tragödien. Nach einiger Zeit nahm er Engagement als Capellmeister des Theaters in Temesvár. Aber nicht lange blieb er in dieser Stellung, da die Direction fallirte. Hierauf erhielt er vom Director der Hermannstädter Bühne den Antrag, die dortige Oper zu dirigiren, und begab sich im Herbst 1814 an seinen Bestimmungsort. Auf diesem Posten, der durch mancherlei äußere Umstände sich angenehm für ihn gestaltete, wuchs sein Schaffenstalent, und er schrieb die beiden Opern: „Faust’s Leben und Thaten“ und „Die Söhne des Waldes“, – eine Messe, – zwei größere Cantaten und mehrere Violin-Compositionen. Da überdies unter seiner umsichtigen Leitung auch die Kräfte des Orchesters und des Gesangpersonals sich zusehends vermehrten, so gewann er das Vertrauen des Gouvernements, welches ihm die Direction der Theater in Hermannstadt, Klausenburg und Kronstadt übertrug. Ja, als ihm die materiellen Mittel fehlten, sich dieser ehrenvollen Aufgabe zu unterziehen, übergab ihm ein Verein kunstliebender Cavaliere – Baron Wesselenyi an der Spitze – zur Organisation dieses Unternehmens die für die dortigen Verhältnisse ansehnliche Summe von Zehntausend Gulden Conventions-Münze. Aber schon begann das Klima seine schädlichen Einflüsse auf den jungen Musikus zu äußern, und nach der Ansicht der Aerzte konnte nur Aenderung des Klimas auf den vom Fieber bereits schwer Befallenen eine heilende Wirkung ausüben. So mußte er denn diese ehrenvollen Anträge ablehnen, worauf er die von seiner Vaterstadt Brünn ihm angetragene Capellmeisterstelle annahm. Ostern 1817 trat er seinen Posten an. Aber die Kräfte der dortigen Oper entsprachen nicht seinen Erwartungen und waren nichts weniger als geeignet, einen jungen vorwärts strebenden Componisten in der Kunst, der er mit ganzer Seele sich hingab, zu fördern. Während seines kurzen Brünner Aufenthaltes schrieb er eine Messe zur Installation des Bischofs, – mehrere Graduale und Offertorien für die St. Jacobskirche, – ein großes Violin-Concert und mehrere Solostücke für die Violine. Da er seine Verbindlichkeiten gelöst hatte, aber vorderhand keine entsprechende Stelle sich ihm darbot, so beschloß er, eine Kunstreise durch Deutschland zu unternehmen, mit welcher er den dreifachen Zweck verband: sich durch seine Compositionen in weiteren Kreisen bekannt zu machen, dadurch zu einer entsprechenden Stellung zu gelangen, zugleich aber die auswärtigen Kunstinstitute und Künstler persönlich kennen zu lernen. Seine Reise führte ihn über Prag, wo er mit dem [361] Domcapellmeister Wittasek und dem Director des Conservatoriums Dionys Weber in Berührung kam, welch Letzterer mehrere von Strauß’ Compositionen durch das Orchester des Conservatoriums aufführen ließ. Nun besuchte Strauß Dresden, Leipzig, Halle, Altenburg, Magdeburg, Breslau, Kassel, Frankfurt am Main, wo er überall Concerte gab und in denselben eigene Compositionen vortrug. Unter Einem aber besichtigte er die vorhandenen Kunstinstitute und musikalischen Lehranstalten, brachte die daselbst empfangenen Eindrücke zu Papier und veröffentlichte sie in der Wiener und Leipziger „Allgemeinen Musik-Zeitung“, von denen erstere Kanne [Band X, S. 438], letztere Rochlitz redigirte. Nach längerem Verweilen in Mannheim, wo ihn mehrere Arbeiten größeren Umfangs beschäftigten, setzte er seine Kunstreise fort, besuchte die Schweiz, wo er in Basel, Bern und Zürich musikalische Aufführungen veranstaltete und die Einladung erhielt, die Tagsatzungs-Concerte in Zürich zu dirigiren. Einer im Jahre 1822 an ihn ergangenen Aufforderung, eine deutsche Oper in Straßburg zu organisiren, folgend, setzte er die Opern „Don Juan“, „Fidelio“, „Freischütz“ und „Medea“ in Scene. Für die vorzügliche Aufführung der letzteren schickte ihm ihr Compositeur Cherubini aus Paris ein sehr freundliches Dankschreiben. Zu dieser Zeit wurde ihm von der Intendanz in Mannheim die Concertmeisterstelle daselbst angetragen, welche er auch nach Schluß der Straßburger Opern-Saison antrat. Als aber bald darauf der Theater-Capellmeister Frey erkrankte, erhielt Strauß (October 1823) auch dessen Functionen zugewiesen, deren Uebernahme er damit begann, daß er die bis dahin in Mannheim nicht gegebene Oper „Cortez“ von Spontini in Scene setzte. Die präcise Aufführung der großartigen Oper, welcher der Oberhofmarschall Freiherr von Gayling aus Karlsruhe beiwohnte, veranlaßte denselben, Strauß zur