BLKÖ:Stumpf-Brentano, Karl Friedrich

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 40 (1880), ab Seite: 197. (Quelle)
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Stumpf-Brentano, Karl Friedrich (Geschichtsforscher, geb. in Wien 13. August 1829). Frühzeitig verwaist, fand er in seinen Pflegeeltern (von Lilien) seine zweiten Eltern. Seine Kindheit brachte er abwechselnd in Wien und Pesth zu. Bei der durch schwere Krankheit geschwächten Constitution des Knaben mußte für seine Gymnasialzeit, 1839 bis 1845, auf einen Aufenthalt Bedacht genommen werden, der sich seinem physischen Gedeihen als besonders zuträglich erweisen sollte, und so kam er in das Convict zu Totis bei Komorn. Auf den geistig und körperlich sich entwickelnden Jüngling blieb das rege politische Leben Ungarns nicht ohne Eindruck; es mag ihn wohl zunächst auf die geschichtliche Richtung hingewiesen haben, welche er später in seinen wissenschaftlichen Forschungen und Studien einschlug. Zu seiner weiteren Ausbildung, wobei die Rechtswissenschaft als Fachstudium ins Auge gefaßt wurde, besuchte er in den Jahren 1845–1851 die Universitäten in Olmütz und Wien. In dieser Zeit verband ihn mit dem (als Professor an der Wiener Hochschule am 9. September 1878 verstorbenen) Dr. Karl Tomaschek innige Freundschaft, die sich auch für seine weitere Zukunft von nachhaltigster Wirkung erwies: denn beide Freunde trieben neben ihren rechtswissenschaftlichen Berufsstudien mit besonderem Eifer geschichtliche und wurden in diesem Bestreben durch den damaligen Professor der Geschichte Adolph Ficker – gegenwärtig Präsident der k. k. statistischen Central-Commission – auf das wirksamste unterstützt. Mit der im Jahre 1849 unter Leo Grafen Thun begonnenen Reform des Unterrichtswesens im Kaiserstaate faßte Stumpf zugleich mit seinem Freunde den Entschluß, sich ganz dem Lehrfache der historischen Disciplinen zu widmen. Um sich nun nach dieser selbst gewählten Richtung auf das gründlichste auszubilden, trat er in das neu errichtete historisch-philologische Seminar ein, an welchem Gelehrte, wie Bonitz [Bd. II, S. 53], Grauert [Bd. V, S. 319], Jaeger [Bd. X, S. 33], wirkten, und betrieb daselbst in den Jahren 1851 bis 1852 die erfolgreichsten Studien. Schon im Sommersemester 1853 sehen wir ihn an der Universität Olmütz in akademischer Wirksamkeit. Vor der dauernden Uebernahme eines Lehramtes wollte er jedoch die Pflanzstätten deutscher Geschichtsforschung, die damals leider noch außerhalb Oesterreichs lagen, besuchen und ihre Träger persönlich kennen lernen. So weilte er Juni 1854 bis April 1856 in Berlin und trat daselbst mit Männern, wie Giesebrecht, Jaffé, Köpke, Pertz, Ranke, Wattenbach, in anregenden wissenschaftlichen Verkehr; den Sommer 1856 und von December 1858 bis April 1860 verbrachte er in Frankfurt a. M. bei J. F. Böhmer und setzte daselbst seine in Berlin begonnenen Forschungen [198] über Mainzer erzbischöfliche, sowie deutsche städtische Geschichte fort. Besonders durch den letztgenannten Gelehrten, dessen warme Sympathien für Oesterreich ihn jedem Oesterreicher, dem seines Vaterlandes Ehre und Ruhm am Herzen liegen, theuer machen, wurde er so angezogen und gefesselt, daß er sich jener Forschung der deutschen Reichsgeschichte anschloß, welche, wesentlich auf urkundlicher Stoffsichtung ruhend, von Böhmer selbst mit seltenem Erfolge und in überaus fruchtbringender Weise für das gesammte deutsche, wie österreichische mittelalterliche Quellenstudium begründet ward. Dieser Richtung gehörte fortan die ganze wissenschaftliche Thätigkeit des jungen Forschers, und fern von jeder todten Gelehrsamkeit suchte er theils in der Vervollständigung und Ergänzung des unentbehrlichen urkundlichen Stoffes für deutsche Reichsgeschichte, namentlich des zehnten bis zwölften Jahrhunderts, theils in kritischen Untersuchungen zur Klärung des Quellenstoffes innerhalb der bezeichneten Epoche die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, zu