BLKÖ:Wirkner, Ludwig von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 57 (1889), ab Seite: 113. (Quelle)
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Wirkner, Ludwig von (k. ungarischer Hofrath, geb. zu Kaschau in Ungarn 1802, gest. in Wien 18. December 1882). Nach beendeten Vorbereitungsstudien sich dem rechtswissenschaftlichen Fache widmend, hörte er die juridischen Disciplinen zunächst an der Rechtsakademie in Kaschau, später an der Hochschule Wien und erwarb sich dann in Pesth das Advocatendiplom. Als ungarischer Advocat führte er die Geschäfte eines Herrn von Boschani, und aus dieser Periode stammte sein Vermögen. Nachdem er den damals erforderlichen Ausweis geliefert, daß er ohne Gehalt leben könne, wurde er im October 1825 bei der ungarischen Hofkanzlei zum Conceptspracticanten ernannt. Hofkanzler war zu jener Zeit Fürst Koháry, und als derselbe während einer Ministerconferenz zu Karlsburg vom Schlage getroffen starb, wurde nach kurzem Interimisticum [114] Adam Graf Reviczky Hofkanzler. Wirkner arbeitete in jener Zeit im Bureau des damaligen Hofrathes, späteren Vicekanzlers Baron Malonyay, welcher ihn dem Hofkanzler Grafen Reviczky vorstellte. Letzterer erwählte ihn 1828 zum Begleiter auf seiner Reise in das Borsóder Comitat, dessen Obergespan er war, und dann in das Bad Szlihács, wo Wirkner, als er sich eines abgewiesenen Bittstellers warm annahm, der sich später als Waffenkamerad des Hofkanzlers herausstellte, seinem Vorgesetzten, der bereits Vertrauen zu seinem jungen Beamten gefaßt hatte, näher trat. Graf Reviczky, am kaiserlichen Hofe eine persona gratissima, welcher bei den damaligen heiklen Verhältnissen mit Ungarn immer vermittelnd wirkte, bediente sich bei nicht unwichtigen Angelegenheiten des gewandten Wirkner, der dadurch mit dem Staatskanzler Fürsten Metternich in Berührung kam. Dieser erkannte sofort, daß er in Wirkner eine Persönlichkeit gewinnen könne, welche ihn über die intimsten Verhältnisse Ungarns im Laufenden erhalte, und zog ihn in seiner gewandten staatsmännischen Liebenswürdigkeit bald so an sich, daß derselbe, vielleicht ohne es selbst zu wissen, ein wichtiger Vertrauensmann des Staatskanzlers wurde, den er wie ein besoldeter Agent über die wichtigsten Vorkommnisse in Ungarn, mochten sie Personen oder Parteien oder amtliche Verhältnisse betreffen, aufklärte, so daß er manchen Schachzug ermöglichte, den der Fürst Staatskanzler bei den sich steigernden Verwicklungen mit Ungarn that. Nach des Grafen Reviczky Rücktritte 1836 war Fidelis Graf Pálffy dessen Nachfolger auf dem Kanzlerposten, und Wirkner lehnte die ihm angetragene Stelle des Leiters des Präsidialbureaus ab und wurde mit dem Referate eines Departements betraut. In dieser Stellung wohnte er den Verhandlungen des für die Entwicklung der politischen Verhältnisse Ungarns so wichtigen und erfolgreichen 1840er Reichstages bei, nach dessen Beendigung er von dem Fürsten Metternich zu einer Reise nach Florenz ausersehen ward, um dort die peinlich zerrütteten financiellen Verhältnisse Reviczky’s, der damals den Kaiserstaat am toscanischen Hofe vertrat, zu ordnen, was er auch mit dem Betrage von 40.000 fl. vollkommen ausführte. Nun finden wir ihn auch auf den folgenden Reichstagen 1841/42, 1842/43 sozusagen als geheimen, zwischen den Parteien vermittelnden Agenten mit mehr oder minderem Erfolge thätig. Er verkehrte damals viel mit Kossuth, welcher sich gerade bemühte, die Bewilligung zur Redaction eines größeren politischen Blattes zu erhalten, worauf dieser, als ihm dies nicht gelang, den Weg der später so unheilvoll sich gestaltenden Agitation