Berliner Gespenster

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Titel: Berliner Gespenster
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 574-575
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[574] Berliner Gespenster. Von jeher war Berlin trotz seiner gepriesenen Intelligenz und Aufklärung ein fruchtbarer Boden für den Aberglauben. Im achtzehntem Jahrhundert trieben hier die sogenannten „Rosenkreuzer“, eine mystische Secte, welche bald mit den Freimaurern, bald mit den Jesuiten und Pietisten in Verbindung standen, ihr frevelhaftes Spiel. Ueberall tauchten kühne Abenteurer auf und rühmten sich im Besitze besonderer Geheimnisse zu sein; sie speculirten auf die vorwaltende Stimmung und Unwissenheit der Menge, auf die Habsucht und Lebenslust der Vornehmen, denen sie unerschöpfliche Goldquellen und die Verjüngung ihrer durch Ausschweifungen aller Art verbrauchten Körperkräfte versprachen. Einer der interessantesten jener Betrüger war der berüchtigte Cagliostro, der als Geisterbeschwörer und Wundermann ganz Europa in Erstaunen setzte und zahllose Gläubige in Frankreich, England, Deutschland und auch Rußland fand, bis er endlich entlarvt in dem Kerker der Inquisition zu Rom starb. Jahre lang täuschte dieser raffinirte Abenteurer durch seine imponirende Erscheinung, durch den Zauber seiner ihm ohne Zweifel zu Gebote stehenden Ueberredungskraft, durch seine Taschenspielerkünste nicht nur den Pöbel, sondern vorzugsweise die sogenannten höheren Kreise und selbst gebildete Männer und Frauen, unter Anderen selbst die edle Elise von der Recke, die bekannte Freundin des Dichters Tiedge. Er rühmte sich im Besitze der alten ägyptischen Priesterweisheit zu sein und erfand ein eigenes maurerisches System, welches er als das der ägyptischen Maurerei bezeichnete und von dem Propheten Elias herleitete. Er selbst stellte sich als den Nachfolger dieses Propheten dar und ließ sich von seinen Anhängern als Groß-Kophta verehren. Den Gläubigen versprach er eine vollkommene Verjüngung ihrer geistigen und physischen Kräfte vermittelst einer wunderbaren Mixtur, von der einige Tropfen genügten, um das Leben auf 50 Jahre zu verlängern. Nach seinen Angaben konnte man durch stete Erneuerung dieses Experiments ein Alter von 5557 Jahren bequem erreichen. Außerdem gab er vor, Hanf in Seide, Blei in Gold verwandeln und aus kleinen Demanten große machen zu können; außerdem verkaufte er ein Schönheitswasser, das besonders von den leichtgläubigen Damen der Haute volée in Paris ihm mit Gold aufgewogen wurde.

In den von ihm gestifteten Logen ließ er auch Geister erscheinen und mittelst eines geeigneten Mediums Engel und Propheten citiren. Zu diesem Behufe wurde ein Kind benutzt, welches die „Taube“ hieß. Cagliostro oder einer der Eingeweihten legte ihm die Hand auf’s Haupt, hauchte es an und rieb ihm den Kopf mit dem „Oele der Weisheit“ ein. Hierauf wurde das Kind in einen Verschlag gebracht, wo es in die Hand oder in eine Schüssel mit geweihtem Wasser blicken mußte, während die Versammlung die vorgeschriebenen Gebete sprach. Sogleich kam der Geist über das Kind; es sah Engel, Propheten und andere Erscheinungen, sprach mit ihnen und erhielt von ihnen passende oder oft auch unpassende Antworten, welche sorgfältig protokollirt wurden. Natürlich waren, wie dies hinlänglich feststeht, diese Kinder vorher von Cagliostro unterrichtet, wie sie sich zu benehmen hätten. So groß war die Gewalt, welche dieser geniale Abenteurer auf die Gemüther seiner Anhänger und Schüler ausübte, daß diese ihn förmlich anbeteten, Stunden lang zu seinen Füßen lagen, ihn wie einen Gott verehrten. Man trug Ringe, Fächer und Medaillons mit seinem Bilde und dem Bilde seiner Frau, und stellte seine Marmorbüste mit der Unterschrift auf: „Divo Cagliostro“. Bekannt ist das Aufsehen, welches die Halsbandgeschichte des Cardinal Rohan verursachte, in die auch Cagliostro verwickelt war. Dieses Ereigniß, welches dem Königthum in Frankreich einen empfindlichen Schlag versetzte und vielfach als ein Vorläufer der Revolution betrachtet wird, gab Goethe die Veranlassung und den Stoff zu seinem „Groß-Kophta“, der das Ebenbild Cagliostro’s sein sollte.

