Berühmte Piepenmeister

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Berühmte Piepenmeister
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aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1915, Neunter Band, Seite 236–239
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Erscheinungsdatum: 1915
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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[236] Berühmte Piepenmeister. – Die moderne Zeit hat, wie so manchem anderen Berufe, auch dem früher als recht wichtig angesehenen Amte des „Piepenmeisters“ ein Ende gemacht. Diese Piepenmeister standen zumeist im Dienste hoher Herren und hatten die Aufgabe, über die Tabakspfeifen ihrer Gebieter zu wachen, Fidibusse bereit zu halten, die Pfeifen zu stopfen und auch anzuzünden. Unwillkürlich bildete sich durch den steten Umgang zwischen dem Herrn und seinem Piepenmeister bald eine gewisse Vertraulichkeit heraus.

Alle diese Piepenmeister, von denen uns die Geschichte berichtet, sind mehr oder weniger Sonderlinge gewesen. So besaß der Große Kurfürst in der Person des Ungarn Wenzel Priszka einen Piepenmeister, der nach der Schilderung eines Chronisten „treu wie ein Hund, fleißig wie eine Biene, gefräßig wie ein Wolf und schlagfertig wie ein Franzose“ gewesen sein soll.

Priszka war auf recht merkwürdige Weise in die Dienste des Kurfürsten gekommen. Im Jahre 1656, kurz vor der Schlacht bei Warschau, nahm eine Dragonerpatrouille einen Mann gefangen, der als Spion kurzerhand zum Tode verurteilt wurde, obwohl er seine Unschuld immer wieder beteuerte. Kurz vor der Hinrichtung gelang es dem Burschen, seinen Wächtern zu entschlüpfen und das Quartier des Kurfürsten zu erreichen, wo er sich diesem zu Füßen warf und in gebrochenem, kaum verständlichem Deutsch alle möglichen Beweise für seine Harmlosigkeit vorbrachte. Der Kurfürst ließ daraufhin die Angaben des Mannes, der bis vor kurzem Diener [237] bei einem polnischen Grafen gewesen sein wollte, nachprüfen. Wirklich mußte man Wenzel Priszka schließlich laufen lassen. Er aber mochte sich von dem Fürsten, der ihm das Leben gerettet hatte, nicht mehr trennen. Auf seine flehentlichen Bitten nahm ihn Friedrich Wilhelm unter seine Dienerschaft auf und übertrug ihm das Amt des Piepenmeisters.

Als der Kurfürst im Winter 1678 mit seinem Heere auf Schlitten über das Kurische Haff eilte, um die unter Wrangel in Ostpreußen eingefallenen Schweden zu vertreiben, geriet der kleine Schlitten, auf dem Priszka mit vier Dienern Platz gefunden hatte, in eine offene Stelle des Eises. Dem gewandten Priszka gelang es jedoch, sich und seine vier Gefährten lebend aus dem eiskalten Wasser wieder herauszuziehen. Als Anerkennung für den hierbei bewiesenen Mut schenkte Friedrich seinem Piepenmeister ein großes Bauerngehöft bei Königsberg, dessen Einkünfte Priszka regelmäßig ausgezahlt wurden.

Nach dem 1680 erfolgten Tode des Großen Kurfürsten verlegte der überall hochgeachtete Piepenmeister seinen Wohnsitz dorthin und bewirtschaftete mit Hilfe seiner Söhne – er besaß nicht weniger als fünfzehn Kinder, neun Söhne und sechs Töchter – sein Gut selbst. Seine Nachkommen, die einen deutschen Namen führten, wurden von Friedrich dem Großen geadelt und bestehen noch heute in zwei Linien, einer freiherrlichen und einer gräflichen, in Ostpreußen und Westfalen.

Wenzel Priszka, der eine der volkstümlichsten Erscheinungen der Residenz des brandenburgischen Herrschers war, hatte eigentlich nur einen einzigen Feind und Widersacher: den Piepenmeister des alten Derfflinger, einen früheren Leipziger Barbier namens Gottlieb Knurst. Zwischen diesen beiden Männern bestand fortgesetzt die Eifersucht, wer von ihnen bei den Berlinern beliebter sei. Feldmarschall Derfflinger, der derbe Scherze liebte, stachelte den Neid und die Eifersucht seines braven Knurst immer wieder absichtlich an, nur um die Freude zu erleben, daß die beiden grimmigen Feinde gelegentlich mit Stöcken übereinander herfielen und sich gehörig die Röcke und die gepuderten Perücken ausklopften.

