Beethoven's „Schaffnerin Eurykleia“

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Autor: Ludwig Nohl
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Titel: Beethoven's „Schaffnerin Eurykleia“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 388–391
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Beethoven's „Schaffnerin Eurykleia“.

„Gott gebe es, daß ich nur nichts, gar nichts darüber schreiben, reden noch denken müßte; denn Sumpf und Schlamm sind im Kunstboden noch mehr als all das Teufelszeug für einen Mann!“ So schrieb im Jahre 1817 der „unbehülfliche Sohn Apollo's“, wie sich Beethoven einmal selbst nennt, über seine häuslichen Angelegenheiten an eine Freundin, welche die letzteren für den alternden Junggesellen in Ordnung halten half. Er hatte mit so vielen Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten in seiner Berufssphäre, mit dem, was er „Sumpf und Schlamm im Kunstboden nennt, zu kämpfen, daß er sich gern frei gesehen hätte von kleinen wirthschaftlichen Sorgen, die für „einen Mann“ in der That ein wahres „Teufelszeug“ sind – und wem bedeutete eine weibliche Fürsorge in diesen Dingen wohl mehr als dem schaffenden Geiste, und gar wenn er in solchem Maße in die „Götterlust“ künstlerischen Bildens versunken ist, wie Beethoven es war?

Wir wollen nach den authentischen Quellen ein Bild der erwähnten Freundin Beethoven's zu skizziren suchen: es wird die durch Klugheit und Feinheit anmuthenden Züge, wie sie ihr beigegebenes Portrait zeigt, nicht verleugnen.

Sogleich ihr Nekrolog vom Januar 1833 kennzeichnet die Eigenschaften, durch welche Beethoven sich an diese Frau gefesselt fühlte: ihren musikalischen Sinn, ihre Weiblichkeit und Häuslichkeit.

Wie hätte irgend Jemand dauernd in Beethoven's Nähe weilen können, der nicht musikalisch war! Er stellt selbst, als er im Jahre 1809 seinem Freund Gleichenstein wegen einer für ihn aufzusuchenden Frau Instructionen giebt, nächst der Schönheit vor allem die Bedingung an seine Zukünftige, daß sie „seinen Harmonien einen Seufzer schenke“. Unsere „Eurykleia“, wie wir die wackere Frau nach der weiland treuen Schaffnerin im Hause des Odysseus taufen möchten, war sogar ausübende Künstlerin von Bedeutung. „Das Seltene ihres schönen Spieles bestand in der Ruhe und Deutlichkeit, in dem richtigen Ausdrucke, in dem Interesse, welches sie ihrem Vortrage zu geben und wodurch sie ihre Zuhörer immer in Spannung zu erhalten wußte,“ sagt der Nekrolog. „Nicht die Eitelkeit, als Spielerin glänzen zu wollen, störte den aufmerksamen Zuhörer – ein gänzliches Hingeben, das genaueste Anschließen an die Tondichtung beseelte ihre Darstellung und erweckte Entzücken, Rührung oder Wohlgefallen.“ Und diesem Glanze des Talents stellten sich die häuslichen Tugenden unserer Eurykleia gleich glänzend an die Seite – in der That Eigenschaften, die sie besonders befähigten, thätige Liebesdienste einem Manne zu erweisen, von dem ein genauester Kenner in diesem Punkte, der Baron von Zmeskall sagt: „Er bediente sich abwechselnd solcher Freunde, die zugleich Beförderer seiner einfachen Geschäfte sein konnten. Diese mußten sich sein Zutrauen in einem hohen Grade zu erwerben suchen, sollte er sich ihnen vertrauensvoll nähern, welches äußerst selten und bei Wenigen geschah.

Doch wir dürfen den Leser nicht allzu ungeduldig machen – sagen wir endlich, wer diese Pflegerin des großen Meisters gewesen! Sie hieß: Nannette Streicher geborene Stein.