Ein nicht minder interessanter Abenteurer und Geisterbeschwörer war der bankrotte Gastwirth Johann Georg Schrepfer in Leipzig. Aehnlich wie Ciagliostro verstand auch er einen Kreis blinder Anhänger und Verehrer um sich zu versammeln. Zu diesen gehörte unter Andern der Herzog von Kurland, der Conferenzminister von Wurmb, der Kammerherr von Heynitz, der Baron von Hohenthal in Dresden und vor Allen der damals noch in sächsischen Diensten stehende Herr von Bischofswerder, der später nach Preußen ging und eine solch einflußreiche Rolle am Berliner Hofe spielte. Schrepfer hatte vorgegeben, im Besitze unermeßlicher Schätze zu sein, welche ihm die Jesuiten anvertraut und die er seinen Freunden zuwenden wollte. Das ungeheuere Vermögen, das aus mehreren Millionen Steuerscheinen bestehen sollte, war nach seiner Erklärung bei den Gebrüdern Bethmann in Frankfurt a. M. niedergelegt. Diese [575] bestätigten auch auf geschehene Anfrage, daß sich in ihrer Verwahrung ein wohl eingepacktes und versiegeltes Packet, dem Anscheine nach die Papiere enthaltend, befände. Man glaubte ihm um so mehr, da er außerdem seinen Angaben durch die von dem Herzog von Kurland gewünschte Geisterbeschwörung einen unwiderleglichen Beweis zu geben wußte. In dem Palais des Herzogs, welches nach dessen Tode mit dem Dresdner Zeughause verbunden wurde, ließ Schrepfer den Geist des verstorbenen Chevalier de Saxe vor der ganzen Gesellschaft erscheinen. Der Eindruck war so mächtig und grauenvoll, daß der Herzog in Ohnmacht fiel und der Kammerherr von Heynitz fast darüber den Verstand verlor. Trotzdem erwachte bald wieder das Mißtrauen seiner Anhänger; sie verlangten das versprochene Geld, so daß Schrepfer sich genöthigt sah, das in Frankfurt deponirte Packet kommen zu lassen. An dem Tage, wo dasselbe in Dresden anlangte, entfernte sich Schrepfer nach Leipzig, wo er in Gegenwart seiner vertrautesten Schüler, der Herren von Hopfgarten und Bischofswerder, auf einem Spaziergange nach dem Rosenthal seinem Leben durch einen Pistolenschuß ein Ende machte.

