BLKÖ:Thun, Franz Joseph

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 45 (1882), ab Seite: 22. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: 101975186X, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Thun, Franz Joseph|45|22|}}

28. Franz Joseph. Eines Grafen Franz Joseph Thun gedenkt das Meyer’sche „Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände. Zweite Abtheilung“, Bd. XI, S. 967, als eines „berüchtigten Schwärmers“, welche Bezeichnung nach Allem, was über den Grafen vorliegt, ganz unberechtigt erscheint. Die im Jahre 1784 erschienene „Biedermanns-Chronik“ wieder nennt einen Grafen Franz Joseph Thun: Freund und Pfleger der Musen, Mäcen der Gelehrten und Künstler, Patriot und Menschenfreund“. Nun lebte in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts nur ein Graf Thun mit den Taufnamen Franz Joseph: der älteste Sohn Johann Joseph Antons aus dessen erster Ehe mit Maria Christiana geborenen Gräfin Hohenzollern-Hechingen, erster Inhaber des Majorats Klösterle. Und dieser (geb. am 14. Sept. 1734, gest. 1801) ist es auch, der durch Wundercuren seinerzeit so viel von sich reden machte. Durch bloßes Auflegen der rechten Hand heilte er Gichtschmerzen und Gliederlähmungen. Bereits ein 60jähriger Mann, verließ er 1793 Wien, um auch in anderen Städten Deutschlands seine Curen vorzunehmen. So trat er denn im Jahre 1794 in Leipzig während der Ostermesse auf. Eine große Anzahl Kranker strömte ihm zu. Er verfuhr folgendermaßen. Er ließ seine Hand auf der leidenden Stelle des Kranken so lange liegen, bis derselbe ein Brennen oder Kitzeln fühlte, worauf er mit dem einen Finger zu streichen begann, um dadurch den Schmerz nach einem äußeren Theile des Körpers zu leiten. Oft gelang diese Cur, oft aber kehrte nach einiger Zeit das Uebel zurück. Doch kam es auch vor, daß dieses Auflegen nichts half. Aber die Menge strömte herbei, und da nicht Alle zu ihm konnten, so geschah es, daß Viele in Thun’s Zimmer sich von einem Anderen berühren ließen, im Glauben, daß schon das Bestreichen in den Räumen, welche der Graf bewohnte, hinreichend sei. Dieser Versuch aber wurde dem Rufe desselben nachtheilig, und Franz Joseph Thun verließ Leipzig, worauf man auch bald von seinen Wundercuren nichts weiter hörte. Uebrigens war der Graf ein großer Mystiker und ist der Stifter der Gablidone’schen Gesellschaft, einer unter Lavater’s Auspicien entstandenen phantastischen Verbindung, welche vorgab, unter der unmittelbaren Leitung des mächtigen Geistes Gablidone zu stehen, der sie vor allen Angriffen von innen oder außen schütze und durch verschiedene wunderbare, theils psychische, theils physische Manifestationen belehre. Wer sich über diese merkwürdige Societät, zu welcher geistig bedeutende Männer zählten, näher unterrichten will, findet Aufklärung darüber in Lavater’s „Protokoll über den Spiritus familiaris Gablidone“ (Frankfurt und Leipzig 1787). Daß Graf Thun auch Maurer gewesen, stellt sich aus den Mittheilungen der unten erwähnten „Sphinx“ heraus, wie auch zwei Bildnisse, die ihn mit maurerischen Emblemen umgeben darstellen, darauf hinweisen. Ferner war er ein eifriger Anhänger Mesmer’s und ein Schüler des Grafen Puységur[WS 1] in Paris. Uebrigens sind die Mittheilungen über [23] den Grafen, der gewiß einer der interessantesten Schwärmer seiner Zeit gewesen, sehr lückenhaft. Es ist nur noch bekannt, daß er mit dem Rosenkreuzer Joseph Winkler, der als Buchhändler, Antiquar und Bücherschätzmeister in Wien lebte, in sehr enger Verbindung gestanden, welche aber später in ziemlich heftiger Weise gelöst wurde. Durch Winkler zunächst mag der Ruf des Grafen geschädigt und der Ausdruck „berüchtigter Schwärmer“ hervorgerufen worden sein. Vergleiche Näheres darüber in der unten angeführten „Sphinx“. Graf Franz Joseph hatte sich am 30. Juli 1761 mit der Reichsgräfin Maria Wilhelmine von Uhlefeld vermält und wurde am 18. Mai 1800 Witwer. Des Grafen Franz Joseph Gemalin, vorerwähnte Gräfin Marie Wilhelmine, war eine der liebenswürdigsten Damen der Wiener Gesellschaft in den letzten zwei Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts. Der englische Tourist Wraxall berichtet über sie: „Keine Hauptstadt der Erde kann durch natürliche und erworbene Gaben und durch einen weiten und freien Geist ausgezeichnetere Personen hervorbringen als die Gräfinen Thun und Pergen; ihre beiden Häuser sind der Vereinigungspunkt von Allen, die auf feine Bildung Anspruch machen, und sind die größte Ressource für die Engländer während ihres Aufenthaltes in Wien“. Nicht anders äußerte sich ein zweiter Tourist. Swinburne, ein Sproß jener Familie, welche Oesterreich mehrere Helden geliefert hat [Bd. XLI, S. 5357], indem er schreibt: „Frau von Thun ist eine liebenswürdige Frau, ganz Aufmerksamkeit und Güte gegen die Fremden. Sie hat drei Töchter, die alle hübsch sind, aber die älteste ist eine vollendete Schönheit. Diese, Elisabeth, heiratete im Jahre 1788 den späteren russischen Gesandten Grafen Rasoumoffsky [Bd. XXV, S. 6] in Wien, welcher sich in zweiter Ehe mit Constantine Gräfin Thürheim vermälte; die zweite Tochter der Gräfin Wilhelmine wurde die Gattin des Fürsten Lichnowsky und so die Großmutter des 1848 ermordeten Fürsten Felix Lichnowsky; die dritte aber wurde eine Lady Guildford aus einer alten englischen Familie, welche die schöne Devise: „la vertu est la seule noblesse“ im Wappen führt“. Der Graf starb Anfangs August 1801, aus seiner Ehe außer vier Töchtern, von denen zwei in der Kindheit starben, einen Sohn Joseph hinterlassend, der diesen Zweig fortpflanzte. [Khuen (Karl Gottlob). Etwas über die Curen des Grafen von Thun, aus physischen und medicinischen Standpunkten betrachtet (Leipzig 1794, 8°.). – Die Sphinx. Freimaurerisches Taschenbuch. Herausgegeben von Dr. Emil Besetzny (Wien 1873, Rosner, 8°.) S. 83–86 und S. 143. – Laube (Heinrich). Geschichte der deutschen Literatur (Stuttgart 1839, Hallberger, gr. 8°.) Bd. II, S. 151. – Porträte. 1) Q. Mark sc. 1783 (4°.). – 2) A. Rähmel p. G. F. Riedel sc. (Fol.). Beide mit maurerischen Emblemen.] –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Puysegue; gemeint ist Armand Marie Jacques de Chastenet de Puységur (Wikipedia).