„Nannette Stein war geboren zu Augsburg am 2. Januar 1769. Ihr Vater war Andreas Stein, berühmt als Erbauer der herrlichsten Orgeln, als Erfinder einer Mechanik, die den rohen Pantalon in das jetzt überall eingeführte Pianoforte umwandelte,“ beginnt der Nekrolog, und wenn dieses Letztere auch nur soweit richtig ist, als Stein einer derjenigen war, die das verbesserte Hackbrett (Cymbal), das nach seinem Erfinder Pantaleon Hebenstreit Pantalon benannt war, durch bessere Mechanik zu unserem jetzigen Clavier machten, so besitzen wir doch über diese Sache das zuständigste Urtheil in dem Schreiben Mozart's vom 17. October 1777, das in „Mozart's Briefen“ zu finden ist, und hören von Beethoven, daß er schon in der Jugendzeit zu Bonn gewohnt war, „nur auf einem Stein'schen Flügel zu spielen“.

„Da keine der älteren Schwestern so viel Anlage zur Musik verrieth, wie die kleine Nannette, sie auch die zarteste Anhänglichkeit für ihre Vater bewies, so wurde diesem das Kind so werth, daß es seine immerwährende Gesellschafterin sein mußte und er sie in ihrem zehnten Jahre erst zur Verfertigung einzelner Theile, dann zur gänzlichen Vollendung seiner Pianoforte anhielt.“

Und dies bedeutete ihre und ihrer Geschwister fernere Existenz und begründete ihre Zukunft. Denn als nach einigen Jahren der Vater starb, trat sie, die erst dreiundzwanzigjährige Tochter, an seine Stelle. Mit männlichem Muthe übernahm sie es, mit ihrem sechszehnjährigen Bruder das Geschäft fortzuführen, [389] und so ihre sechs unversorgten Geschwister vor Noth zu schützen. Mittlerweile hatte sie jenen jungen Mann kennen gelernt, der eine Rolle in Schiller's Flucht aus Stuttgart spielt, Andreas Streicher, der sich im nahen München als Clavierspieler und Componist hervorgethan hatte. Er wurde ihr Gatte, und mit ihm und ihrem ältesten Bruder begab sie sich im Jahre 1794 nach Wien und begründete unter ihrem Vaternamen Stein ein neues Geschäft, das sich bald zu der noch heute blühenden berühmten Streicher'schen Clavierfabrik entwickelte.

Hier begegnete sie nun dem fast gleichaltrigen Beethoven, der schon 1787, nach dem ersten Aufenthalte in Wien, wo er Mozart's Anleitung genossen hatte, bei ihrem Vater in Augsburg gewesen war, und er, der die volle Erbschaft des jüngst gestorbenen Mozart übernommen hatte, ist es auch gewesen, der die Grundlage zu der Vollendung der Instrumente legte, auf denen die moderne Kunst des Clavierspiels in Liszt, Thalberg, Chopin ihre Wunder zu verrichten vermochte.


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Nannette Streicher, geb. Stein.
Nach einem alten Portrait.


Wie erst die Vollendung des Geigenbaues durch die Meister Amati, Guarneri, Stradivari im siebenzehnten und achtzehnten Jahrhundert auch das erste künstlerisch vollendete Violinspiel in Meistern wie Corelli, Vivaldi und Tartini erzeugte, das dann in Paganini gipfelte, so bereiteten die Fähigkeiten der Stein'schen Instrumente den Meistern Mozart und Beethoven, zumal in ihren freien Phantasien, ganz neue Möglichkeiten der Ausführung. Dies spiegelte sich vor allem sogleich in den ersten Sonaten Beethoven's wieder, und Streicher, der zunächst auch in Wien als Clavierlehrer weiter fungirte, war es, der, wie wir aus dem Buche „Beethoven nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen“ ausdrücklich erfahren, diese neuen Compositionen nach Kräften bei seinen Schülern zu verbreiten trachtete.

Ja, zuletzt sollten es diese steten Neuproductionen Beethoven's auf solchen Stein'schen Instrumenten sein, die Streicher selbst zu immer weiterer Verbesserung derselben führten. „Streicher hat das Weiche, zu leicht Nachgebende der anderen Wiener Instrumente verlassen und auf Beethoven's Rath und Begehren seinen Instrumenten mehr Gegenhaltendes, Elastisches gegeben, damit der Virtuose, der mit Kraft und Bedeutung vorträgt, das Instrument mehr in seiner Gewalt hat,“ meldet Goethe's „Spitz von Giebichenstein“, der Capellmeister J. F. Reichardt, von seinem Aufenthalte in Wien im Jahre 1809.