lösen. Mit kurzer Unterbrechung von October 1856 bis Juli 1857, in welcher Zeit er als Professor der Geschichte an der Preßburger Rechtsakademie wirkte, ward ihm das ungehinderte Verfolgen seines selbstgesetzten Zieles durch frühzeitig erlangte freie Verfügung über sich selbst und dadurch ermöglichte ausgedehnte Reisen wesentlich erleichtert. Auf diesen Reisen durch Oesterreich, Süd- und Nord-Deutschland, Frankreich, Belgien, die Schweiz und Italien durchforschte er Archive und Bibliotheken und kam zugleich mit Fachgenossen, wie Birk [Bd. I, S. 405], Chmel [Bd. II, S. 351], Meiller [Bd. XVII, S. 278], Bethmann, Sickel [Bd. XXXIV, S. 215], Rockinger, Dümmler, Hegel und Delisle, in nähere Berührung. Eine förderliche Unterstützung seiner Bestrebungen und zugleich eine seiner wissenschaftlichen Richtung entsprechende Wirksamkeit wurde ihm durch seine im November 1861 erfolgte Berufung als Professor der Geschichte an die Hochschule in Innsbruck, wo besonders durch und seit J. Ficker’s hervorragender Thätigkeit die historischen Studien eine so überaus günstige Pflegestätte gefunden haben. Stumpf hat seine wissenschaftlichen Resultate theils in selbstständig erschienenen Werken, theils in wissenschaftlichen Zeit- und akademischen Sammelschriften niedergelegt. Die Titel seiner in den Buchhandel gekommenen Arbeiten sind: „Zur Kritik deutscher Städte-Privilegien im XII. Jahrhundert“ (Wien 1860, gr. 8°., 38 S.); Separatabdruck aus den „Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische Classe [Bd. XXXII, S. 603 u. f.]; – „Acta Moguntina seculi XII. Urkunden zur Geschichte des Erzbisthums Mainz im XII. Jahrhundert. Aus den Archiven und Bibliotheken Deutschlands zum ersten Male herausgegeben“ (Innsbruck 1863, Wagner, Lex.-8°., XLVIII und 180 S., mit einer lith. Tafel); – „Die Reichskanzler vornehmlich des X., XI. und XII. Jahrhunderts. Nebst einem Beitrage zu den Regesten und zur Kritik der Kaiser-Urkunden dieser Zeit“ (Innsbruck 1865 u. f., Wagner’sche Universitäts-Buchhandlung, gr. 8°.); bisher sind erschienen: I. Band, 1. Abthlg. (VIII und 128 S.); II. Bd., 1. bis 3. Abthlg. (XVI und 468 S.), und III. Bd., 1. bis 4. Abthlg. (601 S.); – „Dia Wirzburger Immunität-Urkunden des X. und XI. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Diplomatik. Mit drei (lith.) Facsimile-Tafeln“, zwei Hefte (Innsbruck 1874, gr. 8°.; je 76 S. und die Tafeln in 4°. [199] und Fol.). – Stumpf’s kleinere Aufsätze und Abhandlungen sind erschienen: in der „Wochenschrift für Wissenschaft und Kunst“, Beilage zur „Wiener Zeitung“: „Zur Kritik der Karolinger Urkunden“ [1862, Nr. 8]; – in Sybel’s „Historischer Zeitschrift“: „Ueber die Merovinger Diplome“ [Band XXIX, 1873]; – in der „Oesterreichischen Gymnasial-Zeitschrift“, in Miklosich’s „Slavischer Bibliothek“, in den „Forschungen zur deutschen Geschichte“ u. s. w., während eingehende Besprechungen der oben genannten Werke Zarncke’s „Literarisches Centralblatt“, die „Göttinger Gelehrten Anzeigen“, die Augsburger „Allgemeine Zeitung“, belgische und französische Revuen brachten. Die Arbeiten des Gelehrten fanden sowohl in Regierungskreisen, als auch von Seite gelehrter Corporationen mehrfache Würdigung: 1873 wurde er an die Hochschulen in Bonn und Wien berufen; am 10. April 1874 erhielt er den Orden der eisernen Krone dritte Classe; die Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtsforschung ernannte ihn im Jahre 1865 zu ihrem Mitgliede, die Akademien der Wissenschaften zu München 1866, zu Siena 1869, zu Wien 1872, zu Göttingen 1874 zum correspondirenden Mitgliede, das germanische National-Museum wählte ihn 1877 in seinen Verwaltungs-Ausschuß und die Wiener kaiserliche Akademie der Wissenschaften in die Central-Direction der Monumenta Germaniae. Seit Mai 1862 ist Stumpf mit der Tochter Louis Brentano’s in Frankfurt a. M. vermält und erhielt im September 1873 die kaiserliche Genehmigung, mit seinem Familiennamen jenen der Brentano verbinden zu dürfen.