BLKÖ:Ußner, Alexander (Nachtrag)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Vastag, Georg
Band: 49 (1884), ab Seite: 308. (Quelle)
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Nachtrag.

Ußner, Alexander. Auf S. 153 dieses Bandes brachten wir die Skizze über den daselbst Vincenz Ußner genannten Begründer des Wiener zoologischen Gartens. Inzwischen kamen uns aus zuverlässiger Quelle Nachrichten zu, welche zur Ergänzung des erwähnten Artikels dienen. Ußner, mit dem Taufnamen Alexander und nicht Vincenz, ist der Sohn eines k. k. Regierungsrathes und wurde 1824 geboren. Schon als Student zeigte er hervorragende Geistesanlagen [309] und befreundete sich mit Kürnberger [Bd. XIII, S. 330]. Mit seinem Wissensdrange verband er Talent und Vorliebe für Musik, welche er so eifrig betrieb, daß er in Dilettantenkreisen auf dem Clavier und im Gesange sich hören ließ. Nach beendeten Studien trat er in Wien bei der k. k. Postdirection in den Staatsdienst, ging aber später zum Handels- und Wechselgerichte über, wo ihm die sitzende Lebensweise am Amtstische weder wohlbekam, noch zusagte, so daß er bald wieder den Staatsdienst verließ. Um sich dem Studium der Naturgeschichte hinzugeben, besuchte er zunächst Paris, dann London, von wo er nach dreijähriger Abwesenheit wieder nach Wien zurückkehrte. Daselbst fand er Stellung im k. k. zoologischen Cabinete, hörte zu gleicher Zeit die Vorträge des Dr. Jäger über Fischzucht, trat demselben in kurzer Zeit näher und beschloß, mit ihm einen Aquarien-Salon, den ersten in Wien, nach englischem Muster zu errichten. In Folge dessen gab er seinen Posten auf und eröffnete die mit seinem Collegen geplante Ausstellung, in welcher verschiedene Seefische, Polypen und sonstiges Seegethier im Meerwasser, welches er von Triest kommen ließ, im lebenden Zustande gezeigt wurden, im Hause Nr. 2 am Michaelerplatze. Diese Ausstellung, welche neue Wunder der Natur dem Publicum erschloß, fand den verdienten Beifall. Der allerhöchste Hof, alle Stände, Jung und Alt fanden sich ein, um das Leben im Wasser, wie es sich dem Besucher zum ersten Male darbot, anzustaunen, und bei dieser Gelegenheit lernte Ußner auch die beiden durch ihren Kunstsinn und durch wissenschaftliche Förderung allgemein bekannten Grafen Breuner und Wilczek kennen. Die Errichtung eines kleinen Thiergartens – besaßen doch Hamburg und Dresden bereits große – wurde geplant und ein solcher auch durch die Unterstützung der zwei genannten Cavaliere neben dem ersten Kaffeehause im Prater geschaffen. Auch dieses Unternehmen erregte das Interesse des Publicums, das sich zahlreich einfand, und wie denn der strebsame Mensch mit seinen größeren Zwecken wächst, so griffen Dr. Ußner und Jäger wieder höher, und es entstand der Plan eines großen Acclimatisationsgartens, wozu wohl als nächstes Vorbild der berühmte jardin des plantes zu Paris ins Auge gefaßt wurde, welcher, obwohl bereits vor 150 Jahren als Königsgarten (jardin du roi) ins Leben gerufen, sich doch erst nach und nach zu seiner gegenwärtigen Bedeutung und Höhe emporgehoben hat. Lange fanden die beiden Forscher kein geeignetes Terrain für ihr großartiges Unternehmen, da boten denn die genannten zwei Grafen bereitwillig die Hand, und so miethete man den im Prater gelegenen, dem Zimmermeister Hasenauer gehörigen Bauholzplatz, der bis dahin keinen Heller eingetragen, um den ungeheueren Pachtschilling jährlicher 20.000 fl. gleich auf zehn Jahre. Wahrscheinlich forderte der Eigenthümer aus localem