So verbanden gegenseitiges Interesse, Kunst und persönliche Freundschaft den Künstler und die Clavierbauerfamilie, und jener hatte den Hauptvortheil davon; denn das größere Bedürfniß nach thätiger Freundeshülfe lag auf seiner Seite.

Sein Gehörleiden hatte in einer Weise zugenommen, die einen unbeschreiblich quälenden Eindruck auf ihn machte; seine Geltung als Componist wollte noch immer nicht durchdringen, da seine Spielart zu schwierig und vor allem sein Ideenflug zu hoch war, und dies wirkte auf den Absatz seiner Werke und damit auch auf seine materielle Existenz zurück. Die Hochthat dreier österreichischer Großen, welche dem nahezu Vierziger zum ersten Male das Gefühl behaglich gesicherter Existenz geboten, war ebenfalls durch das unselige Finanzpatent von 1811, das den Werth Geldes auf ein Fünftel verringerte, zunächst fast unwirksam geworden. Dazu hatte eine tiefgehende Herzensleidenschaft, die Liebe zu Amalie Sebald, jener jungen Berlinerin, die ihm unter allen weiblichen Wesen, welche er je gekannt, die „Eine“ blieb, die er gefunden, sein Gemüth ebenso zerrüttet, wie die lange Reihe von Jahren voller Anstrengung ohne Rast und Ruhe seine Gesundheit untergraben hatte. Er befand sich in einer gänzlichen Erschöpfung, von der er selbst sagt, „daß so viele auf einander gefolgte Begebenheiten ihn beinahe in einen verwirrten Zustand gesetzt,“ und das „kostbarste Geschenk des Himmels“, seine Muse, schien ihm sogar nicht mehr so hold und fruchtbringend wie sonst sein zu wollen.

Jetzt konnte sich also zeigen, was thätige Freundschaft war.

Das Jahr 1813 war für Beethoven ein überaus leidvolles. Auf ärztlichen Rath ging er nach dem schönen Curort Baden bei Wien. Auch Frau Streicher weilte dort. Sie mußte sehen, daß ihr großer Freund „auch in Hinsicht auf Körperbedürfnisse aller Art sich in verwahrlostem Zustande befand“. Sogleich nach ihrer Rückkunft in die Stadt war sie daher mit Hülfe ihres Gatten für umfassende Herbeischaffung des Nöthigsten besorgt, und dieses ersten, bestens ausgeführten Auftretens als Schaffnerin erinnerte sich fortan unser zumal in Betreff der Wohnungen viel wandernder Odysseus, sobald er irgend in seinem Haushalte praktischen Beistands bedurfte.

Man kennt Beethoven's Mißgeschick mit dem vielgenannten Neffen, dem Sohne seines im Jahre 1815 in Wien gestorbenen Bruders Karl. Er betrachtete das Kind als das seinige, sich selbst als dessen Vater und nahm daher jede Pflicht und Mühe der Pflege und Erziehung des Knaben auf sich. Für die ersten Jahre hindurch hatte er ihn in einem Institute untergebracht. Bald aber wähnt er das Kind hier nicht gut aufgehoben und will selbst einen Haushalt einrichten. Hier muß nun seine bewährte Freundin Frau Streicher einspringen, und die Billets an sie enthüllen sowohl den ganzen Charakter dieser Freundschaft, wie ein gutes Stück von Beethoven's Leiden und Lebenswirrwarr.

Eine Weile – im Jahre 1816 – war der Verkehr mit Streicher unterbrochen gewesen: Beethoven brachte seine freie Zeit in dem Institute des Knaben zu, und das kleine Buch „Eine stille Liebe zu Beethoven“ sagt uns, wie sehr sich hier sein Gemüth nach seiner vollen Tiefe und Kindlichkeit enthüllte. Dann erinnert ihn ein Billet vom Januar 1817 an „seine werthe Streicher“, und er hat sich jetzt auch sogleich mit ihr über etwas zu „besprechen“. Er ist in seiner häuslichen Existenz die „Beute elender Menschen“, und wieder hat also die Freundin eine ganze Reihe ökonomischer Pflichten zu übernehmen, vom Suchen einer ordentlichen Wohnung und der Regelung verwirrtester Bedientenverhältnisse bis zur „gütigsten Besorgung der Wäsche“ und der vielfachen Krankenbedürfnisse, zu denen gar ein zinnerner Löffel zum Medicinnehmen gehört.

