BLKÖ:Vierthaler, Franz Michael

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Vierthaler, August
Band: 50 (1884), ab Seite: 276. (Quelle)
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Vierthaler, Franz Michael (Director des Waisenhauses in Wien, geb. zu Mauerkirchen im Innviertel Oberösterreichs am 25. September 1758, gest. zu Wien am 3. October 1827). Der Sohn eines schlichten Maurermeisters, besuchte er frühzeitig die Schule seines Geburtsortes. Dort erhielt er neben dem Unterricht in den Elementargegenständen[277] auch die erste Anleitung im Singen, für welches er besondere Begabung zeigte. Eilf Jahre alt, kam er als Singknabe in das Benedictinerstift Michelbeuern in Oberösterreich, wo die ihm wohlgeneigten Chorherren ihn in die Anfangsgründe der lateinischen Sprache einführten. 1770 wurde er als Singknabe in Salzburg angenommen und besuchte daselbst als solcher die ersten Gymnasialclassen. Nach dem Austritte aus dem Capellhause ging er nach Burghausen, einem Städtchen in Bayern, wo er das Gymnasium beendete. Hierauf widmete er sich in Salzburg 1777 und 1778 dem Studium der Philosophie und begann 1779 jenes der Rechte. Dabei vertiefte er sich mit größtem Eifer in die griechischen Classiker, womit er sozusagen die Grundlage der philosophischen Richtung in seinen späteren schriftstellerischen Arbeiten legte. 1783 wurde er als Lehrer an das damalige Virgilianische Collegium und an die seit 1776 mit demselben verbundene Pagerie der fürstlichen Edelknaben berufen. In dieser Stellung begann er, und zwar zunächst im Hinblick auf seine Vorträge, seine philosophische Geschichte der Menschen und Völker [die bibliographischen Titel seiner Werke folgen S. 279]. Bereits 1775 hatte Fürsterzbischof Hieronymus aus dem Hause Colloredo eine Commission zur Berathung der Schulangelegenheiten eingesetzt. Diese wurde im Jahre 1789 wieder einberufen, da es galt, ein ordentliches Schullehrerseminar zu errichten und für dasselbe einen tüchtigen Pädagogen als Director zu bestellen. Ein solcher wurde alsbald in Vierthaler gefunden, der in seiner Stellung am Virgilianum und an der Pagerie schon längst als Pädagog die Aufmerksamkeit des Fürsten und der Schulbehörde auf sich gezogen hatte, und am 9. November 1790 eröffnete er denn auch sein neues Amt als Director des Seminars zur Bildung von Lehrern für die Stadt- und Landschulen in Salzburg mit einer entsprechenden Rede. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, Vierthaler’s pädagogische Thätigkeit im Einzelnen zu zergliedern. Bekannt ist es, daß er in dieser Stellung das Ersprießlichste leistete. Die in der Stadt und auf dem Lande herbeigeführte Schulverbesserung, deren wohlthätige Folgen alsbald sichtbar wurden, ist sein Werk. Von der Ueberzeugung durchdrungen, wie sehr von der pädagogischen Bildung der Geistlichen das Gedeihen der Schulen abhänge, begann er 1791 aus eigenem Antriebe für die Alumnen des Salzburger Priesterhauses katechetische und pädagogische Vorlesungen zu halten. Der Gedanke fand solchen Anklang, daß er sofort aufgegriffen wurde, und als Vierthaler in seinem ausgedehnten Berufe nicht länger im Stande war, diese Vorträge persönlich fortzusetzen, fanden sich in den Priesterhausvorständen