Seine Papiere und verschiedene physikalische Apparate, welche sich in seiner Wohnung vorfanden, sollen in den Besitz des Herrn von Bischofswerder gekommen sein, der nach diesem Vorfall in Berlin am Hofe eine Anstellung fand und später im Verein mit dem berüchtigten Wöllner und der liederlichen Gräfin Lichtenau den schwachen, leichtgläubigen König beherrschte. Zu diesem Zwecke wurden allerhand verwerfliche Mittel und vorzugsweise auch Geistererscheinungen angewendet. In dem Palais der Gräfin unter den Linden fanden diese Vorstellungen statt, bei denen mit Hülfe der von Bischofswerder und seinen Mitverschworenen geschickt dirigirten Apparate die Geister Cäsar’s und des berühmten Philosophen Leibnitz beschworen wurden. Ein andermal mußte auf Veranlassung der Lichtenau dem Könige sein und ihr im zarten Alter verstorbener Sohn, der von Friedrich Wilhelm II. abgöttisch geliebte Graf von der Mark, erscheinen, um ihn an seine Pflichten gegen die Gräfin zu mahnen und das schon etwas gelockerte Band zwischen Beiden von Neuem zu befestigen. Dieses freche Gaukelspiel wirkte so mächtig auf die zerrüttete Constitution des Königs, daß er von kaltem Schweiß bedeckt in eine Ohnmacht sank und von krampfhaften Zuckungen ergriffen wurde. Mit Hülfe dieser und ähnlicher Taschenspielerkünste herrschten die Pietisten und politischen Intriganten an dem Hofe Friedrich Wilhelm’s II. zum Verderben des preußischen Staates.

Auch in neuester Zeit hat es in Berlin nicht an Geistererscheinungen und Geisterbeschwörern gefehlt, an deren Spitze der vor Kurzem erst verstorbene geheime Registrator Hornung stand. Derselbe versammelte in seiner Wohnung ein Häuflein Auserwählter und Gläubiger, zu denen der reiche, ebenfalls vor nicht langer Zeit heimgegangene Kaufmann Ravené, der General v. Pfuel, ein zwar höchst geistreicher, aber von allem Wunderbaren nur zu sehr eingenommener Herr, un der ihm befreundete Gesandte am Turiner Hofe, Herr von Willisen, so wie mehrere ältere Herren und Damen aus den höchten Ständen gehörten. Mittelst des sogenannten „Psychographen“, eines dem Storchschnabel ähnlichen Instrumentes, verkehrte die Gesellschaft mit den abgeschiedenen Geistern und Seelen. So wurde eines Tages durch Herrn Hornung der Geist des todten Dichters Heine citirt, um über seinen jetzigen Aufenthalt Aufschluß zu geben. Aber der ungezogene Liebling der Grazien hatte auch im Jenseits seinen kaustischen Witz nicht eingebüßt und beantwortete die durch den Psychographen an ihn gestellten Fragen mit so vieler Ironie und solchem Spott, daß man froh war, ihn wieder in sein Grab schicken zu können. Besonders entwickelte der Psychograph eine große Thätigkeit während des Krimkrieges, wo sich hochgestellte Staatsmänner und Diplomaten bei ihm Raths erholten und Herr Hornung selbst eine einflußreiche politische Stellung einnahm. Chgarakteristisch ist das Ende des Herrn Hornung, das durch seinen Aberglauben herbeigeführt wurde. Ein junger Mann, der ihm als Medium diente, machte sich laut Verabredung mit einigen lustigen Gesellen den Scherz, dem Geisterseher einen in der Nähe von Berlin befindlichen Schatz zu verkünden. Sogleich machte sich der getäuschte Hornung in Begleitung eines seiner Freunde und Anhänger auf den Weg, um den Schatz zu heben. Mit Hacke und Schaufel bewaffnet gingen die beiden Schatzgräber um Mitternacht an’s Werk, belauscht von den muthwilligen jungen Leuten, welche mit Hülfe von Knallerbsen und Kanonenschlägen einen Höllenspectakel machten und den Geisterbeschwörern solchen Schreck einjagten, daß sie davonliefen. In Folge der in jener Nacht ausgestandenen Furcht erkrankte der arme Herr Hornung und büßte seinen Aberglauben mit dem Leben.