„Liebe Frau von Streicher! Ich bin voller Verdrießlichkeiten heute; Ihnen sie aufzuzählen, ist unmöglich,“ schreibt er das eine Mal. „Leben Sie wohl, Gott waltet über uns Alle!!“ Das andere Mal aber heißt es: „Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie vielleicht durch meine heutige Mission beleidigt – meine Kränklichkeit und meine so traurige Lage in dieser Hinsicht lassen mich nicht wie sonst alles abwägen. Ich bitte Sie um das Bettzeug – verzeihen Sie einem Erschöpften.“

Er hatte die „Lungenkrankheit“ und wollte auf ihren Rath wegen besserer Kost und Pflege eine eigene Haushaltung beginnen. [390] „Wäre man bei dieser gänzlichen moralischen Verderbtheit des österreichischen Staates nur einigermaßen überzeugt, eine rechtschaffene Person erwarten zu können, so wäre alles leicht gemacht, aber – aber!!“ Der Wiener Congreß hatte durch seine Verschwendung und seine Laster die dienenden Classen bis auf den Grund verderbt, und so war allerdings die Hülfe einer verständigen Frau hier sehr nothwendig. Wir werden bald von dem tragikomischen Wirrwarr hören, der in diesem Punkte in das Dasein des gänzlich arbeitsversunkenen und obendrein alternden tauben Junggesellen drang und den auch Frau Streicher nicht gänzlich zu bannen vermochte. Zunächst kommt der Sommer und mit ihm geistige wie körperliche Erfrischung.

„Ich konnte wegen dem schlechten Wetter nicht eher hereinkommen und Sie waren schon fort,“ schreibt er im Juli 1817, als er vom nahen Nußdorf einmal in die Stadt gefahren war, und der Humor bricht in den Wortspielen hervor: „Welcher Streich von der Frau von Streicher!!! nach Baden???!!! Uebrigens lassen Sie sich durch Ihren Mann nicht zu gewissen Ehestreichen verführen. Halten Sie Ihre Tochter fleißig an, daß sie eine Frau werde. Heute ist eben Sonntag – soll ich Ihnen noch etwas aus dem Evangelium vorlesen: Liebet Euch unter einander etc.“ Und was ihn neu beglückt, ist, daß die freie Natur seine Geister neu beflügelt. „Kommen Sie an die alten Ruinen, so denken Sie, daß dort Beethoven oft verweilt – durchirren Sie die heimlichen Tannenwälder, so denken Sie, daß da Beethoven oft gedichtet oder, wie man sagt, componirt.“

„Im Walde Entzücken, wer kann alles ausdrücken,“ schrieb er ein anderes Mal; in Baden sind allerdings viele seine eigensten Tongedichte entstanden. Noch eine „Inlage“ fügt er später hinzu, die auf die frühere Geschäftsfirma der Freundin anspielt: „Was die Frau von Stein anbelangt, so bitte ich selbe, daß sie den Herrn von Steiner nicht versteinern soll lassen, damit er mir noch dienen könne, oder die Frau von Stein möchte nicht zu sehr von Stein sein in Ansehung des Herrn von Steiner.“ Steiner hieß nämlich sein damaliger Wiener Verleger. Der Schluß lautet: „Beste Frau von Streicher, spielen Sie Ihrem Männchen keine Streiche, sondern heißen Sie lieber gegen Jedermann Frau von Stein!!“ Man sieht, die Freundin mußte sich von seinem zeitweiligen Uebermuthe auch manches gefallen lassen. Als Nachschrift aber steht noch vertrauensvoll da: „Wo sind meine Bettdecken?


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Wo? Wo?