immer neue Nachfolger in dieser Art des Unterrichtes. Seinen Alumnen aber widmete er zur Erinnerung an die Stunden seines Unterrichtes die ein Jahr nach seinem Abgange herausgegebene „Sokratik“. Als dann 1791 an der Universität in Salzburg eine Lehrkanzel der Pädagogik errichtet wurde, ein Vorgang, hervorgerufen zunächst durch die Bedeutung, welche Vierthaler seinen Vorträgen zu geben gewußt, erhielt er selbst im Jahre 1792 die außerordentliche Professur dieses Lehrzweiges. Aus diesem Anlaß entstand seine Schulerziehungskunde. Bis 1799 trug er für die Juristen und Akademiker vor, aber auch die Alumnen stellten sich, obgleich sie den häuslichen Unterricht aus der Katechetik und Pädagogik genossen, [278] in seinem Hörsaale ein. Vom Jahre 1799 an beschränkte er sich blos auf den Unterricht der Candidaten des Schulamtes. In der Zwischenzeit, 1796, wurde ihm auch provisorisch die Stelle des Hofbibliothekars übertragen und zugleich der Auftrag ertheilt, die Handbibliothek des Fürsterzbischofs zu ordnen. Als aber Erzherzog Kurfürst Ferdinand von Toscana die Regierung antrat, erhielt Vierthaler mit Decret vom 21. November 1803 definitiv die Stelle des wirklichen Hofbibliothekars. Unter der neuen Regierung übernahm im December 1803 der dirigirende Staatsminister Friedrich Marquis Manfredini die Oberaufsicht über alle Schul- und Erziehungsanstalten, unter Einem wurde nun auch Vierthaler als Schulendirector die Leitung und Aufsicht sämmtlicher Bürger- und Landschulen im ganzen Herzogthum Salzburg übergeben. Jetzt schlang er sich ein neues Blatt in den Kranz seiner um das Schulwesen bereits erworbenen Verdienste, indem er die Reform der bereits zur Bedeutungslosigkeit gesunkenen Waisenhäuser durchführte. Er sorgte ebenso für die körperliche Entwickelung der Waisenkinder, die bis dahin völlig vernachlässigt wurde, als für deren geistige Ausbildung, und die Folgen seiner Reformen traten alsbald so sichtlich zu Tage, daß die Bürger der Stadt und des Landes Salzburg das Mißtrauen, mit welchem sie bis dahin gegen die Waisenhäuser in Folge des beklagenswerthen Zustandes derselben erfüllt waren, vollständig bezwangen. Kinder, welche von den Bürgern bisher aus dem Waisenhause mißtrauisch aufgenommen wurden, fanden nun leicht eine Zufluchtsstätte in deren Werkstätten, ja ohne Widerstreben auch Aufnahme in Haus und Familie. Die Klosterschulen wurden unterstützt, neue Feiertagsschulen entstanden, und der Schulbesuch überhaupt hob sich zusehends. Vierthaler’s Einfluß auf das Schul- und Erziehungswesen im Herzogthum Salzburg machte sich sehr bald in wohlthätigster Weise fühlbar. Als aber dann im Jahre 1805 die feindliche Invasion erfolgte, da war es wieder Vierthaler’s umsichtiges und besonnenes Auftreten, welches einerseits dem Feinde imponirte, anderseits vieles Ungemach von der Stadt fernhielt und Manches rettete, was sonst für dieselbe unwiederbringlich verloren gewesen wäre. Als 1806 Salzburg an Oesterreich fiel und die Theilung der fürsterzbischöflichen Hofbibliothek von Wien aus angeordnet wurde, betraute man ihn mit der Ausführung dieses Auftrages. Ein Theil der Bibliothek kam nach Wien, der andere, und zwar der größere, verblieb in Salzburg und wurde der Universitätsbibliothek