BLKÖ:Thun-Hohenstein, Karl Ferdinand Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 45 (1882), ab Seite: 31. (Quelle)
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56. Karl Ferdinand Graf (geb. 24. Jänner 1651, gest. 2. December 1712), ein Sohn Karl Cyprians von der Linie Castell-Brughier aus dessen Ehe mit einer Sprossin des Hauses Cles. Von schwärmerischer Gemüthsart, faßte er innige Neigung zu der jugendlichen Anna Judith geborenen Gräfin Arz, mit welcher er. nachdem sie ihm eine Tochter, Anna Helena, geboren, auf Andringen seines Vaters 1678 eine rechtmäßige Ehe einging. Aber schon nach dem Hochzeitstage verließ er seine Gattin, und Niemand wußte, wohin er gegangen. Später stellte es sich heraus, daß er sich nach Frankreich begeben, wo er innerhalb der Jahre 1684 bis 1687 – also als seine erste Gemalin, die erst 1704 starb, sich noch am Leben befand – mit einem Fräulein Marie Philiberte de Tuly Frau von Marcais eine heimliche Ehe schloß, wobei er den Namen Montroyal annahm. In diesem Worte will man eine Anspielung auf das zwischen Welschmichael und Salurn gelegene Königsberg erkennen, welches von 1629–1648 im Besitze der Thun gewesen. Aus der Doppelehe ergaben sich bald die schlimmsten Verwicklungen. Indessen befand sich der Graf wohl in Paris und erschien plötzlich 1693 in Venedig und im Februar des folgenden Jahres in Salzburg, wo ihn sein fürstlicher Oheim, Erzbischof Johann Ernst, am 19. April zu seinem Oberstjägermeister ernannte. Da er sich zu wichtigen Geschäften verwendbar erwies, wurde er von dem Erzbischofe 1697 als salzburgischer Gesandter auf den Friedenscongreß in dem Haag geschickt. Im Jahre 1700 erklärte er, in wichtigen Geschäften nach Paris reisen zu müssen. Es lebte ja dort seine ihm heimlich angetraute zweite Frau mit ihren drei Kindern. In Frankreich trat er in Kriegsdienste. Mochte nun die Erneuerung seines Trauungsactes mit Marie Philiberte Verdacht erregt oder sonst etwas sich ereignet haben, was dem Grafen zur Last fiel, er wurde 1702 verhaftet, in die Bastille geworfen, später aber in die Festung Vincennes gebracht, wo er im Kerker 1712 an einer Seuche starb. Seine Gemalin erhielt erst 1713 nach dem Utrechter Frieden die Freiheit. Da tauchten nach Jahren, 1716, die beiden Söhne seiner zweiten Ehe, Karl Victor und Anton, plötzlich aus ihrer bisherigen Verborgenheit auf und verlangten ihr Erbe. Karl Victor, neun Jahre lang in Venedig erzogen, ging 1721 nach Brüssel, wo er 1725 eine ansehnliche Pension erhielt. Sein Bruder Anton, bereits 1716 Hauptmann im Regimente Lobkowitz, marschirte mit demselben 1721 aus Lodi in Italien nach Ungarn und besuchte im April 1722 seinen Oheim, den Bischof Jacob Maximilian in Gurk. Da beide Söhne des Grafen Karl Ferdinand ihre Ansprüche auf die väterlichen längst unter die Agnaten vertheilten Lehen geltend machten, so entstand ein großartiger Proceß, der nicht geringes Aufsehen erregte und dessen Andenken durch mehrere gedruckte Streitschriften erhalten ist. Der Endspruch fiel zu Gunsten beider Brüder aus. Von Karl Victor bemerken wir noch, daß er eine Genealogie seines Hauses unter dem Titel: „Généalogie de la très ancienne et illustre maison des Comtes de Thun“ verfaßt hat, welche sich zur Zeit im Besitze des Grafen Emanuel von Castelfondo befindet. Ueber die Schwester Karl Victors und Antons, Gräfin Anna Helena, siehe S. 18, Nr. 6. –