„Heute habe ich ein neues Pflaster auf den Nacken gelegt erhalten – o Noth! Noten sind besser als Nöthe und Noth,“ heißt es jedoch bald wieder. „Ich bitte Sie, zuweilen an einen armen österreichischen Musikanten zu denken.“ Sein Bedienter stiehlt und bringt das ganze Haus durch einander. Da thut er denn den Ausruf, mit dem wir die Skizze oben einleiteten. Er will endlich wirklich einen eigenen Haushalt einrichten, da er für sein Dasein einer besseren Pflege und Aufwartung bedürfe und Karl ganz zu sich nehmen wolle. „Was es für ein Gefühl ist, ohne Pflege, ohne Freunde, ohne alles, sich selbst überlassen leidend zubringen zu müssen, das kann man nur selbst erfahren,“ schreibt er. Jetzt hat die Freundin alle Hände voll zu besorgen. „Eine Portion Abwischfetzen brauchten wir als Präliminarien zur künftigen Haushaltung, denn der Teufel hat meine zwei-, dreimalige Einrichtung schon immer geholt – verfluchen Sie mich nicht wegen so vieler Beschwerlichkeiten,“ heißt es – fast eine ganz neue Hauseinrichtung war herzustellen. Dabei galt es aber auch noch, Sorgen um die gesteigerten Ausgaben zu zerstreuen. Es hatte ihm beim Rechnen darüber Einer „alles gräßlich geschildert“. „Gott erbarme sich unser!“ rief er aus. „Was gibt man zwei Dienstleuten Mittags und Abends zu essen? Wieviel Pfund Fleisch rechnet man für drei Personen?“ solche Fragzettel fabricirt, offenbar für die „werthe Freundin“, der Künstler, der innen an der „Neunten Symphonie“ arbeitet. Aber schlimmer als die großen Ausgaben ist die Pein, die jetzt erst auf allen Seiten für ihn beginnt und die uns zum Schluß wahrhaft Shakespeare'sche Scenen bringt.

Schon nach wenig Wochen hält er eine „vernünftigere Person“ für nöthig: „denn beide sind stumpfsinnig“, nämlich Nanni, die „busige Betriegerin“, und Baberl, das „schlechte Schönheitsgesicht“, und daher „hinkt alles“, namentlich die „Kocherei“, was wieder nachtheilig auf seinen leidenden Körper wirkt und ihn „sehr verdrießlich und übel auf“ macht. Da hat denn die Freundin durch kräftiges Dreinreden Ordnung zu schaffen. Aber: „Ihre letzte Unterredung mußte ich theuer bezahlen; die Nanni hat sich darnach so gegen mich betragen, daß ich wüthend geworden bin, darnach hat sie freilich wieder getaugt“, schreibt er, der bekanntlich selbst von sehr großem Jähzorn und andrerseits „altniederländischer Starrköpfigkeit“ war – Eigenschaften, die gerade den Dienenden am leichtesten zum Widerstand reizen.

Eines Abends brauchten die „sauberen Bedienten“ die Zeit von sieben bis zehn Uhr, ehe er Feuer im Ofen hatte. Das machte ihn bei der grimmigen Kälte des Winters 1817 „zu sehr erkühlen“. Husten und die fürchterlichsten Kopfschmerzen, die er je gehabt, waren die begreiflichen Folgen. Der Baberl hatte er schon aufgesagt; die Niedrigkeit von beiden sei ihm unausstehlich; die Nanni stehe „trotz ihrem Gesicht“ noch unter dem Vieh. Er wünscht der Freundin Gutachten und Oberaufsicht, da er bei seinen Gebrechen sonst mit allen dergleichen Leuten dasselbe Schicksal haben werde. „Die Undankbarkeit gegen Sie ist es, was mir beide Menschen auf das tiefste heruntergesetzt hat,“ schreibt er. Er hatte der Nanni aber auch „zu Neujahr ein halb Duzend Bücher an den Kopf geworfen“ und ruft verzweifelnd aus: „Die Blätter rotten wir aus, indem wir die Baberl fortschaffen, oder die Aeste, aber wir werden wohl selbst bis an die Wurzel kommen müssen, sodaß nichts mehr übrig bleibt als der Grund.“ Doch konnte er zum Trost melden, die „Fräulein Nanni“ sei ganz umgeändert, seit er ihr das halbe Dutzend Bücher an den Kopf geworfen habe: „es ist wahrscheinlich durch Zufall etwas davon in ihr Gehirn oder schlechtes Herz gerathen.“

Außerordentlich erschwerte er selbst seiner getreuen Schaffnerin die erfolgreiche Mitwirkung durch sein unausrottbares Mißtrauen. Liegt ein solches schon in der Natur des hülflos gewordenen Tauben, so war die Lebensfügung dieses einsamen großen Mannes darnach geartet, dasselbe immer mehr auszubilden. Dazu die hochgesteigerte und fast einseitige „moralische Denkungsweise“.