einverleibt. Den für Wien bestimmten Theil hatte Vierthaler als bisheriger Hofbibliothekar selbst dahin zu überbringen, und am 26. November 1806 trat er seine Reise an. In Wien wurde ihm 1807 die Direction des dortigen Waisenhauses übertragen. Unter seiner fürsorgenden Leitung gedieh nun dieses Institut in der vortrefflichsten Weise und erreichte eine bis dahin nicht gekannte Vollkommenheit. In Anerkennung der Verdienste des edlen Menschenfreundes verlieh der Kaiser demselben den Charakter eines k. k. Regierungsrathes. Zwanzig Jahre wirkte Vierthaler in der letztgenannten Stellung, arbeitete während dieser Zeit an seiner philosophischen Geschichte der Menschen und Völker fort, verbesserte seinen Entwurf pädagogischer Vorlesungen und prüfte noch die Bel-Lancaster’sche Methode durch angestellte Versuche. In Folge eines Schlaganfalles [279] starb der 69jährige verdienstvolle Humanist und Pädagog eines plötzlichen Todes. Sein Leichnam wurde auf dem Währinger Friedhöfe beigesetzt. Im Februar 1802 hatte Vierthaler sich mit Josepha, einer Tochter des Rechtsgelehrten und Staatsmannes Johann Franz Thaddäus von Kleinmayer [Bd. XXI, S. 40] vermält. Er ist als philosophisch-historischer Schriftsteller bereits vergessen, aber mit Unrecht. Er hatte für geschichtliche Anschauung einen weiten und richtigen Blick, bei seinen pädagogischen und historischen Arbeiten beeinträchtigte ein Uebelstand die Erfolge, und dieser ist, daß dieselben in einem Priesterstaate sich zeigten, in welchem ein vorgefaßtes Vorurtheil das Erscheinen bemerkenswerther Arbeiten kaum voraussetzte, und doch gab Lor. Hübner in eben diesem Priesterstaate die Staatszeitung heraus, welche ihres freisinnigen Tones wegen in Bayern verboten war. Hätten Vierthaler’s Schriften eine ausländische Firma getragen, es würde ihnen das Recht geworden sein, welches jede tüchtige, auf seltener Literaturforschung beruhende Arbeit verdient. Wir lassen nun in chronologischer Reihe Vierthaler’s Schriften folgen. Ihre Titel sind: „Der englische Spion. Ein Trauerspiel in 5 Aufzügen“ (Salzburg 1781); – „Philosophische Geschichte der Menschen und Völker“ 5 Bände (Salzburg 1787–1794, Duyle, gr. 8°.) 1. Bd.: Philosophische Bemerkungen über die Geschichte der Urwelt und der Menschheit in ihrem rohen Zustande; 2. Bd.: Geschichte der alten Aethiopier, Aegypter, Cyrener und der angrenzenden Barbaren; 3. Bd.: Geschichte der Assyrer, Babylonier, Meder und die alten Indier; 4 Bd.: Geschichte der alten Seenationen, der Phöniker und Karthaginenser; 5. Bd.: Geschichte der Perser von Cyrus bis Alexander; – „Rechtfertigung (dieses Werkes) gegen einen oberdeutschen Recensenten“ (Salzburg 1788, Duyle, gr. 8°.); – „Elemente der Methodik und Pädagogik nebst kurzen Erläuterungen“ (Salzburg 1791; 2. Aufl. 1793; 5. Aufl. 1810, Duyle, gr. 8°.); – „Goldener Spiegel, ein Geschenk für Mädchen, welche in Dienste treten wollen“ (Salzburg 1794, Duyle, 8°.) [erschien ohne Angabe des Verfassers auf dem Titelblatte]; – „Das Kinderbuch, ein Geschenk für die ersten Anfänger“ (Salzburg 1792; 3. Aufl. 1799, Duyle, 8°.) [erschien ohne Angabe des Verfassers auf dem Titelblatte]; – „Franz Traugott, eine lehrreiche Kindergeschichte“ (Salzburg 1792; 2. Aufl. 1799, 