BLKÖ:Türck, Ludwig

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Tudižević
Band: 48 (1883), ab Seite: 79. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Ludwig Türck in der Wikipedia
GND-Eintrag: 117638536, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Türck, Ludwig|48|79|}}

Türck, Ludwig (Arzt, geb. in Wien am 22. Juli 1810, gest. daselbst am 25. Februar 1868). Ein Sohn des Wiener Hofjuweliers Türck, vollendete er frei von Noth und Sorge, „diesem Erbtheil vieler Mediciner während der Studentenzeit“, wie einer seiner Biographen schreibt, das Gymnasium und die medicinischen Studien in Wien und erlangte 1836 daselbst die medicinische Doctorwürde. Bei seinen günstigen äußeren Lebensverhältnissen konnte er schon frühzeitig sich ernsten Forschungen hingeben, und so widmete er sich bereits als Secundararzt (1840) mit allem Eifer der Anatomie und Pathologie des Nervensystems. Im Jahre 1844 unternahm er eine Studienreise nach Paris, um daselbst neue Anregungen zu erhalten und an der in ihrem Zenith stehenden Pariser Schule sich fortzubilden. Baron Türkheim, der damalige, in Fachkreisen noch heute unvergessene Leiter des medicinischen Unterrichtswesens in Oesterreich, besaß den scharfen Blick, aufstrebende Talente und die geniale Begabung unter den jüngeren Aerzten zu erkennen und herauszufinden. So nahm er denn auch Türck unter seinen Schutz und wußte es durchzuführen, daß für den jungen Nervenpathologen eigens eine Abtheilung für Nervenleiden im allgemeinen Krankenhause errichtet wurde, an welcher derselbe als ordinirender Arzt wirkte. Dreizehn Jahre blieb Türck in dieser Stellung und begründete durch seine eingehenden Forschungen auf dieser Nervenklinik zuerst seinen wissenschaftlichen Ruf. In zahlreichen Arbeiten, theils in Monographien, theils in Denkschriften veröffentlichte er die Belege seiner Thätigkeit, wir erinnern hier nur an seine Monographie über Spinalirritation, seine Abhandlungen über die Wurzel des Trigeminus, seine Artikel über die Ergebnisse von Untersuchungen zur Ermittelung der Hautsensibilität und viele andere über Nervenpathologie. Und wie erfolgreich er das Feld dieses Wissenszweiges bearbeitete, dafür zeugt vornehmlich die Thatsache, daß Hasse in seinem Werke über die Krankheiten des Nervensystems fast auf jeder Seite sich auf Türck’s Forschungen stützt und dieselben geradezu als Belege anführt. Erst im Jahre 1857, als die Organisirung des größten Wiener Krankenhauses stattfand, wurde Türck zum Primararzte ernannt. Und mit diesem Jahre beginnen auch seine laryngoskopischen Studien, die ihn fortan ausschließlich beschäftigten. Der Gesanglehrer Garcia in London hatte mit Hilfe eines in dem menschlichen Munde und Rachen angebrachten Spiegels die Bildung der Stimme und zugleich die dabei [80] sichtbaren Veränderungen an den die Stimme vermittelnden Organen zu beobachten gesucht. Türck genügte diese Thatsache, um sofort, ohne die Procedur zu kennen, die hohe Bedeutung solcher ärztlichen Anwendung des Spiegels zu erfassen und die Sache selbst – die Unterstützung mittels des Kehlkopfspiegels zu diagnostischen und operativen Zwecken allsobald ins Leben zu rufen. Versuche aller Art und ohne Zahl und die nicht minder häufigen Beobachtungen, wie sie das große Krankenhaus tagtäglich mit sich bringt, der unermüdliche Eifer und das Talent, sich selbst die nöthigen Instrumente und Apparate zu construiren, die eigenen wieder zu verbessern und neue zu schaffen, führten ihn schon nach wenigen Jahren zum glänzendsten Ziele. Die Idee, sich des Kehlkopfspiegels zu bedienen, ist nicht neu, nur die Anwendung desselben in der Arzneikunst ist neu und unantastbares Eigenthum Türck’s. Schon Senn in Genf hatte 1827 die Idee, das Kehlkopfinnere mittels eines kleinen in den Rachen eingeführten Spiegels zu besehen, ausgesprochen. Mit