Sein unbesonnenes Dreinfahren in der Freundin wohlüberlegtes Thun konnte nicht verfehlen, das Verhältniß etwas zu alteriren. Und kam nun das in solchen Dingen nie mangelnde Geschwätz dazu, so war die „Entzündung“ da. Die Freundin darf im Interesse der Sache ihre Bemerkungen darüber nicht zurückhalten. Beethoven, empfindlich und leicht gereizt, wie der in seiner idealen Welt lebende Künstler ist, kann darauf „leider nicht mehr das Vergnügen haben, zu ihr zu kommen,“ hofft aber, daß sie sich nicht gänzlich seinem Haushalte entziehen werde, was denn auch in Erfüllung geht – ein klarer Beweis dafür, daß seine Größe und innere Hoheit auch bei ihr stets nur die besten Eigenschaften wiedererweckte.

Die sicherste Probe der Theilnahme und des Vertrauens hat diese Freundschaft aber abgelegt, als nun Beethoven's schönster Wunsch, den Neffen Karl ganz bei sich zu haben, in Erfüllung geht und die „Immoralität“ der Dienstboten ihm hier den allerärgsten Streich spielt, den Jungen ihm zu entfremden und hinter seinem Rücken zu üblen Dingen zu verleiten. Hierüber zum Abschluß des Ganzen noch einige erläuternde Worte.

Als Beethoven's Bruder Karl starb, hinterließ er diesen Knaben und eine Wittwe. Dieselbe war von dem unverwüstlichen Leichtsinn des damaligen Wien und wurde daher durch das Gericht von der Vormundschaft völlig ausgeschlossen. Darüber ebenso gereizt wie in ihrer natürliche Empfindung verletzt, suchte sie nun mit allen Mitteln zu dem Knaben zu gelangen und ihn zugleich gegen seinen Oheim mißtrauisch zu machen. Schon war sie als Mann verkleidet unter die Knaben des Instituts auf den Spielplatz gedrungen, aber die Strenge dieses Instituts machte ihre ferneren Versuche vergeblich. Mit der Aufnahme in das eigene Haus hatte nun aber der Oheim selbst alle Schranken für ihre „Intriguen“ geöffnet. Rührend ist die fast eifersüchtige Liebe, die er dem Knaben schenkt.

„Er ist frohen Muthes und viel aufgeweckter, als sonst, und zeigt mir jeden Augenblick seine Liebe und Anhänglichkeit,“ vernimmt die Freundin. Er hält ihm einen Hofmeister und ladet, er, der alte Junggeselle, seine Professoren zu Tische. Aber schon nach kurzer Zeit heißt es: „Gott helfe mir! Ich appellire an ihn als letzte Instanz.“ Die Mutter hatte die Dienstboten [391] zu bestechen gewußt, so daß sie den Knaben heimlich zu ihr ließen.

Wir wissen heute, wohin die Verirrungen, die auf solche Art in dieses junge Leben kamen, führten, und daß Karl's späterer Selbstmordversuch den zu frühen Tod des großen Mannes selbst herbeiführen half. Also begreifen wir den langen schmerzerfüllten und innerlich empörten Brief, den, als einen der letzten uns erhaltenen, Beethoven jetzt an seine „beste Frau von Streicher“ schreibt. Man findet ihn in den „Neuen Briefen Beethoven's“; er enthält die ganze Empfindungsgewalt wie die tief sittliche und doch immer humane Anschauung unseres Künstlers.

