BLKÖ:Tarnowsky, Ladislaus

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tarnowsky, L.
Band: 43 (1881), ab Seite: 94. (Quelle)
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Tarnowsky, Ladislaus (Schriftsteller, geb. zu Breslau am 26. April 1811, gest. zu Prag 16. April 1847). Er gehört der in Böhmen ehemals seßhaften Zwergenfamilie Tarnowsky an, deren Ahnfrau jene Zwergin Agnes Tarnowsky von Tarnow (geb. 1626, gest. 1716) ist, welche den berühmten Reitergeneral Johann Grafen Spork [Bd. XXXVI, S. 231] in einer gegen ihn gerichteten Verschwörung rettete, wofür sie im Hause desselben ein bleibendes Asyl fand, daselbst das hohe Alter von 90 Jahren erreichend. Sie wurde auch in der Familiengruft der Spork beigesetzt, und erst in neuerer Zeit entdeckte man den Sarg, der die Gebeine [95] der Zwergin birgt, mit der treffenden Inschrift: „Die Glieder stimmen zwar nicht mit den Jahren überein, doch kann der Seel’ dies gar nicht schädlich sein“. Das hohe Alter, in welchem diese Zwergin starb, ist bei Zwergen, deren Leben doch im Durchschnitt nicht über 40 Jahre zu währen pflegt, eine biologische Curiosität. Unser Zwerg Ladislaus Tarnowsky, der sich als Erzähler und Novellist einen seinerzeit in Leserkreisen wohlbekannten und auch beliebten Namen gemacht hat, besuchte von 1826–1832 das katholische Gymnasium in Breslau, wo er aber durch Familienverhältnisse genöthigt den Namen Schmidt, nach Andern Schulze führte. Nachdem er hierauf mehrere Jahre hindurch Privatstudien, vornehmlich aus den alten Sprachen und der classischen Literatur betrieben hatte, diente er einige Zeit als Hilfsarbeiter bei einem königlichen Beamten, dann aber trat er bei einer Leihbibliothek in Breslau ein, in welcher Stellung er Muße genug fand, seinem schriftstellerischen Drange sich hinzugeben. Er lieferte nun zunächst kleinere Mittheilungen für verschiedene gemeinnützige Zeitschriften und redigirte auch für das Jahr 1834 den Leuckardt’schen Volkskalender. Als der bekannte (zu Wien am 4. August 1868 verstorbene) Schriftsteller Gustav von Alvensleben, der zu jener Zeit (1834) das Hoftheater in Meiningen leitete, einige dramatische Arbeiten Tarnowsky’s, die ihm dieser zur Einsicht geschickt, gelesen hatte, glaubte er, daß der Autor mehr für das novellistische Gebiet befähigt sei, und gab ihm den Rath, die Novelle und vornehmlich den historischen Roman zu pflegen. Tarnowsky ließ sich dies auch nicht umsonst gesagt sein und veröffentlichte nun in verschiedenen Unterhaltungsblättern und Almanachen in rascher Folge zahlreiche Novellen und Romane. Einige Zeit blieb er noch in Breslau, dann aber ging er nach Leipzig, von da nach Leitmeritz und endlich nach Prag, wo er das seinerzeit sehr beliebte Unterhaltungsblatt „Erinnerungen“ redigirte, in welchem seine besten, namentlich volksthümlichen Novellen enthalten sind. Vieles hat er auch selbständig im Druck erscheinen lassen, was eben für seine große Beliebtheit in der Lesewelt Zeugniß gibt. Die Titel dieser Schriften sind: „Kreuz und Halbmond. Eine spanische Novelle aus dem 13. Jahrhundert“, zwei Bände (Breslau 1838, Heinrich Richter, 8°.)