BLKÖ:Weiß, Josephine

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 54 (1886), ab Seite: 125. (Quelle)
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Weiß, Josephine (Balletmeisterin, geb. 1805, gest. in Wien am 18. December 1852). Ihr Familiennamen ist Maudry. Wo sie geboren, ist nicht bekannt, doch muthmaßt Joseph Wimmer, in Wiener Theatergeschichte eine Autorität, in ihr eine Böhmin, da von ihrer Hinterlassenschaft auch auf zwei in Böhmen lebende Muhmen Erbtheile entfielen. Josephine widmete sich dem Ballet und gehörte zu Beginn der Dreißiger-Jahre als Demoiselle Baudry dem Balletcorps des Kärntnerthor-Theaters an. In der Folge heiratete sie den Komiker Eduard Weiß, dessen Lebensskizze S. 100 dieses Bandes mitgetheilt wurde. Als dann im September 1837 Director Pokorny in Wien das Josephstädter-Theater übernahm, engagirte er Frau Weiß als Balletmeisterin für seine Bühne. Das Corps, das sie damals zusammenstellte, bestand anfangs nicht aus lauter Kindern, es waren auch reifere Balletmädchen Mitglieder desselben, aber besonderen Beifalls erfreuten sich doch die ersteren. Auch brachte Frau [126] Weiß damals nicht Ballete zur Aufführung, sondern führte mit ihrem gemischten Balletcorps einzelne Tänze auf, welche als Einlagen zu den Stücken dienten, deren namentlich Told eine ganze Reihe lieferte, die ihren riesigen Erfolg weniger dessen dramatischem Genius als dem Decorationsmaler und der Balletmeisterin zu danken hatte. Das Balletcorps der Frau Weiß aber tanzte mit einer Gewandtheit, Sicherheit und Anmuth, welche das Publicum geradezu hinrissen. Insbesondere war dies mit dem für den „Zauberschleier“ componirten Rosenmädchen-Walzer der Fall. Die Erfolge ihrer kleinen Tänzerinen, deren Zahl zwischen 36 und 54 schwankte, brachten Frau Weiß auf den Gedanken, es mit ihnen auch anderwärts zu versuchen, und nachdem sie die von den Eltern der Mädchen dagegen erhobenen Schwierigkeiten glücklich überwunden hatte, ließ sie die „Wiener Kinder“ 1845 zum ersten Male in London tanzen. Fast schimpflich klingt die Ironie, mit welcher der englische Kritiker diese Kindertänze bespricht. „Keine Maschine kann exacter arbeiten“, schreibt er, „ein Wille, ein Antrieb scheint alle zu beseelen, nachdem sie doch alle ungezügelte Fröhlichkeit und die dem Kinde innewohnende Naivität beibehalten haben...“ „Die Deutschen haben“, fährt er dann fort, „doch wahrlich das größte Genie in Kleinigkeiten. Nirgends als in Deutschland weiß man die Gimpel und Kanarienvögel so gut abzurichten, das Einstudiren dieser Kinderballets ist auch eine durch und durch deutsche Arbeit und wenn auch der Zweck kein großer, so ist doch die Ausführung unerreicht in ihrer Art“. Nun, diese Ironie John Bulls, dessen Kinder-Erziehungsinstitute Boz Dickens zur Erbauung aller deutschen Leser drastisch genug zeichnet, müssen wir Oesterreicher uns schon umso mehr gefallen lassen, als wir uns ja auch die Priorität der von dem Oesterreicher Ressel erfundenen Schiffsschraube mir nichts dir nichts von John Bull stehlen ließen. Nun schickte sich Frau Weiß an, allen Reclamationen der Eltern und selbst gerichtlichen Aufforderungen trotzend – so hatte die niederösterreichische Landesregierung im Namen der Eltern deren drei (am 9., 15. und 17. September 1843) in der „Wiener Zeitung“ erlassen – mit ihrer kleinen Truppe nach Amerika zu reisen, welches sie wiederholt besuchte und wo sie thatsächlich glänzende Geschäfte machte. Nach ihrer Rückkehr ließ sie ihre kleinen 36 „Wienerinen“ wieder in London unter Director Lumley im Queenstheater tanzen. Da sie sich aber mit den Verfügungen des Directors nicht