„Karl hat gefehlt – aber Mutter – Mutter! – selbst eine schlechte bleibt doch immer Mutter,“ ruft er aus. „Insofern ist er zu entschuldigen, besonders von mir, da ich seine ränkevolle leidenschaftliche Mutter zu gut kenne. Mein Herz wird schrecklich bei dieser Geschichte angegriffen, und noch kann ich mich kaum erholen. Ich lade Sie auch nicht ein hierher, denn alles ist in Verwirrung, jedoch wird man nicht nöthig haben, mich in den Narrenthurm zu führen.“

Seinem Zorn über „die Verrätherei der verstockten Sünderinnen“ hatte er mit „Marsch, zum Hause hinaus, zum abschreckenden Beispiel aller künftigen!“ genügt. Und den Donner der elementaren Kraft des Heroen vernimmt man aus den Worten über den Pfarrer, bei dem Karl in die Schule ging: „Der Pfaff hier weiß schon, daß ich von ihm weiß, denn Karl hatte es mir schon gesagt. Es ist zu vermuthen, daß er nicht ganz unterrichtet war und daß er sich hüten werde. Allein damit Karl nicht übel von ihm behandelt werde, da er überhaupt etwas roh scheint, so ist es für jetzt genug. Da aber Karl's Tugend auf die Probe gesetzt – denn ohne Versuchungen giebt es keine Tugend – so lasse ich es mit Fleiß hingehen, bis es noch einmal, was ich zwar nicht vermuthe, geschieht, wo ich dann Seiner Hochwürden Ihre Geistlichkeit mit solchen geistigen Prügeln und Amuletten und mit meiner ausschließlichen Vormundschaft und daher rührenden Privilegien so erbärmlich zurichten werde, daß die ganze Pfarrei davon erbeben soll.“ – – „Machen Sie nichts bekannt, da man auf Karl nachtheilig schließen konnte. Nur ich, da ich alle Triebräder hier kenne, kann für ihn zeugen, daß er auf das Schrecklichste verführt ward,“ sagt er der Freundin zum Schlusse.

„Ich bitte, uns bald etwas Tröstliches wegen der Koch-, Wasch-, Nähkunst zu schreiben!“ damit gemahnt er dieselbe zuletzt auch noch an ihre näheren Pflichten. Die tiefe Vertrauensäußerung aber, die in diesem vollen Herzenserguß, einem der längsten Briefe Beethoven's liegt, mochte ihr selbst erst zeigen, was sie dem Meister überhaupt war, und bestätigt uns den Werth und die Würde dieses Freundschaftsverhältnisses völlig.

Welch geradezu fürchterlichen Eindruck aber das Vorgehen der „bösen Frau“ selbst auf ihn gemacht, erfahren wir vor Allem aus dem Tagebuche der Tochter des Institutsvorstehers. Jene hatte den Knaben schließlich dahin gebracht, daß er dem Oheim entfloh und zu ihr lief, und dieser, der männlichste der Männer, mußte den Vorgang selbst unter heftigem Weinen berichten. Denn: „Er schämt sich meiner,“ lautete die Ursache von Karl's Flucht.

In den Haushalt aber kam doch nach und nach soviel Gang, daß die jähen Explosionen seltener wurden. Den großen Triumph des Künstlers in dem Concerte vom Mai 1824, wo der neunten Symphonie stürmischer Empfang bereitet wurde, erlebte die Freundin mit. Wie sie jetzt zu dem Manne emporschauten, den seine Lebensleiden noch größer gemacht hatten als sein angeborenes Genie, sagt uns das Wort, womit im Herbste 1824 Streicher den Instrumentenmacher Stumpff aus London empfiehlt: „Die Ursache, warum er nach Baden kommt, ist, Sie, werthester Beethoven, den Mann zu sehen, auf den Deutschland stolz ist. Nehmen Sie ihn gütig und freundlich auf, sowie es dem Heiligen geziemt, zu welchem der andächtige Pilger aus der Ferne eine Wallfahrt macht!“

Die Sorge der Freunde erstreckt sich jetzt vorwiegend auf seine allerdings nicht glänzende äußere Subsistenz: Streicher will im Jahre 1824 mit Concert-Arrangements und verlegerischen Unternehmungen nachhelfen. Allein schon im nächsten Jahre bekommt durch den Selbstmordversuch des Neffen des Meisters Dasein jenen innern Stoß, dem es erlag. - Unter den Freunden, die ihn auf dem letzten Krankenbette mit Compot, Wein und Champagner erfrischen, befindet sich auch der Name Streicher. Der letzte Dienst der getreuen „Schaffnerin“ war, wie der erste, ein Liebesdienst. Sie starb sechs Jahre nach Beethoven. Sein Name hob den ihren mit zur Unvergessenheit empor.

Ludwig Nohl.