der Herstellung eines solchen Instrumentes beschäftigten sich in den folgenden Decennien die ersten Aerzte Frankreichs und Englands, so namentlich Trousseau und Liston, ohne jedoch zu einem Resultate zu gelangen. Und auch die schon erwähnten von Garcia an sich selbst angestellten und im Jahre 1855 veröffentlichten Beobachtungen über Stimmbildung und Stimmregister gingen nach einer ganz anderen Richtung, als es jene war, welche Türck einschlug. Es wird also durch diese Untersuchungen die Priorität der Türck’schen Entdeckung nicht im mindesten erschüttert, und zwar um so weniger, als Türck zur Zeit, da er seine Experimente begann, wohl von Garcia’s Untersuchungen, nicht aber von der Art und Weise, wie derselbe sie anstellte, Kenntniß hatte, wie denn auch die Methode in Verfolgung seines von jenem Garcia’s ganz verschiedenen Zweckes eine völlig selbständige war. In der That hatte auch schon im Sommer 1857 Türck zum ersten Male mit Hilfe seines Kehlkopfspiegels dem Professor Ludwig das Kehlkopfinnere an einem Individuum seiner Krankenabtheilung gezeigt und hiermit ein Problem, das so lange die Physiologen und Kliniker beschäftigte, seine praktische Lösung gefunden. Da trat im März 1858, also fast ein Jahr später, in der „Wiener medicinischen Wochenschrift“ Professor Czermak mit einem Artikel auf, in welchem er die praktische Anwendung des Kehlkopfspiegels den Aerzten dringend empfahl. Und nun entspann sich ein bedauerlicher Prioritätsstreit, der Jahre lang dauerte, die Anhänger dieser Doctrin in zwei Lager theilte und selbst dann noch nicht ausgefochten war, als der Entdecker derselben Dr. Türck in die Gruft gesenkt wurde. Ein Fachblatt aber erklärte im Augenblicke, als sich noch nicht die Erde über dem Grabe des Dahingeschiedenen geschlossen, es nicht unausgesprochen lassen zu können, „daß die Geschichte der Medicin die Laryngoskopie für immer an den Namen Türck’s knüpfen müsse, ihm allein verdanke man die praktische Verwendung des Laryngoskops am Krankenbette, die praktische Verwendung des Kehlkopfspiegels für diagnostische und operative Zwecke“. In der „Allgemeinen Wiener medicinischen Zeitung“ hatte auch Türck alle laryngoskopischen Artikel geschrieben. Sobald er irgend welche bedeutende Entdeckung, irgend welche neue Erfindung gemacht, sobald er irgend ein Instrument construirte, [81] irgend welche Verbesserung erdachte, veröffentlichte er dies in dem genannten Blatte, welches der treueste Moniteur seiner Leistungen war. Die Geschichte der Medicin nahm natürlich auch Act von Türck’s Entdeckung, und wenn Dr. Hirschel in seinem Werke schreibt: „Einen Kehlkopfspiegel erfanden Liston und Garcia, Ludwig Türck aber lehrte ihn praktisch verwerthen; Czermak wandte das Lampenlicht dabei an (jene das Sonnenlicht) und erwarb sich überhaupt Verdienste um dessen (sic) Verbreitung und bessere Anwendung“, so braucht es eben keines besonders großen Scharfsinns, um aus diesen Zeiten die Priorität Türck’s für praktische Verwerthung der Laryngoskopie herauszulesen. Seit dem Jahre 1860 hielt Türck ununterbrochen Vorträge über Laryngoskopie, und er war so glücklich, unter seinen Schülern mehrere – es seien nur Dr. Schröder von Kristelli und Dr. Störck erwähnt – heranzubilden, welche die Entdeckungen des Meisters weiter förderten und ausbildeten. 1864 wurde er auf Vorschlag des Professorencollegiums zum ordentlichen öffentlichen Professor ernannt. In unermüdlicher Weise wirkte er bis an sein Lebensende. Nach einem Leiden von nur wenigen Tagen starb er im Alter von 58 Jahren. In seinem Fache war er fleißig schriftstellerisch thätig. Daß er seine Ergebnisse in der Laryngoskopie in der „Allgemeinen Wiener medicinischen Zeitung“ veröffentlichte, haben wir schon mitgetheilt; außerdem gab er noch folgende Werke und Abhandlungen heraus: „Abhandlung über Spinalirritation nach eigenen, grösstentheils im Wiener allgemeinen Krankenhause angestellten Beobachtungen“ (Wien 1843, Braumüller und Seidel, gr. 8°.); – „Ph. Ricord’s Lehre von der Syphilis. Nach dessen klinischen Vorträgen dargestellt von Ludwig Türck“ (Wien 1846, Kaulfuß’ Witwe, gr. 8°.); – „Praktische Anleitung zur Laryngoskopie. Mit 32 (eingedr.) Holzschnitten und 1 Steindrucktafel (in Fol.)