– „Vorstinberg und Fürstenstein“, drei Bände (ebd. 1839); – „Die Schlacht auf dem Marchfelde. Historische Erzählung aus Oesterreichs Vorzeit“ (ebd. 1839), enthält auch die historische Novelle: „Das Opferkreuz bei Peterwardein“; – „Menschen und Zeiten. In novellistischen Rahmen gefasst“, drei Bände (Braunschweig 1840, G. C. E. Meyer sen., 8°.); 1. Bd.: „Hugo O’Nial“; – „Das griechische Feuer“; – 2. Bd.: „Bar Kocheba“ oder „Der Stern von Zion“; – „Die drei Könige“; – „Der Meister und sein Thurm“; – 3 Bd.: „Der Prior“; – „Der Häuptling oder Irland und England im 12. Jahrhundert“; – „Napoleon und die Philadelphen. Ein Roman aus den Kriegsjahren 1806 bis 1809“, drei Bände (ebd. 1841, gr. 12°.); – „Die Blutrosen von Augsburg. Ein deutscher Volksroman“, zwei Bände (Leipzig 1842 [Melzer], kl. 8°.); – „Waldteufel. Gespenstergeschichten und Geistersagen“ drei Theile (Grünberg 1842, Levysohn, kl. 8°.); – „Blutige Fussstapfen. Arme-Sünder-Geschichten“, zwei Bände (Braunschweig 1842, G. C. E. Meyer sen., 8°.); – 1. Bd.: „Potsdam den 4. April [96] 1817“; – „Der Horndrechsler und das Menschengebein“; – „Der Glockengießer und sein Lehrling“; – „Der Edelmann als Delinquent“; – 2. Bd.: „Die sieben Hiebe der Wiedervergeltung“; – „Der Dichter auf dem Schaffot“; – „Criminalgeschichten nach wahren Begebenheiten, in Novellenform dargestellt“, zwei Bände (Leipzig 1843 [Melzer], kl. 8°.); – „Die jüdische Gaunerbande. Criminalgeschichte aus neuerer Zeit“ (Leipzig 1843, Lit. Museum, kl. 8°.); – „Küchenknecht und Viscountess. Eine historische Novelle“ (Braunschweig 1843, G. C. E. Meyer sen., kl. 8°.); – „Die Makkabäer. Ein geschichtlicher Emancipationsroman aus dem Morgenlande“; 1. Bd.: „Die Berglöwen“; – 2. Bd.: „Der Spitzkopf“ (Grimma 1843, Verlags-Compt., gr. 12°.); – „Die Schleuderer an der Haselmattkufe. Eine Schweizernovelle aus dem 14. Jahrhundert“; – „Der blutige Osterjubel. Ein italienisches Volksbild aus dem 13. Jahrhundert. Zwei Novellen“ (Braunschweig 1843, kl. 8°.). Die vom Literarischen Museum in Leipzig (Breslauer Verlagscomptoir) 1844 herausgegebene zehnbändige romantische Bildergalerie, welche Arbeiten von Theophil Gautier, Charles Reybaud und Emil Souvestre brachte, enthielt im dritten Bande Tarnowsky’s „Der Findling des Hercules. Eine Arme-Sünder-Geschichte nach actenmäßigen Quellen“; – im achten Bande: „Der Musikant von Callao. Eine südamerikanische Leidensgeschichte“; – im neunten Bande: „Der Tenorist und seine Braut. Eine Theaternovelle“ und im zehnten Baude: „Der Bluträcher oder die Rosen von Cordova“. Tarnowski, als Zwerg zugleich einer der schwächlichsten Menschen, war an Geist von der Natur reich begabt, und seine Schriften, wenngleich wohl nur Lesefutter für ein sonst wenig wählerisches Publicum, enthalten manche Arbeit voll Talent und unterscheiden sich im Ganzen zu ihrem Vortheil von anderen Erzeugnissen dieser Art, welche zur Befriedigung gewöhnlicher Leselust geschrieben und auf den Büchermarkt geworfen worden. Unter den kleineren Novellen kommen mehrere vor, die den Schöpfungen seiner vielgelesenen Zeitgenossen Prätzel, Langbein, Clauren, Mühler u. A. nicht nachstehen. Nun wenn ihn die Literaturgeschichten von Laube, Menzel, Gottschall nicht erwähnen, so hat dies immer seinen guten Grund, denn ein literargeschichtliches Moment läßt sich bei Tarnowsky’s Schriften kaum herausfinden; daß ihn aber Heinrich Kurz und Kehrein, welche beide weit untergeordnetere Autoren anführen und ganz andere Zwecke, zunächst Aufzählung der schöngeistigen Schriftsteller, Letzterer sogar speciell der katholischen, und ein solcher war Tarnowsky, vor Augen haben, nicht kennen wollen, ist ungerecht. Wer Tarnowsky persönlich gekannt, mußte zuletzt erstaunen: in dieser verkrüppelten und nichtsweniger denn angenehmen Menschengestalt so viel Bescheidenheit, Liebenswürdigkeit und Gemüthstiefe zu finden.

Erinnerungen (Prag, Unterhaltungsblatt, 4°.) 1856, S. 125.