Mitwirkung im nächsten Hofconcert in der Residenz einzuladen. Letzterer leistete diesem Wunsche Folge und brachte im Concert mehrere seiner eigenen Compositionen zur Aufführung. Vortrag und Werke fanden solchen Beifall bei Hofe, daß der Großherzog den Componisten sofort zum Musik-Director seiner Hofcapelle ernannte, indem er durch gleichzeitige Cabinetsordre den Contract desselben mit der Mannheimer Intendanz auflöste. Da der bisherige Capellmeister Danzi (gestorben 1825) durch Altersschwäche, und Concertmeister Fesca durch beständige Kränklichkeit an der Ausübung ihrer Functionen gehindert waren, trat Strauß noch im März 1824 seinen ausgedehnten Wirkungskreis an, den er über vierzig Jahre, bis 1865, mit mustergiltiger Umsicht und Pflichttreue versah. Im letztgenannten Jahre wurde er in den wohlverdienten Ruhestand versetzt, aus welchem ihn nach kurzer Frist der Tod abrief. Als Solospieler und Dirigent leistete S. Vorzügliches. Als letzterer reorganisirte er die durch Danzi’s Alter dem Verfalle nahegebrachte Capelle, indem er neue und tüchtige Instrumentalisten für dieselbe gewann. Die Oper hob er durch Engagement trefflicher Sänger und Zusammenstellung eines gut geschulten Chors und brachte sie auf die hohe Stufe, welche sie unter den Opernbühnen Deutschlands einnahm. Im Jahre 1840 führte Strauß mit Bewilligung seines Fürsten die Direction der [362] deutschen Oper in London. Nach seiner Rückkehr aus der Themsestadt leitete er das Pfälzer Musikfest in Speier, bei welchem seine geistliche Cantate „Das Lob Gottes“ unter enthusiastischem Beifalle zur Aufführung gelangte. Sein Doppelberuf als Concertmeister und Capellmeister ließ ihm nur wenig Muße zu eigenen Arbeiten, daher die Zahl derselben eine verhältnißmäßig geringe ist. Jedoch befinden sich darunter einige größere Werke, so die fürs Karlsruher Theater geschriebenen Opern: „Armiodan“, – „Zelide“, – „Berthold der Zähringer“, – „Die Schlittenfahrt von Nowgorod“, nach einem Libretto von Auffenberg, und „Der Wehrwolf“, welch letztere im Kärnthnerthor-Theater in Wien über ein halbes Hundert Aufführungen erlebte. – Von seinen übrigen Compositionen sind zu nennen: Ouverture und Entreactes zu Auffenberg’s: „Löwe von Kurdistan“, welches Drama auf den größeren deutschen Bühnen gegeben wurde; – das „Te Deum“ zur Gedächtnißfeier des Großherzogs Karl Friedrich und mehrere für Kammermusik bestimmte Instrumentalsachen. – Eine als erste Symphonie bekannte Composition gelangte im Jahre 1838 in Wien zur Ausführung, wo sie mit dem zweiten Preise ausgezeichnet wurde. Als Strauß dieselbe während seines Aufenthaltes in London im Jahre 1840 im Saale der Londoner philharmonischen Gesellschaft aufführen ließ, fand sie solchen Beifall, daß ihm die Gesellschaft den Auftrag ertheilte, für sie eine zweite Symphonie zu componiren. – Im Stich ist von seinen Arbeiten nur wenig erschienen, so „Potpourri pour V. et Guit.“, Op. 2 (Wien 1844, Diabelli); – „2me Potpourri. In A“, Op. 3 (Leipzig 1844); – „3me Potpourri avec Violine, Alt et B. In F“ (ebd. 1844); – „Quatuor brillant. In A“ (ebd. 1844); – „12 Variations avec V. et B.“, Op. 4 (ebenda 1844, Breitkopf und Härtel); – „Menuet Milanois avec Pfte.“ (ou Harpe et Guitarre) (ebd.); – „Polacca per Soprano“ , Op. 6 (ebd. 1846, Hofmeister); – „Alpenklänge. Drei Lieder von Schweizern“. Op. 8 (ebd., Hofmeister); – „Die Theilung der Erde. Von Schiller. Für Bass“ (ebd.). – Ferner scheint er der Compositeur von „Les derniers Moments de Joh. Strauss. Le Délire. Av. Viol et Corne“ (Mainz, Schott), und der Herausgeber der bei Marco Berra in Prag im Jahre 1845 begonnenen Monatschrift: „Der musikalische Fruchtgarten“ zu sein. Bezüglich der zwei letztgenannten Compositionen spricht Herausgeber dieses Lexikons nur eine Vermuthung aus. Von den dem tüchtigen Musikus zahlreich erwiesenen Ehren haben wir nur eine zu verzeichnen: seine Ernennung zum Ehrenmitgliede des deutschen National-Musikvereins, welche ihm bereits im Jahre 1839 zutheil geworden.

Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Eduard Bernsdorf (Dresden, Robert Schäfer, gr. 8°.) Band III, S. 664. – Schilling (G. Dr.), Das musikalische Europa (Speyer 1842, F. C. Neidhard, gr. 8°.) S. 328. – Gaßner (F. S. Dr.), Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Franz Köhler, Lex.-8°.) S. 805.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Joseph Teyber.