BLKÖ:Windisch-Grätz, Joseph Niclas Reichsgraf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 57 (1889), ab Seite: 60. (Quelle)
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Windisch-Grätz, Joseph Niclas Reichsgraf (politisch-philosophischer Schriftsteller, geb. in Wien am 6. December 1744, gest. zu Stěkná in Böhmen am 24. Jänner 1802). Ein Sohn des Grafen Leopold Karl Joseph zu Windisch-Grätz aus dessen Ehe mit der Gräfin Marie Antonie von Khevenhüller-Franckenburg, verlor er, ein noch nicht zweijähriges Kind, im Verlauf nur weniger Wochen seine Eltern als Opfer einer herrschenden Blatternepidemie. Die Mutter starb am 17. Jänner 1746, und der Vater folgte ihr im Tode am 13. Februar. Josephs Großmutter väterlicherseits, M. Ernestine Reichsgräfin von Windisch-Grätz, geborene Reichsgräfin Strassoldo, eine ebenso geistvolle als hochsinnige Frau. führte die Obervormundschaft und leitete die Erziehung ihres Enkels, der bei ihrem am 1. Juli 1766 erfolgten Tode bereits das 21. Lebensjahr überschritten hatte. In der Jugend zeichnete sich Graf Joseph Niclas durch eine gründliche und sehr angenehme Bildung und durch ein für die große Welt geeignetes gefälliges Wesen aus, das ihn auch späterhin, ungeachtet einer entschiedenen Neigung zur Einsamkeit und zur Entfernung vom geräuschvollen Leben großer Städte, nie verließ. Er bekleidete einige Zeit die Stelle eines Reichshofrathes in Wien und wurde im April 1770 als dienstthuender Kämmerer der großen Begleitung der Erzherzogin Marie Antoinette, künftigen Dauphine von Frankreich, auf deren Reise von Wien nach Paris zugetheilt. Durch seine hohe geistige Bildung war er eine hervorragende glänzende Erscheinung unter seinen Standesgenossen, er widmete sich sein ganzes Leben mit großem Eifer der Jurisprudenz, Philosophie und Mathematik, auch trat er, ein unter den Männern seiner Stellung in damaliger Zeit äußerst seltener Fall, wiederholt in dieser Richtung als Schriftsteller auf. Der Hauptzweck seines Studiums und seiner Schriften war, Moral und Gesetzgebung [61] zu mathematisch bestimmten Wissenschaften zu erheben und auf die festesten Grundsätze zurückzuführen. Die erste Schrift, die man von ihm kennt, ist ein Programm von 1785, worin er aus eigenen Mitteln einen Preis von 1000 und einen zweiten von 500 Ducaten auf die Lösung des Problems setzte: „Contractformeln zu entwerfen, die gar keiner doppelten Auslegung fähig wären, und vermöge deren jeder Streit über irgend eine Eigenthumsveränderung unmöglich würde, so daß über eine nach diesen Formeln abgefaßte Rechtsurkunde durchaus kein Proceß entstehen könnte“. Der Graf stand mit einigen der berühmtesten Gelehrten in Deutschland, Frankreich und Italien in schriftlichem Verkehr, unter andern auch mit dem Königsberger Philosophen Kant und dem berühmten Secretär der Pariser Akademie der Wissenschaften Condorcet. Mit Letzterem war er derselben Meinung, daß sich alle Gegenstände des Denkens auf den Calcul müßten zurückführen lassen und auf diese Weise fest und mathematisch zu bestimmen seien. Diese Ueberzeugung brachte ihn zu der erwähnten Aufgabe, von deren Lösung er sich das Grab aller Chicane und das Ende aller Processe versprach. Daher legte er dem ganzen Europa diese wichtige Frage vor und erbat in dem Programm die Pariser, die Edinburgher und noch eine deutsche Akademie zu Schiedsrichtern darüber. Er veranstaltete davon eine lateinische Uebersetzung und verbreitete diese nicht nur in Wien, sondern auch in England und Italien. Schon waren die ansehnlichen Preisgelder bei dem Banquier Smitmer in Wien niedergelegt und die Programme versendet, schon hatten sich die Pariser Akademie der Wissenschaften, die königliche Gesellschaft zu Edinburgh und, die Baseler Universität zur Uebernahme des Urtheils über die Preisschriften bereit erklärt. Doch