BLKÖ:Habsburg, Ferdinand III. (Großherzog von Toscana)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 6 (1860), ab Seite: 195. (Quelle)
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87. Ferdinand III., Johann Joseph,[WS 1] Erzherzog von Oesterreich, Großherzog von Toscana (geb. 6. Mai 1769, gest. 18. Juni 1824). Der zweite Sohn des Großherzogs Leopold und Maria Luisens; Infantin von Spanien. Gemalinen: 1) Ludovica Amalia Theresia, Tochter weil. Sr. Majestät Ferdinand’s I., Königs beider Sicilien, geb. 27. Juli 1773, vermält durch Procuration zu Neapel 15. August, in Person zu Wien 19. Sept. 1790, gest. 19. Sept. 1802. 2) Maria Anna Ferdinanda Amalia, zweite Tochter des kön. Prinzen Maximilian von Sachsen, geb. 27. April 1796, vermält zu Florenz 6. Mai 1821, Witwe seit 18. Juni 1824. Kinder: Diese stammen alle aus erster Ehe: Karoline Ferdinanda Theresia (geb. am 2. August 1793, gest. 5. Jänner 1812); Franz Leopold Ludwig (geb. 15. December 1794, gest. 18. Mai 1800); Leopold II. Johann Joseph Franz Ferdinand Karl (geb. 3. October 1797), welcher seinem Vater 1824 in der Regierung folgte; Maria Ludovica (geb. 30. August 1798, gest. als Aebtissin des Fräuleinstiftes zur heil. Anna 10. Juni 1837); und Maria Theresia (geb. 21. März 1801), vermält an Karl Albrecht Emanuel, weil. König von Sardinien (gest. 22. Jänner 1855). – Wichtigere Lebensmomente. Großherzog Ferdinand erhielt unter Leitung des Marchese Manfredini eine gediegene Erziehung, in welcher jedoch die militärische Ausbildung gänzlich vernachlässiget wurde. Als sein Vater Leopold nach dem Tode des Kaisers Joseph II. den Kaiserthron bestieg, folgte ihm sein Sohn am 2. Juli 1790 in der Regierung als Großherzog von Toscana. Beim Ausbruch des durch die französische Revolution hervorgerufenen Krieges der verbündeten Mächte gegen Frankreich beobachtete Ferdinand die strengste Neutralität und nahm am 16. Jänner 1792 den Gesandten der französischen Republik La Flotte in seinem Staate an. Erst die Drohungen Englands bewogen den Großherzog, um von seinem Volke großes Unheil abzuwenden, den französischen Gesandten aufzufordern, am 9. October 1793 Toscana zu verlassen; jedoch trotz des Einflusses, den England nunmehr in Toscana ausübte, gewährte der Großherzog den in seinem Lande ansäßigen Franzosen jeden möglichen Schutz. Die Neutralität [196] Toscanas ward wieder hergestellt, nachdem die französische Armee Piemont besetzt hatte und der toscanische Gesandte Graf Carletti am 21. März 1795 vom Nationalconvent in Paris auf das Wohlwollendste empfangen worden war. Aber es war dem Großherzog bald nicht mehr möglich, der immer mehr wachsenden Schwierigkeiten Herr zu bleiben. Die Engländer hatten die Flagge der Republik im toscanischen Hafen Livorno beschimpft, und der Großherzog war nicht im Stande, England zur Einhaltung der Neutralität in Toscana zu zwingen. Bonaparte besetzte nun Livorno. Als bald darauf Napoleon selbst in Florenz erschien, wurde zwar die Neutralität Toscana’s im Februar 1796 wieder hergestellt, aber diese Schonung kostete Toscana nicht nur 2 Millionen, sondern auch viele herrliche Kunstwerke aus der berühmten großherzoglichen Sammlung, darunter die mediceische Venus. Kaum waren aber die Verhältnisse mit dem Auslande geordnet, so erschwerten die von französischer Seite hervorgerufenen und genährten Umtriebe im Lande dem Großherzog so sehr seine Lage, daß er die bisherige Politik, wodurch er sein Land vor allem Schaden zu bewahren vermeinte, aufgeben und Manfredini nach Wien schicken mußte, um von dort Verhaltensmaßregeln einzuholen. Daselbst wurde beschlossen, daß er die bisherige Politik äußerlich beizubehalten, jedoch alle Maßregeln dahin zu treffen habe, im rechten Augenblicke den Verbündeten hilfreiche Hand zu leisten. Den geheimen Verbindungen der Republik gelang es bald, den eigentlichen Stand der Dinge zu erforschen. Der erste Vorwand wurde benützt, Toscana der Krieg erklärt, und im März 1799 rückten die Franzosen in Florenz ein. Ferdinand, der vorher seine Unterthanen durch eine Proclamation zur Ruhe aufgefordert hatte, begab sich nach Wien, während die