BLKÖ:Zerr, Anna

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 59 (1890), ab Seite: 344. (Quelle)
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Zerr, Anna (Sängerin, geb. zu Baden-Baden 26. Juli 1822, gest. auf ihrer Besitzung zu Winterbach bei Karlsruhe 13., nach Anderen 14. Juni [345] 1881). Ihr Vater, Organist und Musiklehrer in Baden-Baden, ertheilte ihr selbst den ersten musicalischen Unterricht, welcher dann, als sie zur Erziehung in ein Kloster kam, in demselben fortgesetzt wurde. Sie gewann dem Klosterleben so großen Reiz ab, daß sie die Absicht hatte, den Schleier zu nehmen. Der Vater aber ließ es nicht zu, und als sie nach Hause zurückkehrte, mußte sie ihn im Unterrichtertheilen unterstützen. Nun aber kam ihr der Gedanke, zur Bühne zu gehen, doch auch da trat der Vater hindernd dazwischen. Als indeß die Sängerin und Gesanglehrerin Elena Viganó die junge Anna zufällig singen hörte, fiel ihr die herrliche Stimme sofort auf, und sie erklärte sich bereit, ihr unentgeltlich Unterricht im Gesange zu ertheilen und sie für die Bühne vorzubereiten. Dieser Antrag wurde angenommen, und Anna reiste mit ihrer Lehrerin nach Paris. Dort erkrankte sie, und nach ihrer Genesung zeigte es sich, daß sie die Stimme verloren hatte. Aber schon nach drei Monaten erhielt sie dieselbe zurück, und nun klang sie noch schöner denn zuvor. Aus den Händen der Viganó kam Anna zu dem berühmten Musiklehrer Bordogni in Paris, dessen Unterricht sie zwei Jahre genoß, und nun wurde 1840 die achtzehnjährige vollständig geschulte Künstlerin als erste Sängerin an der Hofbühne in Karlsruhe engagirt. Dort sang sie neben der berühmten Beatrix Fischer-Schwarzböck [Band IV, S. 253] und gewann alsbald die Gunst des Publicums und des Hofes. Mehrere Gastspiele, welche sie inzwischen an anderen Orten gab, verbreiteten ihren Ruf als Gesangskünstlerin und hatten mehrere vortheilhafte Anträge zur Folge, von denen sie jenen der Wiener Hofoper am Kärntherthortheater 1846 annahm. Daselbst gefiel sie so sehr, daß ihr die Auszeichnung zur k. k. Kammersängerin, ernannt zu werden, zutheil wurde. Auch von Wien aus unternahm sie Gastspielreisen, darunter eine im Jahre 1849 nach London. Da sang sie in einem Concert zum Besten der dort unter Palmerston’s Schutze sich sammelnden ungarischen Rebellen. Wegen dieser Tactlosigkeit wurde sie des Kammersängerintitels verlustig und durfte auch nicht wieder an die kaiserliche Hofbühne zurückkehren. Von da an nahm sie kein festes Engagement mehr an, sondern reiste nur auf Gastrollen, segelte, von den vortheilhaftesten Anträgen gelockt, über den Ocean nach Amerika, wo sie die größten Triumphe feierte und auch ansehnliche materielle Vortheile erzielte. Nach ihrer Rückkehr zog sie sich 1857 von der Bühne zurück und verheiratete sich mit einem badischen Militär, von dem sie sich jedoch wieder scheiden ließ. Seit Jahren lebte sie ganz zurückgezogen auf ihrer Besitzung in Winterbach wo sie im Alter von 59 Jahren der Tod ereilte. Sie besaß eine geradezu phänomenale Stimme, welche sie durch treffliche Schulung zu außerordentlichen Leistungen zu steigern verstand, damit verband sie eine Darstellungsgabe, welche in solcher Vollendung und künstlerischen Durchbildung nur wenig Sängerinen eigen. So kam es denn, daß man sie wegen ihrer wunderbaren Leistungen in der Stimme den „weiblichen Paganini des Gesanges“, wegen ihres meisterhaften Spieles „Die Rachel der Oper“ zu nennen liebte. Ihre glockenreine Stimme, mit welcher sie das Brustregister mit den Kopftönen natürlich und reizend zu verbinden verstand, umfaßte mehr als drei Octaven, vom zweigestrichenen gunter der Linie bis zum viergestrichenen [346] a über der Linie. Infolge dessen war ihr Repertoire ein ungemein reiches. Wir nennen von ihren Glanzrollen: die Martha in Flotow’s gleichnamiger Oper, die Königin der Nacht in Mozart’s „Zauberflöte“, die Katharina in Jullien’s „Pietro il grande“, die Paquita in Dessauer’s gleichnamiger Oper. Während ihres Aufenthaltes in London erfreute sie sich der besonderen Gunst des königlichen Hofes und war ein Liebling der Königin Victoria.

Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Ed. Bernsdorf (Offenbach, Johann André, gr. 8°.) Bd. III (1861). S. 900. – Coulissengeheimnisse aus der Künstlerwelt. Vom Verfasser der „Dunklen Geschichten aus Oesterreich“ und der „Hof- und Adelsgeschlechter“ (Wien 1869, Waldheim, Lex. 8°,) S. 345: „Erl, Perl, Kerl, Sperl“. – Gaßner (F. S. Dr.). Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Fr. Köhler, Lex.-8°.) S. 910. – Gettke (Ernst). Almanach der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger (Cassel und Leipzig, Paul Voigt, 8°.) X. Jahrgang, 1882, S. 177. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber. kl. Fol.) XIX. Jahrgang. S. 173 und 174. – Kinderfreund (Karl Jos.). Thalia’s und Euterpe’s Klagen (Wien 1850, Leop. Grund, 8°.) S. 218. – Meyer. Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Amsterdam, Paris und Philadelphia, Bibliographisches Institut, gr. 8°.) VI. Supplementband (1855) S. 140 [keine Biographie, sondern eine enthusiastische überschwengliche Apostrophe, freilich über eine wirklich große dramatische Gesangskünstlerin]. – Riemann (Hugo). Musik-Lexikon (Leipzig 1882, bibliogr. Institut, br. 12°.) S. 1029.
Porträts. 1) Lithographie vom Maler Wagner in Karlsruhe (1845, Fol.). – 2) Lithographie von Kaiser (Wien, Witzendorf, Fol.) als Martha in Flotow’s gleichnamiger Oper, ganze Figur. – 3) Holzschnitt in obiger „Illustrirter Zeitung“, nach Zeichnung von C. H. Schmolze in London.