die Termine 1787 und 1790 verstrichen, ohne daß irgend ein Auflösungsversuch erschien, nur einige Gegenschriften kamen in Wien zum Vorschein. Von einem einzigen Manne, einem schwedischen Mathematiker, Namens Törner, weiß man, daß er sich mit Lösung dieser Aufgabe oder vielmehr mit den Präliminarfragen dazu beschäftigt hat. Die übrigen Schriften des Grafen Joseph Niclas sind folgende: „Betrachtungen über verschiedene Gegenstände, worüber man heute sehr viel schreibt“ (Nürnberg 1787); – „Objections aux sociétés secrètes“ (London 1788); – „Discours, dans lequel on examine les deux questions suivantes: I. Un Monarque a-t-il le droit de changer de son chef une Constitution évidemment vicieuse? II. Est-il prudent à lui, est il de son intérêt, de l’entreprende? Suivi de réflexions pratiques“ (1788); – „Solution provisoire d’un probême, ou histoire métaphysique de l’organisation animale“ (Bruxelles 1789); – „Principes métaphysiques de l’ordre social, de la loi et de la réligion naturelle“ (war als eine Fortsetzung des vorigen Werkes bestimmt, scheint aber nicht im Drucke herausgekommen zu sein); – „De l’âme, de l’intelligence et de la liberté de la volonté“ (Strassbourg 1790). Noch geben seine handschriftlichen Materialien den Titel an von einer Schrift: „De la peine de mort et de la torture“, ohne zu bestimmen, ob sie gedruckt worden ist. Am stärksten aber offenbarte sich sein Hang, das Ungewöhnliche zu denken, mit bewunderungswürdigem Muthe Hand an die Ausführung zu legen und sich dabei über die Urtheile der spöttelnden Kritiker {{Seite|62} wegzusetzen, durch den Antrag, den er 1798 dem versammelten Friedenscongreß zu Rastadt mochte. Der Inhalt dieser französisch geschriebenen Denkschrift bestand darin, daß sich der Graf zur Abfassung einer höchst vollkommenen Theorie der Gesetzgebung, so zwar, daß die Gesetze über allen Streit erhaben wären, anheischig machte. Aus des Grafen Windisch-Grätz Schriften leuchtet vor Allem ein durch und durch redliches Streben nach Wahrheit und ein von so vielen seiner Zeitgenossen frei unabhängiges Urtheil. Von der Unhaltbarkeit der socialen und politischen Zustände seiner Zeitepoche überzeugt, forschte er mit warmem Herzen unermüdlich nach einer möglichen Abhilfe. Ohne Rücksicht auf den Beifall der Menge und die Gunst der Machthaber jener Zeit bekämpfte er die Wege, die von unten und oben verfolgt wurden. Obwohl in seiner Jugend in nahen persönlichen Beziehungen zu Kaiser Joseph II. gestanden, sagte sich der Graf später gänzlich von ihm los, da er dessen rücksichtsloser Reformthätigkeit im Grundsatze abhold war. Er mied von da an den Hof und war trotz öfterer Anwesenheit in Wien nie mehr zu bewegen, sich dem genannten Monarchen vorzustellen. Die Offenheit des Charakters, die Selbständigkeit und Unabhängigkeit seines Urtheils machten ihn zum principiellen Gegner aller geheimen Gesellschaften, die eben damals unter den verschiedensten Namen üppig wucherten, und deren Treiben ihm im Innersten seiner Seele zuwider war. Als endlich eine kaiserliche Verordnung diesem bedenklichen Treiben entgegentrat, machte der Graf aus Dankbarkeit für dieses gemeinnützige Verbot dem Staate eine freiwillige Schenkung von 30.000 Gulden. Das Handbillet, mit welchem Kaiser Franz II. hiefür dem Spender seine Anerkennung zum Ausdrucke brachte, wird noch im Familienarchive aufbewahrt. Als philosophischer Politiker bedauerte Graf Joseph Niclas den Ausbruch und den verderblichen Gang der französischen Revolution, allein er erkannte in ihr größtentheils eine Folge der Schwäche und Sittenlosigkeit der Bourbons und der höheren Gesellschaftskreise Frankreichs. Als daher um diese Zeit vom Kaiser Franz eine Aufforderung an den Adel und die Geldbesitzer zu freiwilligen Opfern für Kriegszwecke ergeht, verweigert der Graf für seine Person