Franzosen im Lande in einer Weise hausten, daß sie alsbald der Gegenstand des Hasses der Bewohner wurden. Im Frieden von Luneville (1802) mußte Ferdinand auf Toscana Verzicht leisten, und erhielt als Entschädigung Salzburg, Berchtesgaden, Passau und Eichstädt, welche Gebietstheile er unter dem Namen eines Herzogs und Churfürsten nicht volle drei Jahre regierte; denn im Preßburger Frieden (1805) mußte er diese Länder an Oesterreich und Bayern abtreten, wofür ihm Würzburg und der Churfürstentitel wurde. Durch diese absichtliche Versetzung mitten zwischen die kleinen Staaten des westlichen Deutschlands, trennte ihn Napoleon von Oesterreich, an das ihn Bande des Blutes knüpften, und stellte ihn Bayern, das durch ihn seine Gebietstheile verloren hatte, feindlich gegenüber. Als nach Auflösung des deutschen Reiches der Churfürstentitel seine Bedeutung verlor, erhielt Ferdinand an dessen Stelle den eines Großherzogs, und trat am 16. September 1806 dem Rheinbunde bei. Ferdinand, der in allen diesen Verhältnissen im Einverständnisse mit seinem Bruder, dem Kaiser Franz vorgegangen sein mochte, fühlte sich in dieser Lage als Souverän eines Landes, das ihn nicht und das er nicht kannte, wenig behaglich. Im Jahre 1810 begab er sich nach Paris und wohnte, der Einzige seines Hauses, der Vermälung Napoleon’s mit seiner Nichte Maria Louise bei. Bei dieser Gelegenheit schien ihm eine Aenderung seiner Lage von Napoleon in Aussicht gestellt worden zu sein, und thatsächlich bezeichnete ihn Napoleon in einer 1812 an die Polen gerichteten Proclamation als ihren künftigen König. Welches von Europa heiß ersehnte [197] Ende dieses Ein- und Absetzen der Könige und Fürsten, dieses Zuschneiden, Zusammensetzen und Auflösen von Königreichen und Fürstenthümern endlich im J. 1814 nahm, ist bekannt. Durch den Pariser Frieden, 30. Mai 1814, erhielt Ferdinand Toscana wieder zurück. Nur mehr neun Jahre waren ihm vergönnt, das Land, das seine Rückkehr mit aufrichtigem Jubel begrüßt hatte, zu regieren. Aber diese Zeit ist für Toscana unvergeßlich. Wie im Jahre 1790, als er die Regierung antrat, war nun auf die Gerechtigkeitspflege, auf die Hebung der Finanzen, des Verkehres, auf Förderung der Wissenschaften und Künste sein Hauptaugenmerk gerichtet. Selbst aufgeklärt und duldsam, suchte er die Parteien zu versöhnen, handhabte auf das gelindeste, mehr von außen genöthiget als aus eigener Ueberzeugung, die Censur, und gewährte politisch Verfolgten, wenn sie sich ruhig verhielten, sichere Zuflucht. Während in allen andern Landen der italienischen Halbinsel die Revolutionen immer wieder ausbrachen, ja selbst in Spanien und Portugal der Bürgerkrieg wüthete, wurde in Toscana die Ruhe nicht einen Augenblick gestört, und man war in Europa einig, Toscana sei der bestregierte Staat Italiens, und in keinem anderen lasse es sich so frei, angenehm und sicher leben, als in demselben. Ferdinand genoß die Liebe seines Volkes im vollsten Maße, und als er im Alter von 55 Jahren, zu früh für die Wohlfahrt seines Volkes, demselben entrissen ward, beklagte Toscana in wirklicher Trauer den Tod des Vaters des Vaterlandes, das ihm eine leider zu kurze Epoche des Segens und ungetrübten Glückes zu danken hatte. So hinterließ Ferdinand seinem Nachfolger eine durch das herrliche Beispiel wirklicher Regentenweisheit befestigte Regierung.

Gonelli (Giovanni), Elogio di Ferdinando III. granduca di Toscana (Firenze 1824, 8°.). – Schimmer (Karl August), Bilder aus der Heimath (Wien 1854, gr. 8°.) S. 360: „Die Brüder des Kaisers Franz“, von S. A. G. (S. 361: Ferdinand Johann Joseph). – Montanelli, Mémoires sur l’Italie et specialement sur la Toscane. – (Vicomte de Valori), Le Grand-duc Ferdinand IV. et la Toscane (Paris 1859). In einem historischen Rückblicke gedenkt diese Flugschrift auch der Regierung Ferdinand’s III. Unter Ferdinand IV. ist aber der Sohn des Großherzogs Leopold II., der Erbgroßherzog Ferdinand [s. d. Nr. 90], gemeint. – La Farina, Histoire de l’Italie depuis 1815 jusqu’à 1850.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Zu dieser Person gibt es Band 46, S. 172, einen 2. Artikel.