Patriotismus diese Summe, um nur das Opfer der beiden Naturforscher um so größer erscheinen zu lassen. Kurz das Terrain war gefunden, und nun wurde unter der umsichtigen, echt künstlerischen Leitung der beiden Wiener Maler Anton Schrödl [Bd. XXXI, S. 344] und Canon-Straschiripka [Bd. XXXIX, S. 253] der bis dahin wüste Platz reizend umgestaltet und mit den, den verschiedenen Thiergattungen entsprechenden Häuschen und Zwingern versehen. Auch ward eine Actiengesellschaft [310] gebildet, Ußner als Betriebsdirector, Dr. Jäger als wissenschaftlicher Director, Beide mit Pensionsberechtigung, bei dem Unternehmen angestellt und der Acclimatisations- oder wie man ihn eigentlich nannte, zoologische Garten in Wien eröffnet. Das neue Unternehmen ließ sich vortrefflich an, um so mehr, als Dr. Ußner, sein Publicum kennend, Sorge trug, daß täglich eine Militärcapelle im Thiergarten spielte. Nun, da es Musik gab, welche mehrere Stunden dauerte, vermißte man bald ein Restaurationsgebäude, und Ußner trug dem Verwaltungsrathe das diesbezügliche Anliegen vor. Da aber Letzterer dasselbe bei dem Mangel an den dazu erforderlichen Geldmitteln ablehnte, meinte Ußner, welcher eine Schädigung des so gut in Gang gebrachten Unternehmens besorgte, für sich allein vorgehen zu müssen, und faßte den kühnen Entschluß, ohne weiter eine Zustimmung des Verwaltungsrathes einzuholen, das Restaurationsgebäude zu bauen, mit Zuversicht hoffend, derselbe werde dem fait accompli gegenüber gute Miene zum bösen Spiele machen und in der nächsten Generalversammlung die erforderlichen Geldmittel einfach genehmigen und durch ein Anlehen auftreiben. Dr. Ußner hatte dabei nicht bedacht, daß eine Actiengesellschaft, bei welcher ein an derselben Angestellter so ohneweiters seine eigenen Wege geht und in Geldsachen eigenmächtig schaltet, ein todtgeborenes Kind sei. Freilich, da man ihn den Restaurationsbau, den er nun einmal begonnen, auch ungestört fortführen ließ, so glaubte er darin eine stillschweigende Billigung seines Unternehmens zu gewahren, wiederum vergessend, daß eine moralische Person nicht eine einzelne Person und daß mit dem Vielkopf anders zu rechnen ist, als mit dem Individuum. Thatsächlich zeigte es sich auch, daß, obgleich man den Bau stillschweigend geduldet, man doch nicht denselben auch sofort billigen und die dafür ausgelegte Summe gewährleisten werde. Die wegen Bestreitung der Auslagen für den Bau einberufene Generalversammlung, in welcher mehrere dem Dr. Ußner feindlich gesinnte Actionäre entschieden dagegen sprachen, lehnte den Antrag ab und machte den Betriebsdirector für die Folgen seines Wagnisses, dessen Kosten er nun allein tragen sollte, verantwortlich. Er sah sich unter solchen Umständen genöthigt, seine Stelle niederzulegen, gab freiwillig ohne alle Entschädigung seinen Vertrag in die Hände des Grafen Wilczek zurück und ging nach England, wo er noch zur Stunde, seinen Naturstudien hingegeben, sich befindet. Der Wiener zoologische Garten überlebte aber diese durch Ußner unabsichtlich herbeigeführte Krise nicht lange, verschiedene Experimente, die nach seinem Abgange ins Werk gesetzt wurden, mißlangen, und eines Tages hatte das Unternehmen, so schön ins Leben gerufen, die Zierde einer Residenz, aufgehört zu sein. Vorstehendes ist das Ergebniß meiner Nachforschungen über die Geschichte des Wiener zoologischen Gartens und beruht auf glaubwürdigen, zuverlässigen Mittheilungen von Personen, die solche zu geben im Stande waren.


Ende des neunundvierzigsten Bandes.