Ein eigenthümliches und interessantes Licht über diese Geistererscheinungen verbreitet die neueste optische Erfindung eines Engländers Henry Dirks, dem es gelungen ist, Personen oder vielmehr das Bild derselben so erscheinen zu lassen, daß sie ganz wie Gespenster aussehen und denselben schauerlichen Eindruck hervorrufen. Den ersten Versuch in dieser Weise machte der Professor Peper in dem Londoner polytechnischen Institut; bald bemächtigte sich die Bühne der neuen Erfindung, und der speculative Schauspieldirector Laue in Haxton ließ ein besonderes Drama zu diesem Behufe schreiben, worin das Gespenst einer ermordeten Pfarreswittwe ihrem Mörder erscheint. In Paris citirt der bekannte Taschenspieler Robin verschiedene Geistererscheinungen, unter Anderm einen Zuaven, der bei Inkerman gefallen und aus seinem Grabe beim Schalle der gedämpften Trommeln emporsteigt und bleich über das Podium schreitet, indem er mit der Hand auf das Kreuz der Ehrenlegion und auf die klaffende Wunde seiner Brust zeigt. Im Theater Du Chatelet spielen die Gespenster in einem dem Englischen entlehnten Drama. Im letzten Act sieht man einen durch den Mond schwach erleuchteten Wald. Es schlägt Mitternacht; da tritt ein Mann auf, in den blutbefleckten Händen ein Packet Banknoten, die er seinem von ihm ermordeten Herrn geraubt hat. Scheu sieht er sich um, da erblickt er mit Entsetzen wenige Schritte entfernt den Geist seines Opfers. Schaudernd taumelt er zurück, dann stürzt er sich auf das Phantom, welches ein gräßliches Gelächter aufschlägt. Der Mörder stößt nach ihm mit seinem Dolch, und die Gestalt zerfließt vor seinen Augen, um nach wenigen Augenblicken wieder zu erscheinen, diesmal mit einer breiten Wunde unter dem blutigen Hemde. Von Neuem greift der Mörder nach einer Hacke, und dasselbe grauenvolle Schauspiel wiederholt sich noch einmal. Zum Schlusse erscheint ein ganzer Geisterreigen, der den Schuldigen umkreist, biß er sich dem Richter selbst überliefert.

Diese Gespenster sind nichts Anderes, als die Bilder von Personen, die in der ersten Versenkung des Theaters verborgen von einem Spiegelglase ohne Folie reflectirt werden. Stellt man sich nämlich in einem vollkommen dunklen Zimmer vor einen großen vertical angebrachten Spiegel ohne Folie und beleuchtet seine Person mit einer Lampe, so wird man alsbald das eigene Bild auf der entgegengesetzten Seite des Glases erblicken. Wenn sich dann jenseits des Glases andere Personen, z. B. die Schauspieler auf der Bühne, in derselben Entfernung befinden, in welcher man selbst vor dem Spiegel steht, so wird das reflectirte Bild gerade neben oder mitten unter diesen Personen sichtbar werden. Der ganze Apparat besteht demnach aus einem kolossalen Spiegel ohne Folie, der in vertikaler Richtung mit der Rampe des Theaters sich erhebt und auf der Bühne eine schräge Glaswand bildet, welche theils wegen ihrer Durchsichtigkeit, theils wegen der nothwendigen Dunkelheit von den Zuschauern nicht wahrgenommen werden kann. Das Gespenst oder die Gespenster, welche erscheinen sollen, befinden sich in der ersten Versenkung des Podiums, dessen Schieber offen bleiben. Ein intensiver Lichtstrom beleuchtet die Gruppe; derselbe wird durch einen elektrischen Apparat bewerkstelligt, und auf ihm beruht zum größten Theil die Wirkung.

Mit Hülfe dieser Vorrichtung werden die Geistererscheinungen hervorgebracht, und es läßt sich annehmen, daß schon vor dem jetzigen Erfinder die früheren Geisterbeschwörer wie Cagliostro, Schrepfer etc. sich im Besitz ähnlicher Apparate befunden haben. Die neue Erfindung aber liefert die Erklärung zu mancher jener geheimnißvollen Geistererscheinungen, die ohne Ausnahme auf Betrug oder Selbsttäuschung beruhen.