BLKÖ:Zannovich, Stephan

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Zanotto, Francesco
Band: 59 (1890), ab Seite: 169. (Quelle)
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Zannovich, Stephan (Abenteurer, geb. zu Pastrovich, einem an der Grenze Montenegros gelegenen dalmatinischen Küstenorte, am 18. Februar 1751, nahm sich im Kerker zu Amsterdam am 25. Mai 1786 das Leben). Einer der merkwürdigsten, waghalsigsten und unternehmendsten Abenteurer der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der einem Grafen St. Germain, Grafen Cagliostro, Prinzen Justiniani, Dynasten von Chios, Prinzen Vincentius von Magnocavallo und dem berüchtigten „Polakenfürsten“, welcher, zu Ende des 18. Jahrhunderts in Offenbach nächst Frankfurt a. M. eine so große Rolle spielte, nichts nachgibt und während die Genannten in Geschichte, Romanen und Dramen ausgebeutet worden, geradezu vergessen ist. Sein Vater Antonio war ein Krämer slavischer Abkunft, der in Budua seinen Kramhandel betrieb, und Stephan einer von drei Söhnen, von denen die beiden anderen Przemislaus und Alexander auch eigenthümliche Schicksale hatten, welche jedoch von denen Stephans weit übertroffen wurden. 1766 begab sich der Vater mit seiner Familie nach Venedig, wo er einen Handel begann, nebenbei sich aber auf das Hazardspiel verlegte, als Falschspieler glänzende Geschäfte machte, bis man ihm hinter seine Schliche kam, ihn festnahm und des Landes verwies. Mit einem im Spiele gewonnenen nicht unansehnlichen Vermögen kehrte er heim und kaufte Ländereien, unter andern auch den Ort Pastrovich, wo er sich niederließ, während er seine beiden älteren Söhne Przemislaus und Stephan nach Padua schickte, um sie dort die Universität besuchen zu lassen. Sein später geborener dritter und jüngster Sohn Alexander, von seiner zweiten Frau, einer geborenen Markowich, sollte, nachdem die beiden älteren trotz ihrer Studien wenig Glück gehabt, keinen Unterricht erhalten. Der älteste, Stephan, mit nicht gewöhnlichen geistigen Anlagen begabt, studirte mit großem Eifer in Padua und mit seltener Rednergabe – die ihm auf seinen abenteuerlichen Zügen sehr zu Statten kam – verband er ein ungemein geschmeidiges Benehmen, das ihm bei seinem einnehmenden Aeußern seine Unternehmungen wesentlich erleichterte. Nach beendeten Studien begab er sich zunächst nach Venedig und von da in seine Heimat. Aus dieser unternahm er in das nächstgelegene Montenegro den ersten Ausflug und dort auch die erste Probe seiner Täuschungen, deren Gelingen seinen abenteuerlichen Sinn förderte. In Montenegro gab er sich für keinen Geringeren als den Czar [170] Peter III. aus. Da er dort, obwohl man sein Czarenthum nicht anzweifelte, nicht den erwünschten Anhang fand, so ging er zunächst nach Italien, wo er in Florenz es gleich seinem Vater im Spiel versuchte, einen jungen englischen Lord in diesem um ansehnliche Summen betrog, dadurch aber auch die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich lenkte, so daß er im December 1771 auf Befehl des Großherzogs das Land verlassen mußte. Nun wendete er sich nach Polen, wo er den Namen Warta annahm, im vertrauten Verkehr aber mit den leichtgläubigen Edelleuten, die sich durch seine gefälligen Manieren bestechen ließen, das Märchen zum Besten gab, er sei Prinz Castriota, ein Nachkomme des berühmten Scanderbeg, habe in Albanien großen Anhang und erwarte nur gewisse Summen, um dann öffentlich und mit seinem wahren Namen handelnd aufzutreten. Er fand mit diesem Märchen gläubige Anhänger und nicht unbeträchtliche Geldhilfen, mit denen er nach Deutschland reiste und an verschiedenen kleineren und größeren Höfen