BLKÖ:Winkler, Joseph (Rosenkreuzer)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 56 (1888), ab Seite: 277. (Quelle)
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Winkler, Joseph (Rosenkreuzer, Ort und Jahr seiner Geburt unbekannt, gest. in Wien zu Anfang der Neunziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts). Die wesentlichsten, freilich auch ganz und gar mystischen Nachrichten, die wir über diesen Sonderling haben, verdanken wir dem Alchymisten Max Joseph Freiherrn von Linden, der um den Anfang des 19. Jahrhunderts in Wien lebte und dort eine geheimnißvolle Rolle spielte. Das Ausführlichste, was man über Linden weiß, über den selbst man nie recht ins Klare gekommen, erzählt Dr. Emil Besetzny in der freimaurerischen Zeitschrift „Zirkel“, Jahrgang 1871, Nr. 10 bis 14, worin er historisch-biographische Skizzen über die Rosenkreuzer in Wien; mittheilt. Linden’s Mittheilungen über Winkler sind aber in dem heute schon sehr seltenen Buche enthalten: „Handschriften für Freunde geheimer Wissenschaften. Zum Druck befördert von M. J. F. v. L…, k. k. A. R. Erster (und einziger) Band mit Kupfern“ (Wien bei Alois Blumauer 1794). Die Initialen bedeuten: „Max Joseph Freiherr von Linden, k. k. Administrations-Rath“. Ueber das Schicksal dieses seltenen Buches berichtet Dr. Besetzny in seinem freimaurerischen Taschenbuch „Die Sphinx“ (1878) Seite 78. Joseph Winkler lebte als Buchhändler, Antiquar und Bücherschätzmeister zu Wien in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Er war, wie Linden schreibt, einer der größten Bücherkenner, die es vielleicht jemals gegeben hat, dabei ein hervorragender Alchymist und Rosenkreuzer und galt in geheimen Wissenschaften als ungemein erfahrener und competenter Richter. Auffallend erscheint es, daß Franz Gräffer – wenngleich nicht Winkler’s Zeitgenosse, denn Ersterer wurde 1785 geboren, während Letzterer zu Anfang der Neunziger-Jahre starb – nirgends in seinen zahlreichen culturhistorischen Wien und die Wiener betreffenden Schriften Winkler’s gedenkt, da er ja nicht selten und ziemlich ausführlich auch von solchen Leuten berichtet, die er nicht persönlich kannte. Wie Linden ferner schreibt, ging Winkler in seiner Jugend nach Italien, kam nach Florenz und ward in dem großherzoglichen Garten von ein paar Geistlichen eines bekannten Ordens (Jesuiten?) so angeredet, als wenn sie ihn schon viele Jahre gekannt hätten. Nach einigen gleichgiltigen Unterredungen zeigten sie ihm die Ursache an, warum er seine Reise in Italien unternommen, sagten, daß man ihn schon erwartet habe und bereit sei, dem Ziele seiner Wünsche ihn näher zu führen. Am folgenden Tage wurde er von eben diesen Geistlichen zu der ihm bestimmten Stunde abgeholt und, wie ihm däuchte, außerhalb der Stadt durch lange unterirdische Gänge in eine Versammlung von sehr ansehnlichen und ehrwürdigen Personen gebracht. Hier, mußte er auf einem ihm angewiesenen Orte niederknien, mit aller [278] ihm möglichen Sammlung des Geistes beten, seinen Namen auf einen Zettel schreiben, und nachdem dieses Papierlein in einem Tabernakel unter einer Art von Monstranz mit besonderen Ceremonien niedergelegt, er aber auf den folgenden Tag war wiederbestellt worden, wurde er durch seine vorigen Führer zurückgeleitet. Des folgenden Tages ward er wieder abgeholt, an eben den Versammlungsort hingeführt und, da er im Gebete vor dem Altare niederkniete, der Tabernakel geöffnet, sein Name hervorgezogen und, nachdem man den Zettel, auf welchem derselbe stand, genau angesehen hatte, ihm zu der vorzunehmenden Einweihung Glück gewünscht. Kurz nachher ward er nun mit besonderen Ceremonien, wie denn alles bis hieher Geschehene mit solchen verknüpft gewesen, in diese Gesellschaft aufgenommen und mit den ersten Grundsätzen und Gebräuchen derselben bekannt gemacht, die er