einverstanden erklären wollte, begehrte sie Aufhebung des Contractes. Dagegen brachte Director Lumley den begründeten Einwand vor, daß Frau Weiß auch ihrerseits die Verpflichtungen nicht eingehalten habe. Und dies war auch der Fall, da Frau Weiß, die sich nicht länger weigern durfte, den Eltern, welche ihre Kinder zurückverlangten, dieselben zu senden, nun gezwungen war, die in ihrem Balletcorps entstandenen Lücken durch Mädchen, welche sie in Bath, Oxford und in Londons Umgebungen angeworben, zu ersetzen. Frau Weiß wurde auch vom englischen Richter in die Kosten verurtheilt. Nun begab sie sich mit ihren kleinen Tänzerinen nach Hamburg, wo ihrer eine neue Ueberraschung wartete, da sie die nicht unbeträchtlichen Schulden, welche ihr Gemal daselbst vor Jahren hinterlassen hatte, bei Vermeidung des Personalarrestes bezahlen mußte. Eine viel schlimmere und [127] nicht ganz unbedenkliche Episode sollte sie aber mit ihrer Truppe in Turin erleben, als sie im November 1850 daselbst ihre Vorstellungen zu geben beabsichtigte. Es war gerade die Zeit der höchsten Erbitterung, welche die von Radetzky zweimal zu Paaren getriebenen Italiener in ihrer Hauptstadt gegen Oesterreich zum Ausdruck bringen wollten. Das harmlose Kinderballet der Frau Weiß ward als Opfer ausersehen. Die Gefahr, die ihr drohte, nicht unterschätzend, ließ dieselbe gleich am Tage ihrer Ankunft eine Erklärung veröffentlichen des Inhalts, daß ihre Gesellschaft nicht mehr aus Wienerinen, sondern aus Engländerinen und Französinen bestehe, und sie nur die Firma der ersteren, die ihren Ruf begründete, beibehalten habe. Dies vermochte aber doch nicht die Wuth der Italianissimi zu dämpfen, die an Oesterreichern ihr Opfer haben wollten, wenn es auch keine Oesterreicher waren. Der Theaterzettel wurde herabgerissen, dagegen durch ein Placat das Publicum aufgefordert, das Theater nicht zu besuchen. Abends vor Beginn der Vorstellung standen ganze Haufen des Pöbels vor dem Theater und empfingen[WS 1] die Insassen eines jeden anfahrenden Wagens mit Gezisch, Pfeifen und Gejohle. Indessen füllte sich das Theater, und Alles sah gespannt dem Kommenden entgegen. Die Oper wurde ohne Zwischenfall abgespielt. Nun kam das Ballet. Tiefste Stille herrschte im Hause, jetzt erscheinen die in höchster Eleganz gekleideten kleinen Tänzerinen. Ein leises Gemurmel erhebt sich, auch Gezische wurde laut. Da setzen sich die Figürchen auf der Bühne in Bewegung und beginnen in zierlichsten Wendungen und Gruppirungen den vielberühmten „Rosenwalzer“. Alles folgt mit freudigstem Antheil der Vorstellung und spendet nach dem Tanze rauschenden Beifall, der gar nicht mehr enden wollte. Die Balletmeisterin Weiß hatte gesiegt, obgleich sie Stunden, ja Tage der Angst durchlebte, da, wenn ihr Plan, Engagement zu finden, scheiterte, sie fast den Ruin ihres Unternehmens gewärtigen mußte. Aber es kam anders, noch während der Vorstellung schloß der Director mit Frau Weiß ein Engagement für ein halbes Jahr gegen ein ansehnliches Honorar ab. Nachdem sie sieben Jahre von Wien fern geblieben, kehrte sie mit ihrer kleinen Truppe dahin zurück; aber noch war der Kelch ihres Leidens nicht vollkommen geleert. Gleich nach ihrer Ankunft in der Kaiserstadt wurden ihr die zu Costumen für ihr Balletcorps in Mailand gekauften Seidenstoffe auf dem Südbahnhofe gestohlen, und dann konnte sie für ihre 54 Tänzerinen kein passendes Massenquartier in Wien finden; so sah sie sich denn genöthigt, sich mit ihrer ganzen Truppe in Meidling einzuquartieren; später bezog sie ein Quartier in der Leopoldstadt in der Nähe des Praters. Endlich waren alle kleinen