“ (Wien 1860, Braumüller, Lex. 8°.); – „Klinik der Krankheiten des Kehlkopfes und der Luftröhre. Nebst einer Anleitung zum Gebrauche des Kehlkopfrachenspiegels und zur Localbehandlung der Kehlkopfkrankheiten“ (Wien 1866, Braumüller, gr. 8°., XII und 584 S. mit 260 dem Texte eingedruckten Holzschnitten und 1 Steindrucktafel in Qu.-Fol.); – „Atlas dazu. In 24 chromolithogr.-Tafeln von A. Elfinger und C. Heitzmann“ (ebd. 1866, gr. 8°., 24 Blätter erklärender Text, Preis 8 Thlr.), dieses und das vorige Türck’s Hauptwerk, das seinen Namen in der Geschichte der Medicin verewigt; – „Ueber Hautsensibilitätsbezirke der einzelnen Rückenmarknervenpaare. Aus dessen literarischem Nachlasse zusammengestellt von Professor Dr. C. Wedl. Mit 6 Tafeln“ (Wien 1869, Gerold in Comm., hoch 4°.), auch in den Denkschriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften mathematisch-naturwissenschaftliche Classe. – In den Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften mathematisch-naturwissenschaftlicher Classe: „Ueber secundäre Erkrankung einzelner Rückenmarkstränge und ihrer Fortsetzungen zum Gehirn“ mit 7 Tafeln [Bd. VI, S. 288 u. f., Bd. XI, S. 93 u. f.]; – „Ergebnisse physiologischer Untersuchungen über die einzelnen Stränge des Rückenmarkes“ [Bd. VI, S. 427 u. f.]; – „Ueber Compression und Ursprung der Sehnerven“ [Bd. IX, Seite 229 u. f.]; – „Beobachtungen über das Leitungsvermögen des menschlichen Rückenmarkes“ mit 1 Tafel [Bd. XVI, S. 329 u. f.]; – „Beobachtungen über Verminderung der Pulsfrequenz bei neuralgischen [82] Anfällen und über den Rhythmus solcher Anfälle“ [Bd. XVII, Seite 317 u. f.]; – „Ueber Degeneration einzelner Rückenmarkstränge, welche sich ohne primäre Krankheit des Gehirns oder Rückenmarkes entwickelt“ [Bd. XXI, S. 112 u. f.]; – „Vorläufige Ergebnisse von Experimentaluntersuchungen zur Ermittelung der Hautsensibilitätsbezirke der einzelnen Rückenmarksnervenpaare“ [Bd. XXI, S. 586 u. f.]; – „Ueber die Beziehung gewisser Krankheitsherde des großen Gehirns zur Anästhesie“ mit 3 Tafeln [Bd. XXXV, S. 129 und Bd. XXXVI, S. 191 u. f.]; – „Ueber eine Verbesserung des laryngoskopischen Verfahrens“ [Bd. XXXVIII, S. 761 und 829 u. f.]. Auch hat, wie wir aus Bd. XLIV der 1. Abth., S. 47 und 2. Abth, S. 71 erfahren, Türck der kaiserlichen Akademie ein versiegeltes Schreiben zur Aufbewahrung gegeben. Wie aus seinem Partezettel ersichtlich ist, erhielt er nie besondere Auszeichnungen. Im Jahre 1861 wurde ihm auf Grund seiner mit dem Kehlkopfspiegel vorgenommenen Arbeiten von der Akadémie des seiences in Paris bei der Vertheilung der Monthyon’schen Preise nebst der Mention honorable die Summe von zwölfhundert Francs zuerkannt. Der Wiener Hofjuwelier Joseph Türck stellte als Erbe des gesammten Nachlasses seines Bruders dessen sämmtliche laryngoskopische Instrumente aus eigenem Antriebe der Direction des k. k. allgemeinen Krankenhauses zur Verfügung. Die Nachricht, daß Dr. Türck eine große Geigensammlung hinterlassen habe, ist aber dahin zu berichtigen, daß sich dieselbe auf zwei allerdings sehr kostbare Violoncelle beschränkte. Dagegen ist sein eben erwähnter Bruder Joseph Besitzer einer großen und kostbaren, ja in ihrer Art vielleicht einzigen Geigensammlung. Dr. Türck selbst aber spielte mit Virtuosität das Violoncell. Man ehrte den gelehrten Arzt durch Aufstellung seiner Büste. Vergleiche das Nähere darüber unten in den Quellen.