zeitlebens niemals zu übertreten geloben mußte. Nach geendigtem Ceremoniell sagte man ihm, wo er auf seiner Heimreise Freunde antreffen und daß der übrige Unterricht bei der Rückkehr in sein Vaterland auf die gewöhnliche Weise ihm zukommen werde, worauf seine Entlassung erfolgte. Er traf überall Alles so an, wie man es ihm angezeigt hatte. Auch in Wien kam kurz nach seiner Ankunft zu ihm ein Mitglied dieser Gesellschaft, welches ihm die Nachricht gab, daß es von seinen Vorgesetzten den Befehl habe, ihm nach Vorschrift des Ordens in Allem an die Hand zu gehen. Alsdann mußte Winkler ihm ein Verzeichniß von seinen Büchern und Schriften machen, mit der Bemerkung, welche Wissenschaft ihm die angenehmste sei, und in welcher er vorzüglich Unterricht zu haben wünsche. Nachdem er die höhere Chemie sich erkoren hatte, ward er gefragt, welche Bücher er vorzüglich als gute und classische ansehe? Er nannte unter anderen Basilius Valentinus, einen Benedictinermönch und berühmten Alchymisten zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, dessen sämmtliche Schriften zu öfteren Malen, zuletzt in drei Bänden von Ben. Nic. Petraeus (Hamburg 1717 und 1740) herausgegeben wurden. Nun trug man ihm auf, denselben zu commentiren und seine Arbeit stückweise seinem Führer zu übergeben; er that es; nach einiger Zeit ward das, was er recht verstanden und ausgelegt hatte, angezeigt, das, worin er gefehlt, bemerkt und die Bücher und der Ort angewiesen, wo er darüber Erklärungen finden würde. Auf diese Art erhielt er nach und nach in dem ganzen Geheimniß der Kunst den nöthigen Unterricht und ward dann zum Kunstverständigen erklärt und als solcher anerkannt. Bei diesem Fortschritte seiner Kenntnisse wurden seine Pflichten immer größer, sein Leben mußte noch strenger eingerichtet werden, und bei einer jeden, auch minderen Vernachlässigung kamen die bittersten Verweise und Demüthigungen, die, wie er selbst eingestand, seine Tage nicht zu den angenehmsten machten, und um die man ihn nicht beneiden dürfe. Einst, da er sein Mißvergnügen über die Art, ihn zu behandeln, vielleicht mit etwas zu vieler Lebhaftigkeit mochte gesagt haben, blieb sein Freund plötzlich aus, und nur erst nach einigen Jahren ließ er sich einmal wieder sehen, nachdem Winkler in der Zwischenzeit seine Uebereilung wohl tausendmal bereut hatte. Nun ward ihm wohl eine Wahl vorgelegt, und er entschied sich abermals, was er nicht hatte thun sollen, dafür, in Wien zu bleiben, und von dieser Zeit an hatte aller weitere Schriftwechsel ein [279] Ende. Nur ein paar Mal trafen noch Gesellschaftsmitglieder bei ihm ein, die er wohl um ihr Fürwort und die Wiedereröffnung eines näheren Zusammenhanges bat, aber ohne Erfolg. So weit berichtet Linden über Winkler’s rosenkreuzerische Verbindungen, anläßlich deren dann Besetzny bemerkt, daß dabei allem Anscheine nach die frommen Väter Jesu, die an ihm ein nicht ganz und gar willfähriges Werkzeug gefunden und ihn daher einfach fallen gelassen hatten, die Hauptrolle gespielt haben dürften. Von 1777–1780 hat Baron Linden vielfachen Verkehr mit Winkler, mit dem er sich in allerlei Gespräche einließ, aus denen er die Ueberzeugung schöpfte, daß Winkler in den mystischen Schriften wohl bewandert gewesen sei und, wie Linden sich ausdrückt, das Magisterium magnum unter Leitung seines Freundes und Aufsehers zu wiederholten Malen ausgearbeitet, das Resultat aber demselben habe einhändigen müssen, so daß er sich nur von der Möglichkeit und Thatsächlichkeit der Transmutation vergewissern konnte, ohne selbst je einen persönlichen Vortheil dabei zu erzielen; kurz daß er gesäet, aber nie geerntet habe. Was nun Winkler’s Charakter betrifft, so war unser Antiquar reich an Absonderlichkeiten aller Art, hatte viele ganz eigene Meinungen, Launen und Vorurtheile, dachte selten, wie der große Menschenhaufe