eine Rolle spielte, wobei es ihm durch seine mannigfaltigen Kenntnisse und sein höfisches Benehmen gelang, in den vornehmsten Kreisen Aufnahme zu finden und mit bedeutenden Männern der Kunst und Wissenschaft zu verkehren, so daß sich in seinem umfassenden Briefwechsel, den er mit Personen aus aller Herren Ländern unterhielt, Namen wie Gluck, Metastasio, Voltaire, Rousseau und andere finden. Auch mit gekrönten Häuptern, so mit dem Kaiser von Rußland, dem Kronprinzen von Preußen (späteren Friedrich II.), dem Kurfürsten von Sachsen stand er im Verkehre. Doch als die in Polen erschwindelten Summen allmälig zusammenschmolzen, ging er nach Berlin, von dort nach Wien, wo er aber bei Schwindeleien ertappt und 1778 von der Polizei verhaftet wurde. Als er dann auf Befehl des Kaisers Joseph II. freigegeben wurde, erschien ihm Deutschland nicht mehr für seine Unternehmungen als günstiger Boden, er verwandelte sich nun in einen Geistlichen und mit dem schon in Polen geführten Namen Warta begab er sich nach Rom unter dem Vorwande, ein Gelübde zu erfüllen. Daselbst gelang es ihm durch sein einschmeichelndes Wesen und seine begeisterten Briefe das Interesse der Herzogin von Kingston zu gewinnen; aber auch mit diesem Schwindel nahm es ein klägliches Ende, er wurde aus dem Lande gejagt, reiste unter dem falschen Namen eines P. Zeratubladas durch Deutschland nach Holland, wo er längere Zeit zu Amsterdam unbeachtet, wahrscheinlich auf neue Ränke sich vorbereitend, zubrachte. Von da begab er sich nach Brüssel, wo er die Rolle eines Prinzen von Albanien annahm, sich in die politischen Angelegenheiten mengte und unter Andern auch den liebenswürdigen Prinzen De Ligne für sich zu gewinnen wußte. Als damals zwischen den Niederlanden und Kaiser Joseph II. eine Spannung eintrat, welche demnächst einen vollständigen Bruch erwarten ließ, bot er den Generalstaaten ein Armeecorps von 10.000 bis 20.000 Montenegrinern an. Die Generalstaaten gaben ihm kein Geld, wie er solches gefordert, nahmen aber (28. December 1784) sein Anerbieten in einem Schreiben an, in welchem sie seinen Einfluß auf seine Nation nicht genug preisen konnten. Dieses Schreiben aber befestigte so den Credit des waghalsigen Schwindlers, daß er bei den dortigen Banquiers bedeutende Summen erhob. Dieser letzte [171] Schwindel aber brach ihm endlich den Hals. Das bei demselben stark in Mitleidenschaft gezogene Amsterdamer Bankhaus Chomel und Jordan schöpfte endlich Verdacht, zog sorgfältige Erkundigungen über den Abenteurer ein und theilte, als derselbe immer zuversichtlicher der Regierung gegenüber auftrat, derselben die Resultate der Nachforschungen mit, worauf Zannovich in Civilhaft genommen wurde. Wohl versuchte er in den nun folgenden Verhören sich aus der Klemme zu ziehen, als sich aber infolge der amtlichen Requisitionen das Netz über seinem Kopfe immer enger zusammenzog, öffnete er sich im Kerker eines Tages mit einem scharfen Instrument eine Ader und ward infolge Verblutung am folgenden Morgen todt gefunden. Das Tribunal sprach das Urtheil, und Zannovich wurde, dem Ausspruche desselben gemäß als der Täuschung der Generalstaaten und groben Betruges gegen mehrere Privatleute überwiesen, als Leiche auf einem Karren vom Henker zum Hochgericht geschleift und unter dem Galgen verscharrt. Dieses Urtheil ward am 31. Mai 1786 in Gegenwart einer großen Volksmenge vollstreckt. Zannovich hat im Laufe seines abenteuerlichen Lebens Mehreres durch den Druck veröffentlicht. Gliubich nennt folgende Werke: „Opere diverse“, 3 tomi (Mailand und Paris 1773, 8°.); – „Opere postume“ (Dresden 1775, 8°.); – „Lettres turques “, 2 vol. (Leipzig 1777, 8°.); – „Epîtres et chansonettes d’un Oriental né dans l’année 1751 le 18 Février écrites à Frédéric Giullaume de Prusse et à Gertrude de Pologne, avec les ouvrages posthumes du Pacha de Caramanie et d’un anonyme“ (1779, 8°.), das Buch enthält das Bildniß des Abenteurers (S. 74), ein mit Gluck geführtes Gespräch, einen Brief von Metastasio und das Horoskop Europas; – „L’Horoscope politique de la Pologne; de la Prusse etc.