Allgemeine Wiener medicinische Zeitung. Redigirt von Dr. Kraus und Dr. Pichler (gr. 4°.) XIII. Jahrg. (1868), 9. – Allgemeine Wiener medicinische Wochenschrift (gr. 4°.) 1868, Nr. 44, S. 363: „Die Türck-Feier“. – Wiener Zeitung, 1868, Nr. 50, S. 672. – Allgemeine Zeitung, 1868, S. 985/b. – Neues Wiener Tagblatt, 1868, Nr. 57: „Primarius Dr. Ludwig Türck“; Nr. 95: „Kostbares Geschenk“. – Fremden-Blatt. Von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1868, Nr. 57 und 361. – Presse (Wiener polit. Blatt) 1861, Nr. 87, Abendblatt: „Pariser Preise an Oesterreicher“; 1868, Nr. 57, im Localanzeiger: „Professor Ludwig Türck“. – Neue Freie Presse (Wien) 1868, Nr. 1499: „Enthüllungsfeier“. – Hirschel (Bernhard Dr.). Compendium der Geschichte der Medicin von den Urzeiten bis auf die Gegenwart. Mit besonderer Berücksichtigung der Neuzeit und der Wiener Schule (Wien 1862, Braumüller, gr. 8°.) S. 477, 478, 493 u. 500.
Die Türck-Feier. Am 31. October 1868 fand im k. k. allgemeinen Krankenhause zu Wien die Enthüllung der Büste des Primararztes und Professors Ludwig Türck, als des Meisters und Schöpfers der Laryngoskopie, statt. Die Feier eröffnete Regierungsrath Director Helm mit einer Rede, in welcher er Türck’s wissenschaftliches Wirken in gedrängter Kürze schilderte und dabei wörtlich bemerkte: „Wiederholt finden wir in der Geschichte der Medicin einzelne Krankheitsgruppen mit einem berühmten Namen so innig verbunden, daß wir sagen können für immer – und so ist der Name Türck’s von den Krankheiten des Kehlkopfes nie mehr zu trennen – sein Ruhm darin ist durch sein classisches, im vollendetsten Farbendrucke illustrirtes Werk über Kehlkopfkrankheiten festgestellt und gesichert“. Während der Rede wurde die vom Bildhauer Pilz nach Hansen’s Entwurfe ausgeführte Büste enthüllt, welche nun den Garten des allgemeinen Krankenhauses auf einem der Wohnung, die [83] der Verewigte innegehabt, nächstgelegenen Rasenplatze ziert. Nachdem der Leiter der Statthalterei Ritter von Weber in einer kurzen Rede dem Comité und den Künstlern einige theilnehmende Worte und den Dank für die veranstaltete Feier ausgesprochen hatte, nahm Professor Sigmund zur Schlußrede das Wort. Bedeutsam war jeder Satz des Redners, der wichtigste aber der folgende: „Der anspruchslose Forscher hat diese Auszeichnung wohl verdient, und zwar um so mehr, mit je weniger Zeichen äußerer Ehren er außer seinem Berufskreise geziert worden war. Das edle Bild möge seine Zeitgenossen an alle Vorzüge des Mannes erinnern und der äußeren Welt gegenüber an den Werth ärztlicher Leistungen, zu wärmerer Anerkennung im Leben mahnen, als sie Männern unseres Standes gewöhnlich zutheil wird“.