betrat. Indessen beobachtete Wirkner die Entwicklung der Zustände in Ungarn und erstattete auf Geheiß des Fürsten Metternich im December 1843 einen freimüthigen Bericht über dieselben, welcher sich in seinen „Erlebnissen“ S. 146 bis 157 abgedruckt findet. Auf neuerliche Aufforderung des Staatskanzlers legte er seine Ansichten darüber, wie den von ihm in obiger Denkschrift geschilderten Uebelständen abzuhelfen sei, in einer zweiten Denkschrift vom 30. Jänner 1844 nieder, welche gleichfalls in den „Erlebnissen“ S. 157–162 steht. Durch diese Schriftstücke gewann er so sehr das Vertrauen des Fürsten Staatskanzlers, daß ihn dieser nun in allen Ungarn betreffenden Fragen entweder mündlich [115] oder schriftlich zu Rathe zog und ihm die betreffenden Schriftstücke mit der Bezeichnung „meinem Gewissensrath“ zur Meinungsabgabe zusandte. Wirkner’s amtliche und geheime Thätigkeit hatte aber längst das Mißtrauen der magyarischen Ultras erweckt, und als die Märzereignisse einen vollkommenen Riß in die staatlichen Verhältnisse Oesterreichs machten und Ungarn die Maske abwarf und mit offenem Visir seine Unabhängigkeit anstrebte, ward Wirkner eines der ersten Opfer. Kossuth sprach über ihn die Proscription aus, und diese ward sogar in die officielle „Wiener-Zeitung“ aufgenommen. Und auch später noch erhielt sich das Mißtrauen gegen ihn in solchem Grade, daß er, wie er selbst berichtet, von seinem Freunde Pulszky, damaligem Staatssecretär im ungarischen Ministerium, am 26. Mai vor gegen seine Person beabsichtigten Ausschreitungen gewarnt wurde, infolge dessen er sich über Wiens Barricaden auf die Südbahn flüchtete, welche ihn nach Aussee brachte. Als dann in der XLV. Reichstagsitzung vom Jahre 1848 Madarasz in der Budgetberathung das Ministerium aufforderte, die Namen derjenigen, welche im Lande Pensionen bezögen, anzugeben, damit der Reichstag „Solche, welche bekanntermaßen als Anhänger, ja Livréediener Metternich’s ihr Vaterland verrathen haben, von der Liste der Pensionirten streichen könne“, und er vor Allen den Hofrath Wirkner als eine solche Persönlichkeit bezeichnete, welcher Antrag von dem Abgeordneten Nyáry mit noch viel kräftigeren gegen Wirkner gerichteten Ausdrücken unterstützt wurde, da gab dieser in die damalige ministerielle magyarische Zeitung „Közlöny“ eine aus Baden vom 6. September 1848 datirte Erklärung, welche die Folge hatte, daß weitere Schritte der Leidenschaftlichkeit gegen ihn aufhörten. Hofrath Wirkner überlebte die 48er Ereignisse noch um volle 34 Jahre und sah sich veranlaßt, zum Verständniß derselben und zur Berichtigung mancher in Horváth’s „Geschichte Ungarns“ entweder unrichtig oder mit Weglassung wichtiger Momente erzählten Begebenheiten das Werk herauszugeben: „Meine Erlebnisse. Blätter aus dem Tagebuche meines öffentlichen Wirkens vom Jahre 1825–1852“ (Preßburg 1879, Stampfel, 255 S., gr. 8°.), dessen Kenntniß zur richtigen und unbefangenen Beurtheilung der ungarischen Verhältnisse in ihrer wichtigsten Entwicklungsperiode 1825–1848 unentbehrlich ist. Wirkner erwarb während seines Aufenthaltes in Ungarn im Banat das Gut Moritzfeld, später wurde er zuerst Mitbesitzer, dann alleiniger Eigenthümer einer Lederfabrik in Kaschau. Im Jahre 1837 hatte er sich mit Emilie von Condorussi vermält. Ueber seine Gattin geben die Quellen nähere Aufschlüsse.

Oesterreichische (später österreichisch-ungarische) Kunst-Chronik. Herausgegeben und redigirt von Dr. Heinrich Kábdebo (Wien, Reisser und Wertheim, 4°.) Bd. III, Nr. 7, S. 142. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 5. December 1879, Nr. 339 im Artikel „Ungarn und Croatien“.