“ (Porto-Vecchio [Haye] 1779, 12°.), dem Kaiser Joseph II. gewidmet; – „La poésie et la philosophie d’un Turc à huit queues à trois plumes de héron, à deux aigrettes et à un collier d’émeraudes“ (Albanopolis 1775, 8°.); – „Fragment d’un nouveau chapître du Diable boiteux envoyé à l’autre monde par Le Sage“ (1782); – „L’Alcoran de princes destinés au trône“ (Pietroburgo 1782, 12°.); eine von Bibliophilen sehr gesuchte Seltenheit; – „Le fameux Pierre III,. empereur de Russie ou Stiepan-Mali, qui parut dans le duché de Montenegro etc.“ (1784) u. s. w.; man sieht, es sind lauter Schriften für Liebhaber von Curiositäten. – Sein Bruder Przemislaus war venetianischer Genieofficier, ging, nachdem er als solcher den Dienst quittirt, nach Rußland, wo er einen ungewöhnlichen Aufwand trieb, bis man hinter die Quelle desselben: falsche russische Banknoten, kam, die der venetianische Exmilitär in Menge fabricirte. Festgenommen und nach Sibirien verbannt, erlangte er die Umwandlung seiner Strafe in Haft auf der Veste Dünamünde. Als dieses nun im Kriege, der zwischen Rußland und Schweden ausbrach, von Schweden bedroht wurde, verlangte der Commandant in seiner Verlegenheit, sich gegen den Feind mit Wirksamkeit zu vertheidigen, als er gehört, daß ein ehemaliger venetianischer Genieofficier unter den Staatsgefangenen sich befinde, dessen Ansicht zu hören. Zannovich wurde vor den Commandanten gebracht und traf so erfolgreiche Anordnungen und beschoß von der [172] Veste die schwedischen Schiffe so glücklich, daß diese alsbald abdampften. Das seinem Gefangenen gegebene Wort, sich für ihn zu verwenden, hielt auch der Commandant. Zannovich wurde frei, mit einer Geldsumme versehen und über die Grenze gebracht. Er soll dann in Indien einen jähen Tod gefunden haben. – Glücklicher war der dritte Bruder, Alexander, der bessere Wege eingeschlagen und sich das Vertrauen seiner Landsleute erworben hatte. Als Napoleon I. am 11. April 1810 mit der Kaisertochter Maria Luise in Notre-Dame feierlich getraut wurde, erschienen nach der kirchlichen Feier in den Tuilerien die glückwünschenden Deputationen. Unter diesen befand sich ganz am Ende des großen Saales eine kleine bescheidene Gruppe. Als der Kaiser einen fragenden Blick auf die Umgebung warf, trat Marschall Marmont, vor wenigen Tagen zum Herzog von Ragusa ernannt, vor und meldete: „Sire, die Deputation des armen Dalmatien“; der Wortführer der Deputation war Alexander Zannovich. Der Kaiser sprach länger mit ihm, und im Laufe des Gesprächs fragte er, warum die Dalmatiner sich die Armen nennen, und was er thun könne, ihre Lage zu verbessern. Als er dann vernahm, daß es zunächst an guten Verkehrsmitteln fehle, wendete er sich zu Marmont mit den Worten: „Sie werden dafür sorgen, daß es anders wird.“ Die Folge dieses Auftrages war der Bau der sogenannten Strada maestra.

Gliubich di Città vecchia (Simeone Abb.), Dizionario biografico degli uomini illustri della Dalmazia (Vienna et Zara, Lechner ed. Abelich, 8°.) p. 317.Triester Zeitung, 1860. Nr. 263 im Feuilleton: „Aus dem Leben einer Buduaner Familie“. – Frankfurter Conversationsblatt. Belletristische Beilage der Oberpostamtszeitung 1852, Nr. 58 bis 62: „Stefano Zannovich. Nach histor. Quellen“.