jeden Beitrag, zahlt aber für die gesammten Unterthanen seiner böhmischen Herrschaften den ausgeschriebenen Kriegszuschlag. Obgleich Joseph II. in dem Grafen Windisch-Grätz einen Gegner einer Neuerungen sah, so hegte er doch für den selbständigen, ehrenhaften Charakter dieses Mannes hohe Achtung, und derselbe war einer der Wenigen, denen der Kaiser eines der nur im Manuscripte vorhandenen 7 Exemplare seines von hm eigenhändig verfaßten politischen Testamentes – eines „Pater peccavi“ – eigenhändig zusandte. Gerade die später und zuletzt gewonnenen bitteren Erfahrungen Josephs II. söhnten diesen Fürsten mit seinen Widersachern nicht nur aus, sondern stellten dieselben am Ende seines Lebens höher und machten erst deren wahren Werth in seinen Augen geltend. Graf Joseph Niclas war Oberst-Erblandstallmeister des Herzogthums Steiermark und Herr der Herrschaften St. Peter in der Au, Gassenek und Leopoldsdorf in Niederösterreich und erbte am 22. April 1781 von den Grafen Losy die Herrschaften Tachau und Stěkná, sowie Winternitz mit den Gütern Stienitz, Sluha, Mladějowitz, [63] Rowna, Schossenreith, Purschau u. s. w. und mehrere andere in Böhmen. Seine letzten Lebensjahre brachte er fast ununterbrochen auf seinen Schlössern Tachau und Stěkná zu, während zeitweiliger Aufenthalte in Wien bewohnte er meist ein in der Vorstadt Gumpendorf ihm gehöriges Familienhaus; auch besaß er ein sogenanntes Freihaus in der inneren Stadt, und zwar in der vorderen Schenkenstraße Nr. 43 (jetzt Bankgasse Nr. 7 und dermalen dem Fürsten Liechtenstein gehörig). Dieses Haus hatte Stallungen und Schupfen auf der Löwelbastei, wurde aber von ihm im Jahre 1783 an den Fürsten Georg Adam Starhemberg verkauft. Graf Joseph Niclas Windisch-Grätz hatte sich zweimal vermält, und zwar am 12. October 1766 mit Josepha [siehe die folgende Skizze], Tochter des Grafen Niclas Erdödy de Monyorókerék und der Maria Antonia Gräfin Batthyányi de Németh-Ujvár; sodann am 30. August 1781 mit Maria Francisca Leopoldine (geb. 31. Juli 1751, gest. als Witwe am 26. August 1812), einer Tochter des k. k. Feldmarschalls Karl Maria Raimund Herzogs von Arenberg aus dessen Ehe mit Luise Margaretha Gräfin von der Mark. Aus beiden Ehen entstammten sechs Söhne und vier Töchter, sämmtlich aus der II. Stammtafel ersichtlich. Unter den Söhnen sind Alfred Candidus, der spätere Feldmarschall, und Weriand Alois die Stifter der beiden heute noch blühenden fürstlichen Linien des Hauses Windisch-Grätz. Graf Joseph Niclas beendete im Schlosse Stěkná seine irdische Laufbahn. Als er den Tod herannahen fühlte, besorgte er sein Seelenheil, ordnete seine weltlichen Angelegenheiten, nahm Abschied von seiner Familie und entbot in ein anstoßendes Zimmer seine Musikcapelle, unter deren hinschmelzenden Accorden er im 58. Jahre seines Alters aus dem Leben schied. Ein Historiker unserer Tage bezeichnet den Grafen als eine jener stolzen selbständigen, dabei wohlwollenden und durchaus ehrenhaften Dynastennaturen, deren Typus nicht bloß in der österreichischen, sondern selbst in der englischen Aristokratie immer mehr zu verschwinden scheint.

Allgemeiner literarischer Anzeiger, 1798, S. 1609; 1799, S. 1393. – Baur (Samuel). Allgemeines historisch-biographisch-literarisches Handwörterbuch aller merkwürdigen Personen, die in dem ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts gestorben sind (Ulm 1816, Stettini, gr. 8°.) Bd. II, Sp. 730. – Helfert (Jos. Alex. Freiherr von). Geschichte Oesterreichs vom Ausgange des Wiener October-Aufstandes 1848 (Prag 1869, Tempský, gr. 8°.) Bd. I, S. 62 und 63. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1837, 8°.) Bd. VI, S. 157 u. 158. – Schlichtegroll (Friedrich). Nekrolog der Teutschen für das neunzehnte Jahrhundert (Gotha 1803, Justus Perthes, kl. 8°.) Bd. II, S. 141–176.