Gottlieb Knurst wurde auch aus bösem Rachegefühl zum [238] Erfinder jenes schlechten Scherzes, der darin besteht, den unteren Teil des Pfeifenkopfes mit etwas Pulver zu füllen, damit dem Rauchenden dann nachher die Pfeife in der Hand explodierte. Das erste Opfer dieser gefährlichen Überraschung war natürlich der ahnungslose Wenzel, und zwar bei Gelegenheit eines Jagdschmauses, den der Kurfürst seinen Generalen gab. Da seinem Piepenmeister hierbei jedoch das Gesicht übel zugerichtet wurde, verbot Friedrich Wilhelm die Wiederholung dieser Neckerei. Gottlieb Knurst fand später ein sehr unrühmliches Ende. Er stürzte nachts in der Trunkenheit in einen Teich und kam elend in dem Elemente um, das er sein Leben lang am meisten verabscheut hatte: im Wasser.

Der berühmteste aller Piepenmeister war der des alten Blücher. Christian Hennemann hieß er und stammte aus Rostock. Überallhin begleitete er seinen Herrn, den Marschall Vorwärts, der bekanntlich ein leidenschaftlicher Raucher war und die Pfeife nie ausgehen ließ. Stets führte Blücher auf seinen Kriegsfahrten eine ganze Kiste holländischer Tonpfeifen mit sich. Da diese, besonders die dünnen Stiele, sehr zerbrechlich waren, benützte der sparsame Blücher sogar die Stummel und mochten sie noch so kurz sein. Nur wenn’s zu einer Schlacht ging, wurde eine neue Piepe spendiert.

Joseph Maertl berichtet uns eingehend, welche Rolle Christian Hennemann in der Schlacht von Waterloo spielte. Nachdem Blücher in Eilmärschen den bedrängten Engländern zu Hilfe gekommen war, beobachtete er von einem Hügel aus die Entwicklung seiner Truppen. Wie immer ritt er auch damals einen Schimmel. Neben ihm hielt, ebenfalls zu Pferde, sein Piepenmeister. Dieser entzündet jetzt die lange Pfeife, raucht sie an, tut ein paar Züge und überreicht sie dann feierlich dem Marschall. Der will sie eben zwischen die Zähne klemmen, als dicht neben ihm eine Kanonenkugel in die Erde fährt. Roß und Reiter werden mit Erde und Kies vollständig überschüttet. Ebenso der Piepenmeister. Erschreckt macht des Fürsten Schimmel einen Seitensprung und – das Unglück ist geschehen. Die geliebte Pfeife ist entzwei! Und dabei hat ihr Besitzer noch nicht einen Zug daraus getan.

[239] „Donnerwetter! Ihr Lümmels da drüben!“ flucht er. „Euch soll ja gliek der Düwel halen! Ick will ju liehren, den ollen Blücher de Piep vört Mul wegtoscheeten! – Hennemann! Stopp mich man ’ne neue Piep, brenn se an un wart hier uff mir.“

Mit diesen Worten sprengt der alte Eisenfresser davon, und es sollte ein langes Warten werden. Die Franzosen hielten stand und ließen sich so schnell nicht aus ihren Stellungen verjagen. Bis in die Nacht hinein währte das Ringen.

Nach gewonnener Schlacht trafen sich die beiden Sieger, Blücher und Wellington, und reichten sich freudig bewegt die Hände. Im Laufe des Gesprächs fragte dann Wellington, von welcher Stelle aus der Marschall die erste Angriffsbewegung geleitet habe. Blücher, der nie ein Freund von vielen Worten war, erwiderte nur: „Kommen Sie – dort drüben!“ gab seinem Pferde die Sporen und sprengte, von Wellington gefolgt, davon. So gelangten sie an den Ort, wo Blücher die Pfeife zerschmettert worden war.

Aber – was ist das? Wahrhaftig, da steht noch der treue Mecklenburger! Den Kopf und einen Arm verbunden, raucht er ruhig seine Tonpfeife.

„Dunner noch eenmal! Dat is jo min Krischan!“ fährt Blücher erstaunt auf. „Kierl, wie sühst du aus?“

Der Diener guckt seinen Herrn eine Weile mürrisch und böse an. „Kommen Sie endlich?“ fragt er dann in vorwurfsvollem Ton. „Den ganzen Tag habe ich hier gestanden und gewartet; eine Pfeife nach der anderen haben mir die verdammten Franzosen vons Maul weggeschossen. Einmal hat mir sogar eine bleierne Bohne ein Stück vom Ohr gerissen, un die Faust da wird woll auch zum Düwel gehn. Dat is die letzte ganze Piep!“

Damit reichte er Blücher die brennende Pfeife hin. Der stecke sie sofort in den Mund und schmauchte behaglich weiter. Dann wandte er sich an seinen standhaften Hennemann und meinte tröstend: „Armer Christian, es is wahr: ick habe dir lange warten lassen. Aber siehst du – de Kierls wullten jo nich glick loopen!“

W. K.