zu denken pflegt, war sehr mißtrauisch, zurückhaltend und argwöhnisch, Alles Eigenschaften, die, wenn ursprünglich schon vorhanden, durch den Verkehr mit den rosenkreuzerischen Genossen nur noch verstärkt worden sein mochten. So galt ihm das Wort „Liebster Freund“ für eine Beleidigung, die er lange nicht vergessen konnte Dabei war er sehr strenge in seinen Sitten; das schöne Geschlecht floh er in auffallender Art, er betete viel und sah die römisch-katholische Religion als die alleinseligmachende mit Ueberzeugung an, verrichtete ihre Gebräuche und Ceremonien, welche er, wenn davon gesprochen wurde, mit großer Wärme und Ueberzeugungstreue vertheidigte. Von der Freimaurerei hielt er nicht nur nichts, sondern wenn man ihm vorhielt, daß doch große Künstler jeder Art dieser Gesellschaft angehören, so erwiderte er, daß ihre Künste nur durch Hilfe böser Engel verrichtet wurden, mit denen ihre ersten Stifter ein geheimes Bündniß für sich und ihre Nachfolger geschlossen hätten u. s. w. Inwieweit diese Ansichten bei Winkler sich von selbst durch seine Eigenart und seine Studien entwickelt haben, oder inwieweit rosenkreuzerischer Einfluß dabei thätig gewesen, läßt sich freilich nicht bestimmen. Wie sein Biograph erzählt, so war sein Hauptmentor und Führer auf den verschlungenen Pfaden zum Tempel der anrüchigen Weisheit ein alter Rosenkreuzer, Namens Freimann, der viele magische, cabalistische und alchymistische Schriften geschrieben. Diese pries Winkler als wahre Meisterwerke und ihren Autor als den einzigen Mann, von dem er etwas wahrhaft Reelles und Tüchtiges gelernt; nur war er die Proben dieses reellen und tüchtigen Wissens schuldig geblieben. In enger Verbindung stand er auch mit Franz Joseph Grafen Thun, dem Stifter einer mystischen, der sogenannten Gabledonischen Gesellschaft, über welche man in Lavater’s Protokoll über den „Spiritus familiaris Gablidone“ (Frankfurt und Leipzig 1787) weitere Aufklärung findet, und deren Mitglied er schließlich auch wurde. Als er aber allmälig in ihre Geheimnisse eingedrungen, die sich ihm zuletzt nur als [280] purer Schwindel darstellten, und es zu Auseinandersetzungen mit dem Stifter kam, nahmen die Scenen zwischen Beiden einen so tumultuarischen Charakter an, daß eine ziemlich heftige Trennung erfolgte, in der man sich gegenseitig versicherte, daß man es für ein wahres Glück schätze, einander los geworden zu sein. Während aber der Graf in seiner Zurückgezogenheit dies Alles als Thatsachen entgegennahm, über die er weiter kein Wort verlor, hielt Winkler, der sich um einige Ducaten, die er auf die Copie geheimnißvoller Schriften verwendet hatte, erleichtert fühlte und für betrogen wähnte, in einer seinem gemeinen Wesen ganz entsprechenden Weise nichts weniger als reinen Mund, sondern schimpfte heftig über die Gesellschaft und deren Stifter, und zwar so lange, bis dieser, aus solchen widrigen Reden Nachtheile für seinen Verein besorgend, sich mit Winkler verständigte und ihm allen Schaden ersetzte, wogegen Letzterer sich verpflichtete, mit seinen Schimpfereien gegen den Verein und dessen Stifter innezuhalten. So weit reichen die Nachrichten über Winkler und die Verirrungen, zu denen, wie heutzutage von Tischrückern, Spiritisten und Gedankenlesern, damals die menschliche Gesellschaft von Rosenkreuzern, Gablidonisten und Illuminaten mitgerissen wurde. Wie groß in geistiger Vollendung auch im Laufe der Zeit die Menschheit werde, Dummheit behauptet ihre Sendung, Wahnsinn stirbt nie aus auf der Erde. Ueber die weiteren Schicksale des Buchhändlers wie des Rosenkreuzers Winkler fehlen alle Daten. Er mag wohl, als von Seite des Staates nach Ausbruch der französischen Revolution gegen alle geheimen Gesellschaften ernste Maßnahmen ergriffen wurden, sich zurückgezogen haben und so allmälig in Verschollenheit gerathen sein.