8°.) [erschien ohne Angabe des Verfassers]; – „Geist der Sokratik, ein Versuch, den Freunden des Sokrates und der Sokratik geweiht“ (Salzburg 1793; 2. Aufl. 1798; 4. Aufl. Würzburg 1810, Stahel, 8°.); – „Kleiner ABC-Schüler, zum Gebrauch in Landschulen“ (Salzburg 1793; 3. Aufl. 1798, 8°.); – „Kleiner Schreibschüler“ (Salzburg 1793; 3. Aufl. 1797; 4. Aufl. 1799, 8°.); – „Entwurf der Schulerziehungskunde. zum Gebrauch für Vorlesungen“ (Salzburg 1794, Mayr; neue verb. Aufl. in 2 Theilen, Wien 1824 [Prag, Mayregg] gr. 8°.); – „Episteln und Evangelien auf alle Sonntage, Feste und andere Tage des Jahres; aus dem Griechischen zur Erbauung für Viele. Mit einem Kupf.“ (Salzburg 1794; 2. Aufl. 1797; 3. Aufl. 1802, Mayr, 8°.); – „Anleitung zur Rechenkunst. Zum Gebrauch in Schulen“ 2 Theile (Salzburg, 1795; 2. Aufl. 1798; 5. Aufl. 1806, Mayr, 8°.); – „Geographie von Salzburg“ (Salzburg 1796; 2. Aufl. 1798, Mayr, 8°.) [ohne Angabe des Verfassers auf dem Titelblatte]; – „Beiträge zur Geographie [280] und zur Geschichte derselben“ 2 Theile (Salzburg 1798, Duyle, 8°.); – „Reisen durch Salzburg“ i Salzburg 1799, Mayr, gr. 8°.); – „Geschichte des Schulwesens und der Cultur in Salzburg“ 1. Theil (Salzburg 1804, Duyle, gr. 8°.). – „Die heilige Schrift im Auszuge“ (Salzburg 1802, 8°.); – „Meine Wanderungen durch Salzburg, Berchtesgaden und Oesterreich“ 2 Theile mit KK. (Wien 1817, Gerold, 8°.); – „Geschichte der Griechen“ 2 Bände (Wien 1818 und 1819, Gerold, gr. 8°.), bildet auch den 6. und 7. Band der oben angeführten „Philosophischen Geschichte der Menschen und Völker“, und die „Vaterländischen Blätter für den österreichischen Kaiserstaat“ enthalten von Vierthaler im Jahre 1801, Nr. 1, 8 und 11: „Beiträge zur Kenntniß des Fürstenthums Berchtesgaden“. Als der verdienstvolle Literator Lorenz Hübner [Bd. IX, S. 397] 1799 dem Rufe des Kurfürsten Maximilian IV. nach München folgte, übernahm Vierthaler an des Scheidenden Stelle 1800 die Leitung der zu ihrer Zeit viel gelesenen „Salzburger Staatszeitung“ und führte sie von 1800 bis 1806, auch gab er nach Hübner’s Abgange 1800 bis 1802 eine „Literatur-Zeitung“ heraus.

Biographisches Denkmal dem ... F. M. Vierthaler errichtet von einem seiner Verehrer (Salzburg 1830, 8°.). – (Hormayr’s) Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst (Wien, 4°.) 1827, Nr. 19: „Die Brüder Vierthaler“. – Kehrein (Joseph). Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im neunzehnten Jahrhunderte (Zürich, Stuttgart und Würzburg 1871, Leon Wörl, gr. 8°.) Bd. II, S. 219. – Neuer Nekrolog der Deutschen (Ilmenau 1829, Bernh. Fr. Voigt. 8°.) fünfter Jahrg. (1827) 2. Theil, S. 875, Nr. 324. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. V, S. 554. – Oesterreichs Pantheon, Galerie alles Guten und Nützlichen im Vaterlande (Wien 1831, M. Chr. Adolph, 8°.) Bd. IV, S. 172 u. f. – Oesterreichischer Zuschauer. Herausgegeben von Ebersberg (Wien, 8°.) 1837, Bd. III, S. 1160. – Raßmann (Friedrich). Pantheon deutscher jetzt lebender Dichter und in die Belletristik eingreifender Schriftsteller, begleitet mit kurzen biographischen Notizen ... (Helmstädt 1823, C. G. Fleckeisen, 8°.) S. 345. – Wiener Zeitung, 1828, Nr. 12.
Porträt. Eissner del. et sc. (4°.).