Leiden überstanden, und am 6. März 1851 tanzte das Weiß’sche Balletcorps zum ersten Male im Kärnthnerthor-Theater. Die „Allemande“, die lieblichen „steirischen Tänze“ von Lanner, die „Bauern-Polka“ und zum Schluß „Der Rosenwalzer“ fanden stürmischen Beifall von Seite des kaiserlichen Hofes und des Publicums. Dieser Vorstellung folgten noch mehrere, dann gastirte Frau Weiß mit ihrem Balletcorps fünfunddreißigmale im Theater an der Wien, von dort kehrte sie zur Bühne in der Josephstadt zurück, der Stätte ihrer ersten Triumphe, von welcher sie in die Welt hinausgegangen war. Ein neuer Tanz zu einem Ausstattungsstücke nahm ihre durch die [128] Strapazen der Reise und die Uebungen mit ihren Kindern nahezu erschöpften Kräfte völlig in Anspruch. Sie sah sich gezwungen, das Bett zu hüten. Da geschah etwas Unvorgesehenes. Auf der Kiste, welche die Costume für den neuen Tanz enthielt, kochte in einer großen Kaffeemaschine der Kaffee. Zufälliger Weise warf eines der Kleinen dieselbe um, und der ganze braune Saft ergoß sich durch die Spalten des Deckels über den Inhalt der Kiste und beschädigte sämmtliche Kleider. Nun raffte sich die schwerkranke Frau von ihrem Schmerzenslager auf und schnitt aus neuen Stoffen neue Kleider zu, aber damit schnitt sie zugleich den eigenen Lebensfaden ab; ihre Krankheit verschlimmerte sich zusehends, und in wenigen Tagen war Josephine Weiß eine Leiche. Was ihre Ehe betrifft, so war dieselbe nach Aussage Aller, die das wissen konnten, keine glückliche. Beide Ehegatten gingen ihre eigenen Wege, sie in die Fremde bis nach Amerika, während er in Wien blieb. Als er sich im Gefühle der Zurücksetzung von der Bühne frei gemacht, wurde Frau Weiß während ihres zweimaligen Aufenthaltes in Amerika jedesmal durch den Besuch ihres Gatten überrascht, den wohl mehr die goldene Ernte seiner Frau, als seine Gattenliebe dahin gezogen hatte. Kurz vor ihrem Tode kaufte sie noch in der Nähe von Wien, bei Brunn im Gebirge, ein Landgut, den sogenannten Wälsch’schen Hof, an, der dann ihrem Manne als Erbe zufiel und wohl zunächst seinen Ruin herbeiführte. Nach ihrem Tode löste sich das Kinderballet auf. Von den Mitgliedern desselben gelangten einige zu Bedeutung: so die Leinsitt, die spätere Solotänzerin des Braunschweiger Hoftheaters, auf welchem dieselbe am 20. Jänner 1856 mit ihren Gazekleidern den Lampen zu nahe kam und fürchterliche Brandwunden erhielt, denen sie nach sechstägigem qualvollen Leiden erlag; zwei Schwestern Rorarius, von denen eine den Volksschriftsteller Anton Langer [Bd. XIV, S. 108] heiratete; die Florianschütz, die zum Ballet des Kärntnerthor-Theaters, und die Worell, die zu dem des Josephstädter-Theaters kam, und welche Beide, nachdem sie geheiratet hatten, sich von der Bühne zurückzogen; die Schwestern Helene und Katharina Blasel; auch der nachmalige berühmte Komiker Karl Blasel[WS 2] soll Mitglied dieses weiblichen Kinderballets gewesen sein, da ihn Madame Weiß, weil er „gar so ein schönes Bubi“ war, als Mädchen verkleidete, um ihn im Ballet mithüpfen zu lassen.

Kaiser (Friedrich). Unter fünfzehn Theater-Directoren. Bunte Bilder aus der Wiener Bühnenwelt (Wien 1870, Waldheim, 12°.) S. 107, 108. – Neues Wiener Tagblatt, 26. November 1869, Nr. 326 in der Biographie ihres Gatten Eduard Weiß. – Morgenpost (Wiener Localblatt) 1869, Nr. 326 im Feuilleton: „Eduard Weiß“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 6. December 1885, Nr. 336: „Wiener Lieblinge. III. Folge: Kleine Lieblinge der Großen. Große Lieblinge der Kleinen“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: